Freitag, 16. November 2012

... über "Engelsmorgen" von Lauren Kate [Hörbuch]

Lauren Kate

Größtenteils ein Klon des Vorgängers ohne ausreichende Antworten auf drängende Fragen

Zum Inhalt (da es sich um Band 2 einer Reihe handelt, sind Spoiler nicht auszuschließen): 
Luce lebt. Zum ersten Mal darf sie älter als siebzehn Jahre alt werden. Zum ersten Mal muss sie nicht wiedergeboren werden und Engel Daniel ihr nicht wieder begegnen, nur um sie im nächsten Augenblick zu verlieren. Leider ist die Gefahr nicht gebannt. Nach der großen Engelsschlacht, die den Reihenauftakt "Engelsnacht" beschloss, muss Daniel immer noch um Luces Wohl fürchten. Deshalb bringt er sie zu Beginn des achtzehntägigen Waffenstillstands, den er mit Cam ausgehandelt hat, fort von Sword & Cross nach Shoreline, ein Internat an der kalifornischen Küste. Dort darf Luce rasch feststellen, dass auch dieses keine normale Schule ist, sondern neben ganz normalen Schülern Nephilim unterrichtet werden. Für diese sind Luce und Daniel beinahe eine Legende, die Geschichte um ihre große Liebe eilt ihnen buchstäblich voraus. Während Daniel sich aus Sicherheitsgründen fernhalten muss und gar nicht, wie Luce gehofft hatte, mit ihr zusammensein kann, lernt Luce neue Freunde kennen und erkundet die Bedeutung der Schatten, die sie seit ihrer Kindheit begleiten. Sie nutzt die Gelegenheit, um mehr über ihre früheren Leben in Erfahrung zu bringen, denn Daniel gibt ihr nicht die Antworten, die sie braucht. Auch beginnen sich leichte Zweifel einzuschleichen, ob das, was sie mit Daniel verbindet, wirklich die wahre Liebe oder gar nur ein vorherbestimmter Zwang ist. Und die Zeit bis zum nächster Schlacht läuft ab ... 

Meine Meinung: 
Nachdem ich den Reihenauftakt "Engelsnacht" als Hörbuch konsumiert hatte und zu dem Schluss gekommen war, dass ich diese Reihe nicht auf Biegen und Brechen verfolgen bzw. im Regal stehen haben muss, lud ich mir in einem jener Momente, in denen man partout nicht weiß, was man für sein Audible-Guthaben erwerben soll, auch den zweiten Teil "Engelsmorgen" als Hörbuch herunter. Dieses ist, wie schon Band 1, gekürzt, allerdings glaube ich, dass das Gefühl, kaum Antworten erhalten zu haben, eher an der Geschichte selbst liegt und nicht an der Kürzung des Hörbuchs. 
"Engelsmorgen" wirkt lange Zeit wie eine Kopie seines Vorgängers, und zwar so stark, dass man sich über Story-Recycling ärgern möchte. Wieder wird Luce in ein Internat gesteckt, wieder ist es voll von Fremden, nur, dass sich dieses Mal keine Engel zwischen den Menschen befinden, sondern  Nephilim, "halbe" Engel, mit höchst unterschiedlichen Fähigkeiten, wieder muss Luce eine neue Freundin finden, die hier nun eine Nephilim ist, wieder stylt sich Luce um und während wieder ein neuer Junge ein Auge auf sie wirft, schmilzt Luce noch immer in Daniels Armen bedingungslos dahin, wenn er denn kurz hereinflattert, um nach dem Rechten zu sehen. 


