Freitag, 19. Oktober 2012

... über "Tempest: Tochter des Meeres" von Tracy Deebs

Tracy Deebs

Gestaltwandler-Geschichte rund um die Sorgen des Heranwachsens und die geheimnisvollen Wege des Schicksals, die sich leider in den Weiten des Pazifiks verlieren.

Zum Inhalt:
Tempest Maguire weiß schon lange, dass ihr Leben sich ändern wird, sobald sie siebzehn Jahre alt wird. Wie einst ihre Mutter, die vor sechs Jahren ins Meer verschwand und Tempest mit ihrem Vater und ihren beiden Brüdern zurückließ, wird sie vor der Entscheidung stehen, als Mensch oder als Nixe zu leben. Von ihrer Mutter bleibt ihr nichts als Kindheitserinnerungen und ein vager Abschiedsbrief. Schon immer verband Tempest eine besondere Beziehung mit dem Meer, sodass sie zu einer ausgezeichneten Surferin heranwuchs. Doch als ihr siebzehnter Geburtstag bevorsteht, gerät sie ins Wanken. Plötzlich hat sie beim Surfen Unfälle, ertrinkt sogar beinahe. Außerdem setzt ihre Verwandlung ein. Mit einem Mal hat das Mädchen Kiemen und ihren Rücken überzieht ein faszinierendes, schimmerndes Tattoo. Während sie sich einzureden versucht, eine Wahl zu haben, wird der Ruf des Ozeans stärker denn je, und selbst ihre kleinen Brüder und die Beziehung mit Mark können sie nicht darüber hinwegtäuschen. Nur Kona, ein Fremder, der eines Tages unter den Surfern auftaucht und offenbar nirgends dazugehört, scheint Tempests Gefühle zu verstehen. Und um ihn zu retten, stürzt sich Tempest eines Tages ins Meer, wo sie nicht nur erfährt, wer Kona ist, sondern auch, welche Aufgabe das Schicksal ihr zugedacht hat ... 

Meine Meinung: 
"Tempest: Tochter des Meeres" war ein reiner Coverkauf. Der Roman stand verführerisch im Buchhandlungsregel, und ich dachte mir: "Nimm das Buch doch einfach mit". Immerhin hatte ich mir vorgenommen, mehr Meeresromane zu lesen, und die Verbindung der Faszination Ozean mit der Faszination Gestaltwandler/Nixen kann ja im Grunde nicht falsch sein. 
Tatsächlich vermittelt das Äußere dieses paranormalen Jugendromans, der im März 2012 bei Planet Girl (Thienemann-Verlag) in gebundener Ausgabe erschien, eine eher sehnsüchtig-träumerische Geschichte. Wie hierzulande sehr üblich sehen wir wieder einmal ein verträumtes Mädchengesicht, das in die Ferne zu blicken scheint, hier aber glücklicherweise einmal nicht unsäglich grün umrankt ist. Diese gewisse Sehnsucht, die sehr häufig mit dem Ozean assoziiert wird, wurde von den Gestaltern der Agentur Hauptmann & Kompanie sehr treffend eingefangen, passt nur leider nicht ganz zur Handlung von Tracy Deebs' Auftaktband der Trilogie um die Jugendliche Tempest.
Das Mädchen hat mit Sorgen zu kämpfen, die sicherlich recht typisch für Heranwachsende sind, nur, dass die Autorin hier das Nixendasein metaphorisch für die Entscheidungsängste in der Frage, wohin man sich auf dem Wege zum Erwachsenen bewegen will, einsetzt. 
Auf recht angenehme Weise haben wir es hier einmal mit einem Charakter zu tun, der weiß, was aus ihm werden kann, und nicht, wie in anderen Romanen plötzlich von einer Verwandlung heimgesucht wird. Darüber hinaus wähnt sich das Mädchen in einer gewissen Ausweglosigkeit, nämlich, dass sie genauso im Meer verschwinden und ihre Familie und alle, die sie liebt, zurücklassen wird, wie schon ihre Mutter. Durch deren Weggang wurde Tempest nicht nur als Zehnjährige in eine Mutterrolle hineinkatapultiert, sondern sie hat einen regelrechten Groll auf ihre Mutter entwickelt, der sie nicht loslassen will und sie schon gar nicht sehnsüchtig macht. Überhaupt hat Tempest, die Surferin, zwar eine enge Beziehung zum Meer, träumt aber nun nicht unablässig von dessen für den Normalsterblichen unerreichbaren Tiefen. 
Deshalb empfinde ich die etwas neutralere Einbandgestaltung der englischen gebundenen Ausgabe, die 2011 bei Frank R Walker Co (Il) erschien und den Nixenrücken mit Tempests Tattoo zeigt, als stimmiger. Auch die englische Taschenbuchausgabe von Bloomsbury Publishing, die eine schwimmende weibliche Silhouette abbildet und damit durchaus einen Bezug zum Buch herstellt, weil hier der fehlende Fischschwanz thematisiert wird, kann durchaus punkten.
Im Übrigen werten kleine Kapitelillustrationen den Buchblock optisch auf und verleihen ein gewisses Meeresgefühl. 
 
