Samstag, 17. November 2012

... über "Elfenkuss" von Aprilynne Pike

Aprilynne Pike

Erfrischende Geschichte, die Klassisches mit Neuem vereint. 

Zum Inhalt: 
Für Laurel stehen Veränderungen an. Nach Jahren liebevollen Privatunterrichts bei ihrer Mutter besucht die Fünfzehnjährige nach dem Umzug in ihr neues Zuhause erstmals eine öffentliche Schule. Etwas kalte Füße hat sie durchaus, denn Laurel ist "anders" und hat Bedenken, man könne sie meiden. Sie mag nicht lange in geschlossenen Räumen verweilen, fühlt sich von normaler Kleidung eingeengt und isst nur dann und wann etwas Obst und Gemüse. Ihre Bedenken werden jedoch relativ rasch zerstreut, als sie ihren neuen Schulkamerad David kennenlernt. Auch er ist vor nicht allzulanger Zeit von L. A. nach Del Norte umgezogen. Doch als Laurel gerade beginnt, sich in ihr neues Leben einzufügen, stellt sie merkwürdige Veränderungen an sich fest. Auf ihrem Rücken wächst ein "Knubbel", der immer größer wird und sich nur noch mit Mühe verbergen lässt. Laurel fürchtet, sie könne ernsthaft krank sein, und staunt nicht schlecht, als sich der "Knubbel" eines morgens als riesige Blüte entpuppt. Wie Flügel wachsen durchscheinende weiße und blaue Blütenblätter direkt aus ihrem Rücken. Fasziniert und besorgt zugleich vertraut sich Laurel David an. Mit seiner Leidenschaft für Biologie versuchen sie herauszufinden, was mit dem Mädchen geschieht. Eine weitere Überraschung erwartet Laurel jedoch auf dem Grundstück ihres Elternhauses, von dem sie vor Kurzem erst fortgezogen waren. Während ihre Eltern dort nach dem Rechten sehen und letzte Handgriffe anlegen, um das alte Haus, das sich seit Generationen in Familienbesitz befindet, für den bevorstehenden Verkauf fit zu machen, begegnet Laurel im umliegenden Wald einem grünhaarigen Mann. Er kennt sie und stellt sich als Tamani vor. Und er bestätigt nicht nur, was David und Laurel längst herausgefunden haben, sondern hält eine weitere Neuigkeit bereit: Laurel ist eine Elfe mit einer ganz besonderen Aufgabe ...

Meine Meinung: 
Um Aprilynne Pikes Debüt und Reihenauftakt "Elfenkuss" bin ich schon seit seinem Erscheinen 2010 herumgeschlichen, weil mich das wunderschöne Cover bezirzte und mich das Elfenthema grundsätzlich reizt. Allerdings war mir die gebundene Ausgabe immer zu teuer, sodass ich diesen Roman erst einmal zurückstellte und schließlich aus den Augen verlor. In der Zwischenzeit ist "Elfenkuss" als Taschenbuch erschienen, weshalb ich mir den Lesegenuss nun erlaubte. Obwohl es sich hier um eine weitere Jugendbuchreihe handelt und ich eigentlich keine neue Reihe mehr beginnen wollte, konnte mich der Auftaktband soweit überzeugen, dass ich weiterlesen werde. 
Lange habe ich kein Buch mehr so verschlungen wie "Elfenkuss". 
Das ist zum einem den Charakter der Laurel zu verdanken. Die Fünfzehnjährige ist nicht nur besonders und höchst interessant, sie ist außerdem sehr liebenswert und hebt sich erfrischend von der Vielzahl der verunsichert jammernden Protagonisten der Buchwelt ab. 
Sehr früh im Buch erfahren wir, wer und was sie ist, worin für Laurel ein großes Überraschungselement mit einer gehörigen Portion Unsicherheit mitschwingt. Aber anstatt sich zurückzuziehen und zu grübeln, geht dieser Charakter offensiv mit der neuen Situation um und sucht gezielt nach Antworten. 
Mit David, der, obwohl selbst noch vergleichsweise neu, Laurel instinktiv unter seine Fittiche nimmt und mit seiner verständnisvollen, besonnenen Art ihr Vertrauen gewinnt (und auch durchaus verdient), stellt Aprilynne Pike der äußerlich klassisch zerbrechlichen Elfe einen klugen und hilfreichen Partner zur Seite, auf dessen Freundschaft sie zählen kann. 
Es macht Spaß, die beiden Charaktere dabei zu beobachten, wie sie nach und nach Laurels Identität ermitteln. Untersuchungen und Experimente muten nach Doktorspielen an, schweißen die beiden aber unweigerlich zusammen. Dabei ist David (für einen Jungen) erstaunlich erwachsen. Auch als sie ganz sicher wissen, dass Laurel zwar wie ein Mensch aussieht, aber kein Mensch ist, lässt er sie nicht hängen, sondern ermutigt sie in ihrer weiteren Suche, nicht weil er sie als Bioprojekt sieht, sondern sie akzeptiert als das, was sie ist.


