Sonntag, 18. November 2012

... über "Strange Angels: Verflucht" von Lili St. Crow

Lili St. Crow
Strange Angels: Verflucht 

Ereignisreiche Urban Fantasy für jugendliche Leser, die allerdings popkulturellen TV-Trends hinterherzueilen scheint

Zum Inhalt: 
Mit ihren sechzehn Jahren hat Dru Anderson schon einige Abenteuer hinter sich. Nach dem frühen Tod der Mutter zunächst bei der Großmutter aufgewachsen, nahm sie nach deren Tod der Vater in seine Obhut. Nur ist Drus Vater genausowenig ein normaler Vater wie Dru ein normaler Teenager. Mit ihm zieht sie von Ort zu Ort, denn er jagt all jenes, das der menschliche Verstand dem Übernatürlichen zuordnet. Während Dru zur Schule gehen muss, zieht ihr Vater aus, um dem Bösen den Garaus zu machen. Das gelingt ihm auch oft, doch eines Tages ist er nicht erfolgreich. Er wird ermordet und zurückgeschickt. Als grauenhafter Zombie verfolgt er nur ein Ziel: Dru zu töten. In letzter Not kann der Teenager den wandelnden Toten erledigen und ergreift erst einmal die Flucht. Graves, der halbasiatische, eigenbrötlerische Gothic aus Drus Schule, erweist sich in dieser Lage als Retter in der Not, ohne Fragen zu stellen. Er bietet ihr Unterschlupf und versorgt sie mit Nahrung. Doch bald schon gerät er mitten hinein, in Drus wahnwitzige Welt, in der nichts ist, wie man es zu kennen meint, und in der es jemand auf Dru abgesehen hat. Aber warum? 

Meine Meinung: 
Lili St. Crow ist das Jugendroman-Pseudonym der Autorin Lilith Saintcrow, deren Urban-Fantasy-Reihen Jill Kismet und Dante Valentine hierzulande bei Egmont Lyx erscheinen. Ich habe bis dato von der Autorin noch nichts gelesen, und ihr Jugendroman "Strange Angels: Verflucht" wanderte in mein Regal, weil ich ihn in einem Sonderangebot mit mehreren anderen PAN-Titeln erstehen konnte. 
Die Lektüre dieses Romans, der wieder einmal den Auftakt zu einer Reihe markiert, lässt mich unentschlossen zurück. Einerseits entpuppte sich "Strange Angels: Verflucht" als echter Pageturner, sodass ich die 380 Seiten in einem Tag durchgelesen hatte. Zum anderen aber hatte ich vor allem Probleme mit der auf taff getrimmten Hauptfigur Dru und mit der Tatsache, dass ich das Lesealter von 12 bis 15 Jahren angesichts der heftigen Szenen, in denen unter anderem Zombies mit all ihren Details beschrieben werden und einiges Blut verspritzt wird, als etwas niedrig angesetzt empfinde.
Lili St. Crow hat mit Dru Anderson einen Charakter geschaffen, der ganz wunderbar in Urban Fantasy passt und auch dem Wunsch des Lesers nach starken weiblichen Charakteren nachkommt. In diesem Zusammenhang ist die Umschlaggestaltung der Ausgabe im mittlerweile nicht mehr existenten PAN-Verlag, für die die Münchener Zero Werbeagentur verantwortlich zeichnete, deutlich zu romantisch. Nun kann man diese natürlich dahingehend auslegen, dass in Dru eine Gabe "schlummert", die, wie sich im Verlauf der Handlung herausstellt, mit ordentlicher Schulung zu voller Blüte gebracht werden kann. Neben dem Schnee, der im Hintergrund zu fallen scheint, hat die Abbildung aber nur wenig mit der Geschichte dieses Romans gemein. Weder Dru noch das Setting sind verträumt. Auch sind romantische Anflüge, wie es sich für Urban Fantasy auch gehört, eher mikroskopisch klein, denn hier geht es rasant und nicht zimperlich zugange. 
Ich-Erzählerin Dru ist aber auch ein Mädchen, bei dem man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass es den Hass gegen alle Schicksen und Cheerleader dieser Erde in sich vereint. Denn Dru will partout anders sein als andere Mädchen, und das kommt mitunter aufgesetzt und übertrieben daher. Immer wieder lässt sie raushängen, wie gut sie doch eigentlich zurechtkommt und was sie alles über die Welt des Übernatürlichen weiß, und zwar in einem Maße, dass man sich fast freut, als sich herausstellt, wie gering ihr Wissen tatsächlich ist. Trotz ihrer Gabe, die sich immer wieder andeutet, aber noch nicht klar definiert wird, und der vermeintlichen Abgebrühtheit ist sie doch bloß ein Teenager, der in bestimmten Situationen Angst haben darf. Furcht und Unsicherheit äußern sich häufig in dem Bedürfnis, sich übergeben zu wollen (was angesichts der Ekligkeiten, mit denen das Mädchen hier manchmal konfrontiert wird, nicht verwunderlich ist), wobei die Autorin aber nicht mit expliziten Gefühlsbeschreibungen spart, die ich oft als überflüssig empfand.
Recht schnell gewinnt man den Eindruck, Dru sei eine wilde Mischung aus den Winchester-Brüdern (deren Vater ebenfalls über Jahre den dämonischen Mörder ihrer Mutter jagte) und der Einzelkämpferin Buffy (die auch gleich noch die ganze Scooby-Gang mit in sich vereinen muss, weil sie keine Freunde hat, die in der Schulbibliothek für sie recherchieren könnten). Sie hat jede Menge supernaturales (Halb)Wissen und kann durchaus mit einer Waffe umgehen, aber dennoch ist sie ein Mädchen, dem alle Wurzeln weggebrochen sind und das, nachdem es sich seitenweise eingeredet hat, wie taff es doch ist, zwangsläufig weinend dasitzen muss. Da ist zwar realistisch, täuscht aber insgesamt über die Überzeichnung von Dru nicht hinweg. 



