Samstag, 13. Juli 2013

... über "Morgen vielleicht" von Jessica Soffer


Viele Sinne berührender Roman über die Suche nach Liebe und Familie

(c) Kein & Aber
Zum Inhalt: 
Bereits seit frühester Kindheit kämpft Lorca um die Zuneigung und Anerkennung ihrer Mutter. Früh schon schaute sie der begnadeten Köchin über die Schulter, übte und lernte in der Küche, um endlich ein Band zu ihr zu knüpfen. Doch ihre Mutter bleibt unnahbar, scheint nur zu sporadischer Liebe fähig. Nach der Scheidung der Eltern eingeengt in der New Yorker Wohnung von Tante Lou will Lorca endlich ein Gericht finden, mit dem sie ihre Mutter für sich gewinnen kann. Immerhin steht ihr wegen eines Zwischenfalls in der Schule die Abschiebung ins Internat bevor. Als sie eines Tages ein Gespräch zwischen ihrer Mutter und deren Schwester Lou belauscht, muss sie feststellen, dass sie ihre Mutter doch nicht so gut kennt, wie sie angenommen hatte. Das Beste, das ihre Mutter je gegessen hat, ist nicht etwa eine Spezialität der französischen Cuisine, sondern ein irakisches Gericht namens Masgouf. Noch nie hat Lorca davon gehört, und so macht sie sich auf die Suche nach dem Rezept. Bei ihrer Suche trifft sie auf die irakische Jüdin Victoria, die vor Jahren mit ihrem Mann eben jenes Restaurant unterhielt, in dem das traumhafte Masgouf serviert worden war. Victoria, Anfang der 1950er aus Bagdad nach New York gekommen, hat vor wenigen Tagen ihren Mann Joseph verloren und trägt schwer an diesem Verlust. Dass Nachbarin Dotties sie wenige Wochen vor Josephs Tod überredet hatte, Kochkurse zu geben, hatte sie bereits längst wieder verdrängt. Allerdings melden sich nun ein paar Interessenten, sodass Victoria emsig Zutaten für irakische Gerichte herbeischafft. Doch als es soweit ist, erscheint keiner. Nur Lorca, die nicht angekündigt war, steht plötzlich vor der Tür. Gemeinsam machen sich die Witwe und das Mädchen, in dem sie sich selbst zu sehen glaubt, daran, die irakische Küche neu und wieder zu entdecken. Und während Lorca ihrem Traumgericht immer näher kommt, regt sich auch in Victoria die Hoffnung, dass sie das Versprechen einlösen kann, das sie ihrem Mann nach seinem Tod gegeben hat: Sie will ihre Tochter finden, die sie einst zur Adoption freigegeben hat ... 

