Freitag, 7. Dezember 2012

... über "Unter dem Vampirmond - Verführung" (Band 2) von Amanda Hocking [Hörbuch]

Amanda Hocking 
(ungekürztes Hörbuch)

Dynamischer als der Vorgänger erzählte Fortsetzung, die nicht nur neue Verwirrung stiftet, sondern auch die Vampirwelt dieser Geschichte weiter nuanciert.

Zum Inhalt:
(Es handelt sich um den 2. Band einer Reihe, weshalb Spoiler zum Reihenauftakt nicht auszuschließen sind.)
Peter ist weg. Er ist buchstäblich vor Alice geflohen, weil er nicht zulassen will, dass sein Blut mit dem eines Menschen verbunden ist und sie zu Gefährten macht. Seit Peter nicht mehr in der Nähe ist, lässt Alices Verwirrung zwischen zwei Männern nach und sie kann langsam wieder eine unbeschwerte Zeit mit Jack verbringen. Sie genießt die Augenblicke mit ihm und seiner Familie, in denen sie kaum mehr spürt, dass sie es eigentlich mit Vampiren zu tun hat. Sogar ihr jüngerer Bruder Milo wird Teil des gemeinsamen Zeitvertreibs, und genau das wird ihm schon bald zum Verhängnis. Beim ausgelassenen Spiel am See erleidet er einen Unfall mit so schwerwiegenden Verletzungen, dass Alice vor der Wahl steht, ihn gehen lassen zu müssen oder Jack zu erlauben, ihn zu retten. Dass sie sich für das Leben ihres Bruders entscheidet, entfernt sie zwangsläufig von der ihr liebgewonnenen Familie, zu der sie eines Tages selbst hätte gehören sollen. Während Milo mit seiner Verwandlung kämpft, muss sie zurück in ihr altes Leben, das sie kurz zuvor noch im Streit verlassen hatte. Zurück zur Schule. Weg von Jack, für den sie durchaus mehr als nur platonische Freundschaft empfindet. Doch kaum sind die Sorgen um den Jungvampir Milo ausgestanden, sodass auch Alice Jack wieder näher sein kann, treten neue Vampire auf den Plan. Und die sind keineswegs so friedliebend wie Jacks Familie. Alices Blut lockt nicht nur neue Feinde, sondern auch Peter tritt plötzlich wieder in ihr Leben. Er hat es sich anders überlegt. Doch Alice und Jack haben längst die Grenze überschritten ... 

