Montag, 3. September 2012

... über "Grischa - Goldene Flammen" von Leigh Bardugo

Leigh Bardugo

Fantasievoll und mystisch

Zum Inhalt: 
Als Kinder kommen Alina und Maljen in das Waisenhaus des Herzogs Keramsow, der im Reich Rawka als Kriegsheld und Freund des Volkes gefeiert wird. Die Zeit dort schweißt das unscheinbare, blasse Mädchen und den Jungen, der zum Frauenschwarm geboren ist, zu besten Freunden zusammen, und auch als junge Erwachsene sind beide nicht zu trennen. Alina dient als einfache Kartografin in der Ersten Armee des Zaren, während Maljen sich dort zum besten Fährtenleser weit und breit herausbildet. Den liebgewonnenen Freund, der Alina weitaus mehr bedeutet, bewundert sie aus gebührendem Abstand. Ihre Gefühle zu offenbaren, wagt sie nicht. Als die Armee eines Tages die berüchtigte Schattenflur durchqueren soll, eine schreckliche Ödsee, in der tiefste Finsternis herrscht und geheimnisvolle, gefährliche Kreaturen ihr Unwesen treiben, ahnt Alina nichts Gutes. Tatsächlich wird das Skiff, auf dem sie übersetzen, von einem Schwarm Volkra angegriffen und auch Maljen fällt in deren Klauen. Verzweifelt eilt Alina Maljen zu Hilfe. Auf magische Weise rettet sie ihrem besten Freund das Leben. Wie ihr dies gelang, vermag sie selbst nicht zu erklären, doch dieses Ereignis trennt Alina und Maljen. Umgehend wird das Mädchen zu dem mysteriösen Dunklen gebracht, der dem Zaren dient und mit seiner undurchschaubaren Aura ebenso gefürchtet wie bewundert wird. Unter seinen Argusaugen wird Alina geradezu hofiert und von den besten Lehrern der Grischa, den Meistern der Kleinen Künste, zu dem gemacht, was sie in Wahrheit ist. Als sie endlich bereit ist, ihre Bestimmung zuzulassen und ihre wahren Kräfte zum Vorschein kommen, ist es beinahe zu spät, denn fast erliegt Alina der Anziehungskraft des Dunklen und sie erkennt: Rawka steht ein gefährlicher Umbruch bevor, und Alina und Maljen sind Marionetten in einem Spiel, das sie nicht mitspielen wollen ... 

