Mittwoch, 31. Oktober 2012

... über "Abgeschnitten" von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos [Hörbuch]

Sebastian Fitzek und Michael Tsokos
Thriller

Schnitzeljagd für standhafte Mägen 

Zum Inhalt: 
Als Rechtsmediziner Paul Herzfeld eines Morgens zur Arbeit beim BKA erscheint, hat er schon keinen besonders guten Tag. Nicht nur, dass er am Vorabend in eine Prügelei geraten war, die ein Nachspiel haben wird, nein, der Sohn des Innensenators darf ihm auch noch als Praktikant im ansonsten für niemanden zugänglichen Sektionssaal bei der Arbeit über die Schulter schauen. In der an diesem Tag eingelieferten, entsetzlich zugerichteten Leiche verbirgt sich jedoch ein wahrer Albtraum für den Professor. Während der Autopsie findet er im Kopf der Toten die Telefonnummer seiner Tochter Hannah. Als er sie anruft, erwartet ihn auf der Mailbox eine Nachricht von ihr. Sie sei verschleppt worden und Herzfeld solle unter keinen Umständen seine Kontakte einsetzen. Weitere Informationen erhalte er von einem Erik Zu diesem Zeitpunkt ahnt Herzfeld noch nicht, dass genau dieser quasi zeitgleich auf Helgoland an Land gespült wird. Tot. Wenig später hat er die unglückliche Finderin am Telefon. Als Comiczeichnerin hat Linda mit dem Tod nur auf dem Papier zu tun und ist auf Helgoland auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit. Deshalb ist sie, neben wenigen anderen, auch noch dort, während die Insel aufgrund eines drohenden Orkans bereits evakuiert wurde. Am liebsten will sie ihre Ruhe haben und sich verschanzen, doch sie traut ihren Ohren kaum, was Herzfeld da von ihr verlangt. Mithilfe des Hausmeisters des örtlichen Krankenhauses soll sie den Leichnam in die Leichenhalle des Krankenhauses bringen und ihn dort untersuchen. Während Herzfeld, da der öffentliche Verkehr wegen Schneetreibens zum Erliegen kam, widerwillig in den teuren Flitzer des aufdringlichen Praktikanten Ingolf klettert, um sich gemeinsam mit ihm auf den Weg nach Helgoland zu machen, gibt er Linda genaue Anweisungen, was sie zu tun hat, um eventuelle Hinweise zu finden. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn Hannah leidet unter schwerem Asthma ... 

