Dienstag, 27. November 2012

... über "80 Days - Die Farbe der Lust" von Vina Jackson [ungekürztes Hörbuch]

LEKTÜRE AB 18! 
Vina Jackson
(Hörbuch, ungekürzte Lesung)

Deftige Sinnlichkeit mit verspielter, grenzenloser Probierlaune ohne Rückenhalt

Zum Inhalt:
Die junge Neuseeländerin Summer hat Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Hungrig ist sie nach ihrem Geigenspiel und sie hat auch einen gesunden sexuellen Appetit. Noch nicht allzulang in London schlidderte sie jedoch zunächst in eine langweilige, unbefriedigende Beziehung, aus der sie bei jeder Gelegenheit nur allzugern entflieht und sich in die Melodien ihres Instrumentes flüchtet. Neben vereinzelten Gigs spielt sie auch in der U-Bahn auf und verdient eher schlecht als recht, auch wenn eines Tages aus heiterem Himmel eine 50-Pfund-Note in ihrem Geigenkasten liegt. Allerdings nimmt ihr ohnehin schon recht altes Instrument in einer U-Bahn-Rangelei irreparabel Schaden, und Summer ist am Boden zerstört, denn sie kann sich keine neue Geige leisten. Von ihrem gut situierten, aber nervtötenden Freund hat sie sich eben erst getrennt, also ist von ihm keine Hilfe zu erwarten. Überrascht findet sie kurz darauf auf Facebook eine Nachricht von einem unbekannten Profil mit dem Angebot, sie könne eine neue Geige erhalten, wenn sie denn mit den Bedingungen einverstanden sei. Neugierig stimmt sie einem unverfänglichen Treffen mit dem Universitätsprofessor Dominik zu und abenteuerlustig willigt sie rasch in das erste Privatkonzert ein. Peu à peu lässt sie sich, auch als sie längst im Besitz der versprochenen, sehr wertvollen Geige ist, von seinen Fantasien hinreißen und ergründet, abseits ihrer sexuellen Beziehung mit ihm, ihre neu entdeckte devote Seite in diversen Londoner Fetisch-Clubs. Aber die Dinge laufen aus dem Ruder ... 

Meine Meinung: 

