Donnerstag, 10. Januar 2013

Einmal Kommunikationstraining, bitte!

Da steh ich nun, Sprachberufler mit halbpädagogischer Abstammung, und schimpfe schon mal prophylaktisch auf Elektrospielzeug aller Art. 
Immerhin bin ich das Resultat von liebevoll gefiltertem Pädagogiklehrbuchwissen und jahrelanger Praxis am fremden Kind (wer's nicht weiß, meine Mama war Erzieherin, eine gestrenge zwar, aber eine, bei der man was lernen konnte)
Groß geworden bin ich mit wertvollen Holz- und auch ein paar Plastebausteinen, vielen Blei- und Buntstiften, einem ferngesteuerten Auto, das noch existiert, aber in seiner gesamten Lebenszeit ganze dreißig Minuten funktioniert hat. 
Computerberührung hatte ich zeitalterbedingt mit süßen 19 im zweiten Unisemester. 
Als Filtrat aus Theorie und sinnvoll verbrachter Spielkindheit sträubte ich mich vehement gegen den Einzug von Computersuchtvorbereitern im Miniformat. 
Mit Stolz darf ich verkünden, dass ich mich drei Jahre lang durchsetzen konnte.
Nun aber hat mich der Weihnachtsmann (du oller Verräter, du!) einfach überrollt. 
Ich frag mich zwar, wo der die Kohle hergenommen hat, aber irgendwie landete unter dem Weihnachtsbaum so'n eckiges Ding mit zwei Displays, eins davon ein Touchscreen, und links und rechts so Knöpfen, die sich prima mit den Daumen bedienen lassen. 
Während ich immer noch wie der Ochs vorm neuen Tor stehe und keine Ahnung habe, wie das Dings mit den vielen Features überhaupt funktioniert, startet Sohnemann voll zeitgemäß durch. Klar, heimliches Training am fremden Gerät in Kindergarten und Hort ist ein absoluter Garant, um die Eltern noch älter und unmoderner aussehen zu lassen. 
Da haben wir also den Kabelsalat ...
Mit schlafwandlerischer Sicherheit überwindet das Kind die Kindersicherungen in den Steckdosen, um sein Suchtobjekt aufzuladen. 
Wer hat ihm doch gleich das mit dem Kabel und dem Stecker erklärt? 
Irgendwie war ich da abwesend ... 
Überall schleppt mein Fleisch und Blut, zu dem ich langsam die Verwandschaft leugnen möchte, so wenig hat das Kind von mir, das Dingens mit hin. 
Kein Raum der Wohnung ist vor ihm und der nervigen Mario-Levelmucke, die immer wieder voll aufgedreht wird, wenn ich nicht mehr in Hörweite bin, sicher. 
In fremden Welten nach Goldstücken (oder so) suchend versunken schleicht mein Nachwuchs durch den Haushalt, schleift das Kabel mit. Sogar bis ins stille Örtchen
Und ich stehe daneben und bewege den Mund wie ein Karpfen, der am Teichufer sein Sterbchen machen will.   
Ganz ehrlich? Noch nie bin ich mir so uncool vorgekommen. Der olle Verräterweihnachtsmann, der hat nämlich mit dem Kind einen Deal gemacht, und weil ich ja seit Weihnachten der Karpfen bin, ist bisher kein konstruktives Wort aus mir herausgeschlüpft.
Doch bevor ich mein ergrauendes Haar in Wasserwellen legen kann, wittere ich meine Chance für mütterliches Eingreifen. 
Wieder zieht der Kabelzieher nämlich an mir vorbei - Mario ist jetzt wohl in Ägypten, wie die Musik vermuten lässt - und schlendert gameversessen zum WC, wo er ungewöhnlich lang versackt. 
So schleiche ich denn hinterher und gewahre das Kabel auf den malachitfarbenen Fliesen. Die Pädagogenstimme in mir ruft zur Ordnung. Nun reicht's aber mit dem Kabelsalat. 
Wer auch immer das mit dem Kabel und dem Stecker erklärt hat, hat was falsch gemacht.
"Warum liegt das Kabel auf dem Fußboden?", schnarre ich mit bedeutungsschwangerem Unterton, der a) bei Kindern und b) bei Männern und solchen, die es mal werden wollen/sollen, sowieso nicht funktioniert.  
Er nimmt sich nicht mal die Zeit, hochzuschauen. Die gestreifte Unterhose schlackert um seine Füße, während die Daumen zielstrebig die Knöpfe bearbeiten. Ach ja, und hatte ich die Musik erwähnt? 
"Warum liegt das Kabel auf dem Fußboden?", will ich noch einmal wissen. Der strenge Gesichtsausdruck, den ich zusammenzimmere, macht nur Falten, ist ansonsten aber recht wirkungslos. 
"Weil ich es dort hingelegt habe", bekomme ich zur Antwort. 
Völlig unschuldig und wertfrei. Natürlich. 
Die Erkenntnis trifft mich tief in meiner Sprachmittlerehre. 
Mit eingezogenen Schultern ziehe ich von dannen, kann nicht mal das doofe graue Kabel aufheben. 
Kabelsalat macht mich sprachlos. 
Ich bin dann mal weg. Nein, nicht mit dem Dingens spielen, wenn's Kind schläft. Sondern die Sache mit der mütterlichen Kommunikation bedarf dringend einer Überarbeitung. 
Also geh ich denn mal arbeiten ...
An mir!     

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