Meine Meinung: 
Angesichts der Gestaltung der Schutzhülle der gebundenen Ausgabe hätte sich Jessica Soffers Debütroman beinahe an mir vorbeigeschummelt, und dabei hat man hier wirklich mitgedacht. Zu sehen sind Aprikosen, die zum einen auf den Originaltitel Tomorrow There Will Be Apricots anspielen und zum anderen zu eben diesem Satz eine Beziehung herstellen, denn er ist das englische Idiom für das aufschiebende deutsche "Morgen vielleicht" und wird in der Geschichte selbst als Redensart erwähnt. Überlagert sind die Früchte von Schneeflocken, die ebenfalls in Bezug zur Geschichte stehen. Buchrücken und Rückdeckel sind in frischem Grün gehalten und verleihen dem doch sehr ans Herz gehenden, emotionalen Roman eine positive Note. Nimmt man die Schutzhülle ab, starrt einem nüchternes Grau mit roter Schrift auf dem Buchrücken entgegen. 
Für ihren Roman "Morgen vielleicht" hat die 1985 geborene New Yorker Autorin gleich drei Erzählebenen gewählt. Einmal lässt sie ihre junge Protagonistin Lorca in der Ich-Perspektive sprechen. Ihre Passagen wechseln sich mit jenen ab, in denen Victoria ebenfalls aus der Ich-Perspektive erzählt. Deutlich gemacht werden diese jeweils mit einem einleitenden "Victoria" und "Lorca". Im weiteren Verlauf des Romans gesellt sich Joseph dazu. Den Erinnerungen des Verstorbenen darf der Leser nur sehr sporadisch aus der Sicht des allwissenden Erzählers folgen. Diese Einschübe helfen dem Leser, vergangene Entscheidungen nachzuvollziehen. Das allerdings nur bedingt, womit der bedrückende Charakter der Geschichte zusätzlich unterstützt wird. 
Jessica Soffers Protagonisten haben es nicht leicht: 
Lorcas Dasein ist geprägt von Abweisung, vergeblichen Liebesbekundungen und Selbstverletzung. 
Für ihre 14 Jahre ist sie sehr nachdenklich und analysiert ihre Mutter erstaunlich gut. Deren Verhaltensweisen assoziiert sie immer wieder mit Lebensmitteln und Gerichten. 
Da sie mit der Zubereitung von Mahlzeiten groß wurde, hat sie ein für ihr Alter überraschend umfangreiches kulinarisches Wissen und wendet dieses in ihren Überlegungen immer wieder an. 
Ich muss zugeben, dass das auf mich den Nebeneffekt hatte, dass ich mich ab und an leicht hungrig fühlte. 
Allerdings tat das auch recht gut, da "Morgen vielleicht" durchaus widerstreitende Gefühle hervorruft. 
Lorca, benannt nach dem spanischen Dichter, versucht mit allen Mitteln, ihre Mutter zu verstehen, um einen Weg zu finden, ihre Zuneigung zu gewinnen und in ihrem Leben endlich etwas zu fühlen, ohne sich dafür verletzen zu müssen. 
Keine leichte Kost!
Und doch gelang es mir nicht, Lorcas Mutter zu verurteilen. 
Es ist Lorcas scharfsinniger Analyse zu verdanken, dass ich stets auf eine schlüssige Erklärung wartete. 
Ihre Mutter ist so erfüllt von unausgesprochenen Ressentiments und offenen Vorwürfen, dass ich mir sicher war, dass dies eine tiefer gehende Ursache haben muss. 
Zwischen Lorca und ihrer Mutter steht vieles, das nie ausgesprochen wird und vermutlich beide auf ihre Weise vor sich hin leiden lässt. 
Einzig Lorca macht immer wieder einen Schritt nach vorn, während die Mutter unablässig mauert. 
Immer wieder hat sie etwas einzuwenden. 
Diese Frau ist ein einziges "Aber". 
Über den gesamten Lektüre hinweg habe ich mir trotzdem ein mütterliches Sympathiefünkchen bewahrt, schon allein deshalb, weil in Literatur und wahrem Leben Erziehungsberechtigte gern hübsch schwarzweiß zum Sündenbock gemacht werden. 
Ihre Überforderung zwischen Streben nach beruflichem Erfolg, Scheidung von einem Mann, der ganz offensichtlich nicht genug Kraft hatte, tiefer zu blicken und zu kämpfen, Ärger über die allmählich pubertierende Tochter, die nicht so funktioniert, wie Mutter es sich wünscht, und dennoch Sehnsucht nach Familie, wodurch sie nie bei der ihrer Adoptivschwester ausziehen, wird durch Lorcas Erzählung beklemmend deutlich gemacht. 
Leider repräsentiert Lorcas Mutter in dieser Geschichte den Charakter, der am wenigsten Hilfe zulässt und eine gewisse Hoffnungslosigkeit zurücklässt.
Victoria befindet sich in einer Situation, in der Handlungen und Entscheidungen dem Leser nur vage transparent werden  - was beim Leser durchaus auf Gegenstimmen stoßen kann.
Obwohl Victoria eine sehr innige Beziehung zu ihrem Mann pflegte, waren doch beide in ihrer Trauer um den Verlust der weggegebenen Tochter allein und unnahbar. 
Erst nach Josephs Tod spricht Victoria aus, wie sehr sie diese Entscheidung bereut. 
Sie findet sich in einer Lage wieder, die keineswegs unrealistisch ist. 
So sehr sie angesichts Josephs Krankheit darauf vorbereitet war, dass sie eher früher als später allein sein würde, so unüberwindlich scheint doch der Berg seiner Hinterlassenschaften. 
Da findet sich eine Notiz mit unbekannter Handschrift, ein Tüchlein als wohl einziges Zeugnis ihrer Tochter, und Victoria sieht sich auf einmal mit Geheimnissen konfrontiert, die Joseph selbst nicht mehr aufdecken kann. 
Geheimnisse, die rückblickend schon beinahe fatal wirken, wenn man bedenkt, wie lange Joseph und Victoria miteinander verheiratet waren. 
Jahre des Schweigens lasten schwer wie Lügen und lassen trotz des positiven Ausklangs der Geschichte einen bittersüßes Gefühl zurück. 
Schon beinahe irrational setzt Victoria ihre Hoffnung in den Kochkurs, den sie am liebsten gar nicht erst erteilen würde. 
Ganz im Vorbeigehen wird die Frau, die nie wieder Mutter wurde, zur Familie für ein junges Mädchen, das nichts mehr will, als die liebende Wärme einer Familie. 
Und das erzählt Jessica Soffer mit guter Beobachtungsgabe und so behutsam, dass man meint, sich mit beiden Protagonistinnen in einer Küche zu befinden und Mandelmilch zu nippen. 
Dabei denkt man gar nicht daran, Jahreszahlen nachzurechnen, sodass erfreulicherweise gerade der Erzählstrang um die Adoption, der zunächst so offensichtlich wirkt, für eine Überraschung gut ist. 
Jessica Soffer spielt gekonnt mit den Erwartungen ihrer Protagonisten und des Lesers, schafft es dabei, dass einem die Charaktere so ans Herz wachsen, dass die Grundfrage bald keine Rolle mehr spielt. 
Das Einzige, das mich tatsächlich leicht störte, war, dass ich das Geschehen zeitlich manchmal nicht so ganz zuordnen konnte. 
Jessica Soffers Geschichte spielt über einen sehr kurzen Zeitraum. 
Zu Beginn rekapituliert Lorca zwar ihre Kindheit bis zur Gegenwart, aber zwischen Josephs Tod und Victorias und Lorcas Kennenlernen vergehen nur wenige Tage und auch die sich anschließende Zeitspanne ist nicht besonders groß. 
So erweckt das Adverb "immer" einen gewohnheitsmäßigen Eindruck, als ob sich die Geschichte über einen längeren Zeitraum erstreckte. 
Im Laufe der Lektüre gewöhnte ich mich allerdings daran und schrieb dies der besonderen Verbundenheit zwischen Victoria und Lorca zu, die tatsächlich so vertraut wirken als würden sie sich ein Leben lang kennen. 
Positiven Eindruck machte auch Lorcas Freund Blot, der zwar ein paar Jahre älter ist, aber trotzdem neben all den Erwachsenen ein erfrischenden jungen Aspekt beibringt, sodass Lorca nicht allzu einsam wirkt. Auch wenn Lorca in seiner Gegenwart Anflüge von Schmetterlingen verspürt, reitet Jessica Soffer erfreulicherweise nicht auf einer aufkeimenden Romanze herum, sondern konzentriert sich auf ihr wesentliches Familienthema, das sie harmonisch mit irakisch-jüdischen Gerichten, Andeutungen der Herkunftsproblematik von Victoria und Joseph und schließlich auch New York, in dem die Welt auf einmal ganz klein zu werden scheint, verbindet. 
Zum Abschluss gibt noch das Rezept für das Masgouf, das die Schnittstelle der Protagonistinnen bildet. Und so hält der Roman auch noch Einzug in die eigene Küche. Masgouf wird ausprobiert!