Erfreulicherweise ist in der Liebe nicht alles schwarz und weiß, und Luce hat erstmals Gelegenheit, ihre Beziehung mit Daniel zu hinterfragen. Immer wieder überkommen sie Zweifel, die sich natürlich verstärken, weil Daniel überaus verschlossen ist und, aus unerfindlichen Gründen, mit Antworten, die nicht nur Luce, sondern auch der Leser dringend braucht, hinterm Berg hält. Nachdem Daniel im Reihenauftakt zunächst als ein recht ablehnender Charakter auftrat, der, nach all den Jahrhunderten gefundener und immer wieder verlorener Liebe, reichlich Verdruss versprühte, verkommt er in "Engelsmorgen" zu einem Wesen, das ab und an vorbeischaut, um sich zu vergewissern, dass es Luce gutgeht, sie kurz mit seiner Liebe zu umhüllen und küssend mit ihr in die Lüfte zu schweben, nur um sie im nächsten Augenblick zu maßregeln und verunsichert zurückzulassen. 
Kein Wunder, dass Luce beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Nachdem Penn in "Engelsnacht" eher eine emotionale Stütze war, erhält Luce, die leider dazu neigt, in brütendes Grübeln zu verfallen und auf nervige Weise Fragen immer wieder zu wiederholen (kein Wunder, weil sie ja keiner beantwortet), Hilfe von ihrer Zimmergenossin Shelby. 
Und da bekommt "Engelsmorgen" endlich ein paar interessante Aspekte. 
Dank neuer Erkenntnisse, die der Unterricht (bei Gut und Böse zugleich) bringt, und mit Shelbys und Miles' Hilfe bringen die Schatten, die sich als Verkünder herausstellen, ein klitzekleines Bisschen Licht ins Dunkle. Nicht nur helfen sie Luce, in frühere Leben zu blicken, sondern auch Orte zu wechseln. 
Trotzdem bleibt Luce gewissermaßen gefangen. In der Shoreline School, die ihr als Schutzhülle dient (außerhalb des Schulgeländes kommt es zu einem Zwischenfall, der ihr zeigt, dass sie sich an kaum einem Ort wirklich sicher fühlen kann). Aber auch in ihrem jetzigen Leben, in dem sie natürlich eine Familie und auch eine Vergangenheit hat (die in der Geschichte deutlich zu kurz kommt und somit Luce buchstäblich einer soliden Basis beraubt). So sehr sie auch Klarheit über ihre früheren Leben haben möchte, so wenig kann sie doch auf der Türschwelle der Menschen erscheinen, die in einem anderen Leben ihre Eltern gewesen sind. 
Dies empfinde ich einerseits als sehr realistisch, andererseits aber geht in Lauren Kates Geschichte dadurch nichts wirklich voran. 
Nach dem vergleichsweise oberflächlichen "Engelsnacht" wird auch in "Engelsmorgen" deutlich, dass hier eine Geschichte über zahlreiche Bände hinweg erzählt werden soll. Nur wird man dabei das Gefühl nicht los, dass die Autorin kaum etwas zu erzählen hat. Immer wieder wird nur an der Oberfläche gekratzt, Luce einen Schritt vorwärts und zwei zurück geschickt, während ein Großteil der Nebencharaktere austauschbar scheint und das von der Autorin geschaffene anschauliche Ambiente nicht mehr allein für Spannung sorgen kann.  
Noch ist für mich kein "Big Picture" erkennbar, und auch wenn Lauren Kate Luce zum Ende hin Initiative ergreifen und eigene Entscheidungen treffen lässt, die Größeres vorausahnen lassen könnten, fühle ich mich von der engelsgleichen Reihe um Luce und Daniel weder ausreichend unterhalten noch angeregt, auch die übrigen Bände zu verfolgen.
Nachdem "Engelsnacht" von Julia Nachtmann recht unterhaltsam und für ein paranormales Jugendbuch mit jungem Touch interpretiert wurde, fand für "Engelsmorgen" ein Sprecherwechsel statt. Band 2 wird von Anna Thalbach gesprochen, die sich durch eine sehr markante Stimme auszeichnet, die ich in anderen Hörbüchern vermutlich lieber hören würde. In "Engelsnacht" konnte mich die Schauspielerin und Sprecherin nicht überzeugen. Ihr Vortrag macht auf mich einen eher unausgewogenen Eindruck, zwischen übertriebener Interpretation und uninspiriertem Vorlesen. Da die Geschichte selbst schon nicht zu meinen Favouriten zählt, vermisste ich das Unterhaltungsgefühl beim Hören umso mehr.

Fazit: 
Engelsgeschichte, deren Fortsetzung den Vorgänger größtenteils kopiert und die Handlung nur wenig vorantreibt. Der Hörbuchversion gelingt es leider ebenfalls nicht,  die Nebencharaktere, die einen flüchtigen Eindruck hinterlassen, und  die noch zu zaghaften Wurzeln der Haupthandlung unterhaltsam zu überspielen. Lediglich im Endspurt tut sich unerwartetes Potenzial auf, das dem geduldigen Leser Hoffnung für die kommenden Teile macht. 
  
Gesamteindruck Story: 
3 von 5 Weißdornzweigen




 
Gesamteindruck Hörbuchumsetzung: 
3 von 5 Weißdornzweigen





Durchschnittliche Bewertung 
3 von 5 Weißdornzweigen




 

Hörbuchdaten
  • Audio CD
  • Verlag: der Hörverlag; Auflage: gekürzte Lesung (12. September 2011) / Roman erschienen bei cbt
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Doreen Bär, gesprochen von Anna Thalbach
  • ISBN-10: 386717797X
  • ISBN-13: 978-3867177979
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre


Bisher erschienen:

Band 1 (gebunden)Band 1 (TB)Band 1 (Kindle)






Band 1 (Hörbuch)Band 2 (gebunden)Band 2 (TB)






Band 2 (Kindle)Band 2 (Hörbuch)Band 3 (gebunden)


Band 3 (Kindle)

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