Freitag, 14. September 2012

... über "Im Tal des wilden Eukalyptus" von Inez Corbi

Inez Corbi

Historisch authentisch und straff erzählt 


Zum Inhalt: 
Anmerkung: Dies ist der zweite Teil zu Inez Corbis Roman Das Lied der roten Erde, weshalb Spoiler nicht ausgeschlossen sind. 
Australien 1801: 
Moira, offiziell weiterhin verheiratet mit dem wesentlich älteren Alistair McIntyre, und ihr Geliebter, der ehemalige Sträfling Duncan O'Sullivan, leben inzwischen zusammen. Sie sind arm, aber glücklich, denn schließlich haben sie sich. Moira, die aus gutem Hause stammt und schwere Arbeit nicht kennt, fügt sich tapfer in ihre neuen Lebensumstände, kümmert sich um die einfache Hütte, Wäsche usw. und lernt das Kochen. Nach einer Fehlgeburt im vergangenen Jahr scheint ihr gemeinsames Glück mit Duncan perfekt, denn sie erwarten wieder ein Kind. Dieses Mal geht alles gut, und Moira schenkt einem gesunden Jungen das Leben. Das Leben ist jedoch im damals noch Neuholland genannten Australien alles andere als einfach. Die Eingeborenen Eora stellen sich gegen die Kolonisatoren. Als Duncan unbeabsichtigt in einen der Eingeborenen-Übergriffe verwickelt wird, schließt er sich den Aborigines auf deren Rückzug an, um nicht in die Fänge von Captain Penrith zu gelangen, der den ehemaligen Strafgefangenen nur allzu gerne etwas anhängen möchte. Im Lager der Eora wird Duncan versehentlich angeschossen und so schwer am Bein verletzt, dass er nicht in der Lage ist, zu Moira und seinem neugeborenen Sohn Joey zurückzukehren. Während Moira sorgenvoll auf Duncan wartet, erscheint ihr gesetzlicher Ehemann, der Lazarettarzt McIntyre, in ihrer Hütte. Im Schlepptau hat er Reverend Marsden, der ihr eröffnet, dass laut Gesetz McIntyre der Vater des Kindes sei und nicht Duncan. Moira muss ihrem ungeliebten Ehemann ihr Kind aushändigen. Ohne Aussicht, ihn regelmäßig sehen oder gar stillen zu dürfen. Verzweifelt versucht sie, ihren Sohn zurückzubekommen, entführt ihn sogar, doch behalten kann sie ihn nicht. Und als wäre es nicht schon schlimm genug, ihren geliebten Sohn bei dem, wie sie ihn nennt, alten Bock zu wissen, bringt Duncans Versuch, trotz schwerer Verletzung zu Moira und Joey zurückzukehren, ihn prompt ins Lazarett und Moira in die verzweifelte Position, ihren Mann um Hilfe bitten zu müssen ...

