Mittwoch, 10. Oktober 2012

... über "Hautnah" von Julia Crouch

Julia Crouch

Nahtlos weglesbare, hautnahe Familiensorgen mit recht vorhersehbarer Thrillerdramatik und Spannung für herbstliche Leseabende am Kamin

(c) Ullstein / Zero Werbeagentur
Zum Inhalt:
Als die Waylands ihre Reise von England in die USA antreten, haben sie ganz unterschiedliche Erwartungen und Hoffnungen. Für sechs Wochen ist der recht erfolglose Schauspieler Marcus Wayland eingeladen, an einer Shakespeare-Produktion in der Provinz mitzuwirken. Macbeth soll sein Sprungbrett sein, um endlich groß rauszukommen. Seine Frau Lara hingegen will die Zeit nutzen, um sich über die Zukunft ihrer Ehe klar zu werden. Schwer zu verdauen hat sie an ihrer erst kürzlich auf Marcus' unerbittliche Anweisung vorgenommenen Abtreibung, und generell hadert sie sehr mit ihrem Dasein als Ehefrau und Mutter mit schlecht bezahltem Job. Die Zeit an der US-amerikanischen Ostküste soll entscheiden zwischen dem Kitten und dem Aus ihrer Ehe. Dass sie bei jeder Gelegenheit das allergiegeplagte fünfjährige Nesthäkchen Jack im Schlepptau hat, macht es nicht besser. Bella und Olly, das sechszehnjährige Zwillingspärchen, hat seine höchsteigenen Sorgen. Vor allem Bella ist zunächst enttäuscht, dass es nach der Landung in New York nicht etwa in die schillernde Metropole geht, sondern in die staubige, langweilige Provinz. In Trout Island, Upstate New York, angekommen, erwarten die fünfköpfige britische Familie neben dem üblichen Kulturschock ein großes, aber einigermaßen heruntergekommenes Gästehaus mit einigen unappetitlichen Beilagen und einer Geschichte, die gut und gerne für schlaflose Nächte sorgen kann, und merkwürdige Beinahe-Unfälle und ein Mann, der Vergangenheit war ... 

Meine Meinung:

Lange habe ich mich nicht mehr mit dem Thriller-Genre befasst, sodass ich unerfahren bin, was einen echten Thriller ausmacht oder nach welchen objektiven Kriterien ich mich richten soll. Besondere Erwartungen an "Hautnah" hatte ich somit nicht und ziehe es vor, mich von meinen Gefühlen und Eindrücken leiten zu lassen. 

Die Leseprobe des zweiten Romans der britischen Autorin Julia Crouch, die sich berufsbedingt im Theatermilieu, das hier zum Gegenstand wird, sehr gut auskennt, vermittelte kaum den Eindruck eines Thrillers, so man sich denn bereits auf den ersten Seiten mitreißende, nägelkauende Spannung erhofft, beschrieb aber sehr anschaulich das Gefühlschaos der sechsunddreißigjährigen Protagonistin Lara. Deshalb war ich gewillt, mich auf das mir fremde Genre einzulassen. 
Angesichts der Umschlaggestaltung hätte ich wahrscheinlich nicht zu dem Roman gegriffen. Obwohl die herbstlich bunten Blätter angesichts der im bedrückend heißen New Yorker Sommer angesiedelten Handlung im ersten Moment deplatziert wirken, sind sie wohl eher symbolisch zu verstehen. Nach der Lektüre halte ich das zurückgenommene Cover, das nicht sonderlich aus der Masse hervorsticht, auch in Verbindung mit dem Ein-Wort-Titel, der nicht so verräterisch ist wie im englischen Original, für durchaus stimmig.

