Dienstag, 5. Februar 2013

... über "Adieu, Sir Merivel" von Rose Tremain

Rose Tremain 

Was von sinnlicher Dekadenz übrig blieb ...

Zum Inhalt: 
Robert Merivel hat weit aufregendere Zeiten hinter sich. 
Ehemals Leibarzt der königlichen Hundemeute und Unterhalter Seiner Majestät genoss er neben den Ausschweifungen am Hof auch die Gunst des Königs. Bis Charles ihn mit seiner Mätresse Celia vermählt und Merivel, trotz ausdrücklichen Verbots, seiner Frau Avancen macht. Ende 1683 stehen der Arzt und der König zwar wieder auf gutem Fuße, aber auf Merivels Landgut Bidnold wird es einsam. Tochter Margaret verlässt das Haus, und dem alternden Merivel bleiben sein noch älterer Diener Will, eine überschaubare Dienerschaft und seine Patienten. Den 57-Jährigen packt noch einmal das Abenteuerfieber. Mit einem Empfehlungsschreiben Charles' in der Tasche macht er sich auf nach Versailles. Den Sonnenkönig will er kennenlernen, seinen prunkvollen neuen Hof erleben und vielleicht sogar in seine Dienste treten. Kaum in Frankreich angekommen, platzt auch schon Merivels Seifenblase. Versailles quillt über vor Audienzsuchenden, und Louis XIV. hat keineswegs auf einen alternden englischen Arzt wie Merivel gewartet. Während Merivel sich mit einem Niederländer eine enge Absteige teilt und sich von Erbsen und Marmelade ernährt, lässt er sich die Gewänder nach neuester französischer Mode ändern und begegnet der charmanten Louise de Flamanville. Der Lebemann in Merivel wird von der intelligenten Französin (und ihrem sexuellen Appetit) neu geweckt, und die Affäre mit ihr lenkt ihn erfolgreich von der Enttäuschung, keine offizielle Audienz bei Louis erhalten zu haben, ab. Doch Louise ist - wenn auch unglücklich - verheiratet, und nicht zuletzt dieser Umstand veranlasst den Engländer zur Heimkehr. Gute Neuigkeiten erwarten ihn allerdings dort nicht. Seine Tochter Margaret ist an Typhus erkrankt, und für Merivel beginnt ein Winter des Kampfes um das Überleben seines einzigen Kindes, ein Winter, in dem die Freundschaft zu König Charles wieder auflebt und Louise, die er für die große Liebe seines Lebens geglaubt hatte, beinahe in Vergessenheit gerät. Doch das Ende hat bereits seinen Anfang genommen ... 

