Donnerstag, 3. Januar 2013

... über "Wintermädchen" von Laurie Halse Anderson

Laurie Halse Anderson 
Eine Geschichte, die verstört und unter die Haut geht

Zum Inhalt: 
Cassie und Lia waren einmal beste Freundinnen, von Kindesbeinen an, seit Cassie in der zweiten Klasse in Lias Leben trat. Von da an teilten sie alles. Eis am Stiel, schöne wie schlechte Momente. Und auch Cassies Geheimnis. Lia sieht dabei zu, wie Cassie eine Essstörung pflegt. Hilflos und tatenlos zugleich. Schlimmer noch: In der achten Klasse schließen die Mädchen in einer Silvesternacht sogar einen Pakt. Sie schwören sich, gemeinsam die schlankesten Mädchen der Schule zu werden. Während Lia erfolgreich Kalorien zählt und abnimmt, bis sie eines Tages hinter dem Lenkrad das Bewusstsein verliert, einen Autounfall verursacht und in Therapie muss, ist Cassie in ihrer Bulimie gefangen, und sie beschuldigt, Lia, ihre Essstörung gefördert zu haben. Die Mädchenfreundschaft, die gemeinsame Kindheit, zerbricht am Konkurrenzkampf. Nach zwei Klinikaufenthalten befindet sich Lia schließlich vermeintlich auf dem Weg in ein gesundes Leben. Sie zieht in den Haushalt ihres Vaters, zu Stiefmutter und Stiefschwester. Fern von der ehemaligen besten Freundin, noch immer in gefährlich knappen Abstand zum kritischen Gewicht. Doch dann stirbt Cassie. Mit nur neunzehn Jahren. In einem Motelzimmer. Völlig allein. Nachdem sie Lia dreiunddreißig Mal angerufen hatte. Aber Lia ist nicht ans Telefon gegangen. Nun beginnt für Lia die Spirale von Neuem. Von Stimmen befehligt und schuldzerfressen hungert sie. Kilo um Kilo kommt sie ihrem Ziel zu schweben immer näher. Und damit auch Cassie, die sie in der Welt der Wintermädchen ruft ... 

