Freitag, 4. Januar 2013

... über "Ich werde immer da sein, wo du auch bist" von Nina LaCour

Nina LaCour 

Eine Freundschaft, die dir alles gibt und das Leben weitergehen lässt

Zum Inhalt: 
Caitlins Welt ist zusammengestürzt. Von einem Tag zum nächsten. Ihre beste Freundin Ingrid, mit der sie durch dick und dünn gegangen war und die sie genau zu kennen geglaubt hatte, hat sich das Leben genommen. Ein Mensch mit einer besonderen Wahrnehmung, voller Gespür für Bilder und voller Träume ist mit nur sechzehn Jahren endgültig am Leben gescheitert, und auch die innigste Freundschaft konnte ihn nicht retten. Caitlin versteht die Welt nicht mehr. Ihre Fragen verpuffen unbeantwortet, und sie muss versuchen, ihr Leben ohne Ingrid weiterzuleben. Dann findet sie eines Tages unter ihrem Bett Ingrids Tagebuch, das diese wohl kurz vor ihrem Tod dort platziert hat. Mit jeder Seite erfährt Caitlin nun mehr über ihre Freundin und mit jeder Seite, die nicht nur Erinnerungen wach werden lassen, sondern auch tiefen Schmerz bereiten, gelingt es ihr mehr, sich zu verabschieden. Nach und nach kann sie sich einer neuen Freundschaft zu ihrer neuen Schulkameradin Dylan öffnen und sogar erste romantische Gefühle zulassen, bis sie Ingrid gehen lassen kann und sie mit einem Lächeln tief im Herzen bewahrt. 

