Dienstag, 30. Oktober 2012

... über "Shades of Grey - Befreite Lust" von E. L. James [Hörbuch]

E. L. James

Kitschgetrimmter, langatmiger Trilogie-Abschluss ohne Pepp und Spannung

Zum Inhalt:
(Achtung: Wer die ersten beiden Bände nicht kennt, findet hier zwangsläufig Spoiler!)
Ana sollte im siebten Himmel schweben. Christians ehemalige Sub Leila befindet sich in guten psychiatrischen Händen. Nach dem Party-Eklat sollte Mrs. Robinson kein Thema mehr sein, und Christian hat sich augenscheinlich vom Schreck des Hubschrauberabsturzes erholt. Turbulente kurze Beziehungsmonate liegen hinter Ana und Christian, aber sie sind glücklich in den Ehehafen eingelaufen. Entspannt verbringen sie luxuriöse Flitterwochen in Europa. Sie genießen ihre Liebe, und es gelingt Christian sogar, Ana ein klitzekleines Zentimeterchen von der Leine zu lassen, solange sie sich nicht oben ohne in der Mittelmeersonne räkelt. Unterdessen ermitteln Christians Profis zu Hause weiter, und als die frischgebackenen Eheleute zurückkehren, müssen sie bald feststellen, dass es tatsächlich jemand auf sie abgesehen hat. Doch dass sie eines Tages verfolgt werden und Ana eine wilde Autofahrt hinlegen muss, ist nicht ihr einziges Problem, denn der Ehestart gestaltet sich ebenso turbulent wie der Beginn der Beziehung. Christians Kontrollzwang bietet besten Nährboden für zahlreiche Streits, und beide müssen lernen, was es heißt, miteinander zu leben. Zusätzliche Sorgen entstehen, als Anas Stiefvater einen Autounfall hat, und als Ana herausfindet, wer ihre neue Großfamilie bedroht, setzt sie alles daran, sie zu beschützen. Und dabei bringt sie nicht nur sich selbst in Gefahr ... 

Meine Meinung:

