Sonntag, 29. April 2012

Schmökern mit Sohnemann #12

Momentan steht meinem Sohn der Sinn eher nach kurzen, abgeschlossenen Geschichten, die nicht zwingend in Folge gelesen werden müssen, sodass wir für die gemeinsame Lektüre wieder eine Geschichtensammlung ausgewählt haben. 
Wir sind Lesewiederholungtäter und schmökern in einem Buch, das ich vor ein paar Jahren einmal aus einer Krabbelkiste im Supermarkt erstanden habe.
Seine liebevolle Aufmachung - ca. A4-Format, durchweg bunt illustriert auf etwas festerem Papier mit Festeinband - zu schmalem Preis hatte mich damals verführt, und auch mein Sohn mag dieses Buch, das für Kinder zwischen 5 und 7 Jahren gedacht ist, noch immer sehr, trotz oder vielleicht sogar wegen der schönen, wenn auch eher süßlichen Abbildungen. 
Tiergeschichten aus der Fabelwelt bietet laut U4-Text "25 farbenprächtig und lustig illustrierte Tiergeschichten. Zum Vorlesen, Selberlesen und Nachdenken.": 
  1. Die Landmaus und die Stadtmaus
  2. Der Affenkönig
  3. Ein Esel als Löwe verkleidet
  4. Ein Wolf und ein Lamm 
  5. Der Bär und die Reisenden
  6. Ameisen und Grashüpfer
  7. Drei Büffel und ein Löwe 
  8. Eine feige Fledermaus 
  9. Ein Esel und ein dummer Wolf
  10. Die ausgetrickste Krähe
  11. Die Dankbarkeit einer Maus
  12. Ein dummer Tiger und der närrische Leopard
  13. Die Katze austricksen
  14. Eine Mäusehochzeit
  15. Der Fuchs und die Trauben 
  16. Eine Ameise und eine Taube
  17. Der Nordwind und die Sonne 
  18. Ein Löwe und ein Moskito 
  19. Ein Adler und ein Rabe
  20. Eine Krähe in geliehenen Federn 
  21. Der Schäfer, der dauernd log
  22. Der Hase und die Schildkröte 
  23. Ein dummer Müller und sein Esel 
  24. Ein gieriger Hund 
  25. Die goldene und die silberne Axt 
Bis auf "Der Schäfer, der dauernd log", "Ein dummer Müller und sein Esel" und "Die goldene und die silberne Axt" sind alle Geschichten Tierfabeln mit tierischen Hauptcharakteren. Nur in "Der Nordwind und die Sonne" und "Die goldene und die silberne Axt" kommen überhaupt keine Tier vor. Letztgenannte Geschichte erinnert jedoch an ein Märchen, endet aber wie die 24 übrigen Geschichten mit dem Absatz "Und die Moral von der Geschichte". 
Die Schauplätze sind sehr unterschiedlich; so zieht es eine Maus vom Land in die Stadt oder wir begeben uns in Dschungel oder Prärie. Ein Naturbezug besteht in allen Geschichten. Wie in Fabeln üblich werden die Tiere personifiziert und ihre Erlebnisse werden ganz offensichtlich mit belehrender Absicht erzählt. Der Zeigefinger, der sich in Kinderbüchern oft in den Handlungen selbst und weniger in reinen Aussagen verbirgt, wird hier deutlich erhoben und in der üblichen Moral der Fabel zum Ausdruck gebracht. Wir haben das Buch bereits mehrfach gelesen, und meinen Sohn hat dieses offensichtliche "Tu-dies-nicht-sonst-passiert-dir-jenes" bislang recht wenig interessiert. Insbesondere konnte er natürlich mit dem Wort Moral nichts anfangen, weshalb ich beim Vorlesen geschummelt und die Moral einfach weggelassen habe. Damit hatte er die Möglichkeit, eigene Schlüsse zu ziehen. Inzwischen lesen wir gemeinsam, sodass ich nichts mehr unterschlagen kann. Das Buch ist somit gut über einen längeren Zeitraum brauchbar und muss nicht nach einem Jahr wieder weggepackt werden.
Die Geschichten selbst sind ca. sechs Seiten lang, wobei der reine Text weniger als eine halbe Seite ausmacht und auch in einer recht großen Schriftgröße gut lesbar gesetzt ist. Insgesamt hat das Buch 147 Seiten. 
Die Lesezeit ist deshalb recht kurz, sodass das Kind weder vom Vorlesen noch vom Selbstlesen überfordert wird. Die großen Abbildungen regen zusätzlich zum gemeinsamen Betrachten und Nacherzählen an.
Die Illustrationen mit den großäugigen Gestalten muten japanisch an. Laut Impressum, das hier auf der letzten Seite zu finden ist, stammt dieses Buch aus der (Zeichen- und/oder Schreib?)Feder von Shogo Hirata. 
Der deutsche Text lässt leider gelegentlich durchschimmern, dass es sich um eine Übersetzung handeln dürfte, allerdings meine ich, dass ich in dieser Hinsicht empfindlicher bin, weil ich mich berufsmäßig tagtäglich mit Kollokationsfehlern und unüblichen Adverbialkonstruktionen auseinandersetzen muss. Während Rechtschreibfehler in Form vergessener Pluralendungen etc. eher selten sind, kann man die Kommasetzung durchaus als kreativ bezeichnen. Wo kein Komma hingehört steht eines, während an Stellen, die ein Komma erfordern, keines gesetzt wurde. Das ist zwar nicht die Regel, aber auffällig und durchaus ärgerlich. Bedenkt man allerdings, zu welchem Preis diese Ausgaben auf Krabbeltischen verschleudert werden, ist es nicht verwunderlich, wenn der Dienstleistungsposten Korrektorat ähnlich preiswert ausfällt. 

Insgesamt ein hübsch gestaltetes und zudem lehrreiches Buch, das Geschichten bietet, die in dieser Form nicht schon in hundert anderen Büchern erzählt wurden. Manchmal lohnt es sich eben, einen Blick auf den Krabbeltisch zu werfen.

... über "Die Eiserne See. Wilde Sehnsucht" von Meljean Brook

Meljean Brook

Ideenreich, steamy, abenteuerlich, erfreulich unschmachtig

Zum Inhalt:
Zweihundert Jahre litt England unter der Herrschaft der mongolischen Horde. Über Zucker und Tee wurden in den Organismus der Menschen winzigkleine, nicht einmal unter dem Mikroskop ausmachbare Apparate, sogenannte Bugs bzw. Naniten, eingeschleust, die der Horde halfen, die Bevölkerung zu kontrollieren. Ein netter kleiner Nebeneffekt besteht darin, dass sie die Selbstheilungskräfte fördern. Der Horde aber dienten sie, um die Gefühle der Menschen zu unterdrücken oder aber sie in wahren Orgien in Extase zu entrücken, um Nachwuchs für die Horde zu erzeugen. Ein Produkt einer solchen Orgie ist auch Inspektorin Mina Wentworth. Sie ist eine kluge junge Frau, Kriminaldetektivin und Gerichtsmedizinerin in einem, aber durch ihre halbmongolische Abstammung (ihre Mutter bei einer der Orgien vergewaltigt worden) muss sie sich jeden Tag aufs Neue beweisen und ist Spott und Hass der Mitmenschen ausgesetzt. Die Bezeichnung "Hure" muss sie sich tagtäglich nicht nur einmal anhören. Auch öffnen sich ihr bei der Arbeit nicht von selbst die Türen, weshalb Konstabler Newberry immer an ihrer Seite sein muss. Eines Tages wird sie von einer Veranstaltung fortgerufen, weil auf dem Anwesen des Herzogs von Anglesey eine Leiche gefunden. Der als "der Eiserne Herzog" bekannte Mann ist buchstäblich Englands Volksheld, denn der einstige Pirat, der bürgerlich Rhys Trahaearn  heißt, befreite das Land vor neun Jahren von der Herrschaft der Horde, indem er deren Turm, sozusagen die Funkzentrale, die die Signale an die Bugs sandte, zerstörte. Auf seinem Anwesen liegt nun die Leiche eines Mannes, der offenbar aus einem Luftschiff abgeworfen wurde und nicht nur einen künstlichen Arm, sondern auch ein künstlichen Gehirn vorzuweisen hat. Rhys zeigt sich von den polizeilichen Ermittlungen wenig begeistert und würde die Sache am liebsten in gewohnter Manier selbst in die Hand nehmen. So hat Mina recht schnell den Ex-Piraten, der überhaupt keinen Hehl daraus macht, wie sehr er sich von ihr angezogen fühlt, an der Backe. Bald schon sind beide einer Verschwörung auf der Spur, die weitaus dramatischer ist als der schnöde Mordfall, mit dem alles begann. Trahaearns ehemaliges Schiff, die Terror, wird vermisst, und zu allem Überfluss steht dort Minas Bruder im Dienst. Auf der Luftschifffahrt über den Kanal und das europäische Festland, auf der Suche nach der Terror, kann Mina Rhys nicht länger aus dem Weg gehen, aber nicht nur hat die Mission oberste Priorität, sondern Mina weiß auch, dass aufgrund ihrer mongolischen Abstammung die leidenschaftliche Luftschifffahrt bei ihrer Rückkehr nach England keine Zukunft haben kann ... 

