Mittwoch, 10. Juli 2013

... über "Yggdrasil der Weltenbaum" (Anthologie, Hrsgin. Cathrin Kühl)

Cathrin Kühl (Hrsgin.)

Abwechslungsreiche Kurzgeschichtensammlung für Fans der nordischen Mythologie und solche, die es werden wollen

(c) Wölfchen Verlag
Inhalt und Meinung: 
"Yggdrasil der Weltenbaum" ist die dritte Anthologie des Wölfchen Verlags
Bereits der Umschlag der 207 Seiten starken Sammlung verrät unmissverständlich, dass der Weltenbaum mit seinen Welten und Helden hier im Mittelpunkt steht. 
Von Joachim "Jogurd" Lindner detailreich und liebevoll gestaltet vermittelt die Aufmachung den Eindruck eines Sagenbuches aus vergangenen Zeiten, stellt inhaltliche Verbindungen her und hebt sich in der Masse der Anthologiecover positiv ab. Mein einziger Kritikpunkt hier ist - und das ist absolut subjektiv -, dass die Schrift nicht ganz so gut zu lesen ist, besonders der in blau gehaltene Titel hebt sich nur schwach hervor und lässt sich nicht aus allen Winkeln gleichgut erkennen (aber das ist nun wirklich Erbsenzählerei, denn es kommt schließlich auf den Inhalt an). 
Herausgeberin Cathrin Kühl hat im Rahmen einer Ausschreibung schlussendlich 17 Geschichten ausgewählt, die dem Leser die nordische Mythologie näherbringen und daneben altbekannte Märchen- und Sagenwerte in ideenreicher Verarbeitung vermitteln. 

Vertreten sind: 

1. Hymir, von Enzo Asui
2. Nidhögg, von Bianca Schläger
3. Winterherz, von Ingrid Pointecker
4. Die Herausforderung, von Manfred Lafrentz
5. Das Blatt von Yggdrasil, von Bianca Braunstein
6. Der Runendieb, von Chloé
7. Das Hödurlied, von Anna Eichinger
8. Die besten Zutaten, von Theresa Winkler
9. Die ewigen Schlachtfelder, von Linda Sack
10. Ein Drachenmärchen, von Maria Stamm
11. Donner, von Maximilian K. Kron
12. Die verlorene Tochter, von Rebecca Martin
13. Der letzte Tag, von Ariane Hof
14. Rabenmal, von Nina Vaziry
15. Der Gärtner, von Fabian Dombrowski
16. Yggdrasils Quelle, von Cathrin Kühl
17. Fenrirs Tochter, von Alfons Th. Seeboth

Alle Kurzgeschichten zeigen viel Freude am Thema und Lust am Erzählen.
Bei keiner Geschichte hatte ich das Gefühl, der Autor hätte sie sich aus den Fingern saugen müssen - hier hat eine sehr sorgfältige Auswahl stattgefunden. 
Stilistisch wie auch in Länge und Herangehensweise unterscheiden sie sich naturgemäß alle, und es gibt keine Geschichte, die mir überhaupt nicht gefallen hat. 
Vor allem weil ich quasi keine Vorkenntnisse in nordischer Mythologie habe und auch nicht unbedingt geschichtsaffin bin, hatte ich zunächst Bedenken, ob ich mit dieser doch fremden Welt zurechtkommen werde. 
Diese Bedenken erwiesen sich als haltlos, zum einen da die Herausgeberin am Ende des Buches ein Glossar beisteuert, in dem die wichtigsten Begriffe verständlich erklärt werden, und zum anderen, weil hier natürlich neue Geschichten erzählt werden, die die mir wenig bekannten Helden und Schauplätze vornehmlich in historisch angehauchtem Ambiente, aber dennoch neu verpacken. 
Auch die Reihenfolge der Kurzgeschichten war gut gewählt.

