Sonntag, 1. September 2013

... über "Lieber George Clooney, bitte heirate meine Mutter" von Susin Nielsen

Susin Nielsen

Unterhaltsamer Mädchenroman mit tiefsinniger Botschaft

(c) Carlsen / Bildlink zu Amazon
Zum Inhalt:
Violet hat die Nase voll. Inzwischen sind ihre Eltern zwei Jahre geschieden, aber während Vater Ian seine Affäre zu Ehefrau Nr. 2 machte und mit ihr in L.A. ein neues Leben begonnen hat, wandert ihre Mutter Ingrid von einem Mann zum nächsten. Nicht nur dürfen Violet und ihre fünfjährige Schwester Rosie nun zu Besuch ins Hollywood-Kleinkindparadies ihres Vaters und seiner Neufamilie einfliegen, nein, Mutters Männerwahl lässt gewaltig zu wünschen übrig. Als die Zwölfjährige herausfindet, dass ihre Mom einmal als Hairstylistin am Set eines George-Clooney-Films gearbeitet hat, kommt ihr plötzlich die zündende Idee. George Clooney ist doch tausendmal besser als Stiefvater geeignet als die seltsamen Kerle, die ihre Mutter seit der Scheidung angeschleppt hat. Vor allem der Neue, der mit Nachnamen heißt wie ein Würstchen, macht sich hartnäckig breit. Und plötzlich kann Violet gar nicht schnell genug zu ihrem Dad, der in Hollywood gerade als Regisseur einen Serienpiloten dreht, just in Nachbarschaft von Clooneys neuestem Film. Da muss es doch wohl drin sein, den Star zu treffen und ihn von ihrem Ehestiftungsvorhaben zu überzeugen. Aber erst einmal schreibt Violet ihm einen Brief.

