Sonntag, 21. Juli 2013

... über "Die verbotene Geschichte" von Annette Dutton


Exotisches Ambiente, dunkle Familiengeheimnisse und Frauen, die ihren Mann stehen

(c) Droemer-Knaur

Zum Inhalt: 
Die Kölner Ärztin Katja Gruner hält im Frühjahr 2010 eigentlich nichts mehr in Deutschland. Mit Anfang Dreißig ist sie bereits verwitwet, mit ihrer illustren Industriellenfamilie steht sie nicht auf bestem Fuß und ihr Vertrag mit der Uniklinik läuft bald ab. Auch drei Jahre nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes Michael ist Katja noch immer in Trauer, und sie leidet deutlich unter den Reibereien mit ihrem Vater, in denen auch ihre Mutter nicht wirklich vermitteln kann. In dieser eher desolaten Gemütsfassung erreicht sie ein Schreiben aus Papua-Neuguinea. Die sterblichen Überreste ihrer Ururgroßmutter Phebe Parkinson wurden nach langen Jahren aufgefunden und sollen nun in das Familiengrab neben ihren Mann Richard umgebettet werden. Katjas Familie, die von Beringsens, zeigt sich nicht sonderlich erpicht, an dieser traditionellen Zeremonie beizuwohnen. Außerdem soll das Ereignis just am Geburtstag des alten Patriarchen der von Beringsens stattfinden. Mit Ende Achtzig leitet Albert von Beringsen seinen Konzern noch immer mit eiserner Hand. Dass sich das Unternehmen in der Geschichte nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert und auch in der Gegenwart umwelttechnisch mächtig Dreck am Stecken hat, stößt Katja seit jeher mächtig auf. So fällt ihr am Ende die Entscheidung leicht. Anstatt sich auf der Geburtstagsfeier zu ärgern, beschließt sie, alle Warnungen in den Wind schlagend, nach Papua-Neuguinea zu reisen. Ihr Reiseziel präsentiert sich beileibe nicht als Postkartenparadies, denn Katja schlägt unerwartete Feindseligkeit entgegen. Trotzdem entschließt sie sich, zu bleiben, und erhält so Gelegenheit, sich sozial zu engagieren, aber auch mehr über ihre Ururgroßmutter in Erfahrung zu bringen. Nebenbei fasst sie den Mut, nach Australien zu reisen, um am Unfallort ihres Mannes endlich Abschied nehmen zu können. In vielerlei Hinsicht findet sich Katja wieder einer Geschichte voller Geheimnisse, die ihre Welt auf den Kopf stellen. Und irgendjemand versucht mit allen Mitteln, zu verhindern, dass sie Licht ins Dunkel der Vergangenheit bringt. 

