Sonntag, 28. Juli 2013

... über "Der Honiggarten" von Fiona Shaw


Eine sanfte Liebe - warm wie ein Bienenstock im Winter, gefährdet durch das Gift der Kleingeistigkeit

(c) Droemer Knaur
Zum Inhalt:
Nach zwanzig Jahren kehrt Charlie noch einmal an den Ort seiner Kindheit zurück. An den Ort, an dem sich sein Leben änderte, als er zehn Jahre alt war. Damals lebt er mit seinem Vater und seiner Mutter in einfachen Verhältnissen. Die Mutter arbeitet seit zehn Jahren in der örtlichen Radiofabrik und kümmert sich, wie es sich für eine gute Ehefrau geziemt, fürsorglich um den Haushalt. Charlie liebt sie sehr. Mutter und Sohn haben eine innige Beziehung; sie fördert seinen kindlichen Forscherdrang, und während sie kocht, liest ihr Charlie aus einem der vielen Bücher vor, die sie sich so gerne aus der Bücherei ausleiht. Der Vater aber glänzt durch Abwesenheit, mal ist er arbeiten, dann wieder geht er allein aus. Ihr Leben ist ereignislos und repetitiv. So wird beispielsweise sonntags immer bei Tante Pam, der Schwester des Vaters, zu Mittag gegessen, obwohl die Charlies Mutter Lydia noch nie leiden konnte. Erst als Charlie in eine Prügelei gerät und von seinem Vater Robert wiederwillig zur Hausärztin gebracht wird, hält Neues Einzug in seinen Alltag. Die Ärztin Jean züchtet in ihrer raren Freizeit Bienen und lädt, Charlies Neugier und Interesse erkennend, ein, ihr dabei zu helfen. Von da an verbringt Charlie jede freie Minute im urwüchsigen Garten ihres alten Hauses, hilft, lernt und forscht, lauscht den Bienen und erzählt ihnen von seinem Alltag. Als Robert die Familie schließlich verlässt, finden Charlie und Lydia in Jean eine zuverlässige Freundin. Charlie genießt es, wie seine Mutter wieder aufblüht, doch bald verbreiten sich unbedachte, unschuldige Worte zu Gerüchten mit ungeahnten Folgen. 