Anders als zunächst erwartet, bekommt die Heranwachsende, die sich nicht viel aus der Schule macht und auch mal etwas Härteres trinken kann, mit Graves keinen Klischee-Gothic als Partner. Von seinen Eltern verstoßen (zumindest sagt er das), lebt der zwar versteckt und von einem Tag zum nächsten, ist aber, selbst wenn sein dunkles Äußeres anderes vermuten lässt, sehr wohl bestrebt, etwas aus sich zu machen . Man möchte fast meinen, dass dieser Junge zum Vaterersatz taugt. Äußerlich als unscheinbar und jung beschrieben, wirkt er erwachsener als so manch andere Jungengestalt in Romanen (und im echten Leben). Selbstverständlich ist Drus Welt viel zu gefährlich für ihn, weshalb er, um für den weiteren Reihenverlauf als feste Komponente zu taugen, von der Autorin zwangsläufig verwandelt werden musste. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwieweit Graves, der mir sympathisch ist, weil er derzeit noch deutliches Freundschaftspotenzial zu bieten hat, gleichzeitig aber kein offenes Buch ist, im weiteren Reihenverlauf zum Zuge kommen und neu erworbene Fähigkeiten zeigen können wird.

Noch in der ersten Hälfte des Romans darf eine weitere Person ins Geschehen eingreifen, die für die notwendigen Graustufen in der Geschichte sorgt. Hatte Dru bislang an reines Gut und Böse geglaubt, so muss sie nun umdenken. Obwohl dies nicht unerwartet eintritt, also nicht unbedingt einem Plottwist gleichkommt, tut die Gestalt des Christophe dem Roman gut. Er eröffnet neue Erkenntnisse, aber auch Konfliktpotenzial, und ich hoffe inständig, dass die Autorin ihn nicht zum Anlass nimmt, um eine unnötige Dreiecksgeschichte zu konstruieren. Was nicht heißt, dass Dru als Teenager nicht auch einmal ein Auge auf das andere Geschlecht werfen darf. 
Da Dru in der Ich-Perspektive erzählt, bleibt allen Charakteren, die sie umgeben, ein Rest mysteriöser Aura, die sich in den weiteren Bänden der Reihe, die im letzten Jahr im Original mit dem fünften Band "Reckoning" endete, weiter beleuchten lassen dürfte. Auch hat Lili St. Crow in ihrem Auftaktband noch mit Nebencharakteren gespart und damit eine volle Konzentration auf Dru erlaubt, die sich in brenzligen Situationen immer wieder den Vater ins Gedächtnis ruft und ihn, in Kursivschrift, in ihren Gedanken mit Rat zu Wort kommen lässt. 
Wohldosiert bedient sich die Autorin der Kursivschrift, um Drus Gedanken zu kennzeichnen, die sich manchmal von dem, was sie in Dialogen letzten Endes tatsächlich sagt, unterscheiden.  
Die wichtigsten Charaktere sind, nachdem familiäre Bezugspersonen durch Tod ausgeschieden sind, alle jugendlich und sprechen eine junge Sprache, die (in der Übersetzung?) nicht immer überzeugen kann und für mich als Nichtjugendliche leicht konstruiert wirkte, mir dennoch nicht die Unterhaltung nahm. Zudem stolperte ich in der Übersetzung zwei- oder dreimal über unstimmige Bilder, beispielsweise fällt an einer Stelle der Schnee in Sturzbächen.
Dennoch erwies sich "Strange Angel: Verflucht" als routiniert erzählter Auftaktroman, der mit dynamischer Ereignisfolge zu fesseln weiß und den Weg für Fortsetzungen ebnet, denen ich gerne eine Chance geben werde. Hierzulande ist allerdings bislang mit "Verraten" erst der zweite Band erschienen.

Fazit: 

Übernatürlicher Auftaktroman, der seinen Protagonisten kaum Zeit zum Durchatmen lässt, aber trotz eigener Mythologie und interessanter paranormaler Wesen TV-Parallelen nicht überspielen kann und zu junge Leser mit detailverliebten Schilderungen gewalttätiger und unappetitlicher Gegebenheiten durchaus verschrecken kann. Empfehlenswert für Urban-Fantasy-Fans. Romanzenfans werden zwangsläufig enttäuscht.

Gesamteindruck 

(eigentlich 3,5 Weißdornzweige, aber der Unterhaltungsfaktor überwog gegenüber dem Emanzennervfaktor der Protagonistin, weshalb ich aufrunde): 
4 von 5 Weißdornzweigen 
  




Buchdaten:

  • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
  • Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München, Umschlagabbildung: FinePic(R), München
  • Verlag: PAN (4. April 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Sabine Schilasky
  • ISBN-10: 342628345X
  • ISBN-13: 978-3426283455
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre

Bisher auf Deutsch erschienen:

 







Band 1 (gebunden)Band 1 (Kindle)




Band 2 (gebunden)Band 2 (Kindle)

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