Sonntag, 23. September 2012

Freitag, 14. September 2012

... über "Im Tal des wilden Eukalyptus" von Inez Corbi

Inez Corbi

Historisch authentisch und straff erzählt 


Zum Inhalt: 
Anmerkung: Dies ist der zweite Teil zu Inez Corbis Roman Das Lied der roten Erde, weshalb Spoiler nicht ausgeschlossen sind. 
Australien 1801: 
Moira, offiziell weiterhin verheiratet mit dem wesentlich älteren Alistair McIntyre, und ihr Geliebter, der ehemalige Sträfling Duncan O'Sullivan, leben inzwischen zusammen. Sie sind arm, aber glücklich, denn schließlich haben sie sich. Moira, die aus gutem Hause stammt und schwere Arbeit nicht kennt, fügt sich tapfer in ihre neuen Lebensumstände, kümmert sich um die einfache Hütte, Wäsche usw. und lernt das Kochen. Nach einer Fehlgeburt im vergangenen Jahr scheint ihr gemeinsames Glück mit Duncan perfekt, denn sie erwarten wieder ein Kind. Dieses Mal geht alles gut, und Moira schenkt einem gesunden Jungen das Leben. Das Leben ist jedoch im damals noch Neuholland genannten Australien alles andere als einfach. Die Eingeborenen Eora stellen sich gegen die Kolonisatoren. Als Duncan unbeabsichtigt in einen der Eingeborenen-Übergriffe verwickelt wird, schließt er sich den Aborigines auf deren Rückzug an, um nicht in die Fänge von Captain Penrith zu gelangen, der den ehemaligen Strafgefangenen nur allzu gerne etwas anhängen möchte. Im Lager der Eora wird Duncan versehentlich angeschossen und so schwer am Bein verletzt, dass er nicht in der Lage ist, zu Moira und seinem neugeborenen Sohn Joey zurückzukehren. Während Moira sorgenvoll auf Duncan wartet, erscheint ihr gesetzlicher Ehemann, der Lazarettarzt McIntyre, in ihrer Hütte. Im Schlepptau hat er Reverend Marsden, der ihr eröffnet, dass laut Gesetz McIntyre der Vater des Kindes sei und nicht Duncan. Moira muss ihrem ungeliebten Ehemann ihr Kind aushändigen. Ohne Aussicht, ihn regelmäßig sehen oder gar stillen zu dürfen. Verzweifelt versucht sie, ihren Sohn zurückzubekommen, entführt ihn sogar, doch behalten kann sie ihn nicht. Und als wäre es nicht schon schlimm genug, ihren geliebten Sohn bei dem, wie sie ihn nennt, alten Bock zu wissen, bringt Duncans Versuch, trotz schwerer Verletzung zu Moira und Joey zurückzukehren, ihn prompt ins Lazarett und Moira in die verzweifelte Position, ihren Mann um Hilfe bitten zu müssen ...