Meine Meinung: 
"Wintermädchen" ist ein Jugendroman, der mich von der ersten Seite an nicht mehr loslassen wollte. 
Er beginnt unmittelbar mit Cassies Tod, und in der Folge muss Lia nicht nur diese Tatsache verarbeiten, sondern durch Erinnerungen und Halluzinationen hindurch kämpft sie einen fast aussichtslosen Kampf gegen die eigene Vernunft und Nahrung
Zernagend oft wiederholt sie die Nachricht von Cassies Tod, wie sie diese von ihrer Stiefmutter Jennifer erfahren hat. Genauso, wie sie unablässig jedem Nahrungsmittel eine Kalorienzahl zuordnet, zählt sie immer und immer wieder von eins bis dreiunddreißig. So oft hat Cassie sie angerufen, auf die Mailbox gesprochen. Alles in einer Nacht. Und dann ist sie gestorben. Innerlich zerrissen. Und Lia gibt sich die Schuld. 
Auf ihre Weise schreit sie nach Hilfe, verschleiert dies aber so erfolgreich, dass ihr Umfeld sie nicht hören kann. Autorin Laurie Halse Anderson erzählt ausdrucksstark, in mitunter eigenwilligen Bildern, aber ohne erschlagende Wortgewalt, von dieser jungen Frau, die in ihrer kalten Welt gefangen ist. Denn nur da ist vermeintlich alles in Ordnung.
Ihre Eltern sind geschieden, der Vater hat eine neue Familie, während die Mutter mit ihrem Beruf verheiratet bleibt. Beide Elternteile sind überlebensgroße Pseudovorbilder, die Mutter Kardiologin, der Vater Universätprofessor, der außerdem erfolgreich Bücher veröffentlicht. Mit beklemmender Distanz spricht die Ich-Erzählerin Lia mehrheitlich von Dr. Marrigan und Professor Overbrook anstatt von Mom und Dad. Oft ist das, was sie eigentlich sagen oder schreiben will, durchgestrichen und wird durch schonungslose Aussagen ersetzt. Da sind einerseits Hunger und auch Lust auf Nahrung und Geschmack, die Lia sich selbst verbietet, und andererseits Normalität, in der Lia sich um die neunjährige Stiefschwester Emma kümmert, die sie liebt und für die sie sogar Nahrung zubereiten kann. Dennoch widersetzt sich die junge Frau dem alltäglichen Normalen. Sie nutzt jede Gelegenheit, um zu verschleiern, dass sie nichts isst, und lässt ihre Stiefmutter Jennifer, die sie pflichtbewusst auf die Waage schickt und ihr Gewicht notiert, im Glauben, alles liefe normal. Morgens trinkt sie so viel Wasser, wie in sie hineinpasst, den Bademantel beschweren Münzen, damit die Waage das richtige Gewicht anzeigt, und der leergegessene schmutzige Teller des Vaters dient ihr als Frühstücksalibi, sobald er das Haus verlassen hat.  
Die Autorin versucht weniger, das Warum von Lias Normalitätsverweigerung zu analysieren, sondern schildert schonungslos ihre Zerrissenheit, foltert sie mit Halluzinationen von Cassie, lässt sie sich selbst zerfleischen und verleiht ihr eine äußerliche Selbstwahrnehmung, die so schockierend ist, dass man beim Lesen fast körperlichen Schmerz empfindet. Sie beschönigt nichts, sodass man schon fast den Punkt der Hoffnungslosigkeit erreichen möchte. 
Laurie Halse Anderson erzählt aber auch feinfühlig und vermeidet Schuldzuweisungen. Während Lia sich zwar selbst die Schuld zuweist, dass sie Cassies Tod nicht verhindern konnte, wird kein mahnender Zeigefinger erhoben, der unmissverständlich den Schuldigen für die Essstörungen beider Mädchen identifizieren würde. Verdachtsmomente tun sich auf, doch es bleibt nur jener Moment des Schwurs einer Silvesternacht, der so banal wie verhängnisvoll ist und vermutlich gerade einmal die Spitze eines Eisberges von Ursachen sein dürfte. Die Autorin zeigt zudem die Hilflosigkeit aller Beteiligten. Die Mutter, die ihre Unsicherheit über ihr "Baby, das kaputt gegangen ist", mit wissenschaftlich-professioneller Abgeklärtheit zu überspielen versucht, und bereit ist, alle Beziehungen spielen zu lassen, um volle Kontrolle über die rein rechtlich erwachsene Tochter zurückzuerlangen. Den Vater, der sich jahrelang in Affären flüchtete und nun in seiner neuen Familie Halt findet, aber trotzdem zu mitternächtlichen Kühlschrankbesuchen aufbricht. Jennifer, die Stiefmutter, die ein eigenes Kind mit in die Beziehung bringt und zusätzlich ein erwachsenes Stiefkind buchstäblich überwachen muss. Und schlussendlich die neunjährige unschuldige Emma, die miterleben muss, wie Lia sich ritzt, nur um zu fühlen. Trotz allem gibt das Patchworkkonstrukt nicht auf, will die Hilflosigkeit überwinden, damit Lia endlich auftauen kann. 
Ein langer Weg, akribisch recherchiert und eigenwillig, authentisch erzählt. 

Fazit: 
Ein Jugendroman, der unprätentiös und ohne vordergründiges Moralisieren für ein präsentes Thema sensibilisiert und ohne laute Töne, aber mit kraftvollen, emotionalen Bildern aufwühlt und nachwirkt. Ein Roman, bei dem man sich vor der Lektüre im Klaren sein muss, dass man unter Umständen in eine hilflose, ja zum Teil verständnislose Beobachterposition geschoben wird, die Geschichte aber unnachgiebig unter die Haut kriechen und dort lange verweilen kann. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Ravensburger Buchverlag; Auflage: 1 (1. Juli 2010)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Salah Naoura
  • Umschlaggestaltung: Dirk Lieb
  • ISBN-10: 3473353213
  • ISBN-13: 978-3473353217
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre

Erhältlich als: 










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