Donnerstag, 8. November 2012

... über "Beiß mich, wenn du kannst" von Kimberly Raye

Kimberly Raye

Gut zwischendurch zu lesender Fortsetzungsband, dem leider der Esprit des Vorgängers fehlt

Zum Inhalt:
Inzwischen hat sich Lil Marchettes Dating-Agentur für Wesen der Anderswelt, Dead End Dating, herumgesprochen, sodass das Geschäft ziemlich rund läuft. Für Vampirin Lil versteht es sich daher von selbst, dass sie den nächsten Job nicht ausschlägt. Für ein hübsches Sümmchen soll sie für Viola Hamilton und ihre Gruppe von Werwölfinnen siebenunzwanzig potente Menschenmänner herbeizaubern. Diese sollen dann bei einem Stelldichein bei Vollmond für den Fortbestand der Werwolfrasse sorgen. Bevor sich die stylische Lil aber auf die Suche machen kann, steht die Polizei in ihrem Büro. Ausgerechnet Lil, die dankend auf das Anzapfen lebender Nahrungsquellen verzichtet und ihr Blut vornehm aus dem Glas nippt, soll einen brutalen Mord begangen haben. Es gelingt ihr jedoch, sich dank ihrer Vampirfähigkeiten abzusetzen und Unterschlupf bei dem Kopfgeldjäger Ty zu finden, der sie mächtig in Wallungen bringt. Da er aber nur ein gewandelter Vampir ist, stehen die Chancen für das große Glück bis Tagesanbruch schlecht. Doch mit ihrem Herzklopfen außerhalb der gebürtigen Vampirklasse steht Lil nicht allein. Auch ihr Schürzenjägerbruder Jack hat inzwischen sein Herz an eine Sterbliche verloren. Welch ein Glück, denn Assistenzärztin Mandy darf Lil bald aus so mancher Patsche helfen ...