Da wir dank des als Prolog vorangestellten Briefs der Mutter von Beginn an wissen, dass die Ich-Erzählerin Tempest zur Nixe werden wird, ist es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese Verwandlung eintritt und vor allem der Leser erfährt, warum das Meer nach dem Mädchen ruft.  
Zunächst aber lernen wir eine normale Jugendliche kennen, die für ihr Leben gerne mit den Jungs noch vor der Schule surfen geht. Das Motiv des Surfens zieht sich durch das gesamte Buch, das in fünf große Teile untergliedert ist, die allesamt einen Titel aus der Surfer-Sprache tragen. Diesen Surferlebnissen, bei denen schließlich auch Tempests Wandlung eintritt, dürfen wir eine ganze Weile beiwohnen und uns, folgerichtig, an ihren normalsterblichen Freundeskreis gewöhnen. Auf diese Weise entstehen rasch Sympathien für Tempests menschliches Dasein, insbesondere auch für ihren Freund Mark. Er macht den in zahlreichen US-amerikanischen Teenagerserien suggerierten typischen Eindruck des netten Beau von der High-School, der seine Freundin auf Händen trägt, ist aber trotzdem sympathisch. Tempest wird nicht müde, zu beteuern, wie viel sie für Mark empfindet. Auf der Pro-Liste für das Leben an Land steht dieser junge Mann auf jeden Fall ganz weit oben.
Das ändert sich auf vorhersehbare Weise abrupt, als Kona auf einer Welle dahergeritten kommt. Als Inbegriff des Paranormal-Schmachtobjekts mit Opal-Augen (oder war es Onyx?) bringt er Tempest noch zusätzlich durcheinander. Aber anstatt ihr reinen Wein einzuschenken, womit das Buch in Nullkommanichts sein Ende finden würde, lässt die Autorin die Charaktere umeinander herumtänzeln und führt sie schließlich in die Tiefen des Ozeans, wo dann ca. zweihundert Seiten so gut wie nichts passiert. 
Vom in der Kurzbeschreibung erwähnten "geheimnisvollen Erbe" ihrer Mutter, das sich nicht auf den Nixenschwanz beschränkt, der im Übrigen keine Selbstverständlichkeit ist, sondern verdient werden muss, erfährt Tempest zwar recht früh, doch die Konfrontation mit der großen Gefahr und damit mit ihrer schicksalshaften Bestimmung erfolgt so spät, dass vermutlich so mancher Leser zwischendurch schon ertrunken ist. 
Dann aber geht alles so schnell, dass man glaubt, etwas verpasst zu haben und die komplette Handlung insgesamt einen recht unausgegorenen Eindruck macht. Das liegt unter anderem auch an der Ich-Perspektive, die das Wissen der Protagonistin deutlich einschränkt und den Leser genauso ahnungslos dastehen lässt wie Tempest. Allerdings versucht diese, alles mit sich selbst auszumachen, und stellt erstaunlich wenig Fragen, sodass sie sich zum Ende zu Recht Vorwürfe machen muss. 
Auch muss man feststellen, dass man seine Sympathien für die menschlichen Freunde der Protagonistin buchstäblich verpulvert hat, denn deren Anwesenheit wird tatsächlich zum Gastspiel degradiert. 
Während Tempest nun zunächst etwas unbeholfen durch den Ozean gluckert, ihre Kiemen trainiert, sich so manches Mal verschluckt und die Formen der Kommunikation unter Wasser erst erlernen muss, entsteht leider kaum maritime Atmosphäre, die der Faszination Ozean gerecht werden würde. Obwohl die Wasserwesen von einer bösen Macht bedroht werden, die leider wenig spannend aufgebaut wird und in einem übereilten Showdown nur absaufen kann, leben sie auf seltsame Weise in Saus und Braus. Wenn ich ehrlich bin, erwarte ich mir in einem paranormalen Jugendroman, der in der Gegenwart spielt durchaus eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Thema Umwelt. In dieser Beziehung schien mir die Geschichte vor der kalifornischen Küste doch etwas zu glatt gebügelt und märchenhaft aufpoliert. 
Anstatt Tempest in dieser Romanze dem Wasserwesen Kona in die Arme zu spülen, hätte in der Beziehung mit dem Mark sicherlich mehr Konfliktpotenzial gelegen. Nicht unbedingt im Hinblick auf eine ausgeleierte Dreiecksgeschichte, sondern hinsichtlich einer Art Wochenendbeziehung, mit der sich Jugendliche nach dem Schulabschluss  durchaus konfrontiert sehen können. Leider musste die Autorin hier den paranormalen Holzhammer schwingen und wieder mal eine vorherbestimmte Romanze heraufbeschwören. Schade, denn ich konnte hier leider nichts herzerwärmend Romantisches entdecken, möchte aber natürlich nicht ausschließen, dass die Zielgruppe (13 bis 16 Jahre) sich anders angesprochen fühlt.
"Tempest: Tochter des Meeres" liest sich in der Übersetzung recht flüssig und lässt einen jugendlichen Ton anklingen, der nicht übertrieben wirkt. Sehr gestört hat mich allerdings der Ausdruck "Wassernixe". Obwohl schon die Gebrüder Grimm diesen Begriff verwendeten, empfinde ich ihn als tautologisch, denn Nixen sind nun mal Wasserwesen, auch wenn sie nicht zwangsläufig einen Fischschwanz haben. Im Grunde passt auf Tempest mythologisch gesehen weder der Begriff Nixe, da von ihr (noch?) keine Bedrohung für den Menschen ausgeht, noch Meerjungfrau, weil sie nicht erlöst werden muss. Nun gut, irgendeinen Grund wird die Entscheidung für Wassernixe gehabt haben ... 
Aufgrund der langatmigen Vorbereitung der Schicksalserkenntnis, des zum Selbstzerfleischen neigenden Charakters der Tempest, der blassen Zeichnung ihrer Mutter, die eigentlich eine Schlüsselfigur sein sollte, und der sonstigen Familie sowie der konstruierten Romanze zwischen Wasserwesen ist es Tracy Deebs nicht gelungen, mich mit ihrem Auftaktband "Tempest: Tochter des Meeres" soweit zu überzeugen, dass ich freudig zu weiteren Bänden greifen würde. 