Meine Meinung: 
"Unter dem Vampirmond - Verführung" lag bereits in meiner Hörbuchbibliothek, sodass ich diese Fortsetzung ohne zu langen Zeitabstand nach "Versuchung" angehört habe.
Im Gegensatz zu dem Reihenauftakt "Unter dem Vampirmond - Versuchung" geht es im zweiten Band der Reihe recht schnell zur Sache. Amanda Hocking verschwendet keine Zeit für ausschweifende Träumereien oder Erinnerungen, sondern stößt den Leser/Hörer mitten ins Geschehen. Der Enttäuschung, der Ich-Erzählerin Alice am Ende von Band 1 noch leise nachgehangen war, weil man ihr von einer schnellen Verwandlung zum Vampir abgeraten und ihr noch eine gewisse Zeit als Mensch in Aussicht gestellt hatte, ist verschwunden, denn man darf sofort mit jeder Faser den Sommer vor dem letzten Schuljahr mit der Protagonistin erleben. Während ihre eigene Mutter arbeitsbedingt durch Abwesenheit glänzt und man den Eindruck hat, die Geschwister erzögen sich gegenseitig, fühlt sich Alice bei den Vampiren wohl. Auch Milo ist dabei, und es macht Freude, zuzusehen, wie der bislang zurückgezogene, ruhige und verantwortungsbewusste Jugendliche aus sich herauskommt und sich in der fremden Familie beinahe zu Hause fühlt. Doch schon nach wenigen Hörminuten präsentiert Amanda Hocking den großen Knall: Milo, den man unweigerlich liebgewonnen hat, hat einen schweren Unfall. Eigentlich eine ganz simple, unspektakuläre Spielsituation wird ihm zum Verhängnis, und man bangt nägelkauend um sein Leben. 
Aber wenn man meint, Amanda Hocking könne damit ihr Pulver schon verschossen haben, liegt man falsch. "Unter dem Vampirmond - Verführung" fristet an keiner Stelle das Dasein eines typischen Übergangsbandes, in dem die Handlung nur geringfügig vorangeht, ohne dem Leser den Schlaf zu rauben. Hatte ich bei anderen Reihen nicht selten das Gefühl, die Handlung werde künstlich gestreckt, um den geplanten Plot auf drei Bände und mehr auszuweiten, ist das hier ganz und gar nicht der Fall. Die Printausgabe dieser Fortsetzung ist nur sechzehn Seiten kürzer als der Auftaktband, was in der Hörbuchfassung nur eine halbe Stunde Unterschied ausmacht, und doch hat man das Gefühl, das Geschehen werde schneller und dichter erzählt als noch im Vorgänger, ohne jedoch in der Lesung gehetzt zu wirken. 
Amanda Hocking gelingt es sehr gut, Alice glaubhaft über einen längeren Zeitraum von der ihr vorherbestimmten Vampirwerdung fernzuhalten. Dabei scheint Alice jedoch diejenige zu sein, die sich seit "Versuchung" am langsamsten weiterentwickelt. Angesichts der rasanten Veränderungen um sie herum empfinde ich das aber gar nicht als dramatisch, sondern eher als beruhigend, und man außerdem so Gelegenheit, eine tiefere Beziehung zu ihrem Charakter aufzubauen und in ihr Gefühlsleben einzutauchen, ohne plötzliches Off-Character-Verhalten befürchten zu müssen. Ihre Verwirrung zwischen Jack und dem nicht einmal anwesenden Peter und auch ihre Sehnsucht, dazuzugehören, werden aufrechtgehalten, und ab und an sind ihr auch dosierte Augenblicke des Selbstmitleides gestattet, beispielsweise wenn sie es bedauert, dass an ihrer Stelle Milo nun zum Vampir wurde/werden musste. Erfreulicherweise verkommt sie weder in Momenten der Angst oder Versuchung zu einem zaudernden weinerlichen Charakter. Sie weiß zwar nicht, was sie vom Leben will, und sie kann sich auch nicht zwischen den beiden Vampiren entscheiden - es ist wahrlich nicht einfach, mit dem Herz anders zu empfinden, während das Blut einem anderen versprochen ist -, aber dennoch blickt sie den Ereignissen recht unerschrocken entgegen. Während so manch anderer Buchcharakter seitenweise vor sich hinjammert und in Sehnsucht nach Verbotenem zerfließt, erlaubt Amanda Hocking ihren Charakteren, sich fallen zu lassen und Fehler zu machen, und zwar solche Fehler, die man sich buchstäblich erhofft, nur um weiterlesen/weiterhören zu dürfen, welche Konsequenzen diese wohl mit sich bringen. Die Autorin erzählt das auf so unterhaltsame und abwechslungsreiche Weise, dass man sich freut, sich nicht in einem klassischen Liebesdreieck wiederzufinden, in dem zwar gewiss einer eines Tages den kürzeren ziehen wird, aber es nicht offensichtlich ist, wer.