Ja, ich mochte Shades of Grey - Gefährliche Liebe, den zweiten Band der inzwischen bestimmt zu Tode analysierten Porno-oder-doch-nur-Schnulzkram-Trilogie von E. L. James. Das sollte doch eine gute Voraussetzung sein, den abschließenden Band mit gewisser Vorfreude in Angriff zu nehmen. 
Und am Anfang war auch alles noch gut. 
"Oh, Ana ist erwachsen geworden", ging es mir durch den Kopf, als Merete Brettschneider ihren Vortrag begann. Sie klingt fast weniger jugendlich, die Stimme gesetzter. Der leicht schrille Unterton, der vielleicht nicht jedem gefällt, aber doch zu Ana, die längst nicht schüchtern ist, sondern ab und an gehörig aufzumüpfen weiß, passt, weicht dem damenhaften Klang einer Mrs. Grey. Merete Brettschneider gelingt es ausgezeichnet, die unterschiedlichsten Facetten der Charaktere zur Geltung zu bringen und damit zu unterhalten. 
Es ist somit keinesfalls der Sprecherin anzulasten, dass ich nach den ersten Hörkapiteln erst einmal eingeschlafen bin und dann gezwungen war, einen gehörigen Packen der 19 Hörstunden zurückzuspulen.
Im Prolog startet E. L. James zunächst recht vielversprechend mit einem Einblick in Christians Vergangenheit und legt in seinem Albtraum sein traumatisches Kindheitserlebnis dar. Sein Rettungsanker beim Erwachen ist Ana, und die sitzt dann in der nächsten Szene in der mediterranen Sonne und genießt die Flitterwochen. Fast wollte ich erleichtert aufatmen, dass uns der ganze Hochzeitsschnulz erspart wurde. Weit gefehlt, denn die Rückblende folgt auf dem Fuß, Hochzeitsnacht inklusive. Und ihr schließen sich endlose Luxuseskapaden der Honeymooners, nebst Christians Gehabe von wegen "dein Körper gehört mir/du gehörst mir" und Anas endlosen Beteuerungen "ich gehöre dir", an, die die Geduld tüchtig strapazieren und höchst erfolgreich darüber hinwegtäuschen, dass E. L. James im Vorgänger noch einen gewaltigen Spannungsschritt nach vorn unternommen und dort im Epilog dem potenziellen Bösewicht über die Schulter geschaut hat. 
Damit hat sie zwar ihrer Geschichte noch mehr Vorhersehbarkeit verliehen, aber die Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet. Leider verliert man in der Zwischenzeit das Interesse an der Aufklärung. 
Zwar schickt die Autorin ihr High-Speed-Pärchen recht authentisch in den beiden unbekannten Ehealltag, in dem Anas Vorstellungen von Zweisamkeit und Christians Beziehungsunerfahrenheit hübsch aufeinanderprallen, doch auch hier löst Sex - und das stellt Ana selbst wiederholt sehr scharfsinnig fest - jedes Problemchen. Während Anas bebrilltes schmökerndes Unterbewusstsein mit ihrer inneren Göttin nach einem Beziehungsvierteljährchen zur alles überblickenden Mrs. Grey, der selbst Christians Psychologe nicht das Wasser reichen kann, verschmolzen ist, wird deren Nervfaktor endgültig von Christians dickem Portemonnaie abgelöst. Zu jeder Gelegenheit braucht Mr. CEO nur mit dem Finger zu schnippen und schon ist alles geregelt. Ana bekommt als Hochzeitsgeschenk einen Verlag zu Füßen gelegt, man baut sich ein Liebesnest in bester Lage und als Geburtstagsgeschenk muss sowieso ein Auto her. Und zwischendrin müpft Anas Unterbewusstsein kleinlaut (letzten Endes aber erfolglos), denn es will sich ein gewisses Maß an Selbstbestimmung bewahren. So wird Mrs. Grey im Designerfummel zur Arbeitsstätte chauffiert, wobei man glatt vergessen möchte, dass die Tinte auf ihrem Abschlusszeugnis noch nicht mal getrocknet ist, während sie nach kurzem Aufbegehren gegen Christians Stalkergetue immer wieder zum emotionalen Teenager mutiert und mit "aufgehendem" Herzen ein "mein Christian" nach dem anderen vor sich hin schmachtet. 
Das Potenzial, das sich im Suspense-Handlungsstrang verbarg, hat E. L. James meines Erachtens gründlich verschenkt, indem sie Christian in ein Imperium hineingeschrieben hat, worin das Sich-Sorgen und das Mitfiebern um die Protagonisten des Romans im Keim erstickt werden. Dabei liegt es keinesfalls am Genre des Liebesromans, in dem glückliche Ausgänge natürlich Pflicht, aber ernsthafte Höhen und Tiefen nicht von vornherein untersagt sind, dass es mir über mehrere Hörtage (immerhin mehr als 1800 Seiten) so gar nicht gelingen wollte, auch nur eine Sekunde Angst um einen der Charaktere zu entwickeln. Weder bangte ich um den Fortbestand der Liebesbeziehung noch ernsthaft um das Leben von Anas Stiefvater (wobei in diesem Falle Christian durchaus mit emotionaler Unterstützung überraschend Sympathiepunkte sammeln konnte). 
"Mrs. Robinson" wurde übertrieben zum Hasscharakter aufgespielt, um dann zur Statistin degradiert zu werden, und auch der im Grunde recht spannende Handlungsstrang um Neid und Intrigen geriet letztendlich doch zu banal, um in E. L. James' fiktionaler Hochglanzwelt ernst genommen zu werden. 
Nach der Lust, die laut Titel befreit wird, kann man tatsächlich suchen, denn im Grunde soll niemandes Lust befreit werden, sondern Ana arbeitet über drei Bände daran, Christians Facetten von seiner traumatischen Vergangenheit zu befreien. Dass dabei jede Menge Lust im Spiele ist, sei natürlich nicht bestritten, aber in dieser Hinsicht wird Shades of Grey wohl auf immer und ewig der erste Roman bleiben, bei dem meine innere Göttin Stoßgebete gen Himmel sendete, mir jede weitere erotische Begegnung der Charaktere zu ersparen. Dass mich da keiner erhört, war ohnehin klar ... Nur gut, dass ich ab und an eingeschlafen bin.
Auch mit ihrem Zweijahressprung am Ende des Romans sowie einem sich anschließenden Ausschnitt, in dem das Kennenlernen der Turteltäubchen aus Christians Sicht in Ich-Perspektive geschildert wird, ist es der Autorin leider nicht gelungen, mir Christian als Traumprinz zu verkaufen, insbesondere jener überflüssige Nachsatz machte eventuell aufkeimende Sympathien wieder zunichte. 
Überhaupt gab es nur eine - wenn auch klischeehafte - Szene, in der ich mich tatsächlich mit Ana identifizieren konnte und ein Tränchen der Rührung verdrücken musste (und auch das ist wohl allein der nuancierten Interpretation Merete Brettschneiders zu verdanken). 
Zusammenfassend bestätigt Shades of Grey - Befreite Lust leider meine anfänglichen Befürchtungen, dass es dem netten Mädchen von nebenan, das keinen blassen Schimmer hat, wie attraktiv es eigentlich ist, im Schnelldurchlauf gelingen wird, den peitscheschwingenden Millionärsfuzzi von seinen abartigen sexuellen Vorlieben größtenteils zu kurieren und mit möglichst unverfänglichem Spielzeug (fast) traditionell KKK(+K)-mäßig (mit einem Extra-K für ein Bisschen Kink) in den Sonnenuntergang zu reiten. 
Damit wir auch alle schön weiter vom reichen Traumprinzen träumen, der sich nicht von der Bettkante schubsen lässt, während das reale Leben ohne Wohlstandsgejammer nebenan im Bett schnarcht ...

