Freitag, 9. August 2013

Schmökern mit Sohnemann #16

Claudia Montoreano

Sommerabenteuer am Meer


(c) Schelfbuch Verlag

Inhalt und Meinung:
Passend zu den Ferien haben mein Sohn und ich zum ersten Mal gemeinsam an einer Leserunde teilgenommen: mit "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" von Claudia Montoreano. 
Die Autorin, die an der Ostsee geboren wurde und dort ihre Kindheit verbrachte, entführt mit ihrem ersten Kinderbuch junge LeserInnen zwischen 8 und 12 Jahren in einen fiktiven Ort an der Ostsee. 
In Vittstrand verbringt der zehnjährige Till seine Ferien. 
Der Junge, den Illustrator Jürgen Willbarth auf dem Umschlag ein aufgewecktes Gesicht gibt, ist dort aufgewachsen, aber, den Erfordernissen des Arbeitsmarktes folgend, mit seinen Eltern in die Stadt gezogen. In den Sommerferien hat er nun Gelegenheit, bei seinen Großeltern zu wohnen und alte Freunde wiederzutreffen. Kaum angekommen, erhält er auch schon eine geheime Botschaft. Im Ort gehen "komische Dinge" vor sich, heißt es in der Nachricht, die ihn ins alte Sanatorium zur nächsten Nachricht lockt. Und so macht sich Till denn auf den Weg, um herauszufinden, wer ihn denn da auf seltsame Vorgänge aufmerksam machen will. Sind es die Badeunfälle, die sich zu häufen scheinen und bei denen Till und seine Freunde sogar einmal Zeuge werden? Für Till und seine Freunde beginnt ein spannendes Abenteuer, bei dem sie sich eins ums andere Mal waghalsig in die Bredouille bringen, aber auch viel lernen. 
Obwohl mein Sohn noch nie an der Küste war, ist er ein Meeresfan, weshalb ich sicher war, dass Claudia Montoreanos Kinderbuch ihn thematisch auf jeden Fall ansprechen würde. 
Nicht sicher aber war ich mir angesichts des Umfangs. 
Tills Geschichte wird nämlich auf 173 Seiten erzählt, die zwar in für Kinder gut lesbarer großer Schrift mit großen Zeilenabstand beschrieben sind, aber außer Kapitelillustrationen, die sich im Seitenfuß des betreffenden Kapitels wiederholen, keine Bilder haben. 
Trotz einer Unterteilung in 18 nicht allzu lange Kapitel war der Text für mein 2.-Klasse-Lesekind durchaus eine kleine Herausforderung, und er hätte sich ab und an ein hübsches Bild als Etappenziel gewünscht. Ältere Leser bräuchten das sicherlich nicht. 
Im Übrigen handelt es sich um eine solide gebundene Ausgabe mit regelrecht edlem Leinenüberzug auf dem Buchrücken. Eine sehr liebevolle Gestaltung, die "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" zu einem Kinderbuch macht, das noch lange nicht aus dem Regal verschwinden möchte, auch wenn das Kind längst dem Lesealter entwachsen ist. 
Nicht ganz so alltäglich sind die Kapitelüberschriften. Hier hat sich die Autorin nämlich etwas Nettes einfallen lassen. Anstatt sie mit "Kapitel 1" usw. zu überschreiben, bekommt jedes Kapitel eine kleine Zusammenfassung als Überschrift, die, wie bei einer guten Schlagzeile, Lust machen auf mehr. So lautet Kap. 1 beispielsweise "Das 1. Kapitel, in dem ein Brief die Geschichte ins Rollen bringt" und regt auch dazu an, die Überschrift zu lesen anstatt nur von Fließtext zu Fließtext zu springen. 
Besonders angetan hatte es meinem Sohn, dass die Till seine Ferien ganz alleine bei seinen Großeltern verbringen darf. Vor allem der Großvater ist sehr liebevoll gezeichnet. Mit seiner Pfeife im Mundwinkel wirkt er zwar schon etwas älter und mehr wie ein klassischer als ein moderner Opa, aber er bringt auch einen vertrauensvollen Ruhepol und sehr angenehmen Wohlfühlfaktor. Sein Augenzwinkern und seine Lockerheit machen ihn ungemein sympathisch. Die Großmutter hingegen steht für die mütterlich-fürsorgliche Seite und darf auch mal schimpfen, was sie natürlich keinesfalls unsympathisch, sondern nur menschlich macht. 