Meine Meinung: 
Rein zufällig stand Nina LaCours Jugendroman über Verlust, Trauer und Abschied in meinem Regal gleich neben Laurie Halse Andersons "Wintermädchen", das nur im Hinblick auf den Verlust einer Freundin Ähnlichkeiten aufweist. Im ersten Augenblick wollte ich den Roman wieder beiseite legen, weil ich fürchtete, zwei schwer verdauliche Bücher in so kurzer Zeit könnten mich überfordern. Nachdem ich nun aber "Ich werde immer da sein, wo du auch bist" beendet habe, blicke ich auf das Buch und lächle, denn anstatt mich in Trauer zu erdrücken, spendet es Hoffnungsfünkchen. Schritt für Schritt. 
Nina LaCours Geschichte beginnt mit der vollendeten Tatsache, die jedoch zunächst nicht direkt ausgesprochen wird, sondern sich häppchenweise auf den ersten Seiten erschließt. 
Die sechzehnjährige Caitlin befindet sich noch mit ihrer Mutter im Sommerurlaub. Eine lange Auszeit, denn Caitlin muss sich von etwas erholen. Sie muss verarbeiten. Erst dann erfahren wir, dass ihre beste Freundin tot ist. Sich das Leben genommen hat.
Und dann ist der Sommer vorbei. Caitlin muss zurück in die Schule. Spießrutenlaufen zwischen mitleidigen Blicken und Getuschel. Allein muss sie zurück in den Fotografiekurs, in dem die begabte Ingrid im vergangenen Schuljahr der Star war und Caitlin sich geduldet vorkam. 
Das Mädchen jammert nicht. Sie schweigt. Doch in ihr arbeitet es. Sie leidet unendlich. Verloren in Fragen und tiefer Melancholie kann sie sich nicht aufraffen zu ihren Hausaufgaben, schleicht sich nachts auf den Rücksitz ihres Autos, das sie noch nicht fahren darf, weil sie die Führerscheinprüfung im letzten Schuljahr nicht abgelegt hat. In ihrem Auto hört sie The Cure und erinnert sich an Ingrid, und dort schläft sie schlussendlich auch ein. 
Ihre Eltern zeigen sich hilflos, üben jedoch weder Zwang noch Kritik. Sie akzeptieren die Trauer ihres Kindes, unterstützen Caitlin auf eher vorsichtige Weise, was diese durchaus wahrnimmt und gelegentlich in ihrer Ich-Erzählung mit einem leicht sarkastischen Anflug kommentiert. Neben einem Menschen zu stehen, der vermeintlich einsam alle Phasen der Trauer durchwandert, kann aufreibend sein und durchaus zu Konflikten führen. Nina LaCour umschifft solche allerdings, indem sie Caitlin in ein solides Zuhause hineinschreibt, das sie zu einem grundsätzlich gefestigten Charakter macht, dem man nur die notwendige Zeit geben muss, um seinen eigenen Weg wiederzufinden. Dies geschieht in "Ich werde immer da sein, wo du auch bist" auf eine angemessen gemächliche Weise, nicht zu knapp und nicht in die Länge gezogen. 
Caitlins Auseinandersetzung mit dem Vermächtnis ihrer Freundin und dem Neuen in ihrem eigenen Leben erhält ähnlich viel Raum, sodass das Hier und Jetzt bei aller Trauer nicht untergeht.  
Mit der Neuen, Dylan, kommt nicht nur neuer Tuschelstoff in Caitlins Schule, sondern auch eine neue Freundin in ihr Leben. Die Lesbe mit einem Faible für Physik und poetischem Textgespür kann zuhören, ohne unqualifizierte Kommentare abzugeben, und sie packt Caitlin nicht in Watte. Sie macht ihr klar, dass sie weder Ersatz noch Lückenbüßer sein will. Und je mehr Caitlin in Ingrids Tagebuch liest, desto mehr erfasst sie den Begriff Freundschaft. 
Ingrids Tagebuch ist etwas Besonderes. Es fällt nicht in die Kategorie: "Mein liebes Tagebuch, heute ist der dritte März und ich muss dir was erzählen", sondern es ist in Briefform gestaltet. Briefe, die jeweils einen bestimmten Adressaten haben, mal die Eltern, mal Caitlin, dann wieder Jayson, in den Ingrid heimlich verliebt war, ein anderes Mal wiederum ist das Heute oder die Regenwolken der Empfänger. Außerdem sind die Briefe typografisch hervorgehoben, in anderer Schriftart und mit grauem Hintergrund. Damit stechen sie hervor und verleihen so Ingrid, die Caitlin in Worten und mit unzähligen Fotos begleitet, zusätzliche Präsenz und Sichtbarkeit. 
Nachdem ich zu Beginn der Lektüre eine gewisse Schwere verspürt habe und um einige Tränen nicht umhin kam, hellte sich meine Stimmung während des Lesens Schritt für Schritt auf. Einmal, weil Nina LaCour sich nicht in unzähligen psychologischen Ergründungsversuchen ergeht. Sie spricht Caitlin die Fragen nach dem Warum zwar nicht ab, konzentriert sich jedoch vordergründig auf das Akzeptieren von Fakten und das Abschiednehmen, was im Grunde wichtiger ist als lückenloses Wissen und Verständnis. So sehr Ingrid am Leben gescheitert sein mag, so sehr wird sie es wohl verstanden haben, dass es für Caitlin ein Danach geben muss. Auch wenn sie Caitlin selbst auffordert, sie zu vergessen, sorgt sie selbst dafür, dass Caitlin genau das nicht tut, wohl aber in der Lage ist, sie gehen zu lassen. Ingrid überlässt Caitlin ihr Tagebuch, weil sie ihr all die Sorgen, die sie im Alltag heimsuchten, nicht mündlich kommunizieren konnte. Auch wenn sie zunächst Caitlin damit eine kaum zu stemmende Bürde auferlegt, will sie letztendlich kein Verständnis erheischen, sondern mitteilen, dass sie niemanden mit ihrer Entscheidung verletzen wollte. "Die Sonne scheint nicht mehr für mich, das ist alles", schreibt sie (Seite 253 der gebundenen Ausgabe) und bricht damit auch Caitlins Suche nach Gründen ab. 
Im Verlauf dieses ersten Schuljahres ohne Ingrid lernt Caitlin, dass sie mit ihrem Schmerz nicht allein ist, und sie erfährt, wie andere Ingrid sahen. 
Als roter Faden zieht sich dabei das Thema Fotografie durch den Roman, Ingrids wichtigstes Hobby, das sie träumen lässt und schlussendlich auch Caitlin hilft, sich weiterzuentwickeln, menschlich wie künstlerisch. Auf diese Weise erhält Nina LaCours Geschichte einen visuellen Touch, der in tiefgründigen, nicht ausgelutschten Bildern die Protagonistin durch ihre Trauer begleitet. Mit Plätzen, die Caitlin mit neuen Menschen zu teilen lernt. Hin zu neuen Freundschaften und erwachsenen Entscheidungen. Hin zu einem Leben, das ohne Ingrid funktioniert, in dem Ingrid aber dennoch stets dabei sein wird. 

Fazit: 
Jugendroman über Verlust und Freundschaft, der mit feinsinnigen Bildern Emotionen zulässt und zu längerem Nachdenken einlädt, aber trotz traurig-melancholischen Grundtons für das Leben plädiert und leise Hoffnung spendet. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Fischer Schatzinsel; Auflage: 1 (3. März 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Nina Schindler
  • Umschlaggestaltung: Buchholz / Hinsch / Hensinger
  • Umschlagabbildung: Nina Rose Hardy
  • ISBN-10: 359685413X
  • ISBN-13: 978-3596854134
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre

Erhältlich als: 






Gebundene AusgabeKindle E-Book

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