Meine Meinung: 

Meljean Brooks Die Eiserne See. Wilde Sehnsucht ist eine Steampunk Romance, und man darf sich vom sehr grafischen Cover der deutschen Ausgabe nicht irreführen lassen. Der Romance-Factor bildet zwar den roten Faden, ist aber weniger ausgeprägt als in Werken anderer Autoren. Dennoch kann die abgebildete männliche Gestalt, die hier besser zum Originaltitel The Iron Duke (der Eiserne Herzog) als zum deutschen Titel passt, den einen oder anderen Leser irreführen. Der deutsche Untertitel "Wilde Sehnsucht" ist in der blauen Schrift auch nicht sofort zu erkennen, was ebenfalls ein wenig fehlleiten kann. Wirklich "sehnsüchtig" geht es in Brooks Roman allerdings nicht zu, wild - in vielerlei Hinsicht - hingegen schon. Ansonsten ist das aktuell beliebte Genre des Steampunks mit dem Uhrwerk im Hintergrund durchaus nicht schlecht eingefangen. 

Auch mir wurde Die Eiserne See: Wilde Sehnsucht als Leseexemplar zur Verfügung gestellt, allerdings hat man mir kein Glossar beigelegt, was dazu führte, dass ich diesen Auftaktband zu Meljean Brooks Eiserne-See-Reihe einen geschlagenen Monat lang anlas, wieder weg legte, von vorne begann ... bis ich dann irgendwann mitbekam, dass es auf der Verlagsseite ein Glossar in PDF-Format zum Download gibt. Es ist zwar nicht umfangreich, hilft aber, die vielen Termini, die die Autorin in ihrem fiktiven England mit viktorianischem Flair erfindet, zu verstehen. Ich hoffe, dass das Glossar in Folgeauflagen sowie in den weiteren Bänden der Reihe direkt enthalten sein wird, denn man kann trotz virtuellen Zeitalters nicht voraussetzen, dass sich jeder Leser hinsetzt und freiwillig das Internet durchforstet. 
In der Tat erschafft die Autorin eine komplexe Welt, in der vieles möglich ist. Sogenannte Schmiede sind in der Lage künstliche Gliedmaßen und Organe zu erschaffen, die von realen nicht zu unterscheiden sind und dank der Bugs nicht abgestoßen werden, sondern sogar noch besser funktionieren. So hat die Mutter der Protagonistin künstliche Augen, mit denen sie nicht nur gestochen scharf sieht, sondern auch Gefühlsregungen und Temperaturen wahrnehmen kann, quasi als menschlicher Lügendetektor einsetzbar wäre. Licht wird mit Gaslampen gespendet, man fährt mit Eisenbahnen und Dampfmaschinen, und an den Häfen liegen nicht nur echte Schiffe, die mit allerlei Maschinerie bestückt sind, sondern auch Luftschiffe vor Anker. 
Da Mina jeden Tag Anfeindungen die Stirn bieten muss, ist sie eine Frau mit erstaunlichem Willen. Sie verfügt über bewundernswerte Kraft und verkommt selbst in den (vor allem intimen) Augenblicken, in denen sie von Angst zerfressen ist, nicht zum jammernden Weibchen, das sich schutzsuchend an eine starke Männerbrust werfen muss. Als Inspektorin ist sie tough, schmerzlos und bereit, jeden, der es wert ist, das Leben zu retten. Während ihre Mutter, die absurderweise kleine Apparate herstellt, die dem Intimleben der Frau sehr dienlich sind, aber vehement für die Heimholung der Frau in Ehehafen und Küche plädiert, tritt Mina für die freie Entscheidung ein. Es ist nicht ihr vornehmliches Ziel, zu heiraten und Kinder zu haben, sondern sie plädiert dafür, dass Frauen, jetzt, da der Willen der Menschen endlich nicht mehr fremdgesteuert ist, frei entscheiden sollen, ob sie einem Beruf nachgehen, heiraten oder gar eine Ehe verlassen wollen. Sie weiß sehr wohl, was sie will, und was sie insbesondere nicht will, ist, von seiner Hoheit, dem Eisernen Herzog, überrumpelt zu werden. 
Rhys Trahaearn ist zum einen ein körperliches Phänomen, denn er kam mit eisernen Knochen auf die Welt und ist ebenfalls Träger von Naniten, die bei ihm aber anders wirken. Zum anderen ist er ein ganz typischer Pirat und gewöhnt, sich zu nehmen, was er will. Das Rumsitzen im aus Dankbarkeit verliehenen Adelsstand schmeichelt zwar, ist aber auch ziemlich langweilig, weshalb der Mordfall und die anschließende Reise auf der Suche nach seinem ehemaligen Schiff eine sehr willkommene Abwechslung sind. Auch Mina will er sich nehmen, beißt aber über drei Viertel des Buches auf Granit, und es dauert eine ganze Weile, bis er merkt, dass er sie nicht will, weil er sie schlichtweg haben muss, sondern dass er sie um ihrer selbst willen will. 
Im Gegensatz zu anderen Romanzen stellt Meljean Brook die Annäherung zwischen Mina und Rhys zunächst nicht in den Vordergrund. Ihr Zusammensein fügt sich über den Kriminalfall und die damit verbundenen Ermittlungen zunächst in eine Reihe von Abenteuern ein, beispielsweise bei einer Begegnung mit Zombies (wenngleich ich Zombies trotz ihrer einleuchtenden Existenz in einer Steampunk-Romanze ziemlich deplatziert finde). Die Autorin stellt an verschiedensten Schauplätzen bei verschiedenen Anlässen zahlreiche Nebenfiguren vor. Mit von der Partie sind Frauencharaktere, die den Männern in nichts nachstehen. Allerdings wird damit die Lektüre nicht gerade einfacher. Nicht nur Begriffe, die man nur als Segel- bzw. Bootskundiger gleich beim ersten Lesen versteht, sondern auch die Handlungsstränge machen Die Eiserne See: Wilde Sehnsucht komplex, sodass man sich nicht scheuen sollte, zurückzublättern und Passagen ein zweites Mal zu lesen.
Romance-Freunde, die gern erotische Begegnungen lesen, kommen erst im letzten Teil des Buches auf Kosten. Meljean Brook nimmt bei Intimitäten kein Blatt vor den Mund, wobei ihre Szenen zwar heiß sind, "steamy" allerdings eher die spannende, dynamische Gesamthandlung beschreibt. Leider gibt es eine Szene, bei der nicht auszuschließen ist, dass sie für einige Leserinnen das gesamte Buch zunichte macht. Darstellungen sexueller Handlungen, zu denen einer der Beteiligten nicht einwilligt, bzw. die trotz ausdrücklicher Weigerung einseitig fortgesetzt werden, sind immer kontrovers, und ich habe auf diese Passage sehr empfindlich reagiert, halte sie sogar nicht einmal für plotnotwendig. Das hätte anders gelöst werden können. Zugute halten kann man der Autorin allerdings, dass sie Rhys nicht nur umgehend mit einer Opiumspritze ausknockt, sondern ihm auch ordentlich ins Gewissen redet und er nicht nur vorgibt, seine Fehlverhalten zu verstehen. Zudem hat mich die Wortwahl im Deutschen gestört, wann immer es um den zuvor stattgefunden bzw. beabsichtigten Liebesakt ging. Dass Rhys in seiner rauhen Art keine Wattebällchen-Wortwahl an den Tag legt, ist zwar klar, aber angesichts des viktorianischen Settings erschien mir die erotische Sprache etwas zu modern.
Auch wenn es zwischenzeitlich so aussieht, als könnte die Paarung Rhys/Mina zwar Leidenschaft, aber keine Liebesbasis finden, erhört die Autorin glücklicherweise den Wunsch des Romance-Lesers.
Insgesamt betrachtet hat Meljean Brook mit Die Eiserne See: Wilde Sehnsucht einen ideenreichen, aber leider leicht überfrachteten Reihenauftakt vorgelegt, der zeigt, dass Steampunk Romance spannend und anregend sein kann, ohne in schmachtenden Kitsch abzugleiten. Die Fortsetzung Die Eiserne See. Flammendes Herz, die für Mai 2012 angekündigt ist, werde ich gern lesen.


