Samstag, 10. November 2012

... über "Der andere Tod" von Anja Jonuleit

Anja Jonuleit 

Sprachlich starke, aber vorhersehbare Suche nach dem Ich  und dem Gestern.

Zum Inhalt: 
Firmenchef Max Winther hat Schreckliches hinter sich. Nach einem Brand in seinem Unternehmen, bei dem ein Mann ums Leben kam, liegt er mit schweren Verletzungen in einer renommierten kalifornischen Klinik. Seine Frau Anouk ist stets an seiner, harrt mit ihm aus, spricht ihm Mut zu, versucht, ihm seine Erinnerung zurückzugeben. Als beide zwei Jahre später, nach unzähligen Operationen, nach Europa zurückkehren, ist Max noch immer alles fremd, das moderne, teure Haus ebenso wie die Freunde hinter den von Fotos bekannten Gesichtern. Doch immer wieder flammen Bilder vor seinen Augen auf, wie Albträume, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen wollen. So begibt sich Max auf die Suche nach seiner Vergangenheit und kann sich schon bald nicht mehr sicher sein, ob er sie nicht besser hätte ruhen lassen ... 

Meine Meinung: 
Ich bin froh, dass ich "Der andere Tod" geschenkt bekommen habe, denn da ich sehr selten Krimis lese, wäre mir dieser bereits 2011 erschienene Roman wohl nicht über den Weg gelaufen und mir damit eine emotional und sprachlich sehr eingängliche Geschichte entgangen. 
In ihrem Roman führt Anja Jonuleit den Leser anschaulich in die Gefühlswelt eines Menschen, der nicht weiß, wer er ist, sondern sich auf Informationen seiner Umfeld verlassen muss. 
Seine Geschichte beginnt mit dem Aufenthalt in der Rosenstein Clinic
Im Präsenz schildert Ich-Erzähler Max Winther seinen Klinikaufenthalt, gefangen in Verbänden, die ihn zur lebenden Mumie machen, ihn verdammen, die Geschehnisse um ihn herum aus noch größerer Distanz zu beobachten. Während die Verbände und Wunden nach und nach ersetzt werden, kommt er dem, was er vorher war, kein Stück näher. 
Diese bedrückende, distante Grundstimmung setzt sich auch fort, als der Schauplatz wechselt und sich das Ehepaar "in mittlerem Alter" zunächst in Prag und später wieder in seinem Domizil am Bodensee befindet. Dort wechselt die Erzählzeit in die Vergangenheitsformen. 
Immer wieder ist Max Winther bemüht, Erinnerungen hervorzurufen, doch am Ende weiß er nie, wie er Handlungen und Mienen deuten soll. Als Leser steckt man mittendrin im Gefühlschaos dieses Mannes, der sich seinen Wohlstand nicht erklären kann und nicht glauben will, was Bekannte, die er nicht mehr kennt, da über seine Ehe mit mit der stillen, so liebevoll besorgten und fürsorglichen Anouk erzählen. 

Leider ist "Der andere Tod" recht vorhersehbar, woran der Titel nicht ganz unschuldig ist. (Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich normalerweise bei Krimis wirklich eine lange Leitung habe und bis gefühlte fünfzig Seiten vor Schluss immer den Gärtner verdächtige, sodass ich zunächst den Verdacht hatte, auf dem Holzweg zu sein.) 
"Der andere Tod" scheint bewusst darauf angelegt, den Leser frühzeitig vermuten zu lassen, was an Max Winther, seiner Ehe und den Geschichten, die ihm seine Frau nebst zahlreichen Bildern als Erinnerungen eintrichtert, nicht stimmt. Man weiß zwar nie wirklich mehr als der Ich-Erzähler, ahnt aber immer schon Gewisses voraus. 
"Der andere Tod" ist damit auch eine Geschichte, in der alle Charaktere von einem spontanen, aktuellen Eindruck geprägt sind. Für Max Winther sind sie alle ohne Vergangenheit, genauso wie er selbst. Verbindungen kann er selbst nicht herstellen und muss sich an alles schrittweise herantasten. Als Ich-Erzähler wird er dabei zum am stärksten ausgearbeiteten Charakter. Sein Denken, seine Zerrissenheit stehen im Vordergrund, während sogar Anouk kaum mehr als ein Schemen bleibt und die ganze Tragweite ihres schemenhaften Daseins sich erst am Ende zeigt. 
Auch ist "Der andere Tod" kein Kriminalroman, der sich auf polizeiliche Ermittlungen konzentriert. Allerdings gibt es sehr wohl einen Kriminalfall, der - zumindest mich - überraschen konnte. Etwas aufgesetzt hingegen empfand ich die Aufdeckung des wahren Ursprungs des Wintherschen Vermögens. Vom "bösen" Russen habe ich genug gelesen, und im Vergleich mit dem familiären Ambiente der Geschichte insgesamt empfand ich den Kontrast als zu stark. Das reale Moment möchte ich diesem Teil des Plots jedoch nicht absprechen.
Zudem wartet der Roman mit einem leicht bitteren Nachgeschmack auf. Ich mag Geschichten voller Graustufen, Geschichten, in denen die Charaktere ihre weiteren Lebensschritte nicht ohne Last gehen und sogar Fragen offen bleiben.
Besonders eingenommen aber hat mich Anja Jonuleit mit ihrer intensiven Sprache im erzählenden Part, eingeschobenen Träumen und Briefen, sowie mit authentischen Dialogen, die die 334 Seiten zu einem wirklichen Lesevergnügen machten, sodass ich über Schwächen gut hinwegsehen konnte und "Der andere Tod" kaum als Krimi empfand. Durch Verzicht auf übermäßige Darstellungen von Äußerlichkeiten und Konzentration auf Empfinden entsteht eine sehr dichte Erzählung, in der man fühlt, riecht, lauscht und sich erschreckt - ganz im Stillen, ohne schaurige Gänsehaut, aber mit lautem Herzklopfen. 

Fazit: 
Vorarlberger Krimi, dessen Geschichte vorhersehbar und nicht unbekannt erscheint, aber mit emotional dichter Sprache bedacht und ohne Hektik menschliche Abgründe beleuchtet, die weder pures Schwarz noch reines Weiß zulassen. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
  




Buchdaten
  • Taschenbuch: 336 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Mai 2011)
  • Umschlaggestaltung: Wildes Blut, Atelier für Gestaltung, Stephanie Weischer
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342321287X
  • ISBN-13: 978-3423212878
 
 

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