Mittwoch, 24. Juli 2013

... über "Sturmherz" von Britta Strauß


Britta Strauß


Berauschend!

(c) Drachenmond Verlag

Zum Inhalt: 
Von der Mutter schon vor Jahren verlassen, lebt Mari nur mit ihrem Vater Thomas in einem Fischerdorf auf einer der schottischen Orkney-Inseln. Gemeinsam betreiben sie seine auf wackeligen Füßen stehende Exotengärtnerei. Obwohl Mari mit den Sagen um das Meer und seine Wesen groß geworden ist, darf sie eines Tages feststellen, dass darin tatsächlich ein Fünkchen Wahrheit steckt. An einem Winterabend stolpert sie am Strand über einen angeschossenen Seehund. Mit Thomas kämpft sie um sein Leben, und da geschieht das Unglaubliche. Der Seehund verwandelt sich in einen jungen Mann. Die Legende um die Selkies ist kein Seemannsgarn. Doch Mari gibt der Freiheitssehnsucht in seinen Augen nach und ihn frei. Vergessen kann sie ihn nicht, und auch der Selkie Louan ist hin und her gerissen zwischen seinen Erfahrungen und dem Interesse des Mädchens, das ihm ganz offenkundig nichts Böses will. Louan ist der letzte seiner Art und hat in der Vergangenheit an den Menschen, die er für nachlässig und zerstörungswütig hält, nicht immer Gutes getan. Obwohl er ins Meer gehört und Mari an Land tiefverwurzelt ist, entspinnt sich zwischen beiden, wider die Vernunft, eine Liebesbeziehung. Bis eines Tages ein Video in die Hände einer Wissenschaftlerin gelangt, die für ihre Karriere über Leichen gehen würde. Und nicht nur sie hat Louan im Visier, sondern auch ein alter, längst tot geglaubter Feind tritt auf den Plan und überzieht See und Insel mit dunkler Gefahr, die Louans Geheimnis und seine Liebe zu Mari aufs Spiel setzt. 