Fazit:
Bunt technologisierter, recht umfangreicher und komplexer Reihenauftakt mit Liebesgeschichte um Charaktere, die einander gewachsen sind, gepaart mit bildhaften Abenteuern und einer Prise unverblümter Erotik. Für LeserInnen, die um schmalzige Romantik einen Bogen machen und eher Spaß an Leseexperimenten haben. 



Gesamteindruck
4 von 5 Weißdornzweigen








  • Broschiert: 480 Seiten
  • Verlag: Lyx; Auflage: 1 (4. November 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Beate Bauer
  • ISBN-10: 3802586069
  • ISBN-13: 978-3802586064
  • Originaltitel: The Iron Duke
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 12,6 x 4,2 cm 
  • Neupreis: 9,99 €

Wetter



Samstag, 28. April 2012

Steinbruch

Ein Tummelplatz meiner Kindheit. Der ehemalige Diabassteinbruch. Als Kinder haben wir die Wälder unsicher gemacht. Banden gegründet und Höhlen gebaut, und eines Tages haben wir unweit des Teiches einen großen Tierknochen gefunden, den wir natürlich für einen Dinoknochen hielten ;-)

Freitag, 27. April 2012

... über "Dark Queen: Schwarze Seele, schneeweißes Herz" von Kimberly Derting

Kimberly Derting

Nette, verhalten dystopische Lektüre für zwischendurch

Zum Inhalt:
Vor langer Zeit bekriegten sich die herrschenden Klassen Ludanias, bis es schließlich einer gelang, das Reich zu unterjochen. So wurde die Bevölkerung in Klassen aufgeteilt, die unter sich bleiben sollen. Jeder bleibt in der Klasse, in die er hineingeboren wurde. Keiner kann frei wählen, was oder wer er sein möchte. Auffälliges, Abweichendes ist unerwünscht und muss gemeldet werden. Die Todesstrafe droht jedem, der nicht passt. Jeder ist registriert und muss ständig einen Pass bei sich tragen, der überall in Stadt und Land eingelesen wird, sodass die am Ende ihres Lebens stehende, aber nicht minder grausame Königin Sabara immer weiß, wer sich wann wo aufhält. Jede Klasse hat genau definierte Aufgabenbereiche und auch eine eigene Sprache. Die Sprachen der jeweils anderen Klassen dürfen weder gesprochen noch verstanden werden. Zur allgemeinen Verständigung wurde die Universalsprache Englaise eingeführt. Die 17-jährige Charlaina Hart, genannt Charlie, wurde in die Kaufmannsklasse hineingeboren, ist aber anders. Obwohl sie nur Parshon, ihre Klassensprache, und Englaise verstehen dürfte, verfügt sie über die Begabung, alle Sprachen zu entschlüsseln, und zwar nicht nur in Sprache und Schrift, sondern auch visuell und taktil. Seit frühester Kindheit haben ihr ihre Eltern eingeschärft, ihr besonderes Talent nie zu zeigen, denn dies würde ihre Tod bedeuten. Charlie ist allerdings auch ein Mensch mit gesundem Gerechtigkeitssinn, sodass sie sich durchaus in heikle Situationen bringt. Als Angehörige der kaufmännischen Klasse hat Charlaina gesellschaftlich eine vergleichsweise gute Stellung, beispielsweise darf sie die Schule besuchen. Das Thema Schule bereitet der Familie in Bezug auf Charlies Schwester, das vierjährige Nesthäkchen Angelina, Sorgen, denn die Kleine spricht kein Wort. Vom im Land herrschenden Kontrollzwang und den Rebellenaufständen, die das Reich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen erschüttern, einmal abgesehen, führen Charlie und ihre Freunde Brooklyn und Aron ein recht normales Teenagerleben. Dazu gehört auch, dass man abends in Clubs geht, die eigentlich verboten sind und nie länger als eine Woche existieren, sich dabei älter macht, als man ist, um Einlass gewährt und an der Bar auch einen alkoholischen Drink zu bekommen. Eines Tages lernt sie bei einem solchen Ausflug in diese Welt außerhalb des Alltäglichen, einer Welt der Gesuchten und Ausgestoßenen, den Jungen Max kennen, bei dem es ihr schwer fällt, ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Sie kann ihn keiner Herkunft zuordnen und schon gar nicht nachvollziehen, was er nur an ihr findet und ausgerechnet ihr schwört, sie zu beschützen. Bald schon bricht ein neuer Aufstand aus, bei dem Charlie mit ihrer Schwester Angelina fliehen muss und der alles, was sie bisher über sich und ihre Familie zu wissen geglaubt hat, auf den Kopf stellt ...


Meine Meinung
:
Schon seit Logan's Run bin ich kein Fan dystopischer Geschichten und ich stehe dem aktuellen Boom recht skeptisch gegenüber, weshalb ich bisher einen Bogen vor allem um die besonders gehypten Werke mache. Dark Queen reizte mich aufgrund des Sprachenthemas. Schlussendlich verlockte mich dann doch das Cover, das zwar wieder einmal von einem skeptisch in die Ferne blickenden Mädchengesicht geziert wird und im ersten Moment eher zum Titel als zum Inhalt zu passen scheint. Denn Dark Queen ist trotz des dystopischen Settings in einer unterjochten Welt und Szenen in Clubs bzw. einer unterirdischen Stadt visuell nicht so dunkel gezeichnet, wie man es erwarten würde. Erst auf den letzten Seiten des Romans entsteht sehr wohl eine Verbindung zu dem dunklen Hintergrund und der hell herausschimmernden Mädchenhaut.
Dark Queen ist außerdem mein erstes Buch von Kimberly Derting, sodass ich keinen Vergleich zu ihren anderen Werken habe. 
Die Idee, die Gesellschaftsschichten eines Reiches über ein Sprachverbot in Schach zu halten, ist nicht uninteressant, hat aber - Gott lob - in der realen Vergangenheit schon nicht funktioniert. 
Über Jahrhunderte hinweg, in denen es den Menschen in Ludania verboten ist, außerhalb des Geschäftsverkehrs Umgang miteinander zu pflegen, ist die Fähigkeit, den anderen zu verstehen, schlichtweg ausgestorben. Im öffentlichen Kontakt muss die Universalsprache angewendet werden. 
Dass man rebellische Verbrüderungen so nicht verhindern kann, dürfte klar sein. 
Und genau da hakt auch Kimberly Dertings Idee. Sie selbst lässt Charaktere sich bewusst für die Universalsprache entscheiden, um sich von ihrer Klasse zu distanzieren, und im Grunde wäre Charlies besondere Fähigkeit uninteressant und nicht zwingend notwendig, würde sie ihr nicht auch erlauben, nicht nur das zu verstehen, das nicht für jedermans Ohren bestimmt ist, sondern auch beispielsweise die wahre Botschaft von Bildern oder Mustern zu entschlüsseln. Ich fühlte mich von dieser Fähigkeit eine Weile an der Nase herumgeführt, weil ich mir etwas erhoffte, das über eine Vermittlerrolle hinausging, sodass ich letztendlich enttäuscht war, dass sich diese Gabe als besonderes Herkunftsmitbringsel und Identifikationsmerkmal erwies. 
Obwohl die Autorin ihre Geschichte in einer durchaus technologisierten Welt mit digitalen Grenzkontrollen und Co. ansiedelt, hatte ich beim Lesen immer eine Art Schwarzmarktsetting von Fantasy-/Paranormal-TV-Serien vor Augen. Einfache, praktische Kleidung, auf der man Schmutz nicht gleich sieht, verlassene U-Bahn-Schächte, die Straßen voller Menschen, die von außerhalb kommen, weil sie sich in der Stadt Nahrung, Wasser und Medikamente erhoffen. Das störte aber nicht weiter, weil die Autorin ohnehin auf eine zu detaillierte Umgebungsbeschreibungen verzichtet. 
Hauptcharakter Charlie wird als sympathischer Mensch dargestellt, dem viel an seinen Mitmenschen gelegen ist. So sorgt sie sich anfänglich sehr um ihre Freundin Brooklyn, die Halbwaise ist und, wenn vor ihrem 18. Geburtstag ihrem Vater noch etwas geschehen würde, automatisch in die Klasse der Dienstboten herabgestuft werden würde. Auch Aron, der ihr ab und an etwas aus dem Laden seines Vaters zusteckt, ist ihr wichtig. 
Die engste Beziehung aber hat sie zweifellos zu ihrer kleinen Schwester Angelina, die sie umsorgt und beschützt. Weil das Mädchen noch nie ein Wort gesprochen hat, sind ihre Unterhaltungen stumm, geprägt von Mimik und Gestik. Diese Beziehung dominiert den gesamten Roman und ist meines Erachtens sogar intensiver dargestellt als die unvermeidliche Romanze. 
Max, der auf so geheimnisvolle Weise in Charlies Leben tritt und eine Sprache spricht, die sie zwar versteht, aber nicht zuordnen kann, will mir als Love Interest nicht so recht einleuchten. Für meine Begriffe ist er kein Schmachtcharakter, dem die junge Leserin im Zielgruppenalter von 12 bis 15 Jahren hinterhersabbern müsste, sondern er wirkt oft zu verschlossen und nicht ehrlich genug, als dass man es ihm abnehmen möchte, dass ihm Charlies Schutz am Herzen liegt. Nach 362 Seiten habe ich noch immer kein Bild von ihm vor Augen. Fast möchte ich mutmaßen, dass hier wieder einmal die typische Vorherbestimmung und etwas königlich vererbte Magie im Spiel waren. Dass die Annäherungsszenen zwischen den beiden Charakteren angenehm und mit unverkennbarem Prickeln beschrieben sind, lässt sich allerdings nicht bestreiten.
Während der Grundhandlungsstrang um Charlaina sehr schnell vorhersehbar wird, gibt es eher im Bereich der Nebenfiguren kleinere Überraschungen, die dafür sorgen, dass die Lektüre unterhaltsam bleibt. 
Wie im Jugendbuch nicht unüblich bedient sich die Autorin der Ich-Perspektive, um Charlies Erlebnisse und Empfindungen zu schildern. Unterbrochen wird Charlies Erzählung jedoch immer wieder durch Passagen in auktorialer Erzählweise, die Max, dem Rebellen Xander bzw. Königin Sabara über die Schulter schauen. Dass diese jedoch jeweils mit der Überschrift "Max", "Xander", "Die Königin" eingeleitet wurden, hat mich doch ziemlich gestört, und ich bin überzeugt, dass dies auch anders hätte gelöst werden können, denn prinzipiell war ich von diesem Perspektivwechsel recht angetan, weil er half, aus der eindimensionalen Ich-Sicht auszubrechen und zu zeigen, was Charlie nicht sehen oder miterleben konnte. 
Dem anvisierten Lesealter angemessen, zeichnet sich Dark Queen durch einen wenig anspruchsvollen Stil aus, der auf ausschweifende Beschreibungen verzichtet und eher handlungsorientiert ist. Lediglich am Anfang sind gewisse Längen festzustellen, weil die Autorin ihre Protagonistin schon fast alles Wichtige über sich erzählen lässt. 
Die letzten Seiten bieten ausreichend Spannung und Geheimnisvolles, um die Fortsetzung schmackhaft zu machen, auf die wir aber bis 2013 warten müssen.