Meine Meinung: 
Ich muss vorausschicken, dass es mir zunächst nicht bewusst war, dass es sich um eine Fortsetzung handelt, als ich das Buch erhielt. "Im Tal des wilden Eukalyptus" setzt ein Jahr nach dem Beginn von "Das Lieder der roten Erde" an. Die Vorgeschichte, wie Moira mit ihrem Mann und dem Sträfling Duncan nach Australien und wie es überhaupt zu dieser außerehelichen Liebesgeschichte gekommen war, ist mir somit im Detail nicht bekannt. An dieser Stelle kann ich bereits sagen, das für diesen Roman kaum Vorkenntnisse notwendig sind, da Inez Corbi behutsam vergangene Ereignisse erläutert und damit das nötige Vorverständnis liefert, ohne dass man das Gefühl hat, etwas Wesentliches verpasst zu haben oder neuerliche Handlungen nicht zu verstehen. Kenner des ersten Bandes wiederum dürften von Rückblenden oder Erinnerungen weder erschlagen noch gelangweilt werden. Sehr gern lese ich bei Gelegenheit im Nachgang den ersten Teil, um zu erfahren, wie Moira und Duncan zu dem Paar zusammenwuchsen, als das sie sich zu Beginn von "Im Tal des wilden Eukalyptus" zeigen. 
Inez Corbi stellt liebevoll ein Paar vor, das sich über gesellschaftliche und religiöse Konventionen hinweggesetzt hat und seinen Weg geht. Dass ihnen zunächst traditionelles Glück verwehrt bleibt, scheint nur konsequent. Sehr authentisch schildert die Autorin die Hürden, die sich immer wieder in den Weg stellen. Da sind die Unmöglichkeit einer Scheidung, Konfessionskollision (Duncan ist als Ire katholisch, während die McIntyres Reformisten sind), der Verlust des gemeinsamen Kindes an den gesetzlichen Ehemann, der neben einem Erben noch ein ganz anderes Interesse an dem ehebrecherischen Paar hat, aber auch die Gefahr, die von Captain Penrith ausgeht, der grausam hinter dem Stammesanführer Pemulwuy her ist und sehr wohl weiß, dass Duncans Vater mit den Aborigines sympathisiert; nur eine falsche Bewegung und mit Duncans Freiheit, die eigentlich keine ist, denn er darf trotz Begnadigung Australien vor Ablauf seiner ursprünglichen Strafe nicht verlassen, ist es vorbei. 
Zu Beginn dieses Fortsetzungsbandes ist die Beziehung zwischen Moira und Duncan außergewöhnlich gefestigt. Beide haben ineinander den Partner fürs Leben gefunden, treten füreinander ein, haben aber den Zauber und die Zärtlichkeit junger Verliebter noch nicht verloren. 
Im Mittelpunkt jedoch steht Moira, die nicht aufhört, um ihre junge Familie zu kämpfen. Sie ist damit auch der Charakter, der dem die beste Ausarbeitung in dieser Romanfortsetzung zuteil wird. Moira ist für die LeserIN sehr greifbar, während mir Duncan trotz seiner tiefen Gefühle für die junge Frau weniger greifbar war und ich mir noch eher von Moiras Ehemann Alistair ein Bild machen konnte.
Sehr bildhaft lässt Inez Corbi den allwissenden (auktorialen) Erzähler die junge Frau beobachten und führt den Leser in Perspektivwechseln aber auch in Dr. McIntyres Praxis und - für damalige Verhältnisse - moralische Abgründe, zum Stamm der Eora, deren Weltsicht durch die Augen von Duncans Aborigine-Halbschwester Ningali behutsam eingeflochten wird, zu Duncan und auch zu Penrith, der sich mit so vielen perfiden Wesenszüge bekleckert hat, dass man beinahe dankbar ist, dass er sich gleich von Beginn an einer aufreibenden Syphillisbehandlung unterziehen muss. 
Die Geschichte um die starke Moira, die sich den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Herkunftsklasse nicht unterordnen will, und den wohl usprünglich rebellischen Duncan, der sich in der Sträflingskolonie jeden seiner Schritte gut überlegen muss und Moira aufrichtig liebt und auf Händen trägt, ist eingebettet in historische Fakten, die im Nachwort und einer Zeittafel abgelesen werden können. Fiktive Personen treffen hier in verschiedenen Szenen auf historische Persönlichkeiten, die an der Entstehung des heutigen Australien beteiligt waren. 
Der straffe Stil der Autorin, deren Erzählung ohne überflüssiges Beiwerk auskommt, trägt dazu bei, dass man rasch und mit jeder Faser in die Geschichte und ihr Ambiente eintaucht. Dialogue wirken sprachlich angemessen, aber nicht zu gestelzt, als dass der Lesefluss ins Stocken käme. Die Lebensumstände werden nicht beschönigt; wo es gestunken haben mag, stinkt es eben, und wo Liebe ist, darf man sich auch berühren. So gibt es Szenen, in denen der Lazarettgeruch beinahe wahrnehmbar ist und man sich ertappt, dass die eigene Hand vor Nase und Mund fährt. Mütter, die gestillt haben, werden Moiras Gefühle nachfühlen können, als ihr Joey genommen wird und sie mit schweren, schmerzenden Brüsten zu Fuß zu ihrem Ehemann eilt und verzweifelt an seiner Tür trommelt oder ihr Körper bis zur letzten Faser reagiert, wann immer sie ein Geräusch hört, das an ein Kinderweinen erinnert. Daneben gelingt es der Autorin, auch unsympathischen Figuren eine gewisse Tragik zu verleihen und den Leser mitfühlen zu lassen, ausgenommen der Fiesling Penrith, der so widerlich dargestellt ist, dass das Schimpfwort "Schwein" noch zu schwach für ihn ist.
Intensiv und spannend führt Inez Corbi den Leser über einen Zeitraum, der sich von kurz vor der Kindesgeburt über fünfzehn Monate erstreckt, und ehe man es sich versieht, sind 305 Seiten ausgelesen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir für einen Roman mit dem Untertitel "Australien-Saga" ein paar Seiten mehr gewünscht. Ich habe zwar nicht das Gefühl, dass etwas fehlt, sondern ich wäre einfach gern etwas länger geblieben. 
Kritik muss ich allerdings an der Umschlaggestaltung üben. Das abgebildete Liebespaar verströmt viel zu viel Dornenvögel-Flair und erinnert in Kleidungsstil und Tönung eher an die 1930er und 1940er, aber nicht an einen Roman, der 1801 angesiedelt ist. Dafür dass die Protagonisten in dieser Geschichte sehr um ihr Glück zu kämpfen haben und gar keine Gelegenheit haben, die Schönheit des Kontinents zu genießen, ist mir dieses Cover zu ruhig und verträumt. Davon abgesehen, fügt es sich aber nahezu nahtlos in die Gestaltungen der aktuellen Australien-/Neuseelandromane ein, worauf offenbar mehr Wert gelegt wurde. 