In Enzo Asuis "Hymir" wurde man zwar bereits zum Auftakt mit einer Vielzahl von Fakten konfrontiert, konnte sich aber so gut an - die zumindest mir fremden - Eigennamen gewöhnen. Der Autor gefährdet hier unmittelbar den Weltenbaum, indem er den Drachen Nidhögg zu lange an seinen Wurzeln nagen lässt - und Schuld an der ganzen Misere ist natürlich Thor. Und der muss nun inmitten einer merkwürdigen Heldenauswahl ausziehen, um die Zutaten für einen Trank zu beschaffen, damit Nidhögg wieder einschlummert und zu knabbern aufhört. Was Nessie in der Geschichte zu suchen hat, lese man am besten selbst. 
Groß geschrieben wird das Thema Außenseiter, denn nicht immer wird der zum Retter, von dem man es am meisten erwarten würde. Auch Zusammenarbeit zählt, und Ausdauer wird belohnt.
Themen, die auch in anderen Geschichten wiederzufinden sind. 
Auch Bianca Schläger widmet sich in ihrer Geschichte "Nidhögg" den Außenseitern, die Vorurteilen ausgesetzt sind, und erzählt leichtfüßig und augenzwinkernd, welche Veränderungen die Begegnung des stets verspotteten Albin mit einem Drachen nach sich zieht. 
Weitere Außenseiter finden sich in Anna Eichingers "Hördurlied", worin der blinde Hödur, von den Bewohnern längst als unfähig aufgegeben, maßgeblich zu Sicherheit und Wohlstand des Dorfes beiträgt. Aber auch Herausgeberin Cathrin Kühl steuert in "Yggdrasils Quelle" mit Mimir einen Protagonisten bei, der nicht den Normen entspricht und erst einmal versagen muss, bevor er seine wahre Bestimmung findet.
In Ingrid Pointeckers "Winterherz" hingegen wird es romantisch. Protagonistin Eghilt will die Kunst des Schwertkampfs erlernen, doch trotz aller Verbissenheit und bewundernswerten Hartnäckigkeit will es ihr nicht so recht gelingen. Bis eines Tages ein geheimnisvoller Fremder auftaucht ... 
Beharrlichkeit zahlt sich auch in Bianca Braunsteins "Das Blatt von Yggdrasil" aus, worin die Autorin ihren Protagonisten Leif zunächst auf Brautschau und dann auf eine höchst gefährliche Mission schickt, denn die Auserwählte verlangt ein Blatt von Yggdrasil. 
In Manfred Lafrentz' "Die Herausforderung" kommt mit Freya einmal die Götterriege zum Zug. Sie darf hier Hochmut und Überheblichkeit eines bösen Zauberers bestrafen und gleichzeitig an seinem Opfer Wiedergutmachung leisten. 
In "Die besten Zutaten" von Theresa Winkler zeigt sich Freya allerdings selber von ihrer überheblichen Seite, stiftet indirekt Loki dazu an, etwas übers Ziel hinauszuschießen, und  bekommt dann von Odin höchst persönlich ihren Dämpfer, während sich die eigentliche Protagonistin Idun über ein besonderes Geschenk freuen darf.  
Etwas schwerer tat ich mich hingegen mit "Die ewigen Schlachtfelder" von Linda Sack, wofür man sich in die spirituelle Verbundenheit der Menschen hineindenken muss. Allerdings ist die Geschichte sehr einfühlsam erzählt und berührt auf emotionaler Ebene, wie es eben auch sein sollte. 
Historisch angehaucht und damit nicht unbedingt mein Beuteschema ist Maximilian K. Krons "Donner", dennoch überzeugt der Autor hier mit einer sehr dynamischen Erzählung, die einen schonungslos in die Rauheit der Kriegszeiten hineinversetzt und sehr eindringlich den Glauben an die Götter zu vermitteln weiß. 
Zu den Geschichten, die ich ein zweites Mal lesen musste, zählt auch Ariane Hofs "Der letzte Tag". Sie ist eine von nur zwei Geschichten in dieser Anthologie, die aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Für mich ungünstig ist bereits die vorherige Kurzgeschichte in dieser Perspektive verfasst, und weil ich beide direkt hintereinander las, kam ich durcheinander. Die tiefgründige Emotionalität des Mutter-Tochter-Konfliktes lenkte mich zunächst ab, und ich brauchte eine Weile, um die Geschichte für mich zu erschließen. Letzendlich ist es aber genau dieser schmale Grat zwischen all diesen widerstreitenden Gefühlen in diesem "Kampf", der überzeugt.
