Samstag, 10. August 2013

... über "Fucking Moskau!" von Chris Helmbrecht

Chris Helmbrecht

Was draufsteht, ist auch drin!

(c) Heyne
Inhalt und Meinung:
Was macht man, wenn man auf dem Rentnerparadies Teneriffa plötzlich den Job verliert? Man lässt sich von einem Bekannten, einem gebürtigen Litauer, den man - die Welt ist klein - aus den USA kennt, nach Moskau einladen. Die Metropole der Gegensätze und des Extremen. Kulturschock und Hassliebe pur. Und doch wird aus der winterlichen Stippvisite, die die deutsche Mentalität überraschte, Kopfschütteln, Zögern und Ungläubigkeit hervorrief, mehr. Ein halbes Jahr später bricht Chris Helmbrecht seine Zelte auf den warmen Kanaren ab und geht - der Liebe wegen - nach Moskau. Die Liebe hält nicht, aber Helmbrecht bleibt, lässt sich mitreißen von russischer Ungezwungenheit, erlebt und lebt das Moskauer Partyleben. Doch neben Wodka und willigen Mädchen gibt es auch Augenblicke, in denen einem so richtig die Muffe geht. Moskau ist extrem in vieler Hinsicht. Zehn Jahre später lebt und arbeitet Helmbrecht noch immer dort, und was er in all den Jahren erlebt hat, erzählt er unterhaltsam und schnörkellos in diesem Buch.

Rein äußerlich war ich im Zwiespalt. 
Stefanie Freischem von yellowfarm GmbH hat hier für Heyne gestalterisch sehr tief ins Klischeetöpfchen gegriffen und ein Cover kreiert, dass mir "Kauf mich!" und "Finger weg!" gleichermaßen entgegenschreit. 
"Finger weg!", weil Russland für mich eigentlich mehr ist als Buntes, Lippenstiftmädchen und Sozialismusüberbleibsel - auch wenn ich mit den insgesamt vier Monaten, die ich dort verbringen durfte, beileibe nicht mit der Zehnjahreserfahrung des Autors mithalten kann. 
"Kauf mich!", weil es eben sensationsgeile Instinkte anspricht und, wie sich nach der Lektüre feststellen lässt, doch eine Einheit mit dem Inhalt bildet. 
Einem ähnlichen Zwiespalt setzte mich der Titel aus. 
Fucking-XY-Titel gibt es zuhauf, und außerdem kann ich diesen Englisch-Deutsch-Mischmasch nicht mehr sehen - und dann auch noch in Verbindung mit dem Mischmasch-Untertitel "Sex, Drugs & Wodka". 
ABER: Der Titel findet sich im Buch selbst wieder, und der Untertitel kündigt genau das an, was im Buch drin ist. 
Denn in 32 Anekdoten, die Chris Helmbrecht, Ex-Extrem-Snowboarder, Partymacher, DJ und Betreiber einer Kreativagentur, zum Teil bereits zuvor an anderer Stelle in Blogkolumnenform veröffentlicht hatte, schildert er genau das: 
Moskau unzensiert und aus der Sicht eines Ausländers, der im grauen Smog zwischen Neureichen und Topmodels im Nachtleben nichts anbrennen lässt und seinen Platz in einer Stadt sucht, die eigentlich hässlich, voller Schlaglöcher und Absurditäten ist, einen aber so schnell nicht wieder loslässt. 
Wir lesen, wie Sto Gramm zum Verhängnis werden und russische Frauen (und Männer) ticken, schlagen die Nägel solidarisch in die Sitzunterlage, wenn der Wolga im Affenzahn über den MKAD schaukelt, kriegen vielleicht etwas prüde Schnappatmung, wenn ein Dom ihm seine Sklavin für eine Nacht verleiht, erleben, wie die weltbesten Bolschoi-Tänzerinnen zu Partyhäschen mutieren, und sind dabei, wenn die Miliz sich ein Zubrot verdient. 
Zwischen Sexkapaden und alkoholumnebelten Episoden klingt allerdings recht wenig russischer Alltag an, hier mal ein Wasserproblem, da selbstgemachtes Moskauer Wetter, an anderer Stelle wieder die Medizinerin, alleinerziehend, die gerade einmal vierhundert Euro im Monat verdient - das Gros aber spielt sich dort ab, wohin Otto-Normal-Tourist wohl nur mit viel Vitamin B und ordentlich Kleingeld gelangt. 
Chris Helmbrecht zeigt ein Russland, das ich als ressourcenknappe Studentin nicht erlebt habe, aber er zeigt aber auch Verhaltensweisen, an die ich mich noch gut erinnern kann, sodass "Fucking Moskau!" für mich ein Buch ist, das mich gewissermaßen zurückführt, mich aber andererseits auch mit dem Kopf schütteln lässt und Russland noch weiter von mir wegrückt, als ich es seit dem Studium ohnehin aus den Augen verloren hatte.
Chris Helmbrecht erzählt mit der Leichtfüßigkeit des Kumpels von nebenan, der bei einer Flasche Wodka augenzwinkernd und unprätentiös, ohne nach allgemeiner Anerkennung zu heischen, von seinen Abenteuern berichtet, die man glauben kann, aber nicht muss. 

Chris Helmbrecht gibt auf 223 Seiten unverblümte Einblicke in "sein" Moskau - immer unter Strom und exzessiv. 
Wem das zu oberflächlich ist, der hole sich einen Reiseführer oder eine gesellschafts- und politikwissenschaftliche Abhandlung über Russland und seine prätentiöse Hauptstadt.
Denn mit "Fucking Moskau" bekommt der Leser genau das, was draufsteht: Sex, Drugs & Wodka. Und Unterhaltung.
Abenteuer mit der russischen Sprache, die große Liebe und echtes Ankommen finden vielleicht in einer Fortsetzung Platz. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 224 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (8. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: yellowfarm GmbH
  • ISBN-10: 3453602498
  • ISBN-13: 978-3453602496
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 11,8 x 2 cm
  • Neupreis: 8,99 €
  • Auch als E-Book erhältlich. 

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