Fazit: 
Shades of Grey - Befreite Lust bildet den langgezogenen Abschluss einer Trilogie, die ein unspektakuläres auf Hollywood zurechtgestutztes Pseudomärchen zelebriert und von allem zu viel bietet: 
- Hauptcharaktere, die sich überschätzen, sich gern mal stur im Kreise drehen und mitunter ziemlich weltfremd daherkommen und vor allem kommunikationsunfähig sind und sich nur über neue Medien und erotische Begegnungen annähern, anstatt einmal Auge in Auge miteinander zu reden,
- Nebencharaktere, die liebenswert oder hilfreich sein oder für ordentlich Drama sorgen sollen, aber farblos bleiben, 
- ausgewalzte, allseits potente Erotikszenen 
- und eine High-Society-Welt, in der man sich, Aschenputtel Ana ausgenommen, schön unter sich verkuppelt und Geld (und Sex sowieso) alle Probleme löst.
Leider bleiben dabei erotisches Knistern, Romantik und auch Spannung und eine bitter nötige Prise Humor gehörig auf der Strecke, sodass trotz der professionellen und durchaus gelungenen Hörbuchumsetzung Langeweile und Überdruss aufkommen.
Schade um die viele Arbeit, die zweifelsohne trotzdem in dem Werk steckt. 

Gesamteindruck Story:
2 von 5 Weißdornzweigen 





Gesamteindruck  Hörbuch:
5 von 5 Weißdornzweigen 





Durchschnittsbewertung: 
3 von 5 Weißdornzweigen 
  
 
   



Buchdaten
  • Taschenbuch: 672 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (24. Oktober 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Andrea Brandl und Sonja Hauser
  • ISBN-10: 3442478979
  • ISBN-13: 978-3442478972
Hörbuch
  • Verlag: der Hörverlag; Auflage: ungekürzte Lesung (24. Oktober 2012)
  • Sprache: Deutsch, gelesen von Merete Brettschneider
  • ISBN-10: 3867179301
  • ISBN-13: 978-3867179300

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