Die Anthologie bedient aber auch Romantiker. 
Neben "Winterherz" bietet Chloés "Der Runendieb" ein romantisches Element. Verschiedene Protagonisten befinden sich hier aus ganz unterschiedlichen Beweggründen auf einer Suche. Die Walküre Rúna jagt dem Dieb ihrer Rune, unfreiwillig unterstützt von Wächteranwärter Eskill, der für den Schutz der Runen zuständig ist und um seinen "Job" fürchtet, während der Dieb Aghib die Runen für etwas braucht, mit dem keiner gerechnet hätte. 
Auch "Rabenmal" von Nina Vaziry ist eine Geschichte voller Gefühl. Positiv fällt hier die moderne Komponente auf. Hugin und Munin wurden von Odin als Raben in die Menschenwelt entsandt, wo sie in menschlicher Gestalt leben und mit ihren magischen Fähigkeiten über Erinnerungen und Gedanken der Menschen wachen. Doch die reale Welt entwickelt sich weiter und weiter, während die Sagenwelt in Vergessenheit gerät. Als die zarte Munin an ihrer Aufgabe zu zerbrechen droht, muss eine Entscheidung getroffen werden.
Maria Stamm liefert mit ihrem "Ein Drachenmärchen" zur Abwechslung eine Geschichte, die ohne Menschen auskommt. Mit deutlich märchenhafter Erzählweise konfrontiert sie das Drachenmädchen Gloa mit einem fremden Drachen. Auf der Flucht vor ihm gerät Gloa aus ihrer warmen Heimat Muspelheim ins eiskalte Niflheim, wo ihr Leben in höchste Gefahr gerät, sie aber einen Freund fürs Leben trifft. 
Dass Götter nicht die treuesten Gefährten sind, ist auch aus anderen Mythologien bekannt. So spielt Rebecca Martin in "Die verlorene Tochter" mit diesem Motiv und schickt ihre Ich-Erzählerin Elina auf eine Reise, um ihren Vater Baldur kennenzulernen. Eine Geschichte mit vielen Schauplätzen und Personen, die auch gut als Novelle funktionieren würde. 
Geheimnisvoll geht es in Fabian Dombrowskis "Der Gärtner" zu. Mutig verschweigt uns der Autor die Identität seines Protagonisten, der in aller Seelenruhe inmitten des Weltuntergangs steht, Tee trinkend wie ein Zen-Meister, und dabei zusieht, wie sein blühendes, grünendes Werk verschlungen wird. Er ist einer, der sowieso weiß, das alles ein Zyklus des Werdens und Wiedervergehens ist. Ich bewundere die Erzählweise, die es schafft, die Zeit beinahe stillstehen zu lassen, damit man kurz mit den beiden verzweifelten Menschen innehält, bevor der Vorhang fällt. 
Mit "Fenrirs Tochter", einem Beitrag von Verleger Alfons Th. Seeboth, endet "Yggdrasil der Weltenbaum". Eine sehr eindringliche Geschichte, die das Schicksal von Kelda, der Tochter des Fenriswolfs über mehrere Zeiten und Schauplätze hinweg verfolgt und zum Nachdenken anregt.

Fazit: 
"Yggdrasil der Weltenbaum" ist eine bunte Kurzgeschichtensammlung, die der Weltesche mit heldenhaften, nachdenklichen, emotionalen, märchenhaften und nicht zuletzt auch von feinem Humor durchwobenen Anekdoten neues Leben einhaucht und Leser ab 12 Jahren die nordische Mythologie neu- und wiederentdecken lässt. Ein Buch, in dem die Leidenschaft zum Thema lesbar wird und das man gern immer wieder zur Hand nimmt.

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch
  • Verlag: Wölfchen Verlag; Auflage: 1 (28. Februar 2013)
  • Umschlaggestaltung: Joachim "Jogurd" Lindner
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3943406415
  • ISBN-13: 978-3943406412
  • Neupreis: 12,90 € 
  • Auch erhältlich als E-Book.

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