Samstag, 3. November 2012

Sans attendre ... wenn sich Warten wirklich lohnt

(c) Five Star Feelings / Sony

Kaum zu glauben, doch seit Céline Dions letztem französischsprachigem Studioalbum "D'elles" sind tatsächlich bereits fünf Jahre vergangen. Noch weniger kann ich es glauben, dass ich das neue beinahe verträumt hätte. Die erste Single "Parler à mon mère" ist schon seit Juni zu hören, aber wann hört man denn schon einmal Französisches im deutschen Rundfunk? Gerade noch rechtzeitig habe ich, Internet sei Dank, vom Album-Release erfahren, sonst wäre mir wirklich ein kleines Juwel entgangen. 
Seit vielen Jahren bin ein Fan, wenn auch kein inconditionnel. Besonders angetan haben es mir allerdings Céline Dions französischsprachigen Alben, denn jedes Einzelne ist etwas Besonderes, hechelt keinem Trend hinterher und ist, sofern das überhaupt noch möglich ist, erwachsener. 
"Sans attendre" heißt das neue Album, das dieses Mal ganz ohne Jean-Jacques Goldmann (der dieses Jahr, wie man liest, doch Einiges zu tun hatte) auskommt und unter anderem Kooperationen mit Luc Plamondon, Maxime Le Forestier und Jean-Pierre Ferland bietet. 
Spätestens seit "D'Elles" ist Céline Dion angekommen. Sie muss sich nichts mehr beweisen, sie darf sich Zeit nehmen für ihre Projekte und sie hat hörbar Freude an dem, was sie tut. 
"Sans attendre" reflektiert eine emotionale Bandbreite, die schon auf "D'Elles" anklang. 
"Sans attendre" ist genauso québecois wie französisch, reicht von klassischem Chanson bis hin zu tanzbarem Pop, lässt Schmunzeln, lädt zum Mitsingen oder Tanzen ein und rührt zu Tränen. Sicher wird es wieder negative Stimmen geben, dass die Frankokanadierin nicht mehr zu hören sei, das Französisch zu gekünstelt, zu glatt sei. Aber wer Haare in der Suppe suchen will, wird auch welche finden ...
Mich jedenfalls hat noch nie ein Album von Céline Dion beim ersten Hören von A bis Z überzeugt. "Sans attendre" mit seinen vierzehn Titeln in der Standardversion und zwei Bonus-Tracks auf der Deluxe Edition ist dies erstmals jedoch gelungen! 

Eine unerwartet temporeiche und doch poetische Homage an Dions verstorbenen Vater, über die Dinge, die man gern tun möchte, eines aber das Wunderbarste wäre, nämlich mit dem Vater zu sprechen. Erfreulicherweise keine Ballade, aber nicht minder ergreifend. (Autor und Komponist: Jacques Veneruso)

2. Le miracle

Ein rhythmischer Titel von Marie Bastide und Gioacchino Maurici und zweite Auskopplung des Albums. Mit Kinderchorbegleitung frisch und positiv nach dem etwas nostalgischen "Parler à mon père". Ein Titel über die Liebe und das Wunder, das in allen Dingen liegt.

3. Qui peut vivre sans amour?

Von Élodie Hesme und David Gategno. Ein Song, der langsam und leicht düster beginnt und sich dann rhythmisch entschlossen steigert und wohl der rockigste Titel des Albums ist. Fast wütend und resolut vorgetragen. Wer kann schon ohne Liebe leben?

4. L'amour peut prendre froid

Ein Duett mit Johnny Hallyday von Christophe Miossec, Mary Ann Redmond und Todd Edgar Wright darüber, dass es der Liebe kalt werden kann. Sehr klassisch. Sehr französisch. Sehr eingänglich. Mit einer Céline Dion, die ihren Duettpartner Johnny Hallyday nicht an die Wand singt.

5. Attendre

Passend zur Eingänglichkeit des Vorgängers lässt "Attendre" aus der Feder von Elodie Hesme und David Gategno die Füße nicht still halten. Viel schneller Text, wunderbar zurückgenommen interpretiert. Zum Tanzen und Träumen und Bewusstwerden, dass vieles seine Zeit braucht und das Leben es wert ist, zu warten.

6. Une chance qu'on s'a

Von Jean-Pierre Ferland und Alain Leblanc. Ein großartiges Duett mit Jean-Pierre Ferland, einer DER Größen des frankokanadischen Chansons. Auch hier lässt Dion ihrem Partner (der, inzwischen 78-jährig, seit ein paar Jahren nicht mehr im Musikgeschäft aktiv ist) wunderbar Raum, um seine markante Stimme zur Geltung zu bringen. Ein Chanson über das Glück, sich zu lieben und einander zu haben. Mit klassisch-fulminantem Höhepunkt. 

7. La mer et l'enfant

Feiner Liebesvergleich aus der Feder von Marsaud und David Gategno. Ruhig interpretierter Chanson mit typischen Gitarren- und Akkordeonklängen, der von Gegensätzen erzählt, die zusammengehören und sich ergänzen. Untermalt mit sanftem Meeresrauschen.

8. Moi quand je pleure

Maxime Le Forestier und Stanislas erzählen vom Weinen, und Céline Dion singt ganz anders als sonst. Fast wie ein Mädchen, ohne den gewohnt professionell starken Klang, dafür aber mit dem notwendigen Augenzwinkern, kokett beinahe. Ein nach Folklore klingender verspielter Song, der schmunzeln lässt, weil man sich ertappt. Wenn wir Frauen heulen, ist das absolut normal, und wir wissen auch, wie wir unsere Tränen einsetzen können. Zudem macht Céline Dion nie einen Hehl daraus, dass sie selbst nah am Wasser gebaut ist. 

