Donnerstag, 18. Juli 2013

... über "Soul Beach 01. Frostiges Paradies" von Kate Harrison

Kate Harrison 

Mysteriöser Trilogieauftakt, der Lust auf mehr macht

(c) Loewe Verlag

Zum Inhalt: 
Megan Foster wurde ermordet. Am 16. Geburtstag ihrer jüngeren Schwester Alice. Nach vier Monaten wird Meggie, die durch eine Castingshow im britischen Fernsehen zu einer kleinen Berühmtheit avanciert war, endlich beerdigt. Doch anstatt angemessen Abschied nehmen zu können, findet Alice just an diesem Tage in ihrem E-Mail-Postfach eine aktuelle Nachricht von Meggie. Zunächst hält sie diese für einen besonders schlechten Scherz, doch dann kommt bereits die nächste. Ihre tote Schwester Meggie lädt sie an den Soul Beach ein. Nach anfänglicher Skepsis klickt Alice auf den Link und findet sich alsbald in der virtuellen Welt des Soul Beach wieder, wo ihre Schwester höchst erfreut auf sie wartet. Und sie ist nicht allein. Der Strand ist voller wunderschöner junger Menschen. Toten. Bald verbringt Alice mehr Zeit bei Meggie am Strand als mit ihren "echten" Freunden, lernt dort neue Menschen kennen und muss feststellen, dass Soul Beach beileibe kein Paradies ist und seine Bewohner dort buchstäblich festsitzen. Unter der allgemeinen Partystimmung sind längst nicht alle glücklich. Alice will mehr wissen und vor allem den Mörder ihrer Schwester finden. Und so bewegt sie sich im Virtuellen wie im Realen auf sehr dünnem Eis. Am Soul Beach darf man nämlich nicht die falschen Fragen stellen, sonst läuft man Gefahr, von der Website verbannt zu werden. Aber während für Alice die Grenzen immer mehr verschwimmen und sich sogar eine unerwartete neue Romanze anbahnt, ahnt sie nicht, dass der Killer sie in der Realität längst im Visier hat. 