Meine Meinung: 
Ich muss vorausschicken, dass es mir zunächst nicht bewusst war, dass es sich um eine Fortsetzung handelt, als ich das Buch erhielt. "Im Tal des wilden Eukalyptus" setzt ein Jahr nach dem Beginn von "Das Lieder der roten Erde" an. Die Vorgeschichte, wie Moira mit ihrem Mann und dem Sträfling Duncan nach Australien und wie es überhaupt zu dieser außerehelichen Liebesgeschichte gekommen war, ist mir somit im Detail nicht bekannt. An dieser Stelle kann ich bereits sagen, das für diesen Roman kaum Vorkenntnisse notwendig sind, da Inez Corbi behutsam vergangene Ereignisse erläutert und damit das nötige Vorverständnis liefert, ohne dass man das Gefühl hat, etwas Wesentliches verpasst zu haben oder neuerliche Handlungen nicht zu verstehen. Kenner des ersten Bandes wiederum dürften von Rückblenden oder Erinnerungen weder erschlagen noch gelangweilt werden. Sehr gern lese ich bei Gelegenheit im Nachgang den ersten Teil, um zu erfahren, wie Moira und Duncan zu dem Paar zusammenwuchsen, als das sie sich zu Beginn von "Im Tal des wilden Eukalyptus" zeigen. 
Inez Corbi stellt liebevoll ein Paar vor, das sich über gesellschaftliche und religiöse Konventionen hinweggesetzt hat und seinen Weg geht. Dass ihnen zunächst traditionelles Glück verwehrt bleibt, scheint nur konsequent. Sehr authentisch schildert die Autorin die Hürden, die sich immer wieder in den Weg stellen. Da sind die Unmöglichkeit einer Scheidung, Konfessionskollision (Duncan ist als Ire katholisch, während die McIntyres Reformisten sind), der Verlust des gemeinsamen Kindes an den gesetzlichen Ehemann, der neben einem Erben noch ein ganz anderes Interesse an dem ehebrecherischen Paar hat, aber auch die Gefahr, die von Captain Penrith ausgeht, der grausam hinter dem Stammesanführer Pemulwuy her ist und sehr wohl weiß, dass Duncans Vater mit den Aborigines sympathisiert; nur eine falsche Bewegung und mit Duncans Freiheit, die eigentlich keine ist, denn er darf trotz Begnadigung Australien vor Ablauf seiner ursprünglichen Strafe nicht verlassen, ist es vorbei. 
Zu Beginn dieses Fortsetzungsbandes ist die Beziehung zwischen Moira und Duncan außergewöhnlich gefestigt. Beide haben ineinander den Partner fürs Leben gefunden, treten füreinander ein, haben aber den Zauber und die Zärtlichkeit junger Verliebter noch nicht verloren. 
Im Mittelpunkt jedoch steht Moira, die nicht aufhört, um ihre junge Familie zu kämpfen. Sie ist damit auch der Charakter, der dem die beste Ausarbeitung in dieser Romanfortsetzung zuteil wird. Moira ist für die LeserIN sehr greifbar, während mir Duncan trotz seiner tiefen Gefühle für die junge Frau weniger greifbar war und ich mir noch eher von Moiras Ehemann Alistair ein Bild machen konnte.
Sehr bildhaft lässt Inez Corbi den allwissenden (auktorialen) Erzähler die junge Frau beobachten und führt den Leser in Perspektivwechseln aber auch in Dr. McIntyres Praxis und - für damalige Verhältnisse - moralische Abgründe, zum Stamm der Eora, deren Weltsicht durch die Augen von Duncans Aborigine-Halbschwester Ningali behutsam eingeflochten wird, zu Duncan und auch zu Penrith, der sich mit so vielen perfiden Wesenszüge bekleckert hat, dass man beinahe dankbar ist, dass er sich gleich von Beginn an einer aufreibenden Syphillisbehandlung unterziehen muss. 
Die Geschichte um die starke Moira, die sich den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Herkunftsklasse nicht unterordnen will, und den wohl usprünglich rebellischen Duncan, der sich in der Sträflingskolonie jeden seiner Schritte gut überlegen muss und Moira aufrichtig liebt und auf Händen trägt, ist eingebettet in historische Fakten, die im Nachwort und einer Zeittafel abgelesen werden können. Fiktive Personen treffen hier in verschiedenen Szenen auf historische Persönlichkeiten, die an der Entstehung des heutigen Australien beteiligt waren. 
Der straffe Stil der Autorin, deren Erzählung ohne überflüssiges Beiwerk auskommt, trägt dazu bei, dass man rasch und mit jeder Faser in die Geschichte und ihr Ambiente eintaucht. Dialogue wirken sprachlich angemessen, aber nicht zu gestelzt, als dass der Lesefluss ins Stocken käme. Die Lebensumstände werden nicht beschönigt; wo es gestunken haben mag, stinkt es eben, und wo Liebe ist, darf man sich auch berühren. So gibt es Szenen, in denen der Lazarettgeruch beinahe wahrnehmbar ist und man sich ertappt, dass die eigene Hand vor Nase und Mund fährt. Mütter, die gestillt haben, werden Moiras Gefühle nachfühlen können, als ihr Joey genommen wird und sie mit schweren, schmerzenden Brüsten zu Fuß zu ihrem Ehemann eilt und verzweifelt an seiner Tür trommelt oder ihr Körper bis zur letzten Faser reagiert, wann immer sie ein Geräusch hört, das an ein Kinderweinen erinnert. Daneben gelingt es der Autorin, auch unsympathischen Figuren eine gewisse Tragik zu verleihen und den Leser mitfühlen zu lassen, ausgenommen der Fiesling Penrith, der so widerlich dargestellt ist, dass das Schimpfwort "Schwein" noch zu schwach für ihn ist.
Intensiv und spannend führt Inez Corbi den Leser über einen Zeitraum, der sich von kurz vor der Kindesgeburt über fünfzehn Monate erstreckt, und ehe man es sich versieht, sind 305 Seiten ausgelesen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir für einen Roman mit dem Untertitel "Australien-Saga" ein paar Seiten mehr gewünscht. Ich habe zwar nicht das Gefühl, dass etwas fehlt, sondern ich wäre einfach gern etwas länger geblieben. 
Kritik muss ich allerdings an der Umschlaggestaltung üben. Das abgebildete Liebespaar verströmt viel zu viel Dornenvögel-Flair und erinnert in Kleidungsstil und Tönung eher an die 1930er und 1940er, aber nicht an einen Roman, der 1801 angesiedelt ist. Dafür dass die Protagonisten in dieser Geschichte sehr um ihr Glück zu kämpfen haben und gar keine Gelegenheit haben, die Schönheit des Kontinents zu genießen, ist mir dieses Cover zu ruhig und verträumt. Davon abgesehen, fügt es sich aber nahezu nahtlos in die Gestaltungen der aktuellen Australien-/Neuseelandromane ein, worauf offenbar mehr Wert gelegt wurde. 

Fazit: 
Mitreißend, dramatisch und liebevoll erzählte Fortsetzung einer unkonventionellen, heiklen Liebesgeschichte vor historisch authentischer Kulisse. Eine angenehme Lektüre für die kühler werdenden Herbstabende. Nicht nur für Australienfans.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen

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