9. Celle qui m'a tout appris
Mit dieser Ballade geben Nina Bouraoui und Veneruso Céline Dion eine weitere Homage an die Hand. Nicht nur in "Goodbye's (The Saddest Word)" hat sie von ihrer Mutter gesungen. Thérèse Dion ist immer an Célines Seite, und so ist es nur verständlich, dass sie heute von der Person singt, die ihr "alles beigebracht hat". Sehr melodisch und liebevoll, ein Versprechen, die Mutter stets im Herzen zu tragen und auf sie aufzupassen.  


10. Je n'ai pas besoin d'amour

Ein weiterer Titel des großartigen Chansonniers Jean-Pierre Ferland. Eine echte Liebeserklärung an Familie und Freunde, an das "kleine, ganz große Glück", und dennoch ist da die Sehnsucht, von jemand ganz Bestimmten geliebt zu werden. Chansonhaft-rauchig sinnierend, aber durchaus mit positivem Touch interpretiert.

11.Si je n'ai rien de toi

Nach "Attendre" legen hier Elodie Hesme und David Galegno einen weiteren Pop-Titel vor, der mit leichtem Blues-Einschlag daherkommt, denn man kann alles auf der Welt haben, und doch ist es nichts wert, "wenn ich nichts von dir habe". 

12.  Que toi au monde

Die Beteiligung Luc Plamondons (in Kooperation mit Davide Esposito) an dieser Ballade ist unverkennbar. Wieder einmal lässt er sie von dem einen Menschen singen, ohne den sie (stellvertretend für alle Frauen) nicht sein möchte. Ein Titel über das Brauchen, Verlustängste. Eine Liebeserklärung, in der viel Emotionen mitschwingen, ohne Schnörkel zu kreieren.

13. Tant de Temps

Sylvain Lebel und Christian Loigerot zeichnen für das dritte Duett auf diesem Album verantwortlich. Célines Duett-Partner Henri Salvador wurde virtuell ins Boot geholt, denn der bekannte französische Chansonnier ist bereits 2008 in hohem Alter verstorben. Sein gleichnamiges Album war 2012 posthum mit unveröffentlichten Chansons erschienen. Ein wunderbares Duett mit Streicherbegleitung und Trompeteneinlage, das leise an die großen Zeiten des französischen Films zu erinnern scheint. Verträumt und melancholisch. 

14. Les petits pieds de Léa 

Marianne L'Heureux und Sophie Vaillancourt haben hier einen besonders persönlichen Titel geschaffen. Ein schwieriges Thema, das zu Tränen rührt und höchst einfühlsam umgesetzt wird. Auf Miracle hatte Céline Dion bereits bewiesen, dass für einen eindrucksvollen Vortrag keine übertriebenen Schnörkel und Koloraturen notwendig sind. "Les petits pieds de Léa" ist ein liebevolles Wiegenlied stellvertretend für alle Sternenkinder, deren kleinen Füße niemals ihren ersten Schritt setzen durften.

15. Ne me quitte pas (Bonus-Track)

Jacques Brel. DER Chanson-Klassiker schlechthin. Ungewohnt tiefe Töne. Flehend. Verzweifelt. Virtuos.

16. Les jours comme ça (Bonus-Track)
Es gibt sie eben, Tage wie diese, an denen man wissen muss, ob die Liebe alles übersteht. Tage, an denen man Rückversicherung braucht. François Welgryn, William Rousseau und Rod Janois machen daraus aber keinen Schmachtfetzen, sondern einen rhythmischen Song, der das Album so melodisch ausklingen lässt, wie es begonnen hat, und einen positiven Nachhall hinterlässt. 

Äußerlich ist "Sans attendre" (ähnlich wie Une Fille et 4 Types) ein Experiment. 
Im Gegensatz zu vergangenen Alben kommt "Sans attendre" ohne Fotografien aus. Dafür setzt man auf Illustrationen von Aurore d'Estaing, die sich sowohl auf der Verpackung als auch im Booklet wiederfinden. Die Deluxe Edition bietet zusätzlich einen Tischkalender für 2013. Muss nicht sein, ist aber ein nettes Sammlerstück. 
Die ungewöhnliche Aufmachung verdeutlicht jedoch sehr treffend, dass Céline Dion längst nicht als Hochglanz-Star zu definieren ist, sondern mehr Vielseitigkeit zu bieten hat, als man ihr nach all den englischsprachigen Balladen-Hits, die viele wahrscheinlich schon nicht mehr hören können, zugestehen will. 
Céline Dion ist wieder da - war eigentlich nie weg - selbstbewusst, als Frau, die von allen Gesichtern der Liebe zu singen vermag und nicht länger nur von dem einen Mann in ihrem Leben singen muss, und als frankokanadische Künstlerin, die in ihrer Muttersprache trotz globalisiert sauberer Diktion authentisch zu Hochform aufläuft. 

1 Kommentar:

Stefanie Steffen hat gesagt…

Vielen Dank für diese sehr gute Zusammenfassung eines außergewöhnlichen Albums. Anspruchsvoll wie die Musik selber, aber genauso gerne gelesen wie die Lieder von mir gehört wurden. Kompliment!

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