Fazit: 
Erster Band einer Meeresgeschichte für jugendliche Leser, der eine ansprechende Idee zugrunde liegt, die leider mit blassen Charakteren und mangelndem Flair wenig mitreißend umgesetzt wurde und Fans der Fernsehserie H2O wohl eher enttäuschen dürfte.

"Tempest: Tochter des Meeres" ist eines der wenigen Bücher, die mich in diesem Jahr wirklich enttäuscht haben, aber da der Roman die Zielgruppe vermutlich anders anspricht als mich, vergebe ich einen Extrazweig und gelange zu einem 

Gesamteindruck von:
3 von 5 Weißdornzweigen
    

 

Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 348 Seiten
  • Verlag: Planet Girl; Auflage: 1. (26. März 2012)
  • Einbandgestaltung:  Hauptmann & Kompanie
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von: Bettina Münch
  • ISBN-10: 3522502574
  • ISBN-13: 978-3522502573
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre
  • Neupreis: 14,95 €

Geb. AusgabeGeb. AusgabeTaschenbuch
DeutschEnglischEnglisch
TaschenbuchKindle-E-BookBand 2 (HC)
EnglischEnglischEnglisch

Kommentare:

Soleil hat gesagt…

Meeresbücher sind ja hier und dort doch momentan stark gefragt. Ich muss gestehen, mir liegt das Thema gar nicht und im YA schon mal überhaupt nicht. Dreiecksbeziehung ist tatsächlich ausgelutscht und ehe ich groß gähne, braucht es vielleicht doch wieder einen neuen Trend. Dabei bin ich gar nicht unglücklich darüber, dass es keinen gibt, denn ich freue mich schon darauf die Leute das lesen zu sehen, was ihnen gerade (selbst!) einfällt.

Sinje hat gesagt…

Ich sehe ja weder bei Meeresbüchern noch bei Engeln einen echten Trend bei uns. Meeresthemen reizen mich schon sehr stark. Schon als kleines Kind habe ich Märchen verschlungen und stundenlang Bilder vom Meer angeschaut. Seltsamerweise finde ich überhaupt kein Buch, das mich auch nur annähernd so fasziniert wie Meeresblau. Erfreulicherweise wurde die hier angedeutete Dreiecksgeschichte buchstäblich im Keim erstickt.
Grad lese ich wieder am Vampir-SuB, der ja auch nicht mehr wirklich trendig ist. Grundsätzlich lese ich eh, worauf ich Lust habe und da ist es mir wurscht, ob es in ist oder nicht. Erstaunlicherweise habe ich dieses Jahr viele aktuelle Bücher gelesen, und das ist eigentlich gar nicht meine Art :)