Fazit: 
Kurzweilig zu lesende Geschichte mit interessanter Grundidee und vereinzelten magischen Elementen, die sich etwas gezwungen eines aktuell im Trend liegenden dystopischen Themas bedient, aber mit ihrer aufkeimenden Romanze jugendlichen Leserinnen durchaus gefallen dürfte.  

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen 




  • Gebundene Ausgabe: 362 Seiten (mit Schutzumschlag, kein Leseband)
  • Verlag: Ink; Auflage: 1 (8. März 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Tanja Ohlsen
  • ISBN-10: 3863960173
  • ISBN-13: 978-3863960179
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
  • Originaltitel: The Pledge
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 15,6 x 3,4 cm 
  • Neupreis: 17,99 €

Blütezeit


Donnerstag, 26. April 2012

... über "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" von Ali Shaw

Ali Shaw

Atmosphärisch, beklemmend-ehrlich und unendlich tragisch

Zum Inhalt:
Midas Crook ist ein verschlossener junger Mann, der seinen Lebensunterhalt im Blumenladen seines Freundes verdient. Einzelgängerisch und dauernd auf der Flucht vor der Welt und sich selbst durchstreift er seinen verschlafenen Landstrich, den er noch nie verlassen hat, und widmet sich seiner einzigen Liebe, der Fotografie. Durch die Linse hält er den Zauber des Lichtes fest. Auf einem seiner Streifzüge begegnet er der jungen Ida Maclaird, deren trauriger Ausdruck ihn fasziniert und in ihm ein ganz leises Gefühl weckt, das ihn eher erschreckt. Ihre Füße stecken in klobigen Stiefeln, und nach einem kurzen Geplänkel stakst sie von dannen. Es dauert nicht lange, bis Midas erfährt, weshalb Ida nach einem Besuch im vergangenen Sommer erneut nach St. Hauda's Land zurückgekehrt ist. Sie hat das Gefühl, ihr Geheimnis ist bei Midas gut aufgehoben und sie kann ihm vertrauen. Seit dem letzten Sommer geschieht mit Ida etwas Unerklärliches: Ihre Füße verwandeln sich immer mehr zu Glas. Von milchigem Weiß, bis sie schließlich durchsichtig werden. Idas Hoffnung liegt in einem Mann namens Henry Fuwa, dem sie damals schon begegnet war und der merkwürdige Ochsenmotten (geflügelte Rinder) züchtet. Nur ist dieser nicht so einfach aufzufinden. Obwohl Ida trotz ihrer körperlich bedingten Langsamkeit buchstäblich wie ein Wirbelsturm in Midas' eigenbrötlerisches Dasein hineinpoltert, ist er bereit, ihr zu helfen. Er begibt sich auf die Suche und macht den verschrobenen Japaner in dessen verstecktem Haus im Moor ausfindig. Die Nachricht des unglücklichen Insektenforschers, der vor langer Zeit einmal Midas' Mutter liebte, ist ernüchternd. Fuwa kann weder Hoffnung machen noch weiterhelfen. Sein Moor birgt den traurigen Beweis, dass Ida längst kein Einzelfall ist. Während Midas und Ida dennoch weiter nach einer Möglichkeit suchen, das Glas aufzuhalten, scheint aber der seltsame Archipel, dessen Gewässer vom Leuchten toter Quallen zauberhaft erhellt wird, Idas Krankheit nur noch zu beschleunigen. Die Zeit bis zum nächsten Winter rast nur so dahin und ist eigentlich viel zu kurz, um die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und die Liebe zuzulassen. 

Meine Meinung: 

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass einige Leser angesichts des U4-Textes und der Kurzbeschreibung mit anderen Erwartungen an die Lektüre herangehen. Natürlich ist Ida mit ihren gläsernen Füßen nicht nur titelgebend, sondern auch Hauptcharakter, aber "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" handelt im Wesentlichen von Midas, setzt sich mit seiner Gefühlswelt und seiner Vergangenheit auseinander, sodass im Rahmen der Perspektivenwechsel, in denen der auktoriale Erzähler Ida folgt, weniger Raum für Ida bleibt. Es geht in erster Linie um einen jungen Mann Anfang Zwanzig, der seit dem Selbstmord seines gleichnamigen Vaters einen Stempel weghat und sich dank der Begegnung mit Ida und den Gefühlen für diese tragische Figur ändert, um letztendlich aus seinen Verhaltensmustern auszubrechen und über seinen Schatten zu springen. 

