Mittwoch, 14. August 2013

... über "Auch die Liebe hat drei Seiten" von Susann Rehlein

Susann Rehlein 

Liebenswert schräg

(c) Ullstein /
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Zum Inhalt:
Noch vor Kurzem lebte Lisbeth zusammen mit ihrem Schaf Paul in einem Zelt auf dem Grundstück ihrer Tante Ruth in der Provinz. Von der Mutter vernachlässigt, hatte sie bei der Tante Ruhe und Akzeptanz gefunden. Dort konnte sie ihrem Dasein als Sonderling mit all ihren Marotten frönen. Doch Tante Ruth, ältlich und in dem Wissen, dass sie sich nicht ewig um Lisbeth kümmern kann, kauft ihr eine Wohnung in Berlin-Kreuzberg und schubst sie ins kalte Wasser. So zieht denn Lisbeth mit ihren 23,7 Jahren ohne Schaf Paul in die riesige Wohnung ein, tritt eine Anstellung als Korrektorin und Fußabtreter bei einem Fleischerei-Fachblatt an und bemüht sich redlich, Ihren Zahlenfimmel in Schach zu halten. Schon früh lernt sie Tattoo-Paul kennen, den dreiundfünfzigjährigen König von Kreuzberg, der sie, so zwielichtig er auch erscheinen mag, behutsam unter seine Fittiche nimmt und sie im Viertel einführt. Bald tummeln sich in Lisbeths Leben schräge Gestalten und eine altersschwache Kampfhündin. Und dann kommt noch Edgar hinzu, dem Tante Ruth zu Lisbeths Entsetzen Haus und Hof verkaufen will, Edgar, den Lisbeth als Drops kennt und der ihr vor Jahren „7 kleine, kühle Küsse“ gestohlen hat, Edgar, der einzige Mensch, den sie nicht durchzählen will …