Nachdem nun so reizvoll mit dem Spruch "Wenn Sie Shades of Grey mochten, werden Sie 80 Days lieben" (LOOK magazine) geworben wurde, fühlte ich mich herausgefordert. Denn ich kann nicht von mir behaupten, dass ich Shades of Grey mochte, nämlich, weil es ein Thema massentauglich weichspülte und hollywoodtauglich schwerwiegende Traumata kurierte, die ich im echten Leben niemandem an den Hals wünsche. 
Warum nur fühle ich mich bei diesem ganzen Hype-Zeug immer zu schrecklich langatmigen Ausführungen animiert? Sei's drum, hier sind sie ...
Wer Shades of Grey mochte, mochte den Roman vermutlich aufgrund der Aschenputtel-Romanze und dem Reiz des vorgeblich anrüchigen Kinks, und wer nun eine Romanze sucht, ist mit 80 Days vollkommen falsch beraten. Insbesondere dann, wenn nach Shades of Grey der Eindruck entstanden ist, genau dies sei erotische Literatur. Während Shades of Grey ein erotischer Liebesroman mit Stalkergehabe und Prügelwürze war, ist 80 Days ein Erotikroman ohne Romanze, aber dafür mit nuancenreichen sexuellen Spielarten, die allesamt nicht den Eindruck erwecken, dass sie mühsam zusammenrecherchiert wurden. 
Ohne nervtötende Wiederholungen und innere Zwiegespräche zeigt 80 Days Shades of Grey, wo der erotische Hammer hängt. 
Laut Verlagsinformation verbirgt sich hinter dem Autorennamen Vina Jackson ein Duo etablierter Autoren, die hier erstmals zusammengearbeitet haben. Der männliche Part - Lektor, Radiojournalist, Kolumnist - habe bereits neun Romane veröffentlicht hat, während die Dame im Bunde ebenfalls bereits Bücher geschrieben habe und eine feste Größe in der Londoner Fetisch-Szene sei. Letzteres merkt man dem Roman durchaus an, denn die betreffenden Szenen wirken überaus authentisch.
Ich empfand es als interessant, dass "80 Days - Die Farbe der Lust" einmal nicht aus nur einer Perspektive erzählt wird. Summer darf als Ich-Erzählerin auftreten, wohingegen die Passagen um Dominik bzw. auch Szenen, in denen andere Charaktere den dominanten Part übernehmen, von einem auktorialen Erzähler beobachtet werden. Dabei schließen die aus den beiden Blickwinkeln erzählten Szenen nicht immer unmittelbar aneinander an. Zum Teil überlappen sie sich, um einen tieferen Blick in die Gedanken der Beteiligten zuzulassen. Daneben bieten sie gelegentlich einen Rückblick, sodass man ein gemeinsames Erlebnis aus zwei Perspektiven betrachten kann. Da aber Dominiks Passagen in der dritten Person erzählt werden, entsteht eine gewisse voyeuristische Distanz nicht nur bei der Betrachtung intimer Szenen, sondern auch in Bezug auf die Charaktere selbst.
Mit ihrem feurigen Haar ist Summer ebenso leidenschaftlich und sinnlich wie ihr Geigenspiel, aber während ihre Lust und Fantasien zunächst weitestgehend unbefriedigt bleiben (so zerbirst sie unter anderem nicht an atemberaubenden Fließbandorgasmen). In ihrer Musik geht sie ganz auf, würde unter allen Bedingungen und an allen Orten spielen, nur um der Musik willen, die sie in andere Welten zu versetzen mag. Sie beschreibt sich selbst als hungrig und offen gegenüber erotischen Abenteuern. Zwar hegt sie vernünftige Zweifel, muss sich von ihrer Bekannten Charlotte jedoch nicht drei Mal bitten lassen, sie in einen Fetisch-Club zu begleiten. Auch wenn sie noch recht jung scheint, macht sie einen eigenständigen, selbstbewussten Eindruck. Immerhin stammt sie aus Neuseeland, hat einige Zeit in Australien verbracht, und lebt nun in Europa, bevor sie in diesem Auftaktband schließlich noch nach New York aufbricht. Dass sie eine devote Neigung hat und sich gern (ver)führen lässt, fiel ihr zwar schon früher auf, wird ihr aber erst von Dominik wirklich bewusst gemacht. 
Leider befindet sich der deutlich ältere eloquente Uniprofessor selbst noch in einer Erkundungsphase. Er hegt ausschweifende Fantasien und genoss es in früheren Beziehungen, seine Partnerinnen ab und an beim Verkehr zu versohlen, sadistisch veranlagt scheint er aber nicht. In vieler Hinsicht tritt er distinguiert auf und zeigt Sinn für Ästhetik, wenngleich ihn offenbar auch "Unsauberes" am Sex fasziniert. Ob er von Summer aber mehr als nur ein abenteuerliches Verhältnis will, ist ihm und dem Leser lange Zeit nicht klar. Es entspinnt sich damit weder eine Romanze noch eine echte Dominanzbeziehung. Dominic benutzt Summer für seine Fantasien, wofür er sie natürlich mit einer sündhaftteuren Geige fürstlich entlohnt. (Dass Summer Prostitution nicht zwangsläufig verteufelt, stellt sie bereits ziemlich früh in einem gedankenverlorenen Moment klar, als sie vor einem Stripclub steht und an Charlottes vorübergehende Karriere als Stripperin denkt.) Ansonsten lässt Dominik Summer aber von der Leine, sodass sie allein durch die Fetisch-Clubs tingelt und ihre Erfahrungen sammelt. In seiner Probierlaune geht er so weit, dass er Dritte in die Verwirklichung seiner Fantasien hinzuzieht, dabei aber zu spät merkt, dass er Summer nicht teilen will. Obwohl Summer wagemutig alles mitmacht, bekommt sie von Dominik nicht den notwendigen Rückenhalt. Sie begibt sich in ein Abenteuer, in dem sie nie wissen kann, ob ihre Grenzen, die sich gleichzeitig auch nicht abzustecken lernt, beachtet werden. Auf diese Weise entgleitet Summer Dominik, der einen recht szeneunerfahrenen Eindruck macht bzw. seinen dominanten Weg ebensowenig gefunden hat, wie Summer die gesamte Bandbreite ihrer Devotion ausloten konnte. Unter anderem verliert sie ihren Job, nachdem sie im Restaurant, in dem sie arbeitet, Männern begegnet, die sie als Fetisch-Club-Besucherin wiedererkennen. Als sie London verlässt, um in einem New Yorker Orchester zu spielen, gerät sie nicht ganz zufällig in Kinky-Kreise, in die sie, wie sie fast zu spät feststellt, nicht gehört. 
Neben diesen beiden Hauptpersonen werden Nebencharaktere eingeführt, die nicht minder kontrovers sind. Summers Pseudofreundin Charlotte führt sie zwar in die Szene ein und gibt sich als Kennerin, wird jedoch von Dominik später als Hedonistin enttarnt, die im Grunde nur mal jeden Trend ausprobiert haben muss. Im Gegensatz zu ihr entpuppt sich Lauralynn, die im ersten Moment wie eine Statistin wirkt, als der "real deal". Ich vermute, dass wir beiden nicht zum letzten Mal begegnet sind, und wir sicher auch Victor, den ich vom ersten Auftreten an als abstoßend empfand, wiedersehen werden. In all diesem Umfeld von Sinnlichkeit, Lust, Entdeckung und Leidenschaft, Szenen, in denen kein Blatt vor den Mund genommen wird und man sich selbst als Voyeur ertappen kann, kommen mir bodenständige Charaktere, wie Summers guter Freund Chris, und Augenblicke zum Durchatmen leider etwas zu kurz. 
Nachdem "80 Days - Die Farbe der Lust" geradezu spielerisch begonnen hatte und ein sinnliches Prickeln versprühen konnte, wozu die Sprache, die zwischen atmosphärisch und deftig direkt wechselt und sich qualitativ gegenüber dem allseits diskutierten Shades of Grey deutlich abhebt, erheblich beitrug, war das letzte Drittel dieses Auftaktromans für meinen Geschmack schon regelrecht von Entwürdigung geprägt und entpersonalisierte die Protagonistin, die zunächst freigeistig erschien, so stark, dass das Hörbuch kaum noch ein Genuss war. Nur gut, dass Autoren und Protagonistin noch rechtzeitig die Kurve bekamen, um Anreiz für die Fortsetzungen zu schaffen und in meinem doch auch eher dem Liebesroman zugeneigtem Herzen leise Hoffnung zu schüren.
"80 Days - Die Farbe der Lust" ist buchstäblich ein Mehrpersonenprojekt. Nachdem bereits zwei Autoren am Werke sind und für abwechslungsreiche Blickwinkel sorgen, zeichnen für die Übersetzung gleich drei Kollegen verantwortlich, und auch das Hörbuch wurde auf die weiblichen und männlichen Passagen abgestimmt von zwei Sprechern eingesprochen.
Summers Part wird von Annina Braunmiller gelesen, die ich überraschenderweise nicht sofort erkannt habe, obwohl ich nur wenige Tage zuvor ein anderes von ihr eingesprochenes Hörbuch gehört hatte. Die Sprecherin wirkt jung, aber nicht schrill oder überdreht, sondern überraschend gesetzt und insbesondere in Dialogen auf unterhaltsame Weise nuancenreich.  
Im Gegensatz dazu wirkt der männliche Part, der von Burchard Dabinnus gesprochen wird, manchmal sehr nüchtern, was, trotz vermehrter vulgärer Ausdrücke, zusätzlich zu der oben angesprochenen voyeuristischen Distanz beiträgt. Meines Erachtens passt der Sprecher gut zu der besonnenen, beobachtenden und distinguierten Seite des Professors, stimmlich wirkt Dominik allerdings älter, als ich ihn mir vorstellte. Durch die in Erzählperspektive und Stimmen wechselnden Passagen sind die knapp zehn Hörstunden relativ flott vorbei, wobei ich im letzten Drittel allerdings eher Ärger empfand, weil ich fürchtete, die Protagonistin könne unter die Räder kommen.
Ich bin froh, dass es das Medium Hörbuch gibt, denn so konnte ich auch diese erotische Geschichte aus meinem normalen Lesealltag zur Hausarbeitsbegleitung auslagern. Nachdem Shades of Grey ein ganz besonders langatmiges erotisches Leseabenteuer war, ist auch 80 Days deutlich umfangreicher als meine sonstige erotische Zwischendurchlektüre, sodass ich mich durch das Hören wesentlich besser unterhalten gefühlt habe, als wenn ich mich hinter das Buch hätte kleben müssen.
Mochte ich nun "80 Days - Die Farbe der Lust", nachdem mich Shades of Grey enttäuschte? 
Jein. 
Wahrscheinlich suche ich nach einer Mischung von beiden, aber nachdem "80 Days" im englischen Original bereits in die vierte Runde gegangen ist, sind noch nicht alle Messen gesungen.