Der 1982 geborene britische Autor Ali Shaw präsentiert in "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" quasi durchweg tragische Charaktere, die den Leser nach einem Fünkchen Glück lechzen lassen. So wundervoll sein Schauplatz St. Hauda's Land auch ist, mit all den zauberhaften, bildlichen Landschaftsbeschreibungen, so unglücklich sind seine Bewohner. Niemand scheint sein Leben mit der Person zu verbringen, die er wirklich liebt. Da sind Krankheit und Einsamkeit. Kleine Mädchen müssen ohne Mutter aufwachsen. Das Leben auf St. Hauda's Land ist vergleichsweise ereignislos, und doch zieht es die wenigsten weg von dort. So entsteht eine bedrückende Grundatmosphäre, die nicht jedem Leser liegen wird. 
Vor dieser bedrückenden Atmosphäre sind auch Midas und Ida lange Zeit keine Lichtpunkte, und so dauert es auch ca. einhundertfünfzig Seiten, bis, zwar nichts Einschneidendes passiert, aber man zum ersten Mal erschrocken den Atem anhält. Von da an liest sich der Rest der 398 am Schnitt so hübsch silbrig verzierten Seiten in einem Rutsch weg. 
Obwohl das Übersetzerinnenteam Sandra Knuffinke und Jessika Komina Ali Shaws detailreichen, zum Teil poetischen Erzählstil, der vor allem im deskriptiven Part und weniger in Dialogen glänzt, sehr liebevoll in Deutsche transportieren, ist es mir schwergefallen, eine Beziehung zu den Charakteren aufzubauen. Und das, obwohl ich schwierige Charaktere liebe. Vermutlich sorgte aber die einengende, beängstigende Grundstimmung dafür, dass ich mich innerlich weigerte, den Personen näherzukommen, aus Furcht, ich könnte sie nur fünf Seiten später für immer verlieren. 
Hauptcharakter Midas ist meines Erachtens recht realistisch dargestellt. Er ist ein junger Mann, dessen Vater vermeintlich aus heiterem Himmel Selbstmord beging und dessen Mutter wegen unglücklicher Liebe stets von einer erdrückend unglücklichen Aura umgeben war, sodass dem Heranwachsen eines lebensfrohen, glücklich-fröhlichen Mannes quasi der Wind aus den Segeln genommen wurde. In Rückblenden, die zwischen die aktuellen Geschehnisse geschoben werden und, nicht nur aufgrund der Namensgleichheit von Vater und Sohn, nicht immer einfach zu lesen sind, tritt Midas' psychisches Gepäck zutage. Im Grunde scheint Ida, die immer ein bisschen zu viel plappert und trotz der Schmerzen, die sie aufgrund ihrer körperlichen Veränderung unweigerlich erleidet, nicht ins Jammern verfällt, sein seelisch angemessener, aber erzählerisch wenig gläserner, sondern eher blasser Konterpart zu sein. Während Midas ihr nicht gleich reinen Wein einschenkt, was er bei dem schrulligen Fuwa gesehen und erfahren hat, ist sie geradeheraus ehrlich. Zum Teil analysiert sie Midas, dann wieder redet sie ihm vor die Zähne. Sie will ohne Umschweife wissen, woran sie bei ihm ist. Sie kann es sich nicht leisten, zuzulassen, dass Midas seinem Verhaltensmuster folgt, Schwierigkeiten aus dem Weg geht oder vor ihnen davonläuft. Sie zeigt ihm, dass er über Jahre hinweg durch eine Linse gesehen hat, wie durch einen Schutz, um nichts berühren zu müssen und Berührung von sich fern zu halten. Und je mehr Schritte Midas nach vorn tut, nicht nur auf Ida zu, sondern auch aus sich heraus, umso mehr wird ihr Körper zu Glas. 
Nebenfiguren übernehmen helfende und ermittlerische Aufgaben, helfen dem auktorialen Erzähler, den Leser Dinge sehen zu lassen, die den beiden Hauptcharakteren unbekannt waren. Auch diese Nebenfiguren erhalten ihre Rückblenden, woraus sich zwar eine hohe Informationsdichte, aber auch einige Längen ergeben. Insbesondere das erste Drittel des Buches erfordert nicht nur Geduld, sondern auch Konzentration. Lange Sätze, zum Teil mit Klammereinschüben, sind nicht selten. Manchmal fragt man sich, ob bestimmte Informationen oder Elemente, wie diese dubiosen Ochsenmotten (die - Achtung, Klammereinschub - mir so gar nicht ans Herz wachsen wollten), überhaupt erforderlich sind. Überraschenderweise bleibt das, was der Leser erfährt, manchmal Geheimnis dieser Nebenfiguren (und des Lesers), sodass sich hin und wieder die Was-wäre-wenn-Frage stellt. Was wäre, wenn Midas wüsste ... 
Ali Shaw aber befriedigt den Drang, seinen Protagonisten alles zu erklären, nicht. Genausowenig gibt er sich einem romantischen Trend hin, sondern nimmt sich die Freiheit, seine tragische Geschichte konsequent ehrlich auszuleben, und wagt es, den Leser zwiegespalten mit einem Funken Glauben daran, dass das Leben immer weitergeht, aber auch mit gebrochenem Herzen zurückzulassen. 

Fazit: 
Ruhige, atmosphärisch-poetisch erzählte Geschichte voller Bilder über das Leben, Verluste und die Liebe, die immer wieder gegen die beklemmende Grundstimmung des Romans ankämpfen müssen. Eine Geschichte, die trotz aller Tragik auf erfrischende Weise gegen den allgegenwärtigen Romanzenstrom schwimmt und sich in keine Schublade pressen lässt.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen
 




  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten (mit Schutzumschlag und Leseband)
  • Verlag: Script5 (9. Januar 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina
  • ISBN-10: 3839001315
  • ISBN-13: 978-3839001318
  • Größe und/oder Gewicht: 22 x 15,6 x 4 cm
  • Neupreis: 19,95 €

Rot

Ja, jetzt muss sie wohl komplett motivlos sein, wenn sie schon Hydranten fotografiert ... Eigentlich wäre ich auch nie auf die Fotoidee gekommen, wenn mein Sohn während unseres Besuchs in meiner Heimatstadt nicht staunend vor dem roten Ding gestanden hätte. Für mich gab es nichts zu staunen, denn ich bin mit dieser Art Überflurhydrant aufgewachsen. Sie sind nichts Besonderes. Mein Sohn aber hat sie noch nie gesehen. Das sind sie die Kleinigkeiten, die man nach einer Weile nicht mehr wahrnimmt. In unserem Dorf gibt's nämlich nur Unterflurhydranten, also wurde der rote Hydrant für mich zu einer kleinen Neuentdeckung in der alten Heimat :-)

Mittwoch, 25. April 2012

Im Gespräch mit Marie-Luis Rönisch - Teil 3

Nachdem ich in den vergangenen beiden Tagen mit Marie-Luis Rönisch über ihren Roman "The Mavericks - Willkommen in der Hölle, Inspiration und das Schreiben geplauscht habe, kommen wir nun zum letzten Teil, in dem es um Vorbilder und weitere Projekte gehen soll. 

SB: Du sagst zwar, dass du zeitbedingt nicht viel lesen kannst, hast du aber trotzdem eine(n) Lieblingsautor(in) bzw. ein Vorbild(er)?

MLR: Oh ja, ich fand die Schreibweise von Cassandra Clare und Lynn Raven ganz großartig.
Doch am meisten mag ich den Drehbuchautor Eric Kripke, welcher die TV-Serien Supernatural und Smallville ins Leben rief. 

SB: Welche(n) Autor(in) würdest du gern einmal treffen, und was wäre die wichtigste Frage, die du ihm (ihr) gerne stellen würdest? 

MLR: Definitiv Eric Kripke, und das obwohl er kein richtiger Autor ist. Er ist Produzent und ein genialer Mann. Meine Frage wäre wohl: Wieso lassen sie zwei Brüder gegeneinander kämpfen? Ich liebe seine Serie, und diese Dramaturgie war eine klasse Idee. Ich würde sehr gerne herausfinden, wie ihm diese Geschichte eingefallen ist. 

SB: Wie wir bereits erfahren haben, war "The Mavericks" ursprünglich sozusagen eine Filmidee ohne Buch. Auf deinem Blog schreibst du auch über Filme. Du könntest dir also durchaus deine Geschichten als Film vorstellen?

MLR: Ich muss ehrlich sein, es wäre mein Traum, eines meiner Bücher als Film oder Serie im TV betrachten zu können. "The Mavericks" wollte ich damals ja selbst verfilmen, also könnte ich es mir durchaus vorstellen, und auch bei Ilolis denke ich, dass die Idee als Film sicher gut bei den Zuschauern ankommen würde. Schließlich gibt es heutzutage auch richtigen Müll, der eine Chance in Hollywood bekommt, da könnte man es mit meinen Büchern oder den von anderen kleineren Schreibern ja auch mal versuchen ^^.

SB: Wie hältst du Kontakt zu deinen Fans? 

MLR: Ich gehe immer davon aus, dass ich keine Fans, sondern Leser habe. Mal ehrlich, wer dazu Fans sagt, hält sich doch schon für etwas Besseres ^^ ( Scherz ). Meiner Meinung nach bin ich auch keine Autorin. Ich finde, so eine Bezeichnung haben nur berühmte Schreibtalente verdient, die auch von ihrem Talent leben können. Am besten kommuniziere ich mit meinen Lesern über eine Gruppe auf Bookrix oder allgemein mein Profil dort. Als ml.loves.tenerife schreibe ich mit ihnen und versuche, ihre Kritik besser umzusetzen.

SB: Okay, dann werde ich künftig mehr auf meine Wortwahl achten ;-), auch wenn ich sehr wohl finde, dass du Fans haben darfst. 
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Schreiben ohne familiären Rückenhalt nicht immer einfach ist. Unterstützt dich deine Familie?

