Donnerstag, 15. November 2012

... über "Sunday Girl" von Isabel Ashdown

Isabel Ashdown 

Erwachsen werden geht so schnell. Viel schneller, als einem manchmal lieb ist ... und hinterlässt Wunden, die sich nicht schließen wollen. Vor allem, wenn man schweigt.

Zum Inhalt: 
1986 ist Sarah Ribbons' letztes Schuljahr im englischen East Selton, und  mit einem Mal scheint alles anders. Obwohl sie einen festen Freundeskreis hat, ist sie auf der Suche nach ihrem Platz. Einerseits fühlt sie sich, in den Sommerferien 1985 süße 15 Jahre alt geworden, erwachsen, andererseits ist sie ein Kind, das von den Veränderungen in seinem Leben überwältigt wird. Da ist Dante, der sich für sie interessiert und mit dem sie erste Zärtlichkeiten austauscht, bis er mehr will. Mehr, als sie zu geben bereit ist. Zwei Minuten später liegt er in den Armen von Sarahs bester Freundin Kate. Und überhaupt: Was ist das nur mit den Freundschaften? Kate und Tina sind Sarahs beste Freundinnen, aber trotzdem machen sie sich lautstark über Sarahs alten Vater lustig, verletzen einander, tuscheln. Man liebt sich, man hasst sich, und drei Tage später verträgt man sich wieder. Zu allem Überfluss bringt Sarahs Vater, der mit seinen sechzig Jahren deutlich älter ist als die übrigen Eltern, eine Freundin ins Haus. Ein Affront für Sarah, die doch viel lieber endlich mehr über ihre Mutter erfahren möchte, die nicht lang nach Sarahs Geburt verstorben war. Nur John, der Lagerist in der Drogerie, wo auch Sarah nach der Schule jobbt, ist eine verlässliche Konstante für das Mädchen. Er ist ein paar Jahre älter und hat Sarah aufrichtig gern. Doch Sarah, die Enttäuschung über Dante hat sie abgestreift, fühlt sich längst zu einem anderen hingezogen ... und als sie vierundzwanzig Jahre später anlässlich eines Schultreffens zum ersten Mal nach East Selton zurückkehrt, wird die Vergangenheit greifbar und Sarah bekommt - vielleicht - Gelegenheit, mit alten Fehlern und Schmerzen abzuschließen.