Auf gut 450 Seiten hat "Hautnah" für meine Begriffe kaum etwas "Thrilliges" und ist eher auf einer emotionalen Ebene spannend. 
Eingeleitet wird der Roman von einem einseitigen Prolog mit der Überschrift "Die Unbekannte", worin eine Frauenleiche gefunden und ein Detective erwähnt wird, der den Fall nicht ruhen lassen wolle. Wenn man nun vermutet, dass sich eine Ermittlungsgeschichte anschließt, liegt man vollkommen falsch. Was folgt, ist keine polizeiliche Ermittlung, sondern ein unerwarteter Schwenk zu einer Familie, die gerade mit dem Flugzeug in New York eintrifft und sich weiter auf den Weg Upstate New York macht. Da ist keine Spur von kriminalistischem Hintergrund, sondern nur eine Frau, die mit Blutungen auf einer Tankstellentoilette sitzt und später im Mietwagen über ihre Kinder und Ehe kontempliert. Insbesondere die kurze Toilettenszene, die gleich auf von der ersten auf die zweite Seite des Romans übergreift, empfand ich auf geradezu abstoßende Weise persönlich, und wie sich im Endspurt der Geschichte zeigen sollte, darf man diese durchaus als Vorgeschmack auf Kommendes auffassen. Bis dahin sollte allerdings einige Zeit vergehen. Zunächst wird man aber rasch vom erstickenden Sommerklima der Ostküste eingenommen und steckt bald mittendrin im ehelichen Scherbenhaufen, sodass der Prolog und das Genre Thriller trotz der wohldosierten, gewissermaßen alltäglich-zufällig wirkenden Schrecksekunden lange in Vergessenheit geraten.
Julia Crouch schildert sehr eindringlich die Probleme, vor denen ein Paar nach langen Ehejahren stehen kann. Mit demselben Auge für Details widmet sie sich dem Ankommen der Briten in den USA. Vom unaufgeforderten Upgraden des Mietwagens, über die fehlende Spirituosenabteilung in Supermärkten bis hin zu den Verbots- und Hinweisschilderwäldern begegnen dem Leser Gegebenheiten, an die man sich mit einem Schmunzeln erinnert, wenn man diese selbst schon einmal erlebt hat, und die für erfrischende Abwechslung sorgen, sodass man nicht in Laras alltäglichem Festsitzen ertrinkt. 
Der Autorin gelingt es, das Bild des erfolglosen Schauspielers, der etwas weltfremd daherkommt und dem die Verantwortung für die Familie über den Kopf wächst, einigermaßen authentisch zu zeichnen. Denn auch wenn das Klischee des armen Künstlers nicht zu übersehen ist, bleibt der Ärger darüber aus. Selbst die merkwürdige Tatsache, dass der nicht mehr ganz taufrische Marcus, der zudem als Schauspieler überhaupt keinen Namen hat, ausgerechnet von einem amerikanischen Provinztheater angeheuert wird, nimmt man der Autorin bereitwillig ab. Immerhin hat sein ehemaliger Schauspiellehrer James die Finger im Spiel, und wer freut sich nicht über ein bisschen Vitamin B, auch wenn es gut sechzehn Jahre zu spät kommt? 
Als Protagonistin ist Lara Wayland auf angenehme Weise eine absolute Durchschnittsfrau, die zudem nicht nach Sympathie heischt. Sehr früh verheiratet und ebenso früh Mutter von Zwillingen geworden, hat sie rasch ihre eigenen Bedürfnisse hinten angestellt, um die Karriere ihres Mannes zu unterstützen. Während bei Lara schon zeitig die vernünftige Erkenntnis eingesetzt hat, dass es mit der großen Karriere wohl nichts werden würde, und sie selbst nicht nur mit einem wenig zufriedenstellenden Job zum Familienunterhalt beitragen, sondern auch sämtliche Haushaltsfinanzen managen muss, klammert sich Marcus auch nach sechzehn Ehejahren noch an seinem großen Traum. Diesem fällt auch Laras Schwangerschaft zum Opfer, die sie auf Marcus' Wunsch noch vor der Reise nach Amerika abbrechen lässt. Eine Entscheidung, die sie Seite um Seite bereut, während sie gleichzeitig mit ihrem fünfjährigen Nachzügler alle Hände voll hat. Jack wirkt überhaupt nicht wie ein Fünfjähriger, macht sogar eher den Eindruck eines Dreijährigen, was wohl daran liegt, dass er unter allerlei Allergien leidet, sodass er noch Schwierigkeiten mit seinen Körperfunktionen hat und neben Asthmaspray und Antihistaminika auch der Buggy noch zur Grundausstattung gehört. 
In ihrem Abwägen von Pro und Contra für die Fortsetzung ihrer Ehe und ihren Überlegungen zu ihrer beruflichen Zukunft verliert Laura ihre Teenager-Kinder leicht aus dem Blick. Unstimmigkeiten zwischen den Zwillingen Bella und Olly tut sie als besondere Zwillingsbeziehung ab. 