Meine Meinung:
Ich habe schon sehr lange keinen Thriller mehr gelesen und noch nie einen gehört. Da mein Lesejahr 2012 aber nicht ganz so einseitig werden sollte, haben bereits verschiedene Titel den Weg in mein Regal gefunden, die nicht meinem üblichen Beuteschema entsprechen. Also durfte auch ruhig mal wieder ein Thriller dabei sein. "Abgeschnitten" ist mein erster Fitzek überhaupt und, sobald ich mich wieder erholt habe, mit Sicherheit nicht mein letzter.
Um die Augen zu schonen, greife ich in letzter Zeit vermehrt zu Hörbüchern, und die beiden Top-Sprecher Simon Jäger, dem ich bislang bei Lara Adrians Midnight-Breed-Reihe an den Lippen hing, und David Nathan, der Buffys Spike seine Stimme verlieh, machten die Entscheidung für die Hörversion besonders leicht. 
Was mich an (Psycho)thrillern häufig stört, ist, dass mit einem Prolog ins Haus gepoltert wird, der auf den ersten Blick nichts mit dem Rest zu tun hat. So ist das auch hier, und über die sich anschließenden ersten Hörkapitel hatte ich, das muss ich zugeben, leichte Durchhänger, weil dort bereits unheimlich viele Informationen verbreitet werden. So erfahren wir jede Menge über Paul Herzfeld, der nach seiner Scheidung von seiner erfolgreichen Ehefrau kaum noch Kontakt zu seiner Tochter hat, an der er trotzdem hängt, und quasi mit seiner Arbeit verheiratet ist. Außerdem werden seine Kollegen, mit denen er im Sektionssaal eng zusammenarbeitet, für meine Begriffe zu nah eingeführt, wenngleich sie im weiteren Handlungsverlauf keine Rolle mehr spielen. Ebenso detailliert gestaltet sich unmittelbar die Sektion der ersten Leiche. Obwohl hier sehr nüchtern und professionell vorgegangen wird - ein Part, zu dem Rechtsmediziner Michael Tsokos zweifelsohne hervorragend beigetragen hat - empfiehlt sich das Hörbuch nicht unbedingt für lapidare Hausarbeiten, wie die Zubereitung der Mahlzeiten. 
Um die beiden Schauplätze - Berlin und Helgoland - voneinander abzugrenzen, wurden für "Abgeschnitten" zwei Sprecher gewählt. Während Simon Jäger Professor Herzfeld und dem sich als Chauffeur aufdrängenden Yuppie-Praktikant Ingolf auf der Fahrt von Berlin nach Helgoland mit all ihren Unterbrechungen und Widrigkeiten folgt, liest David Nathan die auktoriale Erzählung der Geschehnisse auf Helgoland, aber auch die beklemmenden Szenen, in denen ein junges Mädchen seinem Peiniger ausgeliefert ist und man lange Zeit im Dunkeln bleibt, wer dieses Mädchen überhaupt ist.
Nach den Startschwierigkeiten konnte mich "Abgeschnitten" vor allem mit dem Charakter der Linda überzeugen. Sie ist nun nicht gerade ein verhuschtes Weibchen, das in eine prekäre Situation gerät, sondern hat schon einiges durchgemacht. In jeder ihrer Handlungen liest man, wie sehr sie zwischen Selbstschutz (und Furcht vor ihrer Vergangenheit) und dem Bedürfnis, dem Professor helfen zu müssen, hadert. Auch wenn Herzfeld sie nicht zum Pathologen macht und sie auch nicht bis zur bittersten Konsequenz am Leichnam herumschneiden lässt, wird sie doch mit Gegebenheiten konfrontiert, die sie vielleicht bisher mit ordentlicher Distanz aufs Comicpapier brachte, die im Alltag aber für den Nichtprofi absolut verzichtbar sind. Immer wieder ist sie gezwungen, über sich hinauszuwachsen, unter anderem auch, weil sie vor dem türkischen Krankenhaus-Hausmeister, der ziemlich schnell den Hasenfuß herauskehrt, nicht als Memme dastehen will. 
Während Linda auf Helgoland mit sich selbst, unappetitlichen Leichen und den klassischen angsteinflößenden Auswirkungen des Sturms kämpft, hat es auch Professor Herzfeld nicht leicht. Immer wieder wechseln die Schauplätze. Linda sitzt auf Helgoland fest, aber Herzfeld und sein Fahrer bewegen sich im Schneegestöber langsam von Berlin weg und auf Helgoland zu. Dass Herzfeld dabei dem nervigen Praktikanten, der spricht, als habe er einen "Stock im Arsch", ausgeliefert ist, macht es nicht einfach. Niemand soll von Hannahs Entführung erfahren, und nun spielt ausgerechnet der Sohn des Innensenators den Retter in der Not, indem er sich als Chauffeur anbiedert. Und der ist schließlich weder taub noch dumm und bekommt sehr wohl mit, was Herzfeld da die ganze Zeit am Telefon tut. Bald müssen Herzfeld und auch der Leser feststellen, dass die Reisebegleitung ziemlich patent ist und außerdem in der Handlung, die streckenweise recht atemlos macht, ab und an für einen kleinen Schmunzelfaktor sorgt. Dabei ist Herzfeld selbst kein aalglatter Charakter, weder Übervater noch Überprofessor, sondern jemand, der instinktiv versucht, das Richtige zu tun, dabei aber auch mal etwas schief geht. Dadurch werden die Charaktere authentisch, und man folgt ihrer Geschichte gern. Hoffend, bangend, Nägel kauend.
Im Gegensatz dazu sind die "Bösen" in diesem Psychothriller erschreckend perfide, schon beinahe "too much", sodass mich manches Mal ein Schauer überlief, wenn ich mir vorstellte, dass es solche "kranken" Geschöpfe wirklich geben soll. 
"Abgeschnitten" besticht zudem mit sehr anschaulichen Schilderungen, die zarten Gemütern wahrscheinlich schlaflose Nächte bereiten. Vor allem die Misshandlung des Opfers verlangte von mir als weibliche Leserin Einiges ab. David Nathan interpretiert so manchen Dialog mit so bedrohlichem Ton, dass Gefahr und Schmerz unerträglich greifbar werden. Ich war ehrlich froh, dass ich das Hörbuch tagsüber und nicht kurz vor dem Schlafengehen gehört habe. In Bezug auf handfeste Qualen und Schockmomente bin ich nur bedingt sattelfest.
Nachdem Prof. Herzfeld dem Täter recht flott auf die Spur kommt, wird "Abgeschnitten" noch längst nicht langweilig, denn die Autoren bauen einige Fallen und Wendungen ein, die die Spannung bis zum Schluss aufrechthalten. 
Für mein thrillerunerfahrenes Empfinden ist "Abgeschnitten" ein solider Psychothriller, in dem die Charaktere vermeintlichen Fehlern ihrer eigenen Vergangenheit nicht entkommen können und immer wieder aufgefordert sind, über ihren eigenen Schatten zu springen. Mein schreckhaftes weibliches Wesen, das sich bei Mediziner-Dokus gern hinter dem Fernsehsessel versteckt, muss allerdings gestehen, dass ich das nächste Mal wohl eher zu einem etwas milderen Ladythriller greifen werde

Fazit: 
Spannender Psychothriller, der mit kantigen Charakteren, dynamischen Schauplatzwechseln, anschaulicher Sprache und einer guten Portion Ekel und Schauder besticht. Die Hörbuchversion bietet mit zwei bekannten Sprechern einen zusätzlichen Unterhaltungsfaktor. Nichts für schwache Gemüter.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
  • Verlag: Droemer (26. September 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426199262
  • ISBN-13: 978-3426199268
Hörbuch
  • Audio CD
  • Verlag: Bastei Lübbe (Lübbe Audio); Auflage: 1 (21. September 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3785747497
  • ISBN-13: 978-3785747490

      

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