Dienstag, 13. November 2012

Mein E-Reader und ich - Bestandsaufnahme nach einjähriger Beziehung

Der Pitch zu diesem Beitrag lautet: "Der kleine Kindle langweilt sich und möchte gern wieder aus dem E-Paradies angeholt werden."

Mein E-Reader und ich: die langatmige Fortsetzung von "Wie die Jungfrau ...
bzw. 
"Warum es mit mir und dem E-Book nicht so recht klappen will" 

Und nein, das ist immer noch kein Testbericht!

Das Trüffelnäschen (=mein Sohn) hat es wiedergefunden, das kleine graue Ding, das sich seit einem Jahr in unserem Besitz befindet und ein gutes Vierteljahr lang verschwunden war, wenn auch nicht vermisst wurde. Ansonsten fest in der Hand des krimilesenden Imkers war der E-Reader mit der tollen elektronischen Tinte wohl im Zuge eines schnarchigen Plots aus eben jener Hand entglitten und hatte es sich in einer Ecke des schwedischen DIY-Bettes bequem gemacht, wo ihn mein Hausfrauenputzgespür nicht vermutet hätte. Und weil das Leben immer wichtiger ist als ein schnödes Buch ganz gleich in welcher Form, geriet das kleine graue Ding mit der Schnarchhandlung im realen Lebensplot in Vergessenheit und wurde erst vor einigen Tagen von der Trüffelnase, die mit elefanteskem Erinnerungsvermögen nach einem Spielzeug fahndete, wieder aufgespürt. 
Für mich Grund genug, mein erstes Jahr mit einem E-Reader zu hinterfragen. 
Grundsätzlich bin ich sehr wohl pro Ressourcenschonung, auch wenn das Augenwischerei ist, weil für meinen Kamin auch Bäume sterben, um angesichts der horrenden Heizkosten meine Ressourcen zu schonen. Und natürlich haben wir weder unendlich Platz noch Statik (wenn ich mir überlege, dass unser Haus schon so alt ist, dass es ganz sicher normenfrei und höchstwahrscheinlich nach dem traditionellen Pi-mal-Daumen-Prinzip errichtet wurde, mag ich gar nicht erst über eine Bibliothek im Obergeschoss nachdenken). Mit einem vernünftigen Verständnis für das Medium E-Book habe ich (immer noch) den festen Willen, mich diesem zu öffnen. Und das Produkt des Monopolisten, den ich - Achtung, schon wieder Augenwischerei - einerseits nicht übermäßig zuarbeiten möchte, aber trotzdem sehr regelmäßig nutze (auch in Form dieses tollen Partnerprogramms), sagt mir tatsächlich grundsätzlich zu. Es hat einen Speicherplatz, der sowohl des Mannes Krimis und literarische Belletristik als auch meine Schnulzchen gepaart mit ein paar lehrreichen Kinderbüchern für Sohnemann beherbergt und deren sinnvolle Sortierung zulässt, damit der Mann niemals versehentlich in den Schmalz- und Schmachttopf langt. Seine E-Ink simuliert das echte Buch ganz wunderbar, und das bei absolut minimalem Stromverbrauch (in der Zwischenzeit müsste ich das multimediataugliche Apfelgerät schon wieder mehrfach an die Stromquelle hängen). Dass ich inzwischen doch eine echte Tastatur an unserem simplen Standardprodukt vermisse und meine touchscreenverwöhnten Finger immer mal wieder einen falschen Weg einschlagen, lässt sich verschmerzen. Herausforderungen braucht man schließlich ab und an und den lehrreichen Fingerzeig, dass es sich manchmal lohnt, abzuwarten, bis die nächste Gerätegeneration auf dem Markt ist, sowieso. 
Also: Im Grunde eine feine Sache für meinen großen Willen. Eigentlich. Aber. 
Hüpfen wir einmal geschwind in meinen bildschirmlastigen Arbeitstag.
Sitzt das Schulkind endlich im Schulbus, starte ich gegen Viertel nach sieben mit meinem Übersetzungsplan. Dank Digitalisierung komme ich seit ein paar Jahren ohne Fax aus und empfange mittlerweile sämtliche Texte (ausgenommen ein oder zwei Urkunden per Post) als Datei. Auch wenn ich ein Laptop-Arbeiter bin, passen zwei Dokumente hervorragend auf meinen Bildschirm, sodass ich mir meinen PDF-Text links anordne und rechts in Word mit Tippen loslege. Im Idealfall ist der Ausgangstext ohnehin ein Word-/Office-Dokument, das ich direkt überschreibe. Einfach den Ausgangstext schön mit der Übersetzung überfahren und dann nur das Speichern unter anderem Namen nicht vergessen. Auf diese Weise gelingt es mir, erst einmal vier Stunden durchzutippen, ohne nach links und rechts zu schauen (wenn ich nicht gerade den Kamin füttern muss). Nach einem mittellangen Topftanz am Herd (immerhin habe ich einen körperlich arbeitenden Landwirt zu Hause) geht es noch einmal vier Stunden weiter, und manchmal noch nach Kinderbettzeit, wenn Liefertermine drängen (dass ich zwischendurch in irgendwelchen sozialen Netzwerken herumhänge, damit man mein Autoren-Ich nicht vergisst, bzw. natürlich auch recherchieren muss, kann dabei getrost ebenfalls als Bildschirm"arbeit" verbucht werden). 