Meine Meinung:
Der Umschlag von Susann Rehleins „Auch die Liebe hat drei Seiten“ verspricht verspielte Sommerlektüre. Da sitzt - vermutlich - Lisbeth im von Tante Ruth selbst genähten, nicht ganz hochmodischen Kleid unter einem Regenschirm und wünscht sich die Welt, wie sie sie gerne hätte. Vielleicht mit rosafarbenen ballonartigen Blümchen, die davonfliegen (und sich zählen lassen) und vielleicht zur großen Liebe führen? Auch wenn man eigentlich lieber in seiner eigenen eigentümlichen Welt sitzt und Sorgen eher ausschläft?
So verspielt ist Lisbeths Geschichte aber dann doch nicht, und Susann Rehlein bewegt sich geschickt auf dem sehr schmalen Grat zwischen Überzeichnung und liebenswerter Echtheit.
Mit ihrer Marotte, alles und jedes zählen zu müssen, ist Lisbeth nämlich nicht nur skurril, sondern auch ziemlich anstrengend. Susann Rehlein schafft es allerdings, Lisbeths Charakter treu zu bleiben, lässt sie Fortschritte machen, setzt sie aber auch Rückschlägen aus. So verliert sie nicht von heute auf morgen ihre Macken. Über das gesamte Buch hinweg zählt sie frisch fröhlich weiter Stufen, Karos auf Männerhemden und Erbsen, erinnert sich immer wieder, dass sie das nicht tun soll, aber sie ist, durchaus realistisch, nicht von heute auf morgen heilbar, zumal Susann Rehleins Roman auch nur wenige Wochen in Lisbeths neuem Leben abdeckt. Die Autorin streicht beispielsweise Ziffern (und manchmal auch Wörter) durch, korrigiert sie mit weniger verfänglichem Vokabular, sobald sich ihre Protagonistin bewusst macht, dass es nicht darum geht, die Dinge genau zu beziffern und es gröbere Mengenangaben auch tun würden. Zahlen sind, sobald es ums Zählen geht, als Ziffer dargestellt und stechen so buchstäblich ins Auge.
Zudem bekommen die meisten neu eingeführten Charaktere gar keinen echten Namen, sondern behalten im Verlauf ihrer Geschichte ihre Spitznamen, die sie schon vorher haben bzw. von Lisbeth als Attribut zugeordnet bekommen, so z. B. "der Alte mit dem Pelzstirnband" oder "Babsie G-Punkt". Dadurch wirken sie alle wie ein bunter Haufen von Sonderlingen, die sich "gesucht und gefunden haben" und Farbe in (nicht nur) Lisbeths Alltag bringen, in dem Muster und Notizbücher mit Lieblingszahlen und Lieblingswörtern dominieren.
Alles in allem hat Lisbeth in ihrer kurzen Zeit in Berlin allerhand um die Ohren, das schon einen nicht zwangsgestörten Menschen aus der Bahn werfen könnte. Bisher hatte sie mehr oder weniger das Sicherheitsnetz der Selbständigkeit als Korrektorin (stilles Kämmerlein und so), nun aber muss sie täglich in ein Büro, zu einem Chef, der rasch den Beinamen "Diktator" erhält. Darüber muss sie sich an eine Umgebung anpassen, die viel mehr und vor allem buntere Menschen umfasst, als sie bisher erleben durfte. Dafür, dass sie auf die 24 zugeht, ist sie recht unbedarft, aber auch vorurteilsfrei, wodurch sie trotz ihres seltsam anmutenden Charakters nicht auf den Hacken kehrtmacht und davonläuft. Dabei tritt sie fast kindlich auf, kauft sich Boots, weil die in Kreuzberg jeder trägt, nimmt sich andererseits aber gar nicht als Frau wahr, ganz gleich, wie kurz der Rock ist, in dem sie auf die Straße geht.
Bereitwillig lässt sie sich von - dem ihr natürlich völlig fremden -  Tattoo-Paul helfen, der äußerlich sehr detailliert vor dem geistigen Leserauge erscheint, aber von dem man eher nicht wissen möchte, was er sonst noch so treibt oder womit er sein Geld verdient. Anstatt von Lisbeths unzähligen Anrufen in die Flucht geschlagen zu werden, gibt er ihr Halt, vermittelt und sorgt dafür, dass sie sich Schritt für Schritt in ihr neues Leben einfinden. Er wird in nur wenigen Wochen zu einem ganz besonderen Freund. Beinahe ein Paul in Fleisch und Blut, ein Ersatz für das Schaf, das Lisbeth zurücklassen musste, aber eben ein Mensch, okay, ein Kreuzberger. Zwischendurch überfordert er sie auch gewaltig, indem er ihr zu einer WG verhilft, die sie eigentlich nicht gebrauchen kann, für die sie aber - hier im speziellen Notfall - genug Platz hat, denn nicht umsonst hat sie ihr Wohnzimmer „Hallenbad“ getauft.
Susann Rehlein gelingt es gut, eine unterhaltsame Mischung von Charakteren zu schaffen, unter denen Lisbeth gar nicht mehr so absonderlich wirkt, weil sie alle, wie oben erwähnt, ihre Ticks und Eigenheiten haben.
Unterstützt wird dieser Eindruck durch die Erzählperspektive, die ausschließlich Lisbeth von außen beobachtet, den übrigen Charakteren jedoch nicht über die Schulter schaut, sodass der Leser immer nur das weiß, was Lisbeth erlebt. Durch diese äußere Beobachtung entsteht eine gewisse Distanz zu der Protagonistin, die wahrscheinlich als Ich-Erzählerin noch anstrengender gewesen wäre.
Susann Rehleins Erzählweise ist aber so liebenswert und amüsant, dass man sich am liebsten neben Lisbeth auf den Balkon setzen und darauf warten möchte, dass die „Scheißamsel“ mal den Schnabel aufmacht und ihre Meinung kundtut.
Zwischen Bandwurmsätze, die Lisbeths Gedanken und Beobachtungen beinahe ohne Punkt und Komma zusammenschweißen, reihen sich lockere Einwortsätze und lisbethtypische Wortschöpfungen und Attribute und berlinerte Dialoge, die die Lektüre kurzweilig machen, selbst wenn die Autorin mit "Auch die Liebe hat drei Seiten" keine Komödie vorlegt.
"Auch die Liebe hat drei Seiten" hat nämlich auch ernsten Seiten, spricht Verluste an und veranlasst auch ab und an, die Augen trocken zu tupfen. Ein Roman, bei dem man sich selbst hinterfragt, ob es uns vielleicht manchmal ganz gut täte, der Welt mit anderen Augen zu begegnen.

Fazit:
„Auch die Liebe hat drei Seiten“ ist Roman, der mit einer zwar anstrengenden, recht unbedarften, aber rund durchdachten Protagonistin besticht, beschwingt schräge Freundschaftsbande knüpft, ernste Töne nicht kaschiert und leise die Liebe an die Tür klopfen lässt. Eine Geschichte voll liebenswerter Verrücktheit, bunter Charaktere, Schmunzel- und Seufzmomente, die zeigen, dass das Leben nicht nur schwarz und weiß ist. Ein Roman für jede Jahreszeit, wenn die Seele mal wieder aufatmen soll. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen
(Ich habe mich rundum gut unterhalten gefühlt!)





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (9. August 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
  • ISBN-10: 3548284884
  • ISBN-13: 978-3548284880
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12 x 2,6 cm 
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.  

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