Samstag, 24. November 2012

... über "Unter dem Vampirmond - Versuchung" (Bd. 1) von Amanda Hocking [Hörbuch]

Amanda Hocking 
(Hörbuch)

Kaum spannungsgeladener, aber solider Reihenauftakt mit nettem Lokalkolorit um recht normale Vampire

Zum Inhalt: 
Die 17-jährige Alice Bonham wird in den Ferien von ihrer Freundin Jane von einer Disko zur nächsten geschleift. Da sie aber (trotz oder wegen ihrer gefälschten Ausweise) nirgends reinkommen, müssen die Mädchen sich wohl oder übel auf den Nachhauseweg begeben. Zu Fuß, in hochhackigen Schuhen, weil das Geld nicht für ein Taxi reicht. Dabei geraten sie an eine Gruppe fremder Männer. Während Jane sich noch rasch verstecken kann, steht Alice ihnen allein gegenüber, und als sie schon glaubt, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, kommt ein Fremder zur Rettung herbeigebraust. Rasend schnell mischt er den rüden Haufen auf und befreit die Mädchen in Not. Sein Name ist Jack, und er sieht überhaupt nicht aus wie ein Superheld, so durchschnittlich groß, braungebrannt und im rosa T-Shirt. Jane schmeißt sich sofort an ihn heran, aber er hat nur Augen für Alice, die sich noch zurückhaltend fasziniert zeigt, ihn aber mit Fragen löchert. Bald schon verbringen Alice und Jack jeden Abend gemeinsam und obwohl alle um sie herum in Jacks Gegenwart zu verliebten Teenagern zu mutieren scheinen, und zwar einschließlich der Mutter und des jüngeren Bruders von Alice, empfindet Alice zunächst nur tiefe freundschaftliche Gefühle. Doch Jack öffnet sich ihr nicht vollkommen, weicht ihren Fragen aus und klärt sie auch in gefährlichen Augenblicken nicht auf, die verdeutlichen, dass er nicht "normal" sein kann. So dauert es auch nicht lang, bis Jack Alice seiner Familie vorstellt, wo sie auf seinen Bruder Peter trifft. Peter rührt Gefühle in ihr, die sie sich nicht erklären kann, und kurz darauf steckt die Jugendliche mittendrin in einer Welt, in der es Vampire und so etwas wie Vorherbestimmung wirklich gibt, und steht vor der Entscheidung, wie und mit wem sie ihr weiteres Leben verbringen will. 