MLR: Klar, sie beraten mich in vielen Punkten. Aber meine Eltern lesen nicht alle meine Geschichten. Die Jugendromane sind nicht so ihr Ding, also schnuppern sie lieber in meine Kinderbücher hinein. Meine Oma ist eine begeisterte Leserin und freut sich immer, wenn ich ihr eine kindliche Kurzgeschichte mitbringe.

SB: Noch einmal zurück zum Thema "Buch". 
Was bevorzugst du (als Leserin und als Autorin): 
Traditionelles Buch oder E-Book oder Hörbuch? Warum?  
Hardcover oder Taschenbuch? Warum?  

MLR: Ich bevorzuge eindeutig das traditionelle Buch. Diese E-Book-Erfindung ist ja schön und gut, aber sie vermittelt mir nicht das Gefühl, dass ich mit meinem Werk etwas erreicht habe. Heute kann bei Amazon ja jeder Schreibbegeisterte seine Werke für wenig Geld an den Mann bringen, es ist zwar eine Chance, aber gleichzeitig auch keine Lösung. Ich finde, man sollte sich reinhängen und wirklich versuchen, einen Verlag zu finden, der den Roman als Buch herausbringt. Schon allein der Geruch, wenn man es endlich in den Händen hält, wird zu einem umwerfenden Gefühl. Ich lehne also E-Books ab, gegen Hörbücher habe ich nichts. Jedoch hätte ich keine Zeit, einem Erzähler zu folgen, da mache ich mir lieber selbst ein Bild und knicke die Seiten um, vergieße Tränen und nutze das Buch richtig ab. Dann weiß ich, dass sich am Schreiben im Vergleich zur Vergangenheit Gott sei Dank noch nicht viel geändert hat. Hardcover und Taschenbuch sind mir eigentlich egal. Nur bei einem Hardcover muss der Leser tiefer in die Tasche greifen, was eine Entscheidung meistens einfacher gestaltet.

SB: Du würdest selber also kein E-Book herausbringen?

MLR: Wenn ein Verlag darauf bestehen würde, hätte ich kein Problem, ein E-Book zu veröffentlichen, aber es muss gleichzeitig auch als Standardausgabe zu haben sein. 

SB: Nachdem wir dich jetzt als schreibwütige Autorin ... okay ... Schreiberin, der es nicht an Ideen mangelt, kennengelernt haben, liegen doch bestimmt jede Menge anderer Projekte auf dem Schreibtisch? Was steht denn noch so an? Bist du noch auf Verlagssuche oder suchst du nach einer Agentur?

Zurzeit überarbeite ich mit einigen Betaleserinnen meine Romane „Ilolis“ und „Blood of Love“. Wenn das geschafft ist, stürze ich mich hinein in die Internetwelt und suche nach Verlagen. Da "Blood of Love" ein Vampirroman ist, mache ich mir keine großen Hoffnungen, bei einem bekannten Verlag zu landen, deshalb werde ich lieber kleinere anschreiben, die genauso gut arbeiten. "Ilolis" dagegen würde ich schon gerne bei einer Agentur unterbringen, weil es sich um eine Idee handelt, die keinem derzeitigen Hype verfällt.

Ansonsten arbeite ich an der Fortsetzung von "The Mavericks" und meinem Vampir- und Fantasyroman "Labyrinth der Tränen". Doch es sind noch viele weitere Ideen geplant. 
Ich kann ja mal kurz die Titel aufzählen:
  • Slaves of the Death
  • Puppeteer – Prision of Darkness
  • Hexenzirkel – Die schwarze Magie unseres Herzens
  • Black Rose
  • Forgotten Dreams
  • Color of Time
  • Bloody Letters
  • Naamah – Kunst der Verführung
  • Luchia – Seele des Meeres
  • Kataranier – Knechtschaft der Dämonen
  • Eishauch verliebt in den Tod
  • Wächterin der Visionen
  • Delphinherz
  • Die Erben der Blutkristalle
Fortsetzungen gibt es bei den Büchern:
  • Blood of Love ( insgesamt 5-6 Teile )
  • The Mavericks ( 6 Bücher )
  • Ilolis ( 3 Bücher )
  • Hexenzirkel ( 3 Bücher )
Wer mehr zu den Büchern wissen will, kann auch mal auf meinem Blog vorbeischauen. Dort findet ihr zu jeder Buchidee genauere Informationen, wie den Plot, eine Leseprobe und die bisherige Anzahl der Kapitel. 

http://mllovestenerife.blogspot.de 

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Marie-Luis Rönisch für ihre Zeit während der Leipziger Buchmesse und unser anschließendes Online-Gespräch und wünsche reißenden Buchabsatz und zahllose begeisterte Leser. 
Auf dass wir noch viel zu lesen bekommen!

In der Nachmittagssonne

Dienstag, 24. April 2012

Im Gespräch mit Marie-Luis Rönisch - Teil 2

Heute möchte ich mein Online-Gespräch mit Jungautorin Marie-Luis Rönisch fortsetzen. 
Gestern hat sie bereits sich und ihren Roman "The Mavericks" vorgestellt. Heute bleiben wir auch beim Thema Schreiben und Bücher. 

SB: Wo wir gerade beim Thema Schule waren  ... Ist Schriftsteller sein dein großer Traum? Willst du einmal vom Schreiben leben können, oder möchtest du doch einem ganz traditionellen Beruf nachgehen? 

MLR: Nein, ich wollte nie eine Schriftstellerin werden. Anfangs schrieb ich als Hobby, später wollte ich den Menschen meine Ideen näher bringen und ihre Emotionen wecken. Klar wäre es schön, viele Leser und Veröffentlichungen zu haben und etwas Geld nebenher zu verdienen. Aber ich werde mich wohl in einen alltäglichen Beruf stürzen und hoffen, dass er mir eine gute Zukunft bringt. Mein Traum, den ich seit der 5. Klasse habe, war es, eines Tages Schauspielerin zu werden. Sehr absurd, vor allem wenn man aus einer Kleinstadt kommt. Ich halte nach wie vor daran fest, denn träumen ist erlaubt, so lange man die Realität nicht aus den Augen verliert. 

SB: Na klar, Träumen ist erlaubt. Träume gehören schließlich dazu. Und wer weiß, vielleicht ... eines Tages ... :-) Träumen wir ein bisschen weiter und widmen uns dem Thema Inspiration. Was inspiriert dich denn? 

MLR: In erster Linie die Natur. Sonderbare und mystische Orte die ich oft beim Spazierengehen mit meinen Eltern entdecke. Diese baue ich gerade aus meiner Gegend gerne in meine Geschichten mit ein. Ansonsten natürlich Filme und Musik. Wobei ich eher ein Filmfreak bin und mich oft durch gute Regieführung inspirieren lasse. Aber auch manche sonderbare Gegebenheiten in meinem Leben oder Träumen regen meine Fantasie an. 

SB: Wenn die Fantasie einmal auf Touren ist, schreibst du dann darüber, was die Fantasie in diesem Moment zu sprühen bringt bzw. worauf du Lust hast, oder schreibst du auch vorausschauend Geschichten, die vielleicht in einem Jahr interessant sein könnten?

MLR: Ich richte mich nicht nach der Gesellschaft oder einem Hype. Kommt mir eine Frage in den Sinn, träume ich etwas oder habe ich grundsätzlich eine gute Idee, richte ich mich danach und schreibe sie auf. Ich würde zum Beispiel niemals etwas beginnen zu schreiben, weil es mir jemand gesagt hat. Gut, dann gehe ich eben nicht mit der Zeit oder dem Trend. Ich denke, gerade als Schreiberin habe ich jegliche Freiheit, und diese möchte ich mir nicht nehmen lassen

SB: Verfolgst du im Schreibprozess dann auch deinen eigenen Stil? Bist du ein organisierter Schreiber oder schreibst du eher frisch von der Leber weg? Sind deine Ideen im Kopf immer schon von A bis Z fertig?

MLR: Ich plane immer alles im Voraus. Titel, Plot und die Figuren sind immer das Erste an einem Buch, was ich mir in meinem kleinen Heft notiere. Somit vergesse ich die Beschreibungen der Charaktere nicht. Anschließend plane ich jedes einzelne Kapitel durch. Ich habe mir selbst eine Art Regel festgelegt: Romane bestehen bei mir grundsätzlich aus 30 Kapiteln. The Mavericks ist eine Serie und hat deshalb nur 20. Kinderbücher werden niemals 15 Kapitel überschreiten, doch meistens werden es 10 bleiben. Viele Autoren schreiben, wie es ihnen in den Sinn kommt, und legen so etwas nicht im Voraus fest. Ich bin da anders. Die Geschichten und deren Fortsetzungen habe ich zwar schon fast alle notiert, aber sie spuken mir auch oft im Kopf herum, was ich manchmal sehr unterhaltend und amüsant finde.