Fazit: 

Verführerischer, deutlich erzählter Erotikroman, der sich der Sinnlichkeit von Musik bedient und mit Szene-Vibe überzeugt, aber viele Schattenseiten aufzeigt, die insbesondere Liebhabern von Zwischenmenschlichem und Herzklopfen nicht liegen dürften. 
Trotz unverkennbaren Prickelns nur bedingt für Romanzenfans geeignet. 
Wer vor vulgären Ausdrücken zurückschreckt, sollte ebenfalls nach seichterer erotischer Lektüre suchen. 

Gesamteindruck Story

3 von 5 Weißdornzweigen 
(weil die Liebesromanleserin in mir nicht aus ihrer Haut kann)




 

Gesamteindruck Hörbuch
4 von 5 Weißdornzweigen






Gesamtbewertung 
3 von 5 Weißdornzweigen 
(ich runde ab, da mich die Hörbuchumsetzung, anders als bei Shades of Grey, nicht so kurzweilig unterhalten konnte, dass es Störfaktoren in der Geschichte wettgemacht hätte)





Hörbuchdaten:
  • MP3 CD
  • Verlag: der Hörverlag; Auflage: ungekürzte Lesung (22. Oktober 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann
  • Sprecher: Annina Braunmiller, Burchard Dabinnus
  • ISBN-10: 3844510419
  • ISBN-13: 978-3844510416

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