Meine Meinung:
Obwohl ich nun wirklich nicht mehr in die anvisierte Altersgruppe von 12 bis 15 Jahren falle, bin ich froh, dass ich Gelegenheit hatte, diesen Roman zu lesen, denn er hätte mich auch im betreffenden Alter gut unterhalten. 
Die Verpackung von Susin Nielsens Roman ist erfreulich unkitschig. Das Rosa schreit nicht zu sehr, und die kleinen Schnörkel in den Ecken lassen mich an meine alten Tagebuchverzierungen denken. Die Titelschrift würde ich nun nicht unbedingt einer Zwölfjährigen in die Schuhe schieben, aber darauf kommt es weniger an. Die Idee des eingepackten Hochzeitstortenmannes mit dem (überflüssigen) Aufkleber "Zum Muttertag" ist nett, wenn auch ein bisschen zuckrig, und passt auch zu Violets Idee, ihrer Mutter quasi einen allseits vorgeformten Mann zu besorgen, dessen Vorteile jeder schon zu kennen glaubt. Die Umschlagversion der englischen Fassung, die auf der Homepage der Autorin zu sehen ist, gefällt mir im Übrigen nicht so gut, da sie mir zu jungenhaft wirkt, auch wenn die Schuhe tatsächlich im Buch vorkommen.
Die Autorin Susin Nielsen ist außerdem Drehbuchautorin und hat unter anderem für die kurzlebige, aber preisgekrönte kanadische Fernsehserie "Degrassi Junior High" geschrieben. 16 Folgen von Degrassi Junior High und Degrassi High sowie vier begleitende Bücher zu den Serien stammen aus ihrer Feder.
Mit "Lieber George Clooney, bitte heirate meine Mutter", ihrem zweiten YA-Roman nach drei Kinderbüchern, begibt sie sich auf heimisches TV-Terrain, indem sie die Eltern ihrer Protagonistin in der Branche tätig werden lässt. Besonders Vater Ian steckt als Regisseur mittendrin. Neben der Geschichte um Scheidungskinder zeichnet die Autorin auch ein interessantes Bild der kanadischen Fernsehlandschaft, in der hochgelobte Serien produziert werden, die dann aber doch nicht Fuß fassen können. Die kleinen Einblicke vom Set nehmen nicht überhand, machen aber die Fernsehwelt ein bisschen greifbarer, sodass Violets eigentlich ziemlich abstruse Clooney-Idee schon beinahe nicht mehr so abwegig wirkt. 
Mutter Ingrid hingegen verdient ihre Brötchen "nur" als Hairstylistin, inzwischen allerdings eher außerhalb der Studios.
Ich-Erzählerin Violet ist eine realistische Zwölfjährige. 
Mir gefiel, dass die Autorin sie als eher durchschnittlich zeichnet, lang und dürr, in einem Zustand, in dem die Proportionen nicht zusammenpassen, und dazu noch recht kindlich. Violets Durchschnittlichkeit wirkt hierbei aber keineswegs erzwungen (weil die Protagonistin ja immer durchschnittlich und mausgrau sein muss), sondern so, dass man sich durchaus mit ihr identifizieren kann. Violet kam mir an keiner Stelle stereotyp vor. Vielmehr ist sie eines von unzähligen Scheidungskindern, bietet aber auch ohne dieses Attribut Identifikationspotenzial für die junge Leserin. Ein neuer Junge an der Schule, Erzfeindin, Facebook (obwohl ich davon ausgegangen bin, das sei erst ab 13) und eine beste Freundin machen Violet zu einem lebendigen Charakter. Jungs sind marginal interessant, verursachen aber schon mal leichtes Erröten, und natürlich ist da auch noch eine beste Freundin, Phoebe, mit der Violet auf die verrücktesten Ideen kommt. Außerdem befindet sich Violet in einer sehr realistischen Zwickmühle auf dem Weg zum Erwachsensein. Sie trägt bereits viel Verantwortung, indem sie sich um ihre Schwester Rosie kümmert. Die wiederum trägt nachts heimlich noch Windeln, weil sie noch einnässt. Ein Geheimnis, das sie nur Violet anvertraut. Gleichzeitig zeigt sich Violet immer wieder sehr unreif. Beispielsweise zu Beginn der Geschichte, als sie ihre zweijährigen Stiefschwestern Katzenkot essen lässt, weil sie schlichtweg wütend ist, dass ihr Vater eine neue Familie mit neuem schicken Heim hat und auch noch weit weg in Hollywood lebt anstatt irgendwo um die Ecke in Vancouver. Da kann selbst die glitzernde Traumstadt (noch) nicht punkten. Auch Rosie bekommt Violets Unausgeglichenheit hin und wieder zu spüren. 
Zu Lebendigkeit der Charaktere tragen auch die Freundinnen der Mutter bei, die einfach zur Familie gehören und sich mit in die Geschichte einfügen. Im Grunde sind sie ein bunter Haufen, dem es zu verdanken ist, dass die Charaktere trotz des ernsten Hintergrundes nicht zu tragischen Gestalten verkommen, sondern absolut menschlich wirken. Einfache Verhältnisse und Figuren von "nebenan" dominieren, wodurch ein starker Kontrast zu dem (hypothekenbelasteten, kreditkartenfinanzierten) Leben von Violets Vater in L.A. entsteht.
Violets Idee, ihre Mutter mit George Clooney zu verkuppeln, ist verrückt und niedlich zugleich. Sie zieht zwei amüsante Briefe an den Hollywood-Star und eine waghalsige Aktion nach sich, die ein Schmunzeln entlocken und das ernste Thema auflockern. Man ertappt sich tatsächlich dabei, dass man es kaum erwarten kann, ob Violet Erfolg haben und vielleicht sogar George Clooney treffen wird. 
Susin Nielsen unterlässt es selbstverständlich nicht, ihre Protagonistin schlussendlich wichtige Erkenntnisse aus dieser natürlich unrealistischen Idee und den sich daraus ergebenen Ereignissen ziehen zu lassen. Natürlich auch mit Hilfe von Freunden und Familie. Showdown und Ende wirken wie aus einer TV-Serie entsprungen, hinterlassen aber ein Lächeln. Lektüre mit Botschaft, die zufriedenstellt.
Ich störte mich allerdings daran, dass die Geschichte sich über einen recht kurzen Zeitraum erstreckt und Violet naturgemäß einige Zeit braucht, um die Vorgeschichte zu erläutern, damit der Leser ein umfassendes Bild erhält. Daher erschien mir der Endspurt des 203 starken Romans etwas hastig, wie bei einer Fernsehserie, deren Schöpfer erst kurz vor der Angst erfahren haben, dass es keine neue Staffel geben wird. Dennoch hat "Lieber George Clooney, bitte heirate meine Mutter" keine echten Längen und ist ein kurzweiliges Lesevergnügen für die Ferien oder ein hausarbeitenfreies Wochenende. Und sollte das Buch je filmisch umgesetzt werden, möge George Clooney doch bitte den Cameo-Auftritt seines Lebens hinlegen :)

Fazit: 
Unterhaltsam erzählter Jugendroman mit ernsten Untertönen, gut durchdachter, authentischer Protagonistin und netten, kleinen Twists, aber auch mit einem Hauch zuviel Fernsehserien-Feeling.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 216 Seiten
  • Verlag: Carlsen (25. Juni 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Brigitte Jakobeit
  • Umschlaggestaltung: Kerstin Schürmann, formlabor
  • ISBN-10: 3551583005
  • ISBN-13: 978-3551583000
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
  • Neupreis: 13,00 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.
  

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