Meine Meinung:
Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich Kimberly Rayes Reihenauftakt Suche bissigen Vampir fürs Leben gelesen habe. Mittlerweile (2010) hat die Dead-End-Dating-Reihe mit dem fünften Band Natürlich mit Biss vorläufig ein Ende gefunden. Auf der Website der Autorin ist jedoch zu lesen, dass Band 6 (Here comes the vampire) noch in diesem Herbst als E-Book kommen soll. Das aber soll nun nicht weiter relevant sein, da ich nach zwei Jahren Dead-End-Dating-Pause gerade einmal bei Band 2 angelangt bin. 
Nach wie vor ist Gräfin Lilliana Arrabella Guinevere du Marchette, "Lil", ein Charakter mit Sorgen, die sich auf einem sehr schmalen Grat zwischen sympathisch und nervig bewegen. Mit ihrem Hang zum Luxus und ständig überzogener Kreditkarte passt Lil genau in das von TV-Serien geprägte Bild der stylischen, chronisch bankrotten New Yorkerin. Nur hat diese eben Fangzähne und ein gutes Gespür, wenn es darum geht, Anderweltliches zu verkuppeln. Zudem spart die Fünfhundertjährige nicht an flotten Sprüchen und hat ein weiches Herz. Sie gesteht ihre Macken und Fehler freimütig ein, und zwar nicht nur, dass sie ganz sicher ein Konsumproblem hat, sondern auch, dass sie eben kein Bilderbuchvampir ist. Das Trinken vom lebenden Objekt klappt nämlich ebenso schlecht wie das Gestaltwandeln, wobei der guten Lil immer mal wieder ein hübscher Wertgegenstand verloren geht. Kimberly Raye ist es durchaus gelungen, mit Lil einen Charakter zu erschaffen, der seine Ecken und Kanten liebenswert zu überspielen weiß und damit trotz wiederholter Anfälle von Product Placement (was mich hier kaum stört, weil es zu Lils Figur gehört) sympathisch wirkt. 
Um die vampirische Chick-Lit aufzupeppen, schubst Kimberly Raye ihre Ich-Erzählerin in allerlei Trouble. Da diese zwar auf ihre Weise durchaus scharfsinnig ist und eine ordentliche Portion vampirischen Mutes mitbringt, aber trotzdem nicht unbedingt die hellste Laterne in der Allee ist und sich immer wieder in prekäre Situationen manövriert, muss ein starkes Alphamännchen mit ins Boot geholt werden. Das geschah schon in Band 1, worin Kopfgeldjäger Ty auch gleich als Hauptcastmitglied eingeführt wurde. Um aber für mehrere Bände Konfliktmaterial zu haben, darf natürlich auch der Alpha-Vampir Ty nicht lupenrein sein. Während Lil fleißig Werwölfe, Vampire und andere(s) gegen dicke Schecks zusammenführt, träumt sie von ihrem eigenen Happily Ever After für die Ewigkeit. Blöd nur, dass die gebürtige Vampirfrau in den eigenen Reihen fündig werden müsste, um den Vampirfamilientraum aufrecht zu erhalten. Dass Ty ein gewandelter Vampir ist, degradiert ihn erst einmal zum Schmankerl zwischendurch und schließt ihn (vermeintlich) als Partner für die Ewigkeit aus. Aber man weiß ja nie ... "Beiß mich, wenn du kannst" ebnet auf jeden Fall den Weg für mehr. 
Im Vorgängerband  nutzte die Autorin einen Krimi-Nebenhandlung, um Ty in Lils Leben zu spülen. Dieses Vorbild nutzt sie nun auch in der Fortsetzung. Wieder kommt ein Kriminal(zwischen)fall zum Einsatz. Während der kriminalistische Handlungsstrang im Reihenauftakt noch recht dynamisch und unterhaltsam daherkam und wesentlich dazu beitrug, die Charaktere einzuführen und besser kennenzulernen, kann genau dieser Part im zweiten Band der Dead-End-Dating-Reihe kaum überzeugen. 
Natürlich ist für paranormale Chick-Lit-Romanzen der Suspense-Handlungsstrang nicht unbedingt von Belang, im Falle von "Beiß mich, wenn du kannst" wirkt er auch noch zu aufgesetzt. Nachdem Lil im Reihenauftakt als ziemlich unerschrocken charakterisiert wurde, macht sie hier nun einen eher verwirrten Eindruck. Beispielsweise hat sie nichts Besseres zu tun, als erst einmal zu ihren Eltern zu flattern, sich dort zu verstecken, um dann wieder zurück zu eilen, um in Tys Arme zu sinken. Während sie polizeilich gesucht wird, schafft sie es sogar noch, am elterlichen Golfmeeting teilzunehmen, und landet zwischenzeitlich - höchst amüsant - in der Leichenhalle, in der ihre zukünftige Schwägerin Dr. Mandy die Nachtschicht schiebt. Das ist zwar alles ganz nett, aber bei all der Versteckerei kommt der "Fall" an sich zu kurz. Immerhin ist jemand ermordet worden, und im Gegensatz zu Band 1 ist Lil nicht unbedingt an den Ermittlungen beteiligt, obwohl sie auch hier wieder direkt betroffen ist. Da sie als Ich-Erzählerin auftritt, erfährt der Leser nur bedingt, was Ty in der Zwischenzeit unternimmt.  