Wenngleich es in Alices Leben zunächst zwar turbulent zugeht, sie aber im gleichen Moment Rückschritte machen muss und lange Zeit nicht weiterkommt, weil sie eben ihrem Schul-Dasein und dem Alltag nichts abgewinnen kann, wird sie gleichzeitig in eine Welt eingeführt, in der es nicht nur die Vampire von Jacks Familie gibt. Ohne das lokale Flair, das im ersten Band noch spürbar war und dort ein nettes Heimatgefühl mitbrachte, wirft Amanda Hocking ihre Protagonisten wieder in typische Teenageraktivitäten. Man geht also in die Disko. Dass das nicht immer so einfach ist, weil Alice erst 17 ist, haben wir schon in Band 1 gesehen. Weil Milo, so frisch gewandelt, langsam an Menschen herangeführt werden muss, geht es also in die ortseigene Vampirdisko. Die Autorin nutzt diese Location geschickt, um ihre Vampirwelt weiter auszubauen und aufzuzeigen, dass Vampire doch nicht ungefährlich sind. Trotzdem nutzt sie diese Gelegenheit auch, um sich unterschwellig über Vampirklischees lustig zu machen und damit die Lektüre angenehm aufzulockern. 
Als angenehm empfand ich es auch, dass die Autorin einmal eingeführte Charaktere nicht unter den Tisch kehrt. Nachdem Alices Freundin Jane im ersten Band durch die Bekanntschaft mit Jack und seiner Familie leicht verdrängt worden war, darf sie in der Fortsetzung (wenn auch spät) wieder in Erscheinung treten und sogar zur Mitwisserin werden. Die Mutter von Alice und Milo kommt wieder relativ kurz, vermutlich bewusst, damit man keine großartigen Sympathien aufbauen kann. Da ich nun keine jugendliche Leserin mehr bin, hege ich oft gespaltene Gefühle gegenüber Muttercharakteren, denen deutlich Ressentiments entgegengebracht werden, wenngleich sie eigentlich nichts dafür können, sondern im Grunde nur bemüht sind, das Leben irgendwie zu meistern. So entstand auch hier der Eindruck, die Mutter ließe die Geschwister einfach "laufen" und bekäme so gar nichts von deren Leben und Sorgen mit. Deshalb habe ich mich geradezu gefreut, dass die Mutter wenigstens einen kleinen Moment bekam, in dem sie zeigen konnte, dass sie sich wirklich Sorgen um ihre Tochter macht. Trotzdem wird sie wahrscheinlich im weiteren Verlauf keine sonderliche Rolle mehr spielen müssen. 
Besonders gut gefiel mir, dass Amanda Hocking ganz bewusst einen Bogen spannt, indem sie in Band 2 eine ähnliche Szene wie zu Beginn des Auftaktbandes einflicht, die nicht nur Alices gewisse Todessehnsucht erneut illustriert, aber auch zeigt, dass sie inzwischen in der Lage ist, sich Ängsten zu stellen.
Leider sind die Charaktere, mit denen ich noch nicht so richtig warm werden will, ausgerechnet die beiden Herren des Liebesdreiecks. Jack wurde mit 24 Jahren zum Vampir, wirkt aber wesentlich jünger. Er verkörpert einen erfrischenden Antivampir, der nicht allen Klischees hinterherreitet und auch optisch nicht den tollen Kerl markiert. Damit bietet er nicht auf den ersten Blick Schmachtmaterial, sondern gibt eher den Freund zum Pferdestehlen (der sich dummerweise in die Frau verliebt, die er nicht haben darf). Ansonsten macht er auf  mich aber einen recht unreifen Eindruck, sodass selbst der wesentlich jüngere Milo wie ein verantwortungsbewusster großer Bruder wirkt. Den Altersunterschied zu Alice nimmt man im Grunde nicht wahr (und auch nicht ernst), sodass ich mich oft gefragt habe, warum Jack denn nicht einfach nur ein Jugendlicher sein konnte, zumal er Alice keine sonderlichen Lebensweisheiten, sondern eigentlich nur eine starke Brust zum Anlehnen zu bieten hat. Peter wiederum ist der ältere Vampir und verkörpert das Brütende, unterschwellig Grollende, das Vampire gleichzeitig reizvoll und nervig macht. Zudem wird er in Amanda Hockings Romanreihe bislang eher in ein etwas