Meine Meinung: 
Ich möchte vorausschicken, dass "Adieu, Sir Merivel" die Fortsetzung von Rose Tremains 1989 erschienenen Roman "Zeit der Sinnlichkeit" ist. Dieser ist nun etwa zeitgleich mit der gebundenen Ausgabe von Rose Tremains neuem Werk bei Insel Taschenbuch als Taschenbuch in Neuauflage erschienen. Im Übrigen wurde "Zeit der Sinnlichkeit" 1995 mit Robert Downey Jr. verfilmt. 
Leider wird das weder im Buch noch auf dem Umschlag erwähnt. 
Im Grunde ist die Kenntnis des ersten Romans nicht notwendig, da der Ich-Erzähler Robert Merivel die wichtigsten Ereignisse der vergangenen zwanzig Jahre noch einmal zusammenfasst, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Lektüre des Vorgängers hilfreich sein kann, um die Entwicklung des Charakters Merivel vom jungen Lebemann hin zu einem gereiften Mann, dem als Arzt sehr an seinen Patienten gelegen ist, der aber andererseits das Gefühl hat, auf seinem Landgut zu versauern, eingehender für sich zu erschließen. 
Allerdings muss ich sagen, dass ich nach "Adieu, Sir Merivel" kaum Lust auf noch mehr historisches England verspüre. 
Mit dem gealterten Robert Merivel hat Rose Tremain einen Charakter geschaffen, der nur schwer zu ertragen ist. So sehr er sich durch seine Zuneigung zu seiner Tochter, die er per Kaiserschnitt entbinden musste und dabei ihre Mutter opferte, seine treue Verbundenheit mit seinem fast väterlichen Diener und seine immer wieder durchscheinende Kompetenz als Arzt hervortut, so sehr bekleckert er sich doch auch mit einiger Überheblichkeit, Anhänglichkeit gegenüber dem König und Unentschlossenheit. 
Er ist der Inbegiff eines alten Mannes, der meint, etwas verpasst zu haben und jetzt noch einmal so richtig auf den Putz hauen muss. Letzten Endes aber hat er trotz aller Loyalität keinen Arsch in der Hose, sodass es schwerfällt, diesem Charakter Sympathie entgegen zu bringen. 
Dem Umstand, diesem Charakter zu folgen, der zwischen Jammern und Arroganz in antiquierter Sprache seinen Lebensweg über zwei Jahre hinweg schildert, ist es geschuldet, dass ich für die 445 Seiten gut zwei Lesewochen benötigte. 
Über den gesamten Roman hinweg wurde ich den Eindruck nicht los, Merivel sei sehr bemüht, auch ja nichts in seinen Memoiren zu vergessen. So nutzt er die unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Verkehrsmittel recht lange Reise, die ihn von Bidnold über Charles' Hof und den Ärmelkanal nach Versailles führt, um ausschweifende Rückblicke auf jene Zeiten zu werfen, in denen der König und er noch jung und potent gewesen waren. Dann wieder scheint ihm jede noch so kurze Begegnung wichtig. Wie er auch lernen wir neue und alte Charaktere kennen, wobei es unerheblich ist, ob diese im Verlauf der Geschichte noch einmal auftreten oder nicht. Dabei ist man rasch geneigt, den Faden zu verlieren.
"Adieu, Sir Merivel" gehört auch zu jenen Romanen, an die ich mit falschen Erwartungen herangegangen bin. Fälschlicherweise hatte ich mir von Rose Tremains historischem Roman die Geschichte eines Engländers in Frankreich erhofft, und der Dämpfer, der Merivel bei Ankunft aufgesetzt wurde, versprach im ersten Moment einen netten kleinen Kulturschock. Merivels Aufenthalt in Frankreich ist jedoch nicht mehr als ein kurzes und oberflächliches Zwischenspiel. 
Selbst die Affäre mit Louise de Flamanville weiß nicht mit Leidenschaft oder Sinnlichkeit zu bestechen, was ich jedoch Merivels leicht arroganter, leidenschaftsloser Erzählweise zuschreiben möchte. Diese vereitelt es denn auch, sich in die zahlreichen weiteren Charaktere hineinzufühlen. Kaum ein Charakter aus Merivels näherem Umfeld konnte sich mir mit einem einem Gesicht einprägen, und es entstand ein allgegenwärtiges Bild von Verbitterung und Ressentiments, in dem die Suche nach subtileren Zwischentönen zu anstrengend wurde. 
Anstrengend ist auch die Sprache des Romans, denn aufgrund der Ich-Erzählung hält sich auch die Übersetzung an verstaubte Ausdrücke und Sprachkonventionen. Das verleiht der Erzählung zwar einen authentischen Touch, macht "Adieu, Sir Merivel" aber nicht unbedingt zu flüssiger Lektüre. Dazu trägt außerdem der gehäufte Zeitwechsel zwischen Präsenz und Vergangenheitsformen bei, der dazu führt, dass man sich zunächst auf den Erzählebenen verliert. Etwas befremdlich fand ich zudem, dass in der Übersetzung die Namen der Könige im Original belassen wurden, wo Karl und Ludwig im Deutschen doch durchaus üblich sind. Da ich nun aber kein passionierter Historienromanleser bin, ist es nicht auszuschließen, dass mir hier gegenteilige Üblichkeiten entgangen sind.
Positiven Eindruck konnte Rose Tremain jedoch mit ihrer Darstellung des ausgehenden 17. Jh.s. hinterlassen. Wie auf dem Schutzumschlag, der eine marode Tapisserie zeigt und einen goldenen Festeinband freigibt, bröckelt die Fassade. Dabei ergeht sie die Autorin jedoch nicht in historischen Fakten oder Begleitgeschehnissen, sondern konzentriert sich vorrangig darauf, ihre Geschichte um Merivel abzuschließen. Wie die Charaktere selbst, wirken auch das Land und seine Gesellschaft zunehmend gealtert. Von ausschweifender Dekadenz und Opulenz ist wenig zu spüren. Im Gegenteil, Merivel ist kaum in der Lage, den König, der ihn überraschend besucht, als Margaret im Krankenbett dahinsiecht, angemessen zu bewirten. Er lebt quasi ausschließlich vom Loyer, das der König ihm für sein Landgut zukommen lässt, achtet ansonsten aber kaum auf ein vernünftiges Mahnwesen und behandelt seine Patienten oft, ohne sein Honorar einzufordern. Dann wieder schießt er sich mit dem vom König bezahlten Opium lieber selbst ab und steht dann, als er es für eine Patientin bräuchte, vor einem zusammengeschrumpften Vorrat. (Angesichts solcher Exzesse habe ich mich oft gefragt, wie denn der gute Merivel seine Tochter groß bekommen hat.) Gleichzeitig wirken die Handlungsstränge in England geradezu dunkel, während nur die Szenen mit Louise etwas Sonne bekommen. Merivels Arbeit wird mit ihren unsauberen Details beschrieben, so hat er beispielsweise eine Brustkrebsoperation durchzuführen, die stellvertretend sein Können illustriert, aber auch seine Grenzen aufzeigt und den Ausgangspunkt von Verlusten markiert, mit denen sich Merivels Zeit ihrem Ende zuneigt. 
Gern hätte ich mehr von der Figur Louise de Flamanville gelesen. Die Mitvierzigerin vertritt ein eher fortschrittliches Frauenbild, ist vielseitig interessiert, kann Merivel sogar mit ihrem Wissen unterstützen, und verhehlt ihre Bedürfnisse nicht. Leider fällt sie Merivels Loyalität zum König, die oft nur wie irrationale Anhänglichkeit wirkt, und wahrscheinlich auch seinem Trauma, das er weder für Celia, seine königlich angetraute Ehefrau, noch für Katharine, die für ihre gemeinsame Tochter starb, gut genug war und deshalb auch für Louise nicht gut genug sein kann, zum Opfer.
Aber "Adieu, Sir Merivel" ist nun mal keine Liebesgeschichte, sondern der Abschied von Sir Robert Merivel. Allerdings fällt der mir nicht allzu schwer

Fazit: 
Historischer Roman im England des ausgehenden 17. Jh.s., dessen Handlung leise dahinschlängelt und mit kurzem Aufbäumen eine prunkvolle, ausschweifende Ära zweier Männer beendet. Anstrengender Protagonist, oberflächliche Charaktere, zeitbedingt altertümliche Sprache und zu wenige Lichtblicke vor gehäuft tragischem Geschehen machen "Adieu, Sir Merivel" eher zu trister und langwieriger Lektüre. 

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen
 





 


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