Meine Meinung: 
Obwohl die Neuerscheinung aus dem Carlsen-Verlag derzeit in aller Munde ist, hatte ich mich im Vorfeld nicht weiter mit ihr befasst, sondern mich im Buchladen von dem ansprechenden Cover in Aquarelloptik verführen lassen. 
So saß ich denn auch rasch dem ersten Irrtum auf. Ich hielt nämlich "Grischa" zunächst für einen Namen, und das ist Grischa eigentlich auch, denn es handelt sich hierbei um die Koseform des russischen Vornamens Grigori (Gregor), der Wächter, Hüter etc. bedeutet. 
Damit haben Leigh Bardugos "Grischa" aber gar nichts zu tun. In diesem Fantasy-Erstling der Autorin ist "Grischa" nämlich die Sammelbezeichnung für die sogenannten Meister der Kleinen Künste, die man grob als eine Art Magier sehen kann, weil sie eben zu Dingen in der Lage sind, die sich mit normalem Verstand nicht immer hinlänglich erklären lassen. Sie zeichnen sich durch unterschiedliche Fähigkeiten aus, aufgrund derer sie verschiedenen Orden zugeordnet werden: den Korporalki (dem Orden der Lebenden und Toten), den Ätheralki (dem Orden der Beschwörer) und den Materialki (dem Orden der Fabrikatoren). Diese sind in einer kleinen Übersicht am Beginn des Buches zusammengefasst, gefolgt wird diese von einer Übersichtskarte des fiktionalen Landes Rawka, das ein wenig an die Kiewer Rus erinnert. Anstelle eines Prologes und Epiloges gibt es ein "davor" und ein "danach", die von einem auktorialen Erzähler erzählt werden und die Protagonisten als Kinder und Erwachsene zeigen. In den dazwischenliegenden Kapiteln kommt Alina als Ich-Erzählerin zu Wort. 
Leigh Bardugo führt ihre Protagonistin anschaulich durch ihre Fantasy-Welt. Sie bedient sich einer unkomplizierten Sprache, die ohne ausschweifende Sätze auskommt, hin und wieder aber mit einem "Hallo" dem eher historisch anmutenden Ambiente entgleitet. Sehr schnell gewöhnt man sich an das Ambiente, in dem sich Alina bewegt und das von trüb matschig über düster-gefährlich bis hin zu opulent und überladen und wieder zu winterlich trügerischer Stille reicht, ohne die Figuren zu erdrücken. 
Alina, die mit Nachnamen etwas zu klischeehaft Starkowa heißt, präsentiert sich als einfaches, bescheidenes Mädchen, das zufrieden mit der Arbeit als Kartografin bzw. Zuarbeiterin des leitenden Kartografen ist und dem die Aufmerksamkeit aufgrund der Ereignisse auf in der Schattenflur höchst unangenehm ist. Wenn der Leser gemeinsam mit ihr die Ursache ihrer lebenslangen Unscheinbarkeit, Blässe, Appetitlosigkeit ergründet, geschieht dies ohne Bedauern oder Jammern. Alina ist ein Mensch, der bereit ist, sich selbst für andere zurückzustellen, ohne in Selbstmitleid zu verfallen und eine Gegenleistung zu erwarten, wobei ihr Wesen nicht unüberdacht dumm, sondern nachvollziehbar und sympathisch dargestellt wird. Sie ist ein angenehmer Charakter, den man gern zum Freund hätte. So verfolgt man gern und mit Interesse ihre Wandlung von der einfachen Kartografin, der man kaum mehr Beachtung schenkt, als sie verdient, hin zu der einzigartigen jungen Frau, die der Finsternis Einhalt zu gebieten vermag. 
Während der Dunkle als sehr mysteriöse Figur eingeführt wird, die auch auf den Leser eine unerklärliche Anziehungskraft ausübt, kommt Maljen Oretsew meines Erachtens etwas zu kurz, sofern der Leser auf Romantasy hofft. Die Liebesgeschichte, die in der Kurzbeschreibung angedeutet wird, ist keineswegs so präsent, wie man glauben oder vielleicht erwarten mag, sondern begleitet die Haupthandlung sehr behutsam. Über weite Strecken des Romans ist Alinas bester Freund nämlich nicht präsent, sondern nur Gegenstand ihrer Gedanken und Sorgen. So wollte ich mich nicht so recht in die angepriesene heimliche Verliebtheit einfinden und hätte im Grunde gar keine Liebesgeschichte gebraucht. Alinas besondere Fähigkeiten und ihre Bedeutung in der Gesamtgeschichte, die mit "Goldene Flammen" noch nicht auserzählt ist, empfand ich als wesentlich interessanter. Weiterhin verstand es die Autorin, mich mit Nebenfiguren, wie Genja, die als eine Art magische Kosmetikerin auf gewisse Weise ebenfalls ein Sonderling wie Alina ist, sich aber gut in ihre Position eingefunden hat und sie zu ihren Gunsten zu nutzen weiß, zu vereinnahmen. 
Leider störte mich in dieser Geschichte, die mit ihrem schwachen Zar, der selbstverliebten, schönheitsbedachten Zarin, dem an Rasputin erinnernden Asketen, der Banja, Namen, wie Ilja, Iwan, Genja usw. sehr gewollt russisch daherkommt, wiederum das Pseudorussische. Nun gut, es handelt sich um Fantasy, und die Handlung ist in einem fiktionalen Land angesiedelt, aber mich irritierten, wie schon die Bezeichnung Grischa, pseudorussische Elemente, wie die Kefta (anstatt Kaftan) oder Kwas, was hier Schnaps ist. Zudem empfinde ich die Wahl der grammatikalischen Form bei Bezeichnungen manchmal etwas seltsam, aber verzeihbar. Zum anderen könnte ich mir auch vorstellen, dass die (pseudo)russischen Eigennamen manchem Leser Kopfzerbrechen bereiten, womit sie sich aber in guter Gesellschaft mit anderen Fantasynamen befinden dürften. 
Ärgerlich hierbei ist außerdem, dass es im Buch selbst neben der Landkarte und der Übersicht der Orden der Grischa kein Glossar  gibt. Ein solches steht auf http://www.bittersweet.de/grischa-goldene-flammen zur Verfügung. Natürlich ist es lobenswert, in unserer vernetzten Zeit auch das Lesen zu einem interaktiven Erlebnis zu gestalten, aber man hat nun mal nicht überall und allerorts das Netz dabei und möchte ganz sicher keinen fünfseitigen Glossarausdruck mit sich herumtragen. Aber gut ...
Mit einem mystischen Hirsch, der mich an russische Märchen erinnerte, und einem lebendigen Setting, in dem sich die Charaktere durchdacht und nachvollziehbar verhalten, macht Leigh Bardugom aber diese Stolpersteine wieder wett und konnte mich mit Grischa - Goldene Flammen kurzweilig unterhalten. 
Ein Trilogieauftakt, der auch als Einzelgeschichte recht gut funktioniert, aber definitiv Lust auf weitere Abenteuer macht.
 


Fazit: 
Fantasievoll und bildreich erzählte Geschichte, die ohne laute Töne auskommt und sich mit mystischem, nicht alltäglichem Ambiente und lebendigen Charakteren vom romantischen Einheitsbrei abhebt. Nicht nur für jugendliche Leser. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 





  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten (mit Lesebändchen)
  • Verlag: Carlsen Verlag GmbH; Auflage: 1 (September 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Henning Ahrens
  • ISBN-10: 3551582858
  • ISBN-13: 978-3551582850
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren
  • Originaltitel: Shadow & Bone. The Grisha, Book One
  • Neupreis: 17,90 €

Erhältlich als 
- Gebundene Ausgabe in deutscher Sprache
- Kindle E-Book in deutscher Sprache
- Hörbuch in deutscher Sprache
- Gebundene Ausgabe in englischer Sprache
- Kindle E-Book in englischer Sprache

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