Till und seine Freunde Kalle und Ella kamen meinem Sohn etwas älter als zehn Jahre vor. Wahrscheinlich, weil sie viel allein unternehmen und sich tüchtig was trauen. Was sicherlich auch daran liegt, dass die Kinder sehr gut mit ihrer Umgebung vertraut sind. Sehr gut vertraut sind sie auch miteinander. Sie kennen ihre jeweiligen Macken und Eigenheiten, die Autorin Claudia Montoreano sehr liebevoll zeichnet. Till fügt sich, obwohl er weggezogen ist, nahtlos in die alte Heimat ein, bekommt aber auch Augenblicke für sich allein, die ihn für seine zehn Jahre recht besonnen wirken lassen, während er an anderer Stelle durchaus jungenhaftes Benehmen an den Tag legen und sich nicht ganz so brav benehmen darf. Ella, Kalles Schwester, wiederum wird als Mädchen vorgestellt, das einen klugen Kopf auf den Schultern hat, aber noch lange nicht die Nase hoch trägt, sondern sich bestens zum Pferdestehlen eignet. Ihr Bruder Kalle hingegen ist der Langschläfer im Bunde und macht so manches Mal einen liebenswert verpeilten Eindruck. Alle Kinder wirken sehr eigenständig, und man hat nicht das Gefühl, dass sie in Dialogen die Gedanken und Meinungen der Großen zum Besten geben und nur nachplappern. Sie machen sich echte Sorgen um ihre Heimat und versuchen mit ihren Mitteln, den seltsamen Vorgängen auf die Spur zu kommen. 
Neben gemeinsamem Radfahren, Schwimmen und Besuchen der Tauchgondel, dürfen kleine Rivalitäten und Eifersüchteleien ebenso nicht fehlen wie die rotbäckige Erkenntnis, das Mädchen vielleicht doch nicht so blöde sind.
Während die Recherchen der Kinder in Sachen Quallen und Umweltschutz sehr lehrreich sind und auch den Nichtfischkopp zum Nachdenken anregen, erleben die Kinder Abenteuer, die für meinen Achtjährigen, der eigentlich nicht zimperlich ist, wenn es um Fiktives ohne Realitätsbezug (siehe Dinogeschichten) geht, doch recht heftig waren. 
Vor allem, weil "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" schon fast wie ein kleiner Krimi anmutet, in dem man sich nicht mit den Erwachsenen anlegen sollte. So wird es im Verlauf der Geschichte für unsere kindlichen Protagonisten durchaus gefährlich und man bangt mit ihnen, sodass die "Bösewichte" dieser Geschichte eigentlich zu glimpflich davonkommen. 
Angesichts der Risiken, denen sich die Kinder hier doch recht leichtsinnig aussetzen, denke ich, dass das Lesealter mit 8 Jahren eventuell etwas niedrig sein könnte, selbst wenn Kinderbuchprotagonisten meist zwei Jahre älter sind als die jüngsten anvisierten Leser. Aber es kommt natürlich immer auf den individuellen Lesefortschritt an und inwieweit spannende nichtfantastische Stoffe verdaut werden. 
Ein Lesespaß ist "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" aber allemal. 
Insbesondere dank dem liebevollen Lokalkolorit, das sich auch sprachlich widerspiegelt. Denn Tills Großvater spricht nun einmal platt und lässt sich da auch nicht verbiegen. So dürfen wir seinen vereinzelt eingestreuten Aussprüchen authentisch folgen. Die Autorin achtet dabei darauf, Nebensätze und Antworten so zu gestalten, dass man den plattdeutschen Sätzen problemlos folgen kann. Sie flicht die "Übersetzung" sehr geschickt ein, ohne die betreffenden Sätze tatsächlich zu übersetzen. Dadurch bleibt die Lektüre flüssig. Da Claudia Montoreano die phonetischen Besonderheiten aber - korrekt - mit diakritischen Zeichen (beispielsweise Kroužek) wiedergibt, die meinem Grundschüler nicht bekannt sind, durften wir uns an unseren eigenen Ausspracheversuchen belustigen. Allerdings meine ich, dass man in einem Kinderbuch durchaus auf Sonderzeichen hätte verzichten können. Neben der Sprache wird auch die Ostseelandschaft stimmungsvoll lebendig und macht "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" zu einem Buch, das Lust auf Ferienabenteuer macht.

Fazit: 
Kinderbuchdebüt, das mit einem fest verschweißtem Protagonistenteam, das sowohl Jungen als auch Mädchen ansprechen dürfte, und liebevoll beschriebener Ostseeatmosphäre punktet, wichtige Umweltaspekte einflicht  und auch außerhalb der Ferienzeit für spannende Lesemomente sorgt.  

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen

 




Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 173 Seiten
  • Verlag: Schelfbuch; Auflage: 1 (15. März 2012)
  • Illustrator: Jürgen Willbarth 
  • Gestaltung: b2medien
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3941689126
  • ISBN-13: 978-3941689121
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 8 - 12 Jahre
  • Neupreis: 16,95 €

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