Fazit: 
Mitreißend, dramatisch und liebevoll erzählte Fortsetzung einer unkonventionellen, heiklen Liebesgeschichte vor historisch authentischer Kulisse. Eine angenehme Lektüre für die kühler werdenden Herbstabende. Nicht nur für Australienfans.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen

Am Zaun


Donnerstag, 6. September 2012

... über "A Girl Like I" von Anita Loos

Neben meinem Fiction-SuB habe ich auch noch einen Non-Fiction-SuB, an dem ich so langsam, aber sicher auch mal etwas tun muss. 
So habe ich also endlich die Autobiographie von Anita Loos zur Hand genommen. Genau genommen ist es ihre erste Autobiographie, denn acht Jahre später erschien eine weitere, die auch noch in meinem Bücherregal wartet. Beide Bücher sind nicht mehr taufrisch, aber ich habe sie vor einiger Zeit zu einem nicht ruinösen Preis erstehen können.
Anita wer?
Anita Loos zählt zu den bekanntesten Drehbuchautorinnen der frühen Jahre Hollywoods und wurde durch ihren Roman "Gentlemen Prefer Blondes", der 1925 zunächst als Reihe im Magazin Harper's Bazaar erschien, 1928 erstmals verfilmt, 1953 mit Marilyn Monroe und Jane Russell in den Hauptrollen verewigt und zuvor schon als Musical ein Hit wurde, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 
In "A Girl Like I" erzählt die fleißige Autorin von ihrer Herkunft und ihren ersten Schritten als Autorin bis hin zur Entstehung des Werkes, mit dem sie berühmt wurde. 
Recht viel Raum in dem nur 275 Seiten dünnen Büchlein, das erstmals 1966 bei The Viking Press, New York, erschien, nimmt zunächst die Familiengeschichte mütterlicherseits ein. 