Meine Meinung: 
"Sunday Girl" ist Isabel Ashdowns zweiter Roman und führt den Leser zurück in die Achtziger. Jugendclubs, Schallplatten, Looks werden genauso präsent wie die zahlreichen Stolpersteine, die den Weg des Erwachsenwerdens pflastern. 
Umrahmt wird die Geschichte der Protagonistin Sarah von einem Schultreffen, das in großem Abstand zur Haupthandlung stattfindet. Erst 2010 kehrt Sarah nach East Selton zurück. Vierundzwanzig Jahre, nachdem sie die Kleinstadt Hals über Kopf verlassen hatte. Der Zeitraum scheint enorm lang, sodass sich die Vermutung aufdrängt, dass damals etwas Einschneidendes geschehen sein muss, etwas Traumatisierendes, das einen Menschen davon abhält, zeitnah an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurückzukehren. 
So begegnen wir zu Beginn der erwachsenen Sarah, die in fast zaghafter Vertrautheit zu einem John ins Auto steigt, um mit ihm gemeinsam zu ihrer alten Schule zu fahren, wo mehrere Jahrgänge ihr Schultreffen feiern wollen. Und wir begegnen einer Sarah, die zunächst nicht aussteigen will, weil sie durchatmen und die Erinnerungen zulassen muss. 
Zunächst sind die Erinnerungen, die, wie auch der Rahmen des Schultreffens, in dritter Person im Präsenz geschildert werden, typische Jugenderinnerungen. 
Wer kennt das nicht? Die eigenen Eltern nerven plötzlich entsetzlich. Man ist hin- und hergerissen zwischen familiärer Zuneigung und Verbundenheit und der Sehnsucht nach Eigenständigkeit, danach, dass einem keiner mehr Vorschriften macht. Und in Sarahs Fall ist der alleinerziehende Vater auch noch steinalt, was ihr, ganz gleich, wie sehr sie ihn liebt, umso stärker bewusst wird und gewissermaßen peinlich ist, als ihre so genannten Freundinnen, die ihn eigentlich kaum kennen, sich lustig machen. Genauso steinalt wie ihr Vater wirkt Sarahs Zuhause, für das sie sich zu schämen beginnt. Die Lehrer gehen einem ebenso auf die Nerven, und ihnen einen Streich zu spielen, ist das Highlight im lahmen Schulalltag. Genau in diesem Augenblick, in dem man ohnehin schon nicht weiß, wohin man gehört oder gehören will, kommt die erste "Liebe" daher. Obwohl Sarah hübsch, aber ansonsten eher durchschnittlich ist, geht sie mit dem "tollen" Dante. Sie genießt das Zusammensein, aber, wie so oft, zerbricht die Beziehung, weil Sarah eben doch erst fünfzehn ist und sich für den nächsten Schritt nicht bereit fühlt. Was kommt, gleicht einem Spießrutenlauf, denn die Loyalität unter Freundinnen lässt zu wünschen übrig. Kate, die noch nicht ganz so lange in East Selton lebt, schnappt sich den Jungen und gibt ihm, was er schon von Sarah wollte. Sarah fühlt sich hintergangen und missverstanden, und die Freundschaft ist im weiteren Handlungsverlauf nachhaltig gestört. Erst als Sarahs Vater einen Zusammenbruch erleidet und ins Krankenhaus eingeliefert wird, woraufhin die Minderjährige für kurze Zeit in fremde Obhut muss, kommen sich die Freundinnen wieder näher. 
Als Sarah bei Kate einzieht, wird deutlich, wie oberflächlich die Beziehungen in ihrem jungen Leben sind. Im Grunde weiß sie nichts über ihre Mitschüler, und obwohl sie kein klassisches Mauerblümchen ist, gewinnt man den Eindruck, man habe es mit einer Einsiedlerin zu tun, keinem egoistischen Menschen, aber einem typischen "Loner" mit Sehnsucht nach Geborgenheit in sich selbst und inmitten anderer, jemandem, der sein Leben vor sich hinlebt und sich am liebsten mit allen gleichgut vertragen möchte. Sie weiß so gut wie nichts über die Familien ihrer Mitschüler/Freundinnen, und erst als sie Gelegenheit hat, hinter Kates Fassade zu schauen, bietet sich Gelegenheit, die Freundschaft zu kitten. Doch genau in jenen Tagen, die Sarah in einer klassischen Familie verbringt, bevor ihr Vater aus dem Krankenhaus entlassen wird, ändert sich ihr Leben für immer. 
"Sunday Girl", dessen Titel in der deutschen Ausgabe auf den Blondie-Song anspielt, den Sarah so gerne mag, richtet sich an die Generation der 1970 geborenen Autorin. An Leser, die sich an ihre Teenagerzeit in den Achtzigern erinnern. Dabei bietet der Roman zahlreiche Identifikationselemente, die durch authentische Zeichnung des Teenageralltags in den Achtzigern zeitspezifische Erinnerungen wachrufen, aber auch zeitübergreifende, klassische "Fallstricke" des Erwachsenwerdens, die dem heutigen Jugendlichen nicht fremd sein dürften. 
Isabel Ashdowns Stil empfand ich zunächst als gewöhnungsbedürftig. Oft erzählt sie sehr schlicht, mit einfachen Sätzen, die durch klassische SPO-Syntax nicht selten den Eindruck einer Aufzählung vermitteln. Nach und nach zeigt sich jedoch, dass diese zum Teil kindlich anmutende Sprache wohl bewusst gewählt wurde und ausgezeichnet zu Sarahs Geschichte passt, denn in ihr steckt sehr wohl noch ein Kind. Ein Kind, das auf einem Grat zwischen Leichtigkeit und persönlichem Drama wandert. Ein zum Teil schmerzlich naives Kind, dem als Heranwachsende durchaus Mitschuld an der Lebensgestaltung eingeräumt werden darf. Ein Mensch, der in einer prägenden Lebensphase zu schnell erwachsen wurde und, wenngleich er sein Erwachsenenleben gemeistert hat, um seelische Unbeschwertheit betrogen wurde.
Im Verlauf ihrer Erzählung deutet Isabel Ashdown vieles an und gibt dem Leser die Möglichkeit, Dinge zu erahnen. Die Rahmenhandlung des Schultreffens dient ihr schlussendlich zur Aufklärung der Geschehnisse, wobei sie Rückblenden und Gegenwart in schneller Folge abspielt, um nicht in langatmige Erklärungsdialoge zu verfallen. Viel Verständnis liegt in Emotionen und Blicken, nicht alles muss ausgesprochen werden, um Klarheit zu erhalten. Und letzten Endes bietet die Konfrontation mit tiefen Schmerz Gelegenheit für einen Neuanfang. Mit 39 Jahren ist es für Sarah vielleicht noch nicht zu spät.
"Sunday Girl" ist ein Roman, der mich auf verschiedenen Ebenen, geradezu persönlich, sehr berührt hat und beim Lesen zahlreiche Emotionen wachrüttelt. Von Wiedererkennen, das mit Schmunzeln und Kopfschütteln einhergehen kann, über Mitleid bis hin zu Wut, vor allem auf Erwachsene, die hinter einem unschuldigen Gesicht vergessen, was "schutzbefohlen" bedeutet, und zu der Erkenntnis, dass Schweigen verdrängt, aber nicht heilt.

Fazit: 
Ein Roman, der mit leisen Tönen auf ein Jugendjahr zurückblickt, in dem nichts mehr so ist, wie es einmal war, und eine Geschichte erzählt, in der Freundschaften auf die Probe gestellt werden und die Suche nach dem Platz im Leben jäh vom Verlust der Unschuld zerschnitten wird. Ein Roman, der bewegt und nachhallt.

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Eichborn Verlag; Auflage: 1 (27. September 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Rainer Schmidt
  • ISBN-10: 3821861371
  • ISBN-13: 978-3821861371
  • Originaltitel: Hurry up and wait

  

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