Meine Meinung: 
Nachdem mich Britta Strauß mit "Meeresblau" schon umgeworfen hatte, konnte ich "Sturmherz" natürlich nicht widerstehen, auch wenn Jugendbücher nicht ganz so weit vorne auf meiner Wunschliste stehen.
Die Umschlaggestaltung bildet bereits eine schöne Einheit mit dem Inhalt. 
Geheimnisvoll und düster lädt das Buch zum Aufschlagen und Eintauchen ein. 
Verschnörkelt-verspielte Kapitelüberschriften setzen die liebevolle Aufmachung fort und passen zum sehnsüchtig-melancholischen Touch der Geschichte. 
"Sturmherz" gehört zu den Büchern, von denen ich mich gar nicht lösen mochte. 
Zum einen mag ich Britta Strauß bildhafte, ja bildgewaltige Sprache sehr. 
Mit bewundernswerter Beobachtungsgabe und treffsicherem Gespür für die richtigen Worte schafft sie ein Setting, das ebenso einzigartig schön wie unberechenbar und gefährdet ist. So lässt sie vor dem geistigen Auge lebendige Bilder entstehen, die den Leser unmittelbar zum Schauplatz entführen.
Neben der Sehnsucht nach dem Meer lässt Britta Strauß, wie schon in ihrem Erwachsenen-Paranormal "Meeresblau", nicht unbeachtet, dass vom Meer sowohl Gefahren ausgehen, ihm aber auch zahlreiche Gefahren drohen, so eben die Ausrottung von Arten. 
Diese kritischen Themen verknüpft sie geschickt mit ihren Figuren, lässt sie in deren Wesenszügen und Verhaltensweisen anklingen und regt damit zum Nachregen an, ohne den Leser mit dem Holzhammer zu malträtieren. 
Dabei reflektiert auch dieses Meeresbuch wieder viel Herzblut und Hintergrundinteresse. 
Erfreulicherweise hat Britta Strauß mit ihrer Protagonistin, die als Ich-Erzählerin fungieren darf, eine Jugendliche kreiert, die sich nicht in die Reihe von Charakteren, die sich Mädchenkram hingeben, hineinpressen lässt. 
Wir lernen ein reflektiertes Mädchen kennen, das für ihr Alter recht erwachsen ist. Besonders leicht hat es auch dieser Charakter nicht, denn die Mutter hat die Familie verlassen, weil sie es im Fischerdorf nicht ausgehalten hat. Der Vater hat daraufhin seinen Kummer zunächst in Alkohol ertränkt, bevor er wieder auf die rechte Bahn zurückfand. Mari engagiert sich stark in der Gärtnerei ihres Vaters und verfügt über entsprechendes Wissen. Sie erklärt sich bereit, nach der Schule im Geschäft einzusteigen. Sie ist weder Partygirl noch Modepüppchen, hat aber gewiss ihren Freundeskreis, wobei dieser nur am Rande thematisiert wird. Und doch tobt in Mari eine Sehnsucht. Nicht nach der großen Freiheit in der großen Stadt. Vielmehr macht sie den Eindruck, es müsse eine Lücke in ihrer Seele gefüllt werden, ganz so, als fehlte etwas, das sie vervollständigt und zu dem macht, zu dem sie bestimmt ist. Dass das Meer diese Sehnsucht schürt, ist durchaus nachvollziehbar, selbst wenn man vielleicht meinen möchte, dass das Leben an der Küste eine gewisse Gewöhnung mit sich bringen dürfte, sodass eine Sehnsucht unter Umständen übertrieben anmuten mag. Vielleicht ist es ja gerade das Geheimnisvolle in all dem Seemannsgarn, mit dem sie aufwächst, das kleine, noch so irrationale Hoffnungen aufkeimen lässt. 
Besonders gut gefiel mir, dass Mari in ihrem Vater Thomas nicht einfach einen Alibi-Sorgeberechtigten hat, sondern einen Partner findet. Thomas spielt vor allem im ersten Drittel des Buches eine größere Rolle und darf sich dort als fürsorglicher und verständnisvoller Erwachsener zeigen. Oft vermisse ich in Jugendbüchern Elternfiguren, die eben nicht das Elternklischee bedienen. Viel zu oft schlagen sich die literarischen Jugendlichen allein durch den Alltag, und Eltern kommen als desinteressiert, verständnislos, egoistisch schlecht weg. In "Sturmherz" ist das anders. Thomas hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, wenn es um seine Tochter geht, das lässt sich nicht abstreiten. Dennoch ist er bereit, sie zu unterstützen. Er hört ihr zu, kommuniziert mit ihr, gibt ihr seine Bedenken zu verstehen und lässt sie nicht blindlings drauflos stürzen. Dies tut er aber auf seine ganz eigene freundschaftliche Art, die weder bevormundend noch erdrückend wirkt. Auch dann nicht, als Louan ins Spiel kommt und sich damit Gelegenheiten bieten, die das väterliche Temperament doch arg herausfordern. 
Louan, der seine Erlebnisse düster und von heftigen Emotionen geplagt ebenfalls aus der Ich-Perspektive schildert, bildet zunächst einen krassen Gegensatz zu der ausgeglichenen und gutmütigen Mari. Auch wenn er äußerlich das Sagenbild bedient und das Mädchen selbstredend schwach wird, stecken in ihm viel Misstrauen und Wut, die ihn zunächst unnahbar machen. Er hat schon so lange gelebt, sowohl im Meer als auch unter den Menschen, viele Enttäuschungen, Grausamkeiten und Verluste erlebt, dass er für ein Jugendbuch ein ziemlich rauer Charakter ist. Gleichzeitig sorgt er bei Gelegenheit für Schmunzelmomente, beispielsweise wenn er sich in textilarmen Szenen so gar nicht unwohl fühlt und damit bei anderen für scheues Erröten sorgt. Britta Strauß meistert hier auch die Herausforderung der Beschreibung von Louans Gestaltwandlung, die sie gekonnt in Handlungen einfügt und vollkommen natürlich wirken lässt. Darüber hinaus erlaubt sie Louan und Mari intime Momente, die für Leser unter sechzehn Jahren vielleicht nicht züchtig genug sind, aber der Leidenschaft, die beide Charaktere vereint, vollkommen gerecht werden.
"Sturmherz" ist insgesamt angenehm arm an Personen. Berücksichtigt man, dass so ein Fischerdorf nun nicht gerade eine pulsierende Bevölkerungsdichte aufweisen dürfte, ist es nur verständlich, dass sich Mari nur in einem beschränkten Personenkreis bewegt, mit dem sie regelmäßig zu tun hat. So wird insbesondere der alte Fischer MacMuffin zu einer tragenden Nebenfigur, die mit seebäriger Art schnell ans Herz wächst. 
Fremde Neuankömmlinge werden rasch zu Eindringlingen, und in diesem Fall verdienen sie alles Misstrauen. In auktorial erzählten Episoden bereits eingeführt, bringen die Wissenschaftler Dr. Ruth Chapman und Dr. Aaron Welsh wenig einfühlsam Action in das Fischerdorf. Besonders Ruth steht hier, bewusst übertrieben schwarz gezeichnet, für skrupelloses Erfolgsstreben und unbelehrbare Sturheit, während Aaron eher ein Schoßhündchen ist, das endlich bei ihr landen möchte. Rücksichtslos geht es in ihren Szenen zu, die dem letzten Drittel des Romans zusätzlich Dynamik verleihen. 
"Sturmherz" bietet einen ganzen Gefühlsmix aus Träumerei, Mitgefühl, Wut, Herzflattermomenten und  Tränenwischen, sodass ich jetzt verzweifelt so lange Nägel knabbere und Taschentücher horte, bis mit "Die Seele des Ozeans" der nächste Meeresroman von Britta Strauß erscheint.

Fazit: 
Poetisch, mit viel Herzblut erzählter Paranormal für junge Erwachsene, der mit tosenden Schauplätzen und einer großen Liebe jenseits der menschlichen Vorstellung berauscht. Empfehlenswert besonders für LeserInnen auf der Suche nach Protagonistinnen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen und Unbekanntes nicht verteufeln, und nach Romanzen, die ohne Dreiecksverstrickungen auskommen, das Herz aber trotzdem sehnsuchtsvoll und ungezähmt zum Pochen bringen. Für alle, die sich gerne von der wilden Schönheit von Sprache und Locations verzaubern lassen. 

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten
  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Drachenmond Verlag (19. Oktober 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlagdesign: Gina Brooks,Melbourne
  • ISBN-10: 3931989771
  • ISBN-13: 978-3931989774
  • Neupreis: 14,90 €
  • Auch als E-Book erhältlich.

Zum Schluss noch der Buchtrailer: 




Kommentare:

Nazurka hat gesagt…

Der Roman liegt auch noch bei mir und ich bin froh, dass er dir allem Anschein nach gut gefallen hat. Ich bin schon gespannt darauf, wie er mir gefallen wird.

LG
Nazurka

Sinje hat gesagt…

Hast du denn Sorge, dass er dir nicht gefallen könnte?
Ich muss ja sagen, dass ich durch Meeresblau voreingenommen bin, weil ich das Buch so geliebt habe und von Brittas Schreibstil immer wieder beeindruckt bin.

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