Meine Meinung: 
Fiona Shaws "Der Honiggarten" ist inzwischen nicht mehr neu (deutsche Erstausgabe 2011) und leider nur noch gebraucht erhältlich. Ich bin froh, dass ich mir den Roman als Gratisbeigabe bei einer Bestellung bei meinem Lieblingsanbieter für Mängelexemplare ausgesucht habe, denn sonst wäre mir eine sehr einfühlsame Geschichte entgangen. 
Der Umschlag, der von der Münchener ZERO Werbeagentur gestaltet wurde und eine Mohnblüte auf grünem Hintergrund zeigt, lässt sich auf den ersten Blick nur schwer mit einem Roman, in dem Bienen und Honig einen roten Faden bilden, vereinbaren, zumal Mohn eher als Pollenlieferant fungiert, anstatt Honig zu liefern. Dennoch symbolisiert die rote Blüte sehr gut den letzten Sommer, den Protagonist Charlie in seiner Heimatstadt verbringen darf. Einen Sommer, in dem er ein Stück älter wird, von Wut auf seinen Vater erfüllt ist, aber dennoch Kind sein darf, Freundschaft erfährt und erlebt, dass seine Mutter wieder Lebensfreude findet. 
Fiona Shaws Roman spielt im England der 1950er Jahre. 
Eine gute Dekade nach Kriegsende sind die gesellschaftlichen Strukturen klar umrissen. 
Die Frauen der Arbeiterschicht gehen einer Berufstätigkeit nach, sind auch zu Hause noch voll für Mahlzeiten, Haushalt und Kinderbetreuung zuständig. 
Männer tun und lassen, was sie wollen. Auch wenn sie fünf Jahre mit offenem Hosenstall um die Häuser ziehen, darf Frau noch lange keine Einwände erheben, und die Entscheidung über Fortbestand der Familie und den Verbleib von Kindern liegt beim Mann. 
Besuch empfängt man immer wohlfrisiert und mit einem Hauch Rot auf den Lippen. 
Unverheiratete Frauen brauchen bei Gesellschaften einen Tischherrn, um nicht ins Gerede zu kommen, und ungewollten Kindern droht die Häkelnadel. 
Gleichgeschlechtliche Liebe gilt nicht nur als unnatürlich, sondern wird, zumindest bei Männern, sogar strafrechtlich verfolgt. 
All diese Themen führt Fiona Shaw in der Kleinstadt ihres Romans mit all ihrem Klatsch und Tratsch und dem Mief von Prüderie, der uns heute den Kopf schütteln lässt, zusammen. 
Dabei bewegt sie sich mit ihren Figuren auf einem recht schmalen Grat zwischen stereotyp und authentisch. 
Vor allem Robert Weekes gibt in dieser Hinsicht eine bedauernswert archaische Gestalt ab, ach so männlich in seinen Anforderungen und seinem Unverständnis gegenüber der Ehefrau. Als Familienvater und Ehemann kommt er besonders schlecht weg, da er in diesem Roman, der in Perspektivwechseln den auktorialen Erzähler seinen Sohn Charlie, seiner Frau Lydia und Ärztin Jean über die Schultern blicken lässt, keine eigenen Szenen erhält, die sein Denken und Fühlen aus seiner Sicht näher beleuchten würden. Dort zählt nur, wie er sich gegenüber seiner Familie verhält, seine Worte, die wehtun, sein eifersüchtiges Desinteresse am eigenen Kind und sein beleidigtes Ego, als Lydia weiterzieht.
Dazwischen steht Charlie, zehnjährig, unschuldig, ein ganz normaler Junge, voller Entdeckungsdrang und so unverbrüchlicher Liebe zu seiner Mutter, die es nie versäumt, ihm ihren Stolz und Anerkennung zu vermitteln. Durch seine Augen und aufgrund der Drittperspektive zum Teil bedrückend analytisch erleben Lydia, die noch recht jung und ausgesprochen hübsch ist und sich trotz der schweren, mitunter risikoreichen Arbeit in der Fabrik eine aufrechte Haltung bewahrt hat und in Büchern eine Zuflucht findet. Wir sehen sie auf ihrem Fahrrad nach Hause radeln, in Gedanken bei ihrem Sohn. Mit bewundernswerter Tapferkeit erträgt sie die Ablehnung durch Roberts Familie. Sie ist als eine Frau gezeichnet, für die das Wohl ihrer Familie an erster Stelle steht und die ihre Entscheidungen auf ihre Familie ausrichtet, sich selbst aber wenig Freiheiten zugesteht - ein paar Tanzabende mit Freundinnen aus der Fabrik und ihre Freude am Lesen einmal ausgenommen. Lydia ist eine Frau, die ahnt, aber nicht wahrhaben will, und dementsprechend aus allen Wolken fällt. Aus heutiger Sicht mag ihre Situation vielleicht nur halb so dramatisch scheinen, doch in der Zeit, die Fiona Shaw für ihren Roman gewählt hat, gleicht Alltag einem Spießrutenlauf. 
Schonungslos lässt die Autorin den Leser, vor allem auch in starken Dialogen, daran teilhaben, wie sehr hier der Frau das Scheitern der Familie in die Schuhe geschoben wird. Lydia ist plötzlich an allem schuld: Vernachlässigung ehelicher Pflichten, Verhätscheln des Kindes ... 