Cleopatra und George - von Connecticut auf Goldsuche nach Kalifornien

Auf kurzweilige Weise berichtet Anita Loos, wie ihre Großmutter Cleopatra (ja, wie die Königin vom Nil) Fairbrother Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Großvater George Smith ehelichte und mit ihm von der Ostküste schließlich an der Westküste landete und dort rasch auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert wurde. 
Unverblümt betrachtet sie den arbeitsamen Großvater, der seinen Arbeitern den Lohn bis auf den kleinsten Cent ausbezahlte, wofür er monatlich buchstäblich Wagenladungen an Münzgeld ordern musste. Immerhin erwirtschaftete Smith ein ansehnliches Vermögen, das bis zu seinem Tod auch der Familie Loos ab und an aus der Patsche half, da Anita Loos' Vater, der nicht selten lieber irgendwo mit den Einheimischen saß, plauschte und trank oder fremden Röcken nacheilte, als Geld für die fünfköpfige Familie heranzuschaffen. 
Die arbeitsbedingte Abwesenheit des Großvaters und die gesellschaftliche Abgeschiedenheit sorgten recht früh dafür, dass sich die Großmutter, die sich standesbedingt gesellschaftliche Ereignisse anstatt einer im Aufbau begriffenen Gegend erhofft hatte, in eine Morphiumabhängigkeit flüchtete, aufgrund derer sich Großmutter Cleopatra den Nachkommen als unpässliche Person mit seltsamer Aura einprägte. 
Von den Smith'schen Kindern, einschließlich ihrer Mutter, die sie als erdgebundenen Engel charakterisiert, berichtet Anita Loos wenig, nur Tante Nina, die rasch den Ruf einer Lebefrau weg hatte und mit Skandälchen dienen konnte, findet stärkere Erwähnung. Die Onkel werden wiederum kurz als ebenso arbeitsam und humorlos wie der Grandpa und damit als nicht erwähnenswert eingeführt. 

Zerbrochen


Montag, 3. September 2012

Guten Abend

Ich wünsche Euch eine schöne erste Septemberwoche!

... über "Grischa - Goldene Flammen" von Leigh Bardugo

Leigh Bardugo

Fantasievoll und mystisch

Zum Inhalt: 
Als Kinder kommen Alina und Maljen in das Waisenhaus des Herzogs Keramsow, der im Reich Rawka als Kriegsheld und Freund des Volkes gefeiert wird. Die Zeit dort schweißt das unscheinbare, blasse Mädchen und den Jungen, der zum Frauenschwarm geboren ist, zu besten Freunden zusammen, und auch als junge Erwachsene sind beide nicht zu trennen. Alina dient als einfache Kartografin in der Ersten Armee des Zaren, während Maljen sich dort zum besten Fährtenleser weit und breit herausbildet. Den liebgewonnenen Freund, der Alina weitaus mehr bedeutet, bewundert sie aus gebührendem Abstand. Ihre Gefühle zu offenbaren, wagt sie nicht. Als die Armee eines Tages die berüchtigte Schattenflur durchqueren soll, eine schreckliche Ödsee, in der tiefste Finsternis herrscht und geheimnisvolle, gefährliche Kreaturen ihr Unwesen treiben, ahnt Alina nichts Gutes. Tatsächlich wird das Skiff, auf dem sie übersetzen, von einem Schwarm Volkra angegriffen und auch Maljen fällt in deren Klauen. Verzweifelt eilt Alina Maljen zu Hilfe. Auf magische Weise rettet sie ihrem besten Freund das Leben. Wie ihr dies gelang, vermag sie selbst nicht zu erklären, doch dieses Ereignis trennt Alina und Maljen. Umgehend wird das Mädchen zu dem mysteriösen Dunklen gebracht, der dem Zaren dient und mit seiner undurchschaubaren Aura ebenso gefürchtet wie bewundert wird. Unter seinen Argusaugen wird Alina geradezu hofiert und von den besten Lehrern der Grischa, den Meistern der Kleinen Künste, zu dem gemacht, was sie in Wahrheit ist. Als sie endlich bereit ist, ihre Bestimmung zuzulassen und ihre wahren Kräfte zum Vorschein kommen, ist es beinahe zu spät, denn fast erliegt Alina der Anziehungskraft des Dunklen und sie erkennt: Rawka steht ein gefährlicher Umbruch bevor, und Alina und Maljen sind Marionetten in einem Spiel, das sie nicht mitspielen wollen ... 