Soleil hat gesagt…

Du warst auch nicht gemeint ;-)
Mich reizen selbst angedeutete Liebesgeschichten gerade so gar nicht. Aber das ist meist eine Phase und geht wieder vorbei. Wenn ich etwas zum lesen suche ist mir wichtig, dass das Buch für unterwegs nicht zu schwer ist. Ansonsten eben das, was gerade am lautesten ruft :)

Engel sind tatsächlich nicht angekommen, aber das habe ich von Anfang an vermutet und gesagt. Die momentane Ratlosigkeit spricht sich aber schon rum ;-) Ich würde mir wünschen, dass nicht wieder auf etwas aus Übersee gewartet wird, sondern die deutschen Verlage mal selbst aktiv werden.

PS: Dein Captcha ist sehr unleserlich. Ich muss jedes Wort mehrmals eingeben - gut, dss ich so hartnäckig bin :)

Sinje hat gesagt…

Boah, die werden wirklich immer schlimmer, die Captchas. Ich hatte sie zwischenzeitlich ja rausgenommen, aber dann bekam ich tatsächlich einen Berg Spam, sodass ich sie wieder eingeführt habe.
Ich werd es mal wieder ohne versuchen.

Ich habe den Eindruck, man versucht bei den Engeln einen zweiten Anlauf, aber ich glaube nicht, dass sie irgendjemandem den Rang ablaufen werden. (Im Übrigen war dazu mal ein Artikel in der Abenteuer & Phantastik - dort prophezeite man den Engeln durchaus Größeres). Das ist, meiner Meinung nach, auch gut so, um einfach eine gewisse Vielfalt zu wahren. Die vielen Dystopien gehen mir auch schon allmählich auf den Senkel. Nun sind sie auch gleich noch ins Fernsehen geschwappt ("Revolution" im US-Fernsehen).
Dieses Hinterherhecheln nach internationalen Formaten stört mich schon sehr - sowohl beim Buch als auch im TV. Natürlich habe ich nichts gegen globale Verbreitung von Kultur, aber mich stört, dass man deutsche Autoren kaum wahrnimmt bzw. die auch noch englische Pseudonyme annehmen müssen, um was zu verkaufen.

Da ich kaum unterwegs bin, ist mir das Gewicht eines Buches momentan egal. Der ewig gleichen Liebesgeschichten und vor allem Liebesgeschichten, die als Sales-Aufhänger dienen und dann im Story-Sand verlaufen, bin ich sehr überdrüssig.

Ich wünsch dir auf jeden Fall noch eine schöne Restwoche!

Soleil hat gesagt…

Ich bekomme auch (englischsprachigen) Spam, aber den liest das System alleine raus und ich muss ihn dann nur intern mit zwei Klicks löschen.
Wäre für ohne Captcha sehr dankbar :)

Na ja, alle anderen Wesen sind auch so ziemlich abgegrast, ich wüsste nicht, wen man da noch übersetzen sollte ... zumindest wenn man nicht weiß, dass es außer englisch noch andere Sprachen gibt *hust*
A&P weiß ich, habe ich mich schon persönlich mit einem Mitarbeiter drüber unterhalten. Es war halt ein trend aus Übersee, aber wir Deutschen ticken doch anders ... nur verstehen das Viele nicht.
Was deutsche Autoren angeht bin ich ja nur gespannt, wie sich der EBookMarkt entwickelt, bisher ist da ja noch nicht viel (Professionelles, ja auch als Indie). Wenn man englischsprachig bissl scrollt, wird man beinahe erschlagen. Da müsste es doch hier bei uns noch machbar sein in der großen Masse aufzufallen.

Ich steige wieder mehr auf E-Books um, da ist mir die Länge des Buches auch egal ;-)

Sinje hat gesagt…

Captchas sind weg, heute zwanzig Spams da. Geht ja noch *fg*
Tja, andere Sprachen gehen doch ziemlich unter, und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich, obwohl ich nun wirklich alles andere als frankophob bin, in meiner Freizeit beispielsweise max. französische Musik konsumiere, aber so gut wie nichts Französisches lese und demzufolge den Markt da gar nicht kenne. Russische Literatur hat mich, ausgenommen Nossow und Wolkow, nie wirklich gereizt. Tatsächlich möchte ich viel mehr deutsch lesen als bis jetzt, und doch ist der Part zu gering.
Mit E-Books bin ich noch immer nicht auf gutem Fuß. Meinen mauen Kindle-Leseerfolge werde ich wohl demnächst erörtern.
Im Übrigen habe ich nichts gegen Ideen, die nicht wirklich neu sind, ich möchte mich nur gut unterhalten fühlen, und das ist bei Tempest beispielsweise ziemlich schief gegangen.

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