Meine Meinung: 
Schon geraume Zeit habe ich keinen Vampirroman mehr gelesen, vor allem keinen, der sich an ein jüngeres Publikum richtet, und wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch nicht wirklich Interesse an Amanda Hockings Reihe "Unter dem Vampirmond". 
Da es aber Monate gibt, in denen ich mit meinem Audible-Guthaben nichts anzufangen weiß, wanderten die ersten beiden Teile einfach mal "für später" in meine Bibliothek, und weil ich momentan mehr Hörgelegenheit habe, war nun Band 1 "Versuchung" an der Reihe. 
Das Hörbuch ist ungekürzt und wird von Annina Braunmiller gesprochen. 
Ich muss sagen, dass ich damit zunächst Schwierigkeiten hatte, denn die Sprecherin ist die deutsche Stimme von Kristen Stewart und damit auch der Bella Swan. Des Weiteren vertont sie unter anderem die Rolle der Erin Silver in 90210, die mir aktuell durch die regelmäßige TV-Ausstrahlung (ja, ich bin ein Fan und schaue die Serie) noch präsenter ist. Wenn ich an eine Stimme so stark gewöhnt bin, habe ich oft Schwierigkeiten, mich auf eine völlig andere von derselben Stimme vorgetragene Geschichte zu konzentrieren. (Bei M. J. Davidsons Betsy-Reihe hatte ich dieses Problem wiederum nicht, da ich "Buffy" seit Jahren nicht auf Deutsch gesehen hatte.) Deshalb benötigte ich auch zwei Anläufe für "Versuchung", habe im zweiten das Hörbuch sogar quasi in einem Rutsch durchgehört, nachdem es mir gelungen war, mich auf die Geschichte zu konzentrieren und Nerviges zu ignorieren.
Ich-Erzählerin Alice macht auf mich den Eindruck eines nicht untypischen Teenagers. Sie hängt ein bisschen in der Luft, die Schule ist nicht so ihr Ding, und sie ist von ihrer Freundin Jane, die gerne um die Häuser zieht, einen über den Durst trinkt und in fremden Betten aufwacht, genervt, lässt sich aber immer wieder von ihr mitschleifen. Von ihrer Mutter hat sie nicht viel, denn diese arbeitet buchstäblich rund um die Uhr, um Alice und ihren geringfügig jüngeren Bruder Milo zu ernähren. Obwohl Alice die "Große" ist, ist Milo der Verantwortungsbewusste, der ein Auge darauf hat, dass sie abends nicht zu spät nach Hause kommt und ordentliche Mahlzeiten auf den Tisch gebracht werden. 
In dieser Situation kommt Jack gerade recht. Er ist zwar bereits 24 und damit für Alice eigentlich zu alt, aber nach und nach entdecken sie Gemeinsamkeiten, sodass Alice gern in seiner Nähe ist. Während der Leser, dem Reihentitel sei Dank, natürlich längst weiß, dass Jack ein Vampir sein muss, lässt sich Amanda Hocking viel Zeit, bevor sie Alice endlich von ihrer langen Leitung schubst. Man könnte ihr zwar zugute halten, dass kein normaler Mensch auf die Idee käme, einen anderen des Vampirismus zu verdächtigen, aber angesichts der vielen Anzeichen war es schon unmöglich, sich noch Ausreden aus den Fingern zu saugen. 
Nachdem dann nach etwa fünfundfünfzig (von neunzig) Hörkapiteln endlich der Vampir aus dem Sack gelassen wird, wird "Versuchung" auch seinem Titel gerecht und die Handlung durchaus spannend. Bis dahin spart Amanda Hocking nicht an bekannten und unterhaltsamen Popkultur-Referenzen (beispielsweise The Rocky Horror Picture Show), aber auch Kleidungsmarken, Bands und Titeln, die mir persönlich rein gar nichts sagten, sodass sie mir eher ein müdes Augenrollen entlockten, bei einer (US-affinen) Zielgruppe zwischen 12 und 15 Jahren aber vermutlich nicht ins Leere driften.
Spannend wird es also erst, als Alice in Jacks Familie eingeführt wird, die leider keinen ganz neuen Eindruck macht. Mit Peter gelingt es der Autorin jedoch, einen Charakter einzuführen, der alles ordentlich durcheinanderwirbelt. Hofft der (jugendliche) Leser bis dahin noch, dass die Verbindung zwischen Alice und Jack doch zu mehr gereicht, kommt hier wieder einmal so etwas wie Bestimmung ins Spiel. Erfreulicherweise ist die hier nicht so ausgelutscht wie in anderen Geschichten, sondern stellt selbst die erprobte Vampirfamilie vor ein Rätsel. Was sich zunächst als klassisches Liebesdreieck (du bist für ihn bestimmt, also darf ich dich nicht haben, so sehr ich dich auch will) und mögliche Verwandlungsgeschichte andeutet, ist löblicherweise doch komplexer als erwartet und bietet Konfliktpotential über den ersten Band hinaus. 