Fazit: 
"Morgen vielleicht" ist ein Roman voller Schmerz und Verluste, der, von liebevollen, warmen Tönen durchzogen, ohne überstrapazierende Längen vermittelt, wie wunderbar dehn- und personalisierbar der Begriff Familie ist. 
"Morgen vielleicht" ist aber auch ein sinnlicher Roman voller Leben, in dem man die Töpfe klappern hört, den Duft fremdländischer Köstlichkeiten in der Nase hat und sich darüber freut, dass etwas so scheinbar Alltägliches wie das Kochen Generationsgrenzen verwischt und neue Verbindungen kreiert, die dem Leben neuen Glanz verleihen. 
"Herzzerreißend" und "herzerwärmend" sagt der Verlag und hat damit Attribute gefunden, denen kein anderes Synonym gerecht wird.


Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen



  

Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
  • Verlag: Kein & Aber; Auflage: 1 (1. April 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Anna-Christin Kramer
  • ISBN-10: 3036956255
  • ISBN-13: 978-3036956251
  • Neupreis: 19,90 €

Kommentare:

Carmen Z hat gesagt…

Das Buch wirkt auf mich sehr erdrückend. Dir auch einen schönen Wochenanfang :-)

Sinje hat gesagt…

Man muss sich darauf einlassen, das stimmt schon, aber es hat dann, wenn man tiefer blickt, durchaus positive Zwischentöne, die das Herz erwärmen.

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