Der Konflikt zwischen den Geschwistern ist ziemlich schnell durchschaubar, bietet aber einen Handlungsstrang, der durchaus dazu beiträgt, den Leser ein wenig an der Nase herumzuführen. 
Gut ein Viertel des Romans gewährt Einblicke in die Waylands und konfrontiert die Familie mit einer Vielzahl von Personen, wie etwa dem nicht ganz klischeefreien homosexuellen ehemaligen Lehrer von Marcus, James, der eine Beziehung mit der (dem) weiblich-mütterlichen Betty führt, der weiteren Besetzung des Provinztheaters und einem Love Interest für Bella. Ein Großteil der Statisten rauscht an den Protagonisten wie auch am Leser vorbei, und dank der Konflikte um Lara und Bella, die der allwissende Erzähler in der dritten Person abwechselnd auf Laras und Bellas Sicht schildert (den männlichen Charakteren folgt die Autorin offenbar ganz bewusst nicht), gelingt es der Autorin, den Leser bei der Stange zu halten, auch wenn ihre Charaktere oft seitenweise nichts anderes zu tun haben, als sich im amerikanischen Alltag einzuleben, sich aus dem Weg zu gehen oder einen über den Durst zu trinken. Ich möchte vermuten, dass so mancher Leser "Hautnah" als langweilig empfindet, weil eben nur sehr sorgfältig dosiert Dinge passieren, die insgesamt gesehen nicht neu sind und an einen routiniert inszenierten Fernsehfilm erinnern. 
Obwohl mir Lara weder sonderlich sympathisch noch unsympathisch war und ich mich die meiste Lesezeit über - mich in trügerischer Sicherheit wiegend - nicht einmal um sie sorgte, konnte Julia Crouch dennoch in vielerlei Hinsicht ein Mitfiebern bei mir auslösen. Die Autorin bedient in ihrem in der Übersetzung sprachlich unauffällig, geradlinig erzählten Roman durchaus eine gewisse romantische Sehnsucht, womit "Hautnah", auch aufgrund des Herausstellens seiner Protagonistinnen gegenüber den männlichen Prota- und Antagonisten, vermutlich eher ein Lady-Thriller ist. 
"Hautnah" bietet neben einer zerrütteten Familie und beruflichen Sorgen eine typische Alptraumgeschichte, die man im Kleinstadtmief gerne von Ohr zu Ohr tuschelt, jugendliche Wachstumsschmerzen, die weit tiefer liegen und das Romanende nachhaltig verdüstern, freiwillige und erzwungene sexuelle Handlungen, die ohne detaillierte Ausschmückungen auskommen, seelischen und körperlichen Schmerz ohne (nach meinem Empfinden) übertriebene Brutalität und nicht zuletzt psychisch labile Charaktere, die sich, wie auch der Leser, in einer Inszenierung wiederfinden.
Dass "Hautnah" ein Thriller ist, zeigt sich sehr wohl in vielen Punkten, wobei Autofahrer, die ohne abzubremsen, auf Mutter und Kind zusteuern oder nach Verwesung stinkende geheime Kellerräume weniger ins Gewicht fallen und Stärken eher in den menschlichen Abgründen liegen, die über Jahre gewachsen sind und über das Ende des Romans hinaus einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen. Besonders der Endspurt, in dem neue Informationen ans Licht kommen, die für den Leser kaum überraschend sind, aber Entscheidungen nicht nur ins Wanken bringen, sondern komplett revidieren, hat es im Vergleich zum ansonsten eher unspektakulären Handlungsverlauf in sich und weiß abschließend doch noch zu überraschen und zudem den Bogen zum Prolog wiederzufinden. 

Fazit: 
Insgesamt recht ruhiger, aber keineswegs langatmiger Thriller, der sich mit reichlich Liebe zum Detail vornehmlich mit dem ambivalenten Gefühlsleben seiner Protagonisten vor neuer Lebenskulisse auseinandersetzt, erst in einem dynamisch erzählten, aber durchschaubaren Finish zu schockieren weiß und mit einem überraschenden Ende nachwirkt. Eher für Fans von Lady-Thrillern. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 592 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (5. Oktober 2012, deutsche Erstausgabe)
  • Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Sybille Uplegger
  • ISBN-10: 3548283330
  • ISBN-13: 978-3548283333
  • Originaltitel: Every Vow You Break
  • Größe und/oder Gewicht: 19 x 11,6 x 3,6 cm

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