Korrekturlesen auf Papier (und meine gelegentlichen Lektoratsjobs - ebenfalls auf echtem Papier) empfinde ich deshalb als absolute Wohltat. Nicht nur, dass ich dort die Fehler sehe, für die ich am Bildschirm blind bin, nein, es ist ein kleiner Traum, den Blick von hintergrundbeleuchtetem virtuellem Papier abzuwenden und (zugunsten der Abwechslung in der Handhaltung) mit einem echten Stift meine Texte umzustülpen und für die abschließende Korrektur am Bildschirm vorzubereiten. Zwischendurch noch ein echtes Wörterbuch hergenommen, im Duden geblättert, und dann geht es wieder an den Bildschirm. The same procedure every day ... Na ja, fast. Manchmal tritt das entspannende Korrekturlesen erst nach einer Woche Bildschirmfestklebens ein. Und wenn ich Glück habe, habe ich am Abend manchmal noch Lust, etwas Anspruchsloses zu lesen. Wenn ... 
Als wenn ich denn Lust habe, werde ich direkt von meinem SuB hynotisiert, der physisch in all seiner mahnmalhaften Pracht gut in kleineren Stapeln in Büro, Wohnzimmer und Schlafzimmer verteilt nach mir ruft. Komischerweise hat der Kindle das ganze Jahr nur im Urlaub nach mir gerufen, wo er als Raumsparwunder mit großer Titelauswahl punkten konnte. Zu Hause wieder baumelte er am Rechner des Imkers, der im Alltag selten traditionelle Bücher kauft, sondern eher mal - neudeutsch - rereadet. Aber selbst wenn der Kindle gerade in seinen Händen ist, können mich Lese-Apps und Co. am Abend auch nicht an den Rechner zurücklocken. Es gibt Tage, an denen will ich nicht einmal Fotos in die Lightroom-Bibliothek einpflegen, weil ich den Computer nicht mehr sehen kann. 
Inzwischen sind Texte für mich sehr flüchtig geworden. Nach dreizehn Jahren im Job habe ich so viel Text gesehen, dass der Speicherplatz in meinem Oberstübchen erschöpft ist. Was die Übersetzungsthemen der vergangenen Woche anbelangt, bin ich geradezu dement, und das, obwohl ich den Text naturgemäß nicht zur Unterhaltung konsumiere, sondern mich mit dessen Sprache auseinandersetze und Idiome, Wörter und Inhalte sehr wohl auf eine Waagschale legen muss. Dazu kommt, dass neben dem eigentlich Text noch viele weitere Texte im Zuge von Recherchen konsumiert werden müssen, die ich dann nach Abschluss des Auftrages wieder aus meinem Zwischenspeicher entlassen muss. 
So ergab es sich, dass es mir überhaupt nicht auffiel, dass unser E-Reader schon längst eine Vermisstenanzeige verdient gehabt hätte. Als er sich wieder anfand, war ich sogar überrascht, wie viele Inhalte sich inzwischen angesammelt hatten, denn kostenlose E-Books sind schnell in den Warenkorb hineingeklickt und befinden sich nun in bester Gesellschaft mit E-Books, die ich ganz bewusst gekauft habe. Die virtuelle Bibliothek übersteigt meinem physischen SuB um ein Vielfaches, und ich wage zu bezweifeln, dass ich sie je abarbeiten werde, es sei denn, ich lese ab sofort nur noch E-Books und kaufe weder E- noch Papierbücher dazu. 
Gratis-Aktionen sind absolut verführerisch, und auch ich habe sowohl in der Weihnachtszeit als auch im Sommer immer wieder von ihnen Gebrauch gemacht, wann immer ich irgendwo in sozialen Netzwerken darauf aufmerksam gemacht wurde. 
ABER. 
Von den mittlerweile an die zweihundert elektronischen Büchern habe ich selbst bisher ganze sieben gelesen, davon zwei Kinderbücher mit meinem Sohn. Zwei der Bücher habe ich hier rezensiert, bei drei weiteren weiß ich, wenn ich den Titel sehe, dass ich sie gelesen habe, kann mich aber nicht an den Inhalt erinnern. Mehr als zweihundert Seiten hatte keines der Bücher. (Bevor Missverständnisse aufkommen: Ich habe über die Jahre - bereits vor meiner aktiven Bloggerzeit - schon mehrere Bücher in PDF-Form am Bildschirm gelesen, unter anderem aus dem breiten, preisgünstigen Angebot von Coffee Time Romance, allerdings ist der Kindle meine erste Erfahrung mit echten E-Books). Und immer wieder schaue ich auf das Inhaltsverzeichnis, mit dem bitteren Gedanken: "Oh ja, stimmt, das wollte ich auch noch lesen." Dann lege ich den E-Reader zurück auf den Schreibtisch und verschwinde mit einem traditionellen Buch auf dem Sofa oder in der Badewanne oder ... 