Obwohl Laurel und David sich in diesem ersten Drittel des Buches sowohl emotional als auch körperlich sehr nah kommen und ein gewissen Knistern nicht zu übersehen ist, steht die Frage einer sich anbahnenden ersten Beziehung erfrischenderweise erst einmal nicht im Mittelpunkt. Aprilynne Pike konzentriert sich eher auf die Herausarbeitung ihrer Elfen, die zwar einen klassischen Hintergrund haben, der Avalon und fragile magische Pforten mit einschließt, aber sich dennoch von den traditionellen Vorstellungen unterscheiden. Die Vorstellung, dass Elfen keine geflügelten Minimenschen sind, sondern Pflanzen in Menschengestalt, mit all den biologischen Eigenschaften von Pflanzen, ist höchst faszinierend und wird von der Autorin überaus schlüssig, ohne zu schulmeistern, dargestellt. 
Um Laurel mit der Welt, aus der sie stammt, aber keine Erinnerung an diese hat, vertraut zu machen, schickt Aprilynne Pike den Elf Tamani ins Feld. In wohldosierten Häppchen klärt er sie, die sich schon so an das menschliche Leben adaptiert hat, über die Elfenwelt auf. Besonderes Augenmerk legt die Autorin dabei auf die Naturverbundenheit des Elfenvolkes, eine Eigenschaft, die sie stringent mit der Menschenwelt zu verbinden weiß und die Elfe Laurel somit ganz bewusst als Findelkind in die Familie einer Heilpraktikerin gibt. Damit reduziert sie Konflikte, die in fantastischen Geschichten häufig dann entstehen, wenn Fantasy- und Menschenwelt miteinander kollidieren und sich das fantastische Wesen aufgrund von Unverständnis und Ablehnung plötzlich allein auf weiter Flur befindet (und dann häufig in Jammern verfällt). Laurel hingegen hat nach zwölf Jahren in der Menschenwelt dort einen festen Platz, wo sie behütet wird und sich auch gewissermaßen zugehörig fühlt, weshalb sie auf nachvollziehbare, authentische Weise weder gewillt noch in der Lage ist, sich für eine Welt zu entscheiden, und das ungeachtet der offensichtlichen Unterschiede und Unmöglichkeiten. 
Diese Verbindung und Stabilität äußern sich auch im Auftreten von nur wenigen Personen. Die Autorin führt in diesem Auftaktband lediglich wenige Personen ein, die nicht alle bis ins letzte Detail ausgezeichnet werden, sich aber als verlässliche Begleiter für kommende Bände anbieten. So wird zwar angedeutet, dass David bereits einen größeren Freundeskreis hat, in dem er sich bereits eingelebt hat und akzeptiert wird, und er bringt auch Laurel in Kontakt mit diesen Freunden. Trotzdem bleiben diese anonym und die Autorin pickt sich lediglich Chelsea namentlich heraus, die zunächst den Eindruck eines Störfaktors in einer möglichen Liebesbeziehung mit David vermittelt, sich später als Elfenfan mit klassisch-menschlichem Halbwissen zu erkennen gibt, was in der Folge unter Umständen von Nutzen sein kann. 
Durch namentliche Einführung von nur wenigen Bezugspersonen wird der Leser (ab 12 Jahren) nicht mit zu vielen Charakteren konfrontiert, sondern bekommt Gelegenheit, sich an Charaktere und deren neue Welt zu gewöhnen und notwendige Sympathien zu entwickeln. 
Tamani, als Vertreter der Elfen, führte sich zunächst als Vermittler zwischen den Welten ein und etablierte sich als Wachposten (und outete sich zudem als Laurels offizieller Beschützer). Dass Aprilynne Pike ihn jedoch für ein sich andeutendes Liebesdreieck nutzt, nehme ich ihr - sogar mit Punktabzugskonsequenz - übel. Zum einen, weil ich im Laufe der Geschichte David als Laurels zuverlässigen Partner schätzen gelernt habe, eben weil er (ebenso wie Chelsea) immer ehrlich ist und Laurel nicht mit einem "mehr darf ich dir nicht sagen" abspeist. Weiterhin bringt die Autorin den Menschen und die Elfe im letzten Drittel ihres Auftaktromans in eine gefährliche Situation, die das Team noch weiter zusammenschweißt. Zum anderen, weil die Wing-Serie der Autorin meines Erachtens, aber auch für den jugendlichen Leser, sehr gut ohne Dreiecksgeschichte auskäme, zumal sich hier ein "du gehörst in meine Welt und damit auch zu mir" andeutet, was ich für reichlich oberflächlich halte.
Davon abgesehen ist "Elfenkuss" ein solider, liebevoll und spannend erzählter Reihenauftakt, der nicht mit unnötigen Schnörkeln ablenkt, Dialoge authentisch gestaltet und treffsicher einflicht und auf jeden Fall Lust auf mehr macht. 

Fazit: 
Zauberhafter Beginn einer fantastischen Jugendbuchreihe, die in eine klassische und doch neue, naturverbundene Elfenwelt entführt und Fantasyelemente ausgewogen mit Freundschaft, erstem Herzklopfen und Spannung zu verbinden weiß.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 368 Seiten
  • Verlag: cbj (12. März 2012)
  • Covergestaltung und Bildmotiv: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Anne Brauner
  • ISBN-10: 357040112X
  • ISBN-13: 978-3570401125
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 12 Jahren
  • Originaltitel: Wings
  
Die Reihe:

Band 1 (gebunden)Band 1 (TB)Band 1 (Kindle)
Band 2 (gebunden)Band 2 (TB)Band 2 (Kindle)
Band 3 (gebunden)Band 3 (Kindle)

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