mysteriöses Ambiente eingebunden, das durch die Distanz, die entsteht, da Alice ihn lediglich über seine Aufzeichnungen kennenlernt, noch verstärkt wird. Leider kommt er mir noch zu kurz. Er ist kaum anwesend, bekommt verstörende Augenblicke mit Alice, und seine eigene Verbindung zu ihr liegt in einer seltsamen Bestimmung, die ihnen beiden im Blut liegt. Dadurch kommt mir Alices Sehnsuchtsgefühl oft aufgesetzt und gestellt vor. Teilweise nervt das sogar, weil diese erzwungene Verbundenheit immer wieder dazu führt, dass Alice Erkenntnisse, die sie gerade erst für sich getroffen hat, im nächsten Augenblick wieder revidiert und noch nicht einmal etwas dafür kann.
Positiv möchte ich anmerken, dass die deutsche Untertitelwahl mit "Versuchung" und "Verführung" bislang sehr treffend ist. Nicht nur haben diese Jugendbücher erfreulicherweise einen deutschen Titel, sondern auch noch einen, der den Inhalt wiederspiegelt. Nachdem in Band 1 quasi alle Charaktere in "Versuchung" waren, zum einen in Hinblick auf eine mögliche Beziehung und zum anderen auch auf das vampirtypische Beißen, ist "Verführung" in Band 2 Programm. Zum einen kommen sich Alice und Jack ziemlich nah und führen sogar ein offenes Gespräch über Intimitäten, sie verbinden sich außerdem auf andere verbotene Weise, die Konfliktpotential für den weiteren Verlauf der Geschichte bietet. Das Sich-hinreißen-lassen ist in dieser Fortsetzung so allgegenwärtig, wie die Versuchung in Band 1 überall lauert. 
Dabei findet Amanda Hocking eine ausgewogene Mischung zwischen anschaulichen Schilderungen und unterstützenden Dialogen, die von angemessenem jugendlichen Ton geprägt sind und nicht übertrieben wirken. Weiterhin stören mich gehäuftes "sagte ich kopfschüttelnd", "erwiderte ich kopfschüttelnd", "sagte ich nickend" etc., sodass ich mich fragte, ob man in einer Hörbuchversion nicht gänzlich auf diese Dialogzusätze verzichten könnte, da so fähige Sprecherinnen wie Annina Braunmiller die Dialoge bereits so gekonnt modulieren, dass man Zweifel, Resignation, Ungläubigkeit ebenso nachvollziehen kann wie Freude und Sehnsucht.
Annina Braunmiller, die ich gerade zufällig in drei Büchern hintereinander gehört habe, trägt zusätzlich zu dem jugendlichen Touch des Buches bei. Während sie aktuell im Kino in Breaking Dawn - Teil 2 Bella Swan mit unterschiedlichen Facetten interpretiert, spricht sie Alices Geschichte sehr passend zu einem unentschlossenen, verliebten Mädchen im letzten Highschool-Jahr. Inzwischen habe ich mich von anderen von der Sprecherin vertonten Rollen und Büchern lösen und deshalb "Unter dem Vampirmond - Verführung" sehr genießen können. 
Amanda Hocking ist es mit ihrer paranormalen Jugendromanreihe auf jeden Fall gelungen, mir wieder Lust auf Vampire zu machen, und Band 3, "Unter dem Vampirmond -Verlangen", wird sicherlich bald einen Platz in meiner Hörbuchbibliothek finden.

Fazit:
Ohne lästige Längen stringent erzählte vampirische Reihenfortsetzung, die auf Auswalzung von Klischees verzichtet und die Gesamtgeschichte spannend und mit Überraschungen vorantreibt. Durch Verzicht auf eine kindische rosarote Färbung der plotdominierenden Romanze wird "Unter dem Vampirmond - Verführung" auch dank der professionellen Hörbuchumsetzung zu einem unterhaltsamen Zeitvertreib für Vampirromanzenliebhaber aller Altersklassen.

Gesamteindruck Story
4 von 5 Weißdornzweigen





Gesamteindruck Hörbuch
5 von 5 Weißdornzweigen





Durchschnittsbewertung
4 von 5 Weißdornzweigen 
(weil insbesondere bei der Ausgestaltung der männlichen Hauptcharaktere des Dreiecks noch Spielraum besteht)





Buchdaten: 
  • MP3 CD
  • Verlag: der Hörverlag; Auflage: ungekürzte Lesung (17. Oktober 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Anne Emmert, gelesen von Annina Braunmiller
  • ISBN-10: 3867178135
  • ISBN-13: 978-3867178136
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre


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