Meine Meinung: 
Äußerlich kommt Annette Duttons Roman, der eine Gegenwartsgeschichte geschickt mit fiktionalem und belegtem Historischen verknüpft, eher schlicht daher. Mit der Darstellung der Treppe und der alten Tür stellt die Münchner Werbeagentur ZERO durchaus einen gewissen Bezug zur Geschichte her, erinnern diese Element doch ein wenig an das opulente Anwesen, das eine der Figuren um die Jahrhundertwende zum 20. Jh.s., Emma Kolbe (die es tatsächlich gegeben hat), auf Papua-Neuguinea bewohnte. Die fallenden Blätter und Federn in warmem Rotton unterstützen ein melancholisches Flair, das beim Lesen schon mal aufkommen kann. Ingesamt vermisse ich trotz des leicht kolonialen Touchs aber doch etwas Geheimnisvolles und Regionaltypisches, das mehr Südseefeeling vermitteln würde. 
Annette Dutton stellt in ihrem Roman drei Frauen in den Mittelpunkt: In der Gegenwart trägt die Ärztin Katja Gruner die Geschichte, während in der Vergangenheit vornehmlich eine Johanna Kiehl und deren Freundin Phebe Parkinson im Zentrum der Geschehnisse stehen. Durch Johannas Tagebucheintragungen und Briefe lernt Katja das fremde Land in der deutschen Kolonialzeit bis hin zu verschiedenen Kriegswirrungen kennen. Während die Pfarrerstochter Johanna, die nach Papua reist, um einen Fremden zu heiraten, eine fiktive Figur ist, die von zwei deutschen Missionarsfrauen in der Südsee inspiriert wurde, gab es Phebe - genannt "Miti" - und ihren Mann Richard Parkinson wirklich, wie die Autorin im hinteren Teil des Buchs zur Entstehung des Romans erklärt.
Das Gegenwartsgeschehen unterbricht Annette Dutton immer wieder nicht nur durch Tagebucheinträge, Briefe oder Zeitungsartikel, sondern die Autorin schiebt auch Episoden ein, in denen der auktoriale Erzähler den Leser mitten ins historische Geschehen mitnimmt und an den Erlebnissen der Protagonistinnen teilhaben lässt. Während die Gegenwart ausschließlich Katja gewidmet ist und der Erzähler hier nur ihr über die Schulter schaut, werden in den historischen Passagen nicht nur Johanna und Phebe begleitet, sondern auch andere mit ihnen verbundene Personen. 
Ich muss zugeben, dass das auf 433 Buchseiten spannend und verwirrend zugleich war. 
Mit der Figur der Katja konnte ich mich umgehend anfreunden. 
Wenngleich die zigarettenrauchende Ärztin stellenweise etwas stereotyp gezeichnet ist, ist sie emotional realistisch dargestellt. Ihr Schmerz um den Verlust des Ehemannes, den sie als Liebe ihres Lebens einstuft, ihre Rebellion gegen ihre Familie, die in archaischen Strukturen festgefahren zu sein scheint und Katjas Entscheidungen immer wieder kleinredet, ihre Flucht in die Arbeit lassen sich gut nachvollziehen, sodass mir keine ihrer Entscheidungen im Laufe der Geschichte übereilt vorkam. In ihrem Insichgekehrtsein und gleichzeitigem Sehnen nach einem Tapetenwechsel wirkt sie authentisch. Natürlich ist sie vor irrationalen Handlungen nicht gefeit, beispielsweise als sie sich bei einem Schnorchelgang mit ihrem neuen Chef Lambert, der sie allseits unter seine Fittiche nimmt, das Knie verletzt und trotzdem mit ihm weiterschwimmt, obwohl es am Riff vor Tigerhaien nur so wimmelt. Im Verlauf der Geschichte darf sie sich aber dennoch weiterentwickeln und zu einem neuen Ich heranwachsen.
Annette Dutton stellt alle ihre Frauenfiguren vor schwerwiegende Herausforderungen und bürdet ihnen einiges auf. Wie Katja verwitweten auch Johanna und Phebe früh, wobei es vor hundert Jahren wesentlich schwieriger gewesen sein dürfte, das Alleinleben zu meistern, mit Kindern und noch dazu in einem fremden Land, dessen Kultur stark von Aberglauben geprägt war und ist. Alle Frauen beißen sich auf ihre Weise durch, während ihre männlichen Gegenparts manches Mal rückwirkend deutlich an heroischem Glanz verlieren. 
Obwohl in "Die verbotene Geschichte" sehr viele Personen eingeführt wurden, bekam ich doch Gelegenheit, sie näher für mich zu erschließen und ggf. erste Eindrücke und Vorurteile zu revidieren. So entpuppte sich Katjas Mutter im Laufe der Geschichte dann doch nicht als die vermittelnde, fürsorgliche, mit Mitte Fünfzig noch recht junge Mom, für die ich sie im ersten Kapitel noch hielt, sondern erwies sich eher als katzbuckelnde Schwiegertochter. Der nahezu allmächtige Großvater Albert symbolisiert ein Relikt aus alter Zeit, zeigt sich als mit allen Wassern gewaschener Geheimniswahrer und ist für seine knapp neunzig Jahre von so scharfem Verstand, dass er einem nur unheimlich sein muss