Zwischenzeitlich muss Lil natürlich auch etwas für ihren Vorschuss tun und Männer für die paarungswilligen Werwölfinnen suchen. Viel Zeit bis zum Vollmond bleibt nicht. In "Beiß mich, wenn du kannst" hat Lil auf 326 schnellen Seiten mächtig viele Baustellen: Mordverdacht, Bruder Jack nebst menschlischer Verlobter gegen Lils konservative Eltern, Herzflattern bei Ty, Verkupplung eines Rudels von Werwölfinnen, Aufpeppen eines der Paarungskandidaten, Delegieren von Agenturaufgaben an Mitarbeiterin Evie (die bis dato in Bezug auf den übernatürlichen Partner der Agentur ziemlich ahnungslos ist), Ty, Ty und, ach ja, Ty. Alles zusammen entwickelt leider einen ziemlich verworrenen Gesamteindruck, sodass man beim Lesen leicht den Überblick verliert und sich dann wundert, wie, weshalb und wann der Fall der Woche eigentlich gelöst wurde. Zudem sind sowohl die Werwolfkunden als auch der Verkuppungskandidat Lloyd ziemlich blass. Letzterer ist nicht halb so interessant oder amüsant wie der knuddelig-trottelige Francis aus Band 1.
Erfreulicherweise geht der Handlungsstrang um Lil und Ty einen deutlichen Schritt voran, und mit Dr. Mandy wird ein weiterer Charakter eingeführt, der nicht nur sympathisch ist und zupacken kann, sondern auch Material für weitere Fortsetzungen bietet. Lil und Mandy agieren wunderbar miteinander, sodass man gern mehr von beiden lesen möchte. Darüber hinaus bietet dieser Roman den Vorteil, dass man nicht zwingend Kenntnis von Band 1 haben muss, um dem Geschehen folgen zu können. Lil erzählt gerne mal etwas doppelt und liefert hier gleich zu Beginn die notwendigen Information zu ihrer Person. Im weiteren Verlauf kommen die "Sorgen" der gebürtigen Vampire und deren Eigenschaften/Fähigkeiten nochmals zur Sprache, wenn auch der achso wichtige "OQ" (Orgasmusquotient) nicht mehr ganz so ausgewalzt wird wie in Band 1. Wer versehentlich "Beiß mich, wenn du kannst" zuerst in die Finger bekommt, kann ihn bedenkenlos ohne Vorkenntnisse lesen. Leser, die ihre Freude an Band 1 hatten, werden in der Fortsetzung ebenfalls nicht mit zu vielen Wiederholungen überstrapaziert.
Wie sein Vorgänger lässt sich auch der zweite Band "Beiß mich, wenn du kannst" flüssig lesen und zaubert so manches Schmunzeln auf die Lippen. Lil erzählt frei von der Leber weg und spricht den Leser auch gern einmal direkt an, unter anderem mit Klammereinschüben, sodass man schnell das Gefühl bekommt, einer (wenn auch etwas viel plappernden) Freundin zuzuhören. Leider klingt aus der Übersetzung hin und wieder das englische Original hervor, sodass der Text - zumindest für mich - als Übersetzung wahrnehmbar war. Mich persönlich stören Ausdrücke, wie "ich endete in seiner Wohnung" (kein echtes Zitat, da ich die Passage nicht gekennzeichnet hatte und sie jetzt nicht wiederfinde), aber das muss selbstverständlich nicht allgemein gelten. 
Zum Erscheinen des Originals im Jahr 2007 hatte "Beiß mich, wenn du kannst" vermutlich aufgrund der Präsenz ähnlich gearteter TV-Serien noch etwas mehr Biss. Heute, da ich Sex and the City oder Lipstick Jungle einmal zu oft gesehen habe, stoße ich mich an Übertriebenem und Aufgesetztem und bin nicht sicher, ob ich diese Reihe weiterverfolgen möchte. 

Fazit: 
Fortsetzungsband, der die Haupthandlung der Reihe deutlich vorantreibt, in seiner eigenen Handlung jedoch mit nichtssagenden Nebencharakteren und abgehackten, nicht immer logischen Geschehnissen gewisse Verwirrung stiftet. Unterhaltsame Sprache und eine Protagonistin, die sich selbst nicht ganz so ernst nimmt, bescheren dennoch vergnügliche Lesezeit. All jenen zu empfehlen, denen Betsy Taylor zu nervig ist. 

Gesamteindruck
3 von 5 Weißdornzweigen

 



Buchdaten:
  • Taschenbuch: 336 Seiten
  • Verlag: LYX; Auflage: 1. (18. Mai 2009)
  • Umschlaggestaltung: HildenDesign/Ramona Popa
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Bettina Oder
  • ISBN-10: 3802581695
  • ISBN-13: 978-3802581694
  • Originaltitel: Dead and Dateless
Die Reihe: 
Band 1Band 2Band 3
Band 4Band 5

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