Meine Meinung: 
Dank seiner äußeren Aufmachung schreit Kate Harrisons erster Jugendroman "Soul Beach - Frostiges Paradies" danach, in die Hand genommen zu werden. Im Gegensatz zur englischen Originalausgabe kommt die deutsche Festbandausgabe im Loewe-Verlag ganz ohne die Darstellung einer Person aus. Die Umschlaggestaltung ist reduziert auf Pink, Schwarz und etwas Weiß, das dem Schutzumschlag einen abgewetzten Eindruck verleiht. Der Festeinband wiederum ist schwarz, und dank dem komplett schwarzen Buchschnitt bekommt das Buch einen sehr mysteriösen Touch, der nur von der pinkfarbenen Schrift auf dem Buchrücken unterbrochen wird. 
Und mysteriös ist "Frostiges Paradies" durchaus. 
Hauptcharakter des Romans, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, ist Alice, die als Ich-Erzählerin weitestgehend durch das Buch führt, mit kleinen Unterbrechungen durch eine dritte Person, die sich anderweitig nicht zu erkennen gibt und die Spannung aufrechterhält, insbesondere nicht vergessen lässt, dass im realen Leben eine längst nicht identifizierte Gefahr lauert. 
Mit jugendlichen Charakteren tue ich mich oft schwer. 
Häufig sind sie mir zu oberflächlich oder eindimensional dargestellt (vielleicht lese ich auch einfach die falschen Bücher). 
In "Frostiges Paradies" ist das glücklicherweise nicht der Fall, denn Alice ist eine relativ realistische Mischung einer normalen Jugendlichen mit all ihren durchaus stereotypen Macken und einer Jugendlichen, die durch eine traumatische Erfahrung ein bisschen zu schnell erwachsen werden musste. 
Alice ist die jüngere der Foster-Schwestern und hat bei der Verteilung von Schönheit und Talenten, wie man so schön sagt, eher in der falschen Reihe gestanden. 
Sie ist, und das ist in ihrem Alter sicher nichts Ungewöhnliches, nicht ganz mit sich zufrieden, beklagt sich aber im Grunde nur dann darüber, wenn sie sich mit all den Schönheiten am Soul Beach konfrontiert sieht, was sich immer stärker verliert, umso näher sie den Personen am Soul Beach kommt.
Nach einem geheimnisvollen Prolog um ein totes Mädchen beginnt Alices Erzählung vier Monate nach Meggies Tod, sodass Alice bereits einige Trauerphasen hinter sich hat und der Roman trotz des Beerdigungsthemas, das recht kurz abgehandelt wird, nicht umgehend ins Schwermütige abdriftet. 
Sie darf noch traurig sein und leidet einigermaßen darunter, dass sie von ihren Eltern nicht wahrgenommen wird, beinahe, als hätten sie nur das eine Kind gehabt. 
Alice ist nicht typisch aufsässig, auch wenn sie oft enttäuschten Sarkasmus und Verbitterung durchklingen lässt. 
Sie vermisst ihre Schwester und ist berechtigterweise sauer auf sich selbst, dass sie den Wert einer Schwester erst erkannt hat, als diese bereits tot war. 
Damit bietet ihr Gemützustand besten Angriffspunkt für etwas, das auf den ersten Blick wie ein Computervirus wirkt. 
Besorgniserregend schnell wandelt sich Alices gesunde Skepsis in sehnsuchtgeleitetes Vertrauen. 
Kate Harrison gelingt es sehr gut, eine Beziehung zwischen Leser und Protagonistin herzustellen. 
Man folgt ihr gern, macht sich aber auch Sorgen um sie. 
Insbesondere, wenn sie immer mehr Brücken zur realen Welt abbricht, Beziehungen beendet und auf eigene Faust versucht, mehr über Meggies Tod herauszufinden. 
Auch durch die Einführung des Charakters des Danny, den es ebenfalls an den Soul Beach verschlagen hat, wurde meine Besorgnis um Alice noch genährt. 
Obwohl ich sie nicht für todessehnsüchtig halte, befürchtete ich zunächst, sie könnte angesichts der aufkeimenden Gefühle eine "dumme" Entscheidung treffen. Unter anderem hatte ich zwischendurch auch den Verdacht, genau das könnte hinter dem Soul Beach stecken, eine Art Sammler verlorener jugendlicher Seelen. 
Als Fan der Fernsehserie "Ghostwhisperer" hatte mich Kate Harrison dann vollends auf ihrer Seite, als der Charakter der toten Inderin Triti im letzten Drittel des Romans mehr in den Mittelpunkt rückte und das Verweilen wegen unerledigter Angelegenheiten thematisiert wurde.
Alice ließ die Welt der Lebenden und Toten bereits verschmelzen, indem sie klug die Personen recherchiert, die sie am Soul Beach antrifft, um sich Vergewissheit zu verschaffen, dass sie sich den Strand nicht einbildet. Als sie langsam die Regel des Soul Beach für sich erschließt und erkennt, dass unter der Oberfläche des Schönen und Unbeschwerten viel Unglück liegt, entschließt sie sich, auf ihre Weise zu helfen. 
Kate Harrison schildert die Ereignisse in ihrem Auftaktband temporeich und doch einfühlsam, sodass ihre Nebenfiguren nicht zum "Fall der Woche" verkommen, sondern als kleiner Etappensieg auf dem Weg zu einem größeren Ziel erscheinen. 
Obwohl zahlreiche Personen eingeführt werden, kommt keine unnötig vor. Eltern werden genauso thematisiert wie Freunde hier und da. Alle sind immer so schwammig und so klar, wie sie Alice erscheinen, und wir werden sicherlich den einen oder anderen in den Fortsetzungen wiedersehen. 
Darüber hinaus beschreibt sie den Strand der Toten so realistisch, dass man gar nicht erst das Gefühl bekommt, das diese andere Welt vielleicht nicht existiert. Erst wenn Alice einmal die Maus bewegt oder näher an die eingebaute Webcam rutscht, wirkt Soul Beach wie eine virtuelle Welt oder ein Videospiel. 
Dem Übersetzerteam Jessika Komina und Sandra Knuffinke sind die Wechsel zwischen der administrativ anmutenden E-Mail-Sprache, Alices Schilderungen und jugendlichen Dialogen wunderbar gelungen, sodass "Frostiges Paradies" im deutschen ein angenehmes, leichtfüßiges Lesevergnügen wird. 

Fazit: 
Kate Harrison legt mit "Soul Beach. Frostiges Paradies" den ersten Band zu einer Jugend-Mystery-Thriller-Trilogie vor, die das Thema Zwischenwelt neu verpackt und die Toten auf spannende Weise in einer virtuellen Welt am Leben erhält. Geschickt vermischt sie Reales mit Virtuellem und erzählt eine Gänsehaut-Geschichte, in der Freundschaft und vielleicht sogar Liebe nicht vor der Grenze des Todes Halt machen müssen. Dabei lässt dieser Auftaktband erstaunlich viele Fragen offen, sodass die Wartezeit bis zur Fortsetzung zur nägelkauenden Zerreißprobe wird.

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 350 Seiten
  • Verlag: Loewe Verlag (17. Juni 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
  • Umschlaggestaltung: Franziska Trotzer
  • ISBN-10: 3785573863
  • ISBN-13: 978-3785573860
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre
  • Originaltitel: Soulbeach
  • Neupreis: 17,95 €
  • Auch als E-Book erhältlich. 
Buchtrailer: 
 

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