Meine Meinung: 
Obwohl die Neuerscheinung aus dem Carlsen-Verlag derzeit in aller Munde ist, hatte ich mich im Vorfeld nicht weiter mit ihr befasst, sondern mich im Buchladen von dem ansprechenden Cover in Aquarelloptik verführen lassen. 
So saß ich denn auch rasch dem ersten Irrtum auf. Ich hielt nämlich "Grischa" zunächst für einen Namen, und das ist Grischa eigentlich auch, denn es handelt sich hierbei um die Koseform des russischen Vornamens Grigori (Gregor), der Wächter, Hüter etc. bedeutet. 
Damit haben Leigh Bardugos "Grischa" aber gar nichts zu tun. In diesem Fantasy-Erstling der Autorin ist "Grischa" nämlich die Sammelbezeichnung für die sogenannten Meister der Kleinen Künste, die man grob als eine Art Magier sehen kann, weil sie eben zu Dingen in der Lage sind, die sich mit normalem Verstand nicht immer hinlänglich erklären lassen. Sie zeichnen sich durch unterschiedliche Fähigkeiten aus, aufgrund derer sie verschiedenen Orden zugeordnet werden: den Korporalki (dem Orden der Lebenden und Toten), den Ätheralki (dem Orden der Beschwörer) und den Materialki (dem Orden der Fabrikatoren). Diese sind in einer kleinen Übersicht am Beginn des Buches zusammengefasst, gefolgt wird diese von einer Übersichtskarte des fiktionalen Landes Rawka, das ein wenig an die Kiewer Rus erinnert. Anstelle eines Prologes und Epiloges gibt es ein "davor" und ein "danach", die von einem auktorialen Erzähler erzählt werden und die Protagonisten als Kinder und Erwachsene zeigen. In den dazwischenliegenden Kapiteln kommt Alina als Ich-Erzählerin zu Wort. 
Leigh Bardugo führt ihre Protagonistin anschaulich durch ihre Fantasy-Welt. Sie bedient sich einer unkomplizierten Sprache, die ohne ausschweifende Sätze auskommt, hin und wieder aber mit einem "Hallo" dem eher historisch anmutenden Ambiente entgleitet. Sehr schnell gewöhnt man sich an das Ambiente, in dem sich Alina bewegt und das von trüb matschig über düster-gefährlich bis hin zu opulent und überladen und wieder zu winterlich trügerischer Stille reicht, ohne die Figuren zu erdrücken. 
Alina, die mit Nachnamen etwas zu klischeehaft Starkowa heißt, präsentiert sich als einfaches, bescheidenes Mädchen, das zufrieden mit der Arbeit als Kartografin bzw. Zuarbeiterin des leitenden Kartografen ist und dem die Aufmerksamkeit aufgrund der Ereignisse auf in der Schattenflur höchst unangenehm ist. Wenn der Leser gemeinsam mit ihr die Ursache ihrer lebenslangen Unscheinbarkeit, Blässe, Appetitlosigkeit ergründet, geschieht dies ohne Bedauern oder Jammern. Alina ist ein Mensch, der bereit ist, sich selbst für andere zurückzustellen, ohne in Selbstmitleid zu verfallen und eine Gegenleistung zu erwarten, wobei ihr Wesen nicht unüberdacht dumm, sondern nachvollziehbar und sympathisch dargestellt wird. Sie ist ein angenehmer Charakter, den man gern zum Freund hätte. So verfolgt man gern und mit Interesse ihre Wandlung von der einfachen Kartografin, der man kaum mehr Beachtung schenkt, als sie verdient, hin zu der einzigartigen jungen Frau, die der Finsternis Einhalt zu gebieten vermag. 