SB: Das klingt ganz so, als würden dich Geschichten und Charakter immer gut mit Beschlag belegen. Wo findest du die Namen für deine Protagonisten und die Titel deiner Geschichten? 

MLR: Manchmal begegnet man einer Person im Leben und denkt sich, der Name ist wirklich sonderbar und einfach zu merken. Ich notiere mir ihn, und beim nächsten Buch wird er mit eingebaut. Es lassen sich aber auch gute Namen im Internet finden. So habe ich lediglich bei Jetztspielen.de ein wenig meine Zeit totgeschlagen und einige gute Usernamen entdeckt, so auch Alanya, welche die Hauptfigur in "Labyrinth der Tränen" wurde. Ich finde, bei Romannamen sollte jeder Schreiber aufpassen. Sie sollten zwar besonders, aber auch einfach gehalten werden, damit sich die Leser diese gut merken können. Deshalb bevorzuge ich auch kurze Namen wie Faye, Any, Rick, Jason, Elena ...
Die Titel müssen schon etwas über die Buchidee aussagen. Bei „The Mavericks“ geht es in erster Linie um den Zusammenhalt von unterschiedlichen Wesen die eigentlich Todfeinde sein müssten und dennoch zueinander finden. Jeder Einzelne von ihnen wurde von der eigenen Art für den Verrat verstoßen und somit werden sie zu den „Einzelgängern“. Ich denke, „Blood of Love“ deutet perfekt auf einen Vampirroman hin, und „Ilolis – Die Verstoßenen“ wurde nach einem Volk benannt und dessen Situation. 

SB: Uff! Endlich mal eine Autorin, die einfache Prota-Namen bevorzugt. Ich gehöre nämlich zu den Lesern, die sich zu lange und aussprechbare Namen nicht merken kann. Mir ist aufgefallen, dass deine Titel hin und wieder, wenn auch nicht immer auf Englisch sind. Warum wählst du englische Titel für deine Werke? Passt das deiner Meinung nach am besten zu deiner Zielgruppe oder ist das derzeit eben einfach nur "in"?

MLR: Ich wähle nicht immer englische Titel. Nur wenn die deutsche Version ein wenig unspektakulär klingt ^^.

SB: Stimmt auch wieder :-) 
Wenn ich bei dir auf Facebook mitlese, dass wieder eine Kurzgeschichte von dir erscheint, freue ich mich immer und staune aber auch, wie produktiv du bist. 
Erlebst du eigentlich auch mal die berühmten und gefürchteten Schreibblockaden oder könntest du immer und überall schreiben, wenn du denn Zeit hättest? Brauchst du eine bestimmte Atmosphäre, oder gibt es etwas, das dich beim Schreiben stört? 

MLR: Ich habe selten Schreibblockaden, weil ich immer genau weiß, was ich aussagen möchte. Ich könnte somit immer schreiben, wann ich die Zeit dazu finde. Was mich stört, ist Lärm. Ich brauche absolute Stille beim Schreiben, denn erst dann finde ich mich in meine Erzählungen hinein. Dann spiele ich alles wie einen Kurzfilm in meinem Kopf ab und nutze die Tasten, um es festzuhalten. 

SB: Das kenne ich gut. Ich bin auch eher ein Stillschreiber. 
Du scheinst vor Ideen zu sprühen, und wenn du in jeder freien Minute schreibst, bleibt sicher kaum Zeit für anderes. Schaffst du es, daneben noch zu lesen, oder schaust du lieber mal einen Film oder Fernsehserien? Schreibst du das, was du liest bzw. siehst bzw. was du gerne selbst lesen möchtest?

MLR: Ich lese, um ehrlich zu sein, eher weniger. Die Zeit fehlt mir leider. Am Liebsten schaue ich fern, gehe ins Kino oder verfolge meine Lieblingsserien: LOST, Supernatural, … Und ja, ich schreibe stets das, was ich selbst gerne im TV sehen oder lesen würde.

Noch ein paar Fragen habe ich in petto. Diese stelle ich dann morgen. Auch ihr habt noch Gelegenheit, Marie-Luis auszuquetschen. Kommentare sind nach wie vor willkommen!  

Ausblick

Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, ob dies der Anhaltiner oder Thüringer Ausblick vom Kyffhäuser-Denkmal ist, denn ich hatte dort oben auf dem Denkmal solche weichen Knie, dass ich blind auf den Auslöser gedrückt habe.

Montag, 23. April 2012

Aus dem Bücherregal

Anlässlich des Welttages des Buches (und des Urheberrechtes) habe ich mich nicht nur auf den Hosenboden gesetzt, um endlich das längst ausstehende Interview mit Marie-Luis Rönisch fertig zu stellen, sondern auch mal unser Bücherregal durchstöbert. 
Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Buch, das ich vor einigen Jahren auf dem Flohmarkt erstanden habe und das wohl das älteste Buch ist, das ich besitze. Nach einer Stunde Sucherei fiel mir ein, dass ich es in der Familie verliehen habe. 
Alternativ habe ich aber tatsächlich das älteste Buch unseres Regals gefunden. Eigentlich ist es ein Kalender, aber da sonst alles zutrifft, was man mit einem Buch verbindet, habe ich es geschnappt und ein paar Fotos geschossen, und nicht nur davon ... 

Voilà, unser ältestes "Buch" ist der Deutsche Gastwirts-Kalender von 1910.
Die Seiten sind noch alle da, auch wenn das Papier schon etwas abbekommen hat.
Die einzige farbige Seite ist ... WERBUNG :-)
Noch mehr Werbung. Na dann Prost den Gastwirten und Gästen von 1910.
Zwei Bücher von Joachim Rohde, mit Bildern von Fritz Lattke. Beide Bücher stammen aus dem Jahr 1940. Meine Mama hat sie uns freundlicherweise schon vermacht. Hübsche Illustrationen, spannende Abenteuer zweier Kinder mit Tieren, aber eben auch das entsprechende zeitliche Setting, das man differenziert betrachten muss. 
In alter Schrift. Anstrengend zu lesen, aber auch sie ist nun einmal Teil der Buchentwicklung.
Noch ein Buch in alter Schrift. Die Bände gehören meinem Imker. Leider konnte ich auf keiner der Seiten ein Erscheinungsjahr ausfindig machen.
Aus meiner Märchenbuchsammlung. Chinesische Märchen, erschienen 1954 im Kinderbuchverlag Berlin, mit Illustrationen von Ruprecht Haller.
Mich haben als Kind die gelbbraunen Illustrationen fasziniert, und ich habe oft versucht, sie nachzuzeichnen, aber offenbar liegt mir der chinesische Stil nicht besonders.
Zwei Bücher aus meiner Kinderzeit. "Arne boxt sich durch", mit Illustrationen von Heinz Handschick, für Leser ab 10 Jahren ist eigentlich ein Jungsbuch, aber ich fand es als Kind einfach spannend. Zwischen 10 und 12 Jahren haben mich Jungsgeschichten mehr mitreißen können als Mädchenbücher. Ich habe unheimlich gerne Ferienabenteuer irgendwelcher Cliquen gelesen und es konnte gar nicht geheimnisvoll genug zugehen. Geheimnisvoll ist "Arne boxt sich durch" zwar nicht, aber ich kann mich erinnern, dass ich es ein paar Mal in der Bücherei ausgeliehen habe. Auch den Namen Arne fand ich damals außergewöhnlich :-) Karl Neumanns "Frank und Irene" war DAS Buch in unserer Bücherei. Jeder wollte es lesen, wenn man den Vorgänger "Frank" gelesen hatte. Es war ab 12 und stand in der Sektion mit den blau eingebundenen Büchern. Die durfte man aber nur ausleihen, wenn man das richtige Alter hatte. Worum es geht, kann bei wikipedia nachgelesen werden. Die Thematik ist natürlich sehr DDR-spezifisch und da das Buch bereits 1964 erstmals erschien, war der Plot, als ich es endlich lesen durfte, für mich schon so weit weg (ich bin Jahrgang 1976), dass ich das Buch mit gewisser Enttäuschung zurückbrachte. Vielleicht auch, weil ich ab 12 dann doch wieder eher in Mädchenbuchlaune war und lieber Karl Neumanns Jugendromane las, deren Protagonistin ein Mädchen war.