Vor diesem Hintergrund möchte ich die Autorin beinahe verdächtigen, sie habe den Charakter des Jack mit Absicht nicht zu hinreißend gestaltet, um dem Leser mögliche Enttäuschungen zu ersparen. In meinen Augen ist Jack nämlich kein Traumvampir, er wirkt weder unterschwellig bedrohlich noch ist er göttlich anziehend. Nein, im Gegenteil, er ist ziemlich normal und macht zudem noch einen recht behäbigen Eindruck. Immerhin geht er nicht arbeiten, obwohl seine Familie sehr wohl einem Broterwerb nachgeht und sich damit auf irgendeinem im Laufe der Jahrhunderte herbeibezirztem Vermögen ausruht. Er scheint sein untotes Leben halbwegs zu genießen und kommt trotz seiner Verschlossenheit nicht übermäßig brütend herüber. Wenngleich er mir noch recht oberflächlich erscheint, wird er zu einem sympathischen Teil der Geschichte, eben, weil er nicht dieser "weiche von mir, ich bin gefährlich"-Typ ist.
Lobenswert ist ebenfalls, dass Amanda Hocking auf Rigorosität verzichtet und Graustufen zulässt. Es geht in ihrer Vampirgeschichte um das ultimative Ziel des Vampirwerdens bzw. das Zusammensein bis in alle Ewigkeit, sondern sie lässt ihren Charakteren in der zweiten Hälfte Raum für Argumentation und Reflexion. Dabei darf insbesondere Mae mit einer nachvollziehbar ausgearbeiteten, ergreifenden Hintergrundgeschichte überzeugen, wohingegen Familienoberhaupt Ezra und vor allem der düstere Peter, der Alices Herz zum Überschlagen bringt, noch undurchsichtig bleiben. Außerdem reitet sie nicht auf sämtlichen Vampirklischees herum, beispielsweise lässt sie ihre Protagonistin nicht in Internetrecherche verfallen, sondern klärt sie Auge in Auge, wenn auch nur häppchenweise, auf, wobei sie sich sicherlich noch Einiges für die Folgebände aufspart.
Auch wenn es mich störte, dass Alices und Milos Mutter als eine Art Durchgangscharakter dargestellt wurde, den man aufgrund seiner häufigen Abwesenheit nicht so recht ernst nehmen möchte, bin ich der Autorin dankbar für die familiären Bande, die sie durch Einführung des Charakters Milo knüpft. Von ihm kann sich Alice nicht einfach so trennen und außerdem wird er nicht außen vor gehalten, sodass er zwangsläufig einen wichtigen Aspekt in ihrer Entscheidungsfindung darstellen muss. 
Nachdem die Handlung von "Unter dem Vampirmond - Versuchung" vergleichsweise geradlinig verläuft und erst zum Ende hin Überraschungen zu bieten hat, zeigen sich in der Sprache des Romans ebenfalls keine Anflüge von Düsterheit. Wenig komplexe Satzstrukturen und schlichte Dialoge, denen sich nervig oft ein "sagte er nickend", "sagte er kopfschüttelnd", "sagte er leise" anschließt, machen Amanda Hockings Reihenauftakt zu zielgruppengerechter Lektüre und leichter Kost für den erwachsenen Leser. 
Obwohl ich aufgrund der aktuell im Ohr sehr präsenten Sprecherin Startschwierigkeiten mit der Hörbuchversion von "Unter dem Vampirmond - Versuchung" hatte, weiß Annina Braunmiller ihre Synchronisationserfahrung vorteilhaft in ihrem Vortrag einzusetzen. Als besonders überzeugend empfand ich Dialoge und Gefühlsregungen, die insbesondere im letzten Drittel des Buches wesentlich eindringlicher interpretiert wurden und deutlichen Unterhaltungsmehrwert lieferten. 

Fazit: 

Nette Vampirgeschichte, die ohne Klischeereiterei auskommt und mit viel Zuneigung für ihre jugendlichen Charaktere zielgruppengerecht erzählt ist, aber neben einer erfreulich nuancierten Dreiecksgeschichte, die Raum für die kommenden Fortsetzungen bietet, kaum mit Neuem und nur sehr verhaltener Spannung aufzuwarten weiß. Die Hörbuchversion sorgt jedoch mit bekannter Sprecherin mit junger Stimme für unterhaltsame Hörstunden. 

Gesamteindruck Story: 

4 (3,5) von 5 Weißdornzweigen 

 




Gesamteindruck Hörbuch: 

4 von 5 Weißdornzweigen 

 




Durchschnittsbewertung: 

4 von 5 Weißdornzweigen







  • MP3 CD
  • Verlag: der Hörverlag; Auflage: ungekürzte Lesung (17. Oktober 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Ines Klöhn, gelesen von Annina Braunmiller
  • ISBN-10: 3867178127
  • ISBN-13: 978-3867178129
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre


  

 

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