Während der Dunkle als sehr mysteriöse Figur eingeführt wird, die auch auf den Leser eine unerklärliche Anziehungskraft ausübt, kommt Maljen Oretsew meines Erachtens etwas zu kurz, sofern der Leser auf Romantasy hofft. Die Liebesgeschichte, die in der Kurzbeschreibung angedeutet wird, ist keineswegs so präsent, wie man glauben oder vielleicht erwarten mag, sondern begleitet die Haupthandlung sehr behutsam. Über weite Strecken des Romans ist Alinas bester Freund nämlich nicht präsent, sondern nur Gegenstand ihrer Gedanken und Sorgen. So wollte ich mich nicht so recht in die angepriesene heimliche Verliebtheit einfinden und hätte im Grunde gar keine Liebesgeschichte gebraucht. Alinas besondere Fähigkeiten und ihre Bedeutung in der Gesamtgeschichte, die mit "Goldene Flammen" noch nicht auserzählt ist, empfand ich als wesentlich interessanter. Weiterhin verstand es die Autorin, mich mit Nebenfiguren, wie Genja, die als eine Art magische Kosmetikerin auf gewisse Weise ebenfalls ein Sonderling wie Alina ist, sich aber gut in ihre Position eingefunden hat und sie zu ihren Gunsten zu nutzen weiß, zu vereinnahmen. 
Leider störte mich in dieser Geschichte, die mit ihrem schwachen Zar, der selbstverliebten, schönheitsbedachten Zarin, dem an Rasputin erinnernden Asketen, der Banja, Namen, wie Ilja, Iwan, Genja usw. sehr gewollt russisch daherkommt, wiederum das Pseudorussische. Nun gut, es handelt sich um Fantasy, und die Handlung ist in einem fiktionalen Land angesiedelt, aber mich irritierten, wie schon die Bezeichnung Grischa, pseudorussische Elemente, wie die Kefta (anstatt Kaftan) oder Kwas, was hier Schnaps ist. Zudem empfinde ich die Wahl der grammatikalischen Form bei Bezeichnungen manchmal etwas seltsam, aber verzeihbar. Zum anderen könnte ich mir auch vorstellen, dass die (pseudo)russischen Eigennamen manchem Leser Kopfzerbrechen bereiten, womit sie sich aber in guter Gesellschaft mit anderen Fantasynamen befinden dürften. 
Ärgerlich hierbei ist außerdem, dass es im Buch selbst neben der Landkarte und der Übersicht der Orden der Grischa kein Glossar  gibt. Ein solches steht auf http://www.bittersweet.de/grischa-goldene-flammen zur Verfügung. Natürlich ist es lobenswert, in unserer vernetzten Zeit auch das Lesen zu einem interaktiven Erlebnis zu gestalten, aber man hat nun mal nicht überall und allerorts das Netz dabei und möchte ganz sicher keinen fünfseitigen Glossarausdruck mit sich herumtragen. Aber gut ...
Mit einem mystischen Hirsch, der mich an russische Märchen erinnerte, und einem lebendigen Setting, in dem sich die Charaktere durchdacht und nachvollziehbar verhalten, macht Leigh Bardugom aber diese Stolpersteine wieder wett und konnte mich mit Grischa - Goldene Flammen kurzweilig unterhalten. 
Ein Trilogieauftakt, der auch als Einzelgeschichte recht gut funktioniert, aber definitiv Lust auf weitere Abenteuer macht.
 


Fazit: 
Fantasievoll und bildreich erzählte Geschichte, die ohne laute Töne auskommt und sich mit mystischem, nicht alltäglichem Ambiente und lebendigen Charakteren vom romantischen Einheitsbrei abhebt. Nicht nur für jugendliche Leser. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 





  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten (mit Lesebändchen)
  • Verlag: Carlsen Verlag GmbH; Auflage: 1 (September 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Henning Ahrens
  • ISBN-10: 3551582858
  • ISBN-13: 978-3551582850
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren
  • Originaltitel: Shadow & Bone. The Grisha, Book One
  • Neupreis: 17,90 €

Erhältlich als 
- Gebundene Ausgabe in deutscher Sprache
- Kindle E-Book in deutscher Sprache
- Hörbuch in deutscher Sprache
- Gebundene Ausgabe in englischer Sprache
- Kindle E-Book in englischer Sprache

Samstag, 1. September 2012

Regional

(M)ein recht alltäglicher Blick zum Kyffhäuser-Denkmal, das derzeit aufgrund von Restaurierungsarbeiten kunstvoll in Schutzfolie gehüllt ist.

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