Im Gegensatz zu meinem papiernen Bücherstapel habe ich keine Ahnung, welche elektronischen Bücher ich besitze, und bin jedes Mal erstaunt, was ich so alles in der Bibliothek vorfinde (nur, um es dann gleich wieder zu vergessen).   
Irgendwie stimmt mich das sogar traurig. Vor allem auch im Hinblick auf die Gratis-Aktionen, deren Ergebnisse oft mit viel Stolz in den Netzwerken kundgetan werden. Ich finde nämlich, dass ein Autor es auch verdient, dass ich seinen Text lese, wenn ich ihn mir schon - in welcher Form auch immer - angeschafft habe. Was nützt dem Autor mein Zugriff auf sein kostenloses Schnäppchen, wenn er mir letzten Endes keine Unterhaltung beschert, nur weil ich meine Bibliothek so künstlich aufgebläht habe, dass ich ihn unter vielen gar nicht mehr finde (und ich selber schreibe ja im Grunde auch für die drei bis fünf Menschen, die meine Geschichten lesen wollen; volle Schubladen will ich eigentlich nicht produzieren). Immerhin habe ich bei einigen Autoren für Tantiemen gesorgt, wenngleich ich ihr Werk immer noch nicht gelesen habe. Aber genau das Nichtlesen ärgert mich, ganz gleich ob elektronisches oder traditionelles Buch. Wer schreibt denn Geschichten nur, um sie zu verkaufen? Gut, das ist (m)ein generelles Problem, das nicht e-bezogen ist. 
Nach einem (Kalender)jahr Kindle-Besitzes und extrem spärlicher Nutzung muss ich feststellen, dass ich zwar mit meinen sechsunddreißig Jahren eigentlich gut mittendrin im digitalen Zeitalter und auch noch hinreichend lernfähig bin, das Medium E-Book für mich persönlich trotz seiner vielen Vorteile, die auch für mich klar auf der Hand liegen, ein flüchtiges Medium ist, das meine Gratismentalität, die mir im Grunde zuwider ist, mächtig anstachelt und mich zum Hamstern animiert, wobei das eigentliche Lesen aber zu kurz kommt. 
Unsere heutige Zeit ermöglicht uns, die für uns passenden Unterhaltungsprodukte zu wählen. Während der Autor zwischen verschiedenen Wegen wählen kann, um seine Geschichten an den Leser heranzutragen, kann der Leser ebenso entscheiden, wie er lesen will bzw. was am besten zu seinem Leseverhalten passt. 
Obwohl ich mich keineswegs vor dem elektronischen Buch verschließen und es auch weiterhin meinem Sohn anbieten werde, weil ich denke, dass man lernen kann, elektronische Medien mit traditionellen Lernmethoden so zu kombinieren, dass man am Ende tatsächlich auch etwas lernt, muss ich nach diesem ersten Kindle-Jahr feststellen, dass ich kein E-Book-Leser bin. 
Ich arbeite in Heimarbeit, muss so gut wie nie im öffentlichen Verkehr Fahrten unternehmen, verreise kaum noch (außerdem bin ich überhaupt kein Urlaubsleser, weil ich froh bin, wenn ich im Urlaub textfrei sein kann) und neige dazu, Texte, unabhängig von der Qualität des Inhalts, schnell zu vergessen, wenn ich sie am Bildschirm lese. In Verbindung mit dieser letzten Feststellung wurde mir bewusst, dass ich E-Books deutlich schneller lese als ein traditionelles Buch. Im traditionellen Buch blättere ich langsamer bzw. blättere auch gerne und nicht selten eine Seite zurück, um etwas noch einmal zu lesen. Bei E-Books tue ich das nie, und ich weiß nicht einmal, warum. Damit verstärkt sich natürlich der Eindruck der "Flüchtigkeit". Und das, obwohl ich wirklich kein Vielleser bin, sodass Geschichten durchaus eine gewisse Zeit in mir nachhallen dürfen. In diesem Jahr werde ich es, ohne Kinderbücher, inkl. E-Books und Hörbüchern, im Schnitt auf ein Buch pro Woche bringen. Ein Experiment, das ich im nächsten Jahr nicht fortsetzen werde, weil ich anfange, den Lesegenuss zu vermissen. 
Mein eigenes E-Leseverhalten ist im Übrigen auch einer der Gründe, warum es noch kein E-Book von mir gibt. 
Lange Rede, kurzer Sinn. 
Ich fühle mich derzeit noch nicht als geeigneter E-Book-Adressat, werde dem elektronischen SuB im nächsten Jahr eine weitere Chance einräumen. 
Und wer weiß. Vielleicht geht unser Kindle-Fazit ja in eine positivere zweite Runde. Beziehungen sind Arbeit.
Ich bleibe optimistisch!      

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