Einen recht blassen Eindruck gewann ich leider nur von Christoph Lambert, der engagiert im lokalen Wald- und Wiesenkrankenhauses auf Papua tätig ist und sich Katja als Reiseleiter und Bauarbeiter zur Hand geht. Er war für mich ein notwendiges Verbindungselement, damit die Deutsche sich in der Südsee nicht gänzlich verrennt, aber ein eventuelles Love Interest sah ich in ihm nie. 
Die eingeflochtenen Australienepisoden gefielen mir gut. Wie schon in Papua-Neuguinea lässt die Autorin sehr farbenfroh und lebendig regionales Ambiente entstehen und zeichnet die Einwohner ihrer eigenen Wahlheimat liebevoll augenzwinkernd als zugänglich und hilfsbereit, was zudem eine willkommene Abwechslung zu den tragischen Vergangenheitsereignissen bietet. 
Darüber hinaus ist die leidgeprüfte Beziehung der beiden Frauen Johanna und Phebe von so tiefer Freundschaft durchzogen, dass ich am Ende tatsächlich ein Tränchen verdrücken musste. 
Im Übrigen fieberte ich der Aufklärung aufgeregt entgegen, da ich zwar einen gewissen Verdacht hatte, am Ende aber doch überrascht wurde, vor allem auch durch den Mut der Protagonistin, sich auf eigene Füße zu stellen und allem Widerstand die Stirn zu bieten.
Ich hatte Gelegenheit, den Roman im Rahmen einer Leserunde zu lesen. 
Im Zuge dessen wurde festgestellt, dass Jahreszahlen nicht stimmten. 
Obwohl mir selbst das gar nicht aufgefallen war, da ich vor allem die Ereignisse um Katja verfolgt habe, ohne auf die Zeitangaben in den Kapitelüberschriften zu achten, ist das doch bedauerlich und dürfte aufmerksame Leser stören. Mich hat der Lapsus nicht vorrangig gestört, aber die Autorin war so freundlich, die Passagen richtig zu stellen, und es bleibt zu hoffen, dass der Verlag die nächste Ausgabe entsprechend korrigiert, damit Leser, die keine Gelegenheit zu einer Leserunde haben, nicht verwirrt werden. Betroffen sind hier die Passagen auf den Seiten S. 115, 142, 158, 200 und 216 - die Geschehnisse ereignen sich noch 2010 und nicht bereits im Jahr 2011. Weiterhin wird gleich zu Beginn erwähnt, "nach mehr als siebzig Jahren" (Seite 23) habe man die sterblichen Überreste der Phebe Parkinson gefunden. Da diese im realen Leben wie auch im Buch 1944 verstorben ist, sind nach Adam Ries im Jahr 2010 (der Roman verlegt die Umbettung hier um einige Jahre) noch keine siebzig Jahre vergangen. Zudem herrscht Verwirrung um das Geburtsjahr des Großvaters, der am Ende des Buches im Jahr 2011 seinen Neunzigsten feiert, in einer Passage, die eine sehr wichtige Episode im Jahr 1928 beschreibt, nach Aussagen seines eigenen Vaters jedoch zwei Jahre alt gewesen sein soll. Gerade bei einem Roman, der den Leser mit einer Vielzahl von Zeitebenen konfrontiert, sollte dort möglichst kein Fehler unterlaufen.
Mich haben jedoch die Figuren mehr in ihren Bann geschlagen, sodass ich an keiner Stelle das Gefühl hatte, den Faden zu verlieren. 
Die Fülle an Vergangenheitsdramatik, gepaart mit dem in der Gegenwart liegenden Aufklärungsdrang, birgt gewissermaßen die Gefahr, dass die beiden Handlungsstränge nur oberflächlich zusammenlaufen. Im Grunde erfahren wir mehr oder weniger nur das, was Katja anhand ihrer Nachforschungen zusammentragen konnte. Das aber ist durchweg interessant und spannend. "Die verbotene Geschichte" eröffnet vielfältige Einblicke in das Papua-Neuguinea von gestern und heute. 
Es ist der lebendigen Erzählweise der Autorin und dem dynamischen Wechsel von Schauplätzen und Zeiten zu verdanken, dass "Die verbotene Geschichte" trotz der erwähnten Holpersteine ein sehr spannendes Lesevergnügen bietet, sodass ich den Roman nur schwer aus der Hand legen konnte. 

Fazit: 
Leicht zu lesender Roman, der Gegenwart und Vergangenheit spannend und  abwechslungsreich mit leidgeprüften, starken Protagonisten verquickt und vor dem Hintergrund eines Familiengeheimnisses Südseeflair historisch, kulturell und sozial lebendig werden lässt. Zeitliche Lapsus dürften akribische Leser zwar stören, dem Lesesog tun sie jedoch wenig Abbruch. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 
(Für mich zählten die Geschichte und ihre Figuren mehr als zeitliche Präzision - Verlagsmenschen sind schließlich auch nur Menschen ;-))





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: Werbeagentur ZERO, München
  • ISBN-10: 3426513358
  • ISBN-13: 978-3426513354
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 3 cm 
  • Neupreis: 9,99 € 
  • Auch als E-Book erhältlich.



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