Im Gespräch mit Marie-Luis Rönisch - Teil 1

Heute ist bekanntlich Welttag des Buches, und ich habe nicht allzu lang über einen Beitrag gegrübelt. 
Warum nicht mit einem Schreiberling über Bücher und übers Schreiben plaudern?
Zur Leipziger Buchmesse traf ich mich mit Jungautorin Marie-Luis Rönisch, die dem einen oder anderen bereits von Bookrix ein Begriff ist, auf einen kleinen Plausch. 
Kennengelernt habe ich Marie-Luis schon Ende 2010 über Facebook, wo wir ab und an ins Gespräch kamen. 
Da lag es natürlich nahe, dass wir uns auch einmal "in echt" begegnen. 
Unser kleiner Plausch war zwar zunächst als Interview gedacht, aber wir gerieten dann doch in ein lockeres Gespräch, sodass ich meine geplanten Interviewfragen im Notizbuch in der Hand hielt und überhaupt nicht stellte ... und Marie-Luises Freundin ein bisschen zu lange warten musste (noch einmal Entschuldigung an dieser Stelle).
Deshalb habe ich Neugiertante all meine Fragen schriftlich zusammengestellt, und wir haben unser Interview online nachgeholt.  
Da ich mit vielen Fragen Löcher in fremde Bäuche bohren kann, gibt es das Interview häppchenweise, um zu vermeiden, dass zu viel auf einmal gelesen werden muss. 
Lernt also heute die 19-jährige "The Mavericks"-Autorin aus dem sächsischen Großröhrsdorf kennen, die leidenschaftlich gern Geschichten fern der Realität erzählen möchte, aber selbst sehr realistisch ist und auch gar nicht so gerne Autorin genannt wird. 

SB: Wie bist du zum Schreiben gekommen bzw. was bringt einen in so jungem Alter zum Schreiben?

MLR: Das ist eigentlich eine recht interessante Geschichte. Ich brauchte viele Umwege, um zum Schreiben zu finden. Als ich 16 Jahre alt war, redete ich mit einem guten Freund in unserem Garten über Filme und was ich von den Produzenten so erwartete. Doch immer wieder wurde ich enttäuscht und so reimte ich mir aus Spaß selbst eine Idee zusammen. Die Namen der Charaktere waren schnell gefunden und auch der Titel ließ nicht mehr lange auf sich warten. So entstand „The Mavericks“, was übersetzt „Die Einzelgänger“ bedeutet und sich auf die ungewöhnlichen Freundschaften und Verbindungen bezieht. Anfangs wollte ich selbst eine Art Drehbuch daraus machen und diese Idee mit Freunden an Standorten in der Umgebung verfilmen. Wir planten alles auf Youtube hochzuladen und hatten sogar schon eine Besetzung und Kamerafrau. Doch das Projekt scheiterte, weil wir auf unterschiedliche Schulen und in verschiedene Klassen gingen und keine Zeit fanden. Also schrieb ich einen Produzenten an, dessen Adresse ich im Internet gefunden hatte. Dieser fand meine Idee von der Liebe zwischen Any und Vincent und der dramatischen Handlung gut, meinte aber es würde keinen Film ohne ein Buch geben. Und so wagte ich mich an die ersten Seiten. 


The Mavericks - Willkommen in der Hölle erschien im Dezember 2011 im Debehr-Verlag und ist damit nach und neben zahlreichen Anthologiebeiträgen Marie-Luises erster Roman, den es in Buchform gibt.


SB: Wie ist "The Mavericks" entstanden?

MLR: Wie schon weiter oben erwähnt, wollte ich etwas völlig Neues schaffen. Engel, Dämonen, Vampire, alles ist bereits vorhanden, nur erzählen die meisten Autoren ähnliche Geschichten. Ich hoffe, mit meinem Roman "The Mavericks" konnte ich etwas Neues schaffen, weil es die Realität mit einbezieht. An sich wurde ich durch die TV-Serie "Supernatural" von Eric Kripke dazu inspiriert. Viel interessanter wäre wohl die Frage, wie meine Charaktere entstanden sind. Lea Demorpoles zum Beispiel habe ich aus meiner Vergangenheit ans Licht geholt. Als Kind hatte ich eine Puppe mit orangefarbenem Haar und grünen Augen. Ich gab ihr diesen Namen und machte aus ihr einen schwarzen Engel. Letzten Endes ist es genau dabei geblieben und die Geschichte ihres Lebens, welche ich mir mit 12 Jahren zusammengesponnen hatte, blieb vorhanden und wurde Teil der Serie. Any Parker war ein Name, der mir sofort auf der Zunge lag. Ich wollte keine normale Figur, die tollpatschig durchs Leben stolpert und immer wieder gerettet werden muss. Ich brauchte ein starkes Mädchen, das sich von ihren Emotionen leiten lässt und schon viel Schlimmes erlebt hat. Doch ihre Freunde bauen sie immer wieder auf und würden für die Kleine bis ans Äußerste gehen. Die damaligen Grundcharaktere waren:
Rick Gates (Todesengel)
Any Parker (Engel)
Vincent Selth French (Dämon)
Kathy Wyans (Vampir)
Lea Demorpoles (schwarzer Engel)
Mason (Werwolf)
Ich wollte von jeder Art ein Wesen, und genau aus diesem Zusammenschluss entstand auch der Titel.


Ich gestehe, dass ich den Roman noch nicht gelesen habe, bin aber inzwischen sehr neugierig geworden.


SB: Wie geht es dir jetzt, da dein Buch erhältlich ist? 


MLR: Es ist natürlich ein tolles Gefühl, das eigene Buch in den Händen halten zu können. Ich musste hart dafür kämpfen und strebe nun nach einem höheren Ziel. Ich hoffe, dass ich weitere Bücher an Verlage bringen kann und sich viele Leser darüber freuen. 


Ich drücke auf jeden Fall, die Daumen, dass "The Mavericks" Anklang findet und auch weitere Projekte ein Verlagszuhause finden. 


SB: Welches Genre bevorzugst du und warum? Welche Zielgruppe hast du? 


MLR: Ich bevorzuge alles, was der Realität fern ist. Fantasy, Horror, Science Fiction, Mystery …
Ich liebe es, Geschichten von fremden Welten, Kriegen oder Wesen zu erzählen und die Leser damit zu berühren. Meistens werde ich von Jugendlichen gelesen, die ich auch in erster Linie ansprechen möchte. Doch zum Beispiel auf Bookrix habe ich auch viele ältere Leser die mir gerne ein Feedback zukommen lassen. 


SB: Während unseres Gesprächs hast du mir erzählt, dass du lieber Romane, auch Reihen, verfasst, Kurzgeschichten hingegen nur für Ausschreibungen. Warum muss es die Gattung Roman sein? Wie lange arbeitest du an einem Roman (Schreibzeit, Überarbeitung, Korrektorat)?

MLR: Wenn ich eine Geschichte erzähle, verliebe ich mich immer wieder in die Tragik und die Charaktere und kann diese nach nur einem Buch einfach noch nicht gehen lassen. Ich bin ein Mensch, der in Filmen und Büchern die Spannung sucht, deshalb habe ich auch immer recht viele Ideen die ich in ein Buch packen muss und somit wird es zu einem Roman. Klar schreibe ich auch gerne Kurzgeschichten, aber hinter jeder Idee steckt mehr, und ich frage mich manchmal, warum ich diese nicht auch zu einem ganzen Buch ausbauen sollte. Deshalb versuche ich, lediglich bei meinen Hauptcharakteren aus meinen Reihen eine Bindung aufzubauen und mich von den Kurzgeschichten-Figuren schnell zu trennen. Hätte ich wirklich mal so richtig Zeit, würde ich einen Roman in knapp 1,5 Monaten schreiben können. Mit Überarbeitung und Korrektorat würden daraus knapp 3 Monate werden.


Die Veröffentlichungen von Marie-Luis Rönisch sind übrigens auf ihrem Blog zu finden, der auf jeden Fall mehr als einen Blick wert ist. -> [Klick]


SB: Apropos Zeit: Du gehst noch zur Schule, das heißt, du hast auch nicht gerade wenig Stress. Trotzdem gibt es immer wieder etwas von dir zu lesen. Wann schreibst du denn? 

MLR: Erstaunlich, wie viele Menschen mir diese Frage schon gestellt haben. Ja, ich mache gerade mein Fachabitur, aber Prüfung habe ich erst nächstes Schuljahr. Da man bei einem Fachabitur alle 2 Wochen arbeiten geht, habe ich so gut wie gar keine Zeit zum Schreiben. Also bleiben nur die Ferien, das Wochenende und die Freizeit nach dem Schulalltag. Da mir aber viel zu viele Gedanken durch den Kopf schwirren, finde ich meistens einen Moment, um zu schreiben, sonst würde ich wahrscheinlich durchdrehen ^^.

So, das war der erste Streich, der zweite folgt dann morgen. 
Brennen euch Fragen unter den Nägeln? Immer her damit. Kommentare sind willkommen! 

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