All dies ist der Hausärztin Jean Markham eher fremd. In der Mittelschicht zu Hause, von den Eltern mit nur wenig Liebe bedacht, übt sie den Arztberuf seit Jahren gewissenhaft aus. Doch sie ist allein. Seit jeher gilt sie als klug, aber nicht als schön. Selbst ihre Haushälterin hatte gehofft, die Ärztin einmal mit Ring am Finger zu sehen, weil es, Jahre nach dem Krieg, da die Männer nach Hause zurückgekehrt seien, nicht mehr nötig sei, dass Frauen ihres Standes arbeiten. Jean aber arbeitet unermüdlich, kämpft sich durch Masernepidemien und findet ihren Ruhepol bei ihren Bienenvölkern. 
Fiona Shaw nimmt sich zu Beginn ihres Romans viel Zeit, um den Charakter der Jean einzuführen, ihr ein Gesicht und ein freundschaftliches Umfeld zu geben. Ganz bewusst führt sie Jean nicht mit den üblichen Klischees ein, die erahnen ließen, dass ihr Interesse an Frauen liegt. Sie konzentriert sich vielmehr auf eine gebildete Frau, die eben nie geheiratet hat und ihre Prioritäten anders verteilt. Was anfänglich als Geduldprobe anmutet, wird im Laufe des Romans durch Shaws einfühlsame Schilderung der Beziehung zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen wieder wettgemacht. 
So sanft, wie Charlie seine Leidenschaft für Bienen und Insekten im Allgemeinen entdeckt, entspinnt die Autorin eine tiefe Liebe zwischen den Frauen, die einen vollkommen verschiedenen familiären und gesellschaftlichen Hintergrund mitbringen.
Beide sind erwachsen und sich wohlbewusst, dass sie sich jenseits der gesellschaftlichen Konventionen bewegen. Und beide sind zunächst überrascht, was sie füreinander empfinden.
Doch in einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, quasi alle Frauen in derselben Fabrik arbeiten, bleibt nichts lang geheim, und ohne Rücksicht auf Verluste werden Gerüchte verbreitet, die gar nicht erst hinterfragt werden, sondern nach und nach ihre Auswirkungen haben. Vor allem auf Charlie, der mit seinen Kinderaugen gar nicht sieht, dass seine Mutter und Dr. Markham mehr als nur gute Freundinnen sind. 
Der Handlungsstrang um die imkernde Jean ist recht fehlerbehaftet. Beispielsweise beschreibt die Autorin das Honigschleudern und die entsprechenden Vorbereitungen unnötig ausführlich, vergisst aber Schritte an der Stelle, wo sie normalerweise hingehören. Auch wirkt das in der Übersetzung gewählte Vokabular zumindest für mich, die ich seit vielen Jahren von Imkerjargon umgeben bin, zum Teil unbeholfen. Termini wie Volk oder Beute wären oftmals passender, als ausschließlich von Stock zu sprechen, und die Vorstellung, dass Zellen anstatt Waben geschleudert werden, ließ mich schmunzeln. Dass Bienen im Winter schlafen, kann ich auch nicht bestätigen. Dem möchte ich aber wenig Bedeutung beimessen, da vermutlich die wenigsten Leser Einblick in die Magazinimkerei (die Jean da ganz offenbar betreibt) haben und sich daran kaum stören dürften. 
Trotz der fachlichen Lapsus gelingt es der Autorin nämlich sehr gut, die Biene als Metapher und bindendes Element einzusetzen. Mehr als einmal erwähnt sie die Kommunikation der Bienen, etwas, das ihren Protagonisten Lydia und Robert in den Ehejahren abhanden gekommen zu sein scheint. Nicht nur ihnen, auch die meisten Menschen im Ort ziehen sich eher tuschelnd zurück, anstatt mit denen, die es betrifft, offen zu kommunizieren. Für Charlie, der bei seinem Vater kein Gehör findet, werden die Bienen eine Art Ersatzpartner. Ihnen vertraut er sich an, und sie können seine Worte natürlich nicht verdrehen oder anderen preisgeben. Auch die Ruhe und Behutsamkeit, die Charlie an Jeans Bienenvölkern erlernt, fehlt dem kleinstädtischen Umfeld. Nicht zuletzt ist es auch ein Glas Honig, mit dem Charlie, stolz auf seine Leistung, die Gunst des Vaters zu gewinnen versucht und das gewissermaßen ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Charlies Rückkehr bildet. Aber wie die Biene hat auch der Mensch die Chance, davonzufliegen und sich da niederzulassen, wo er bessere Bedingungen findet. 

Fazit: 
Gesellschaftsroman, der einfühlsam und mit poetischem Gespür die Geschichte eine zerrütteten Kleinfamilie im England der 1950er Jahre erzählt und zwischen zwei gegensätzlichen Frauen eine sanfte, erwachsene Liebe erblühen lässt, die dem Kleinstadtgeist kaum die Stirn zu bieten vermag. Eine Geschichte über Mutterliebe und den Verlust der Unschuld, einnehmend und bittersüß zugleich.

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (7. Februar 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Karin Dufner
  • Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
  • Umschlagabbildung: plainpicture/wildcard
  • ISBN-10: 3426506815
  • ISBN-13: 978-3426506813
  • Out of print

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