Donnerstag, 6. September 2012

... über "A Girl Like I" von Anita Loos

Neben meinem Fiction-SuB habe ich auch noch einen Non-Fiction-SuB, an dem ich so langsam, aber sicher auch mal etwas tun muss. 
So habe ich also endlich die Autobiographie von Anita Loos zur Hand genommen. Genau genommen ist es ihre erste Autobiographie, denn acht Jahre später erschien eine weitere, die auch noch in meinem Bücherregal wartet. Beide Bücher sind nicht mehr taufrisch, aber ich habe sie vor einiger Zeit zu einem nicht ruinösen Preis erstehen können.
Anita wer?
Anita Loos zählt zu den bekanntesten Drehbuchautorinnen der frühen Jahre Hollywoods und wurde durch ihren Roman "Gentlemen Prefer Blondes", der 1925 zunächst als Reihe im Magazin Harper's Bazaar erschien, 1928 erstmals verfilmt, 1953 mit Marilyn Monroe und Jane Russell in den Hauptrollen verewigt und zuvor schon als Musical ein Hit wurde, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 
In "A Girl Like I" erzählt die fleißige Autorin von ihrer Herkunft und ihren ersten Schritten als Autorin bis hin zur Entstehung des Werkes, mit dem sie berühmt wurde. 
Recht viel Raum in dem nur 275 Seiten dünnen Büchlein, das erstmals 1966 bei The Viking Press, New York, erschien, nimmt zunächst die Familiengeschichte mütterlicherseits ein. 

Cleopatra und George - von Connecticut auf Goldsuche nach Kalifornien

Auf kurzweilige Weise berichtet Anita Loos, wie ihre Großmutter Cleopatra (ja, wie die Königin vom Nil) Fairbrother Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Großvater George Smith ehelichte und mit ihm von der Ostküste schließlich an der Westküste landete und dort rasch auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert wurde. 
Unverblümt betrachtet sie den arbeitsamen Großvater, der seinen Arbeitern den Lohn bis auf den kleinsten Cent ausbezahlte, wofür er monatlich buchstäblich Wagenladungen an Münzgeld ordern musste. Immerhin erwirtschaftete Smith ein ansehnliches Vermögen, das bis zu seinem Tod auch der Familie Loos ab und an aus der Patsche half, da Anita Loos' Vater, der nicht selten lieber irgendwo mit den Einheimischen saß, plauschte und trank oder fremden Röcken nacheilte, als Geld für die fünfköpfige Familie heranzuschaffen. 
Die arbeitsbedingte Abwesenheit des Großvaters und die gesellschaftliche Abgeschiedenheit sorgten recht früh dafür, dass sich die Großmutter, die sich standesbedingt gesellschaftliche Ereignisse anstatt einer im Aufbau begriffenen Gegend erhofft hatte, in eine Morphiumabhängigkeit flüchtete, aufgrund derer sich Großmutter Cleopatra den Nachkommen als unpässliche Person mit seltsamer Aura einprägte. 
Von den Smith'schen Kindern, einschließlich ihrer Mutter, die sie als erdgebundenen Engel charakterisiert, berichtet Anita Loos wenig, nur Tante Nina, die rasch den Ruf einer Lebefrau weg hatte und mit Skandälchen dienen konnte, findet stärkere Erwähnung. Die Onkel werden wiederum kurz als ebenso arbeitsam und humorlos wie der Grandpa und damit als nicht erwähnenswert eingeführt. 


Vater mit redaktionellen Ambitionen und Neigung zu Wein und Weib - kleine Tochter lustlos im Theaterkostüm und mit großem Traum vom Schreiben

Zu Beginn erzählt Anita Loos noch recht chronologisch, verknüpft Personen aber bereits mit späteren gemeinsamen Erlebnissen. Dabei verpasst man ihre Geburt 1888 beinahe. Jahreszahlen kommen relativ selten zur Sprache, sodass man manches Mal Orientierungsschwierigkeiten bekommt. 
Interessanterweise wirkt die Autorin auch dadurch in ihren Berichten wesentlich jünger als sie zum betreffenden Zeitpunkt war (ich ertappte mich oft beim Nachrechnen). Und das, auch wenn sie bereits als Mädchen wesentlich zum Familieneinkommen beitrug. Als Kind stand sie mit ihrer Schwester Gladys, der "A Girl Like I" gewidmet ist und die achtjährig nach einer in der heimischen Küche durchgeführten Blinddarmnotoperation verstarb, auf der Bühne, und auch nach dem Tod der Schwester tingelte sie durch die Theater. Gefallen fand sie daran nie, hielt sich außerdem für gänzlich untalentiert. 
Schon im Alter von sechs Jahren wollte sie Schriftstellerin werden, und sie mauserte sich recht bald zu einer sehr produktiven Autorin. 
Während der Vater Richard Beers Loos, immerhin Zeitungsverleger und später Manager einer Theatertruppe in San Diego, gewohnheitsmäßig zu tief ins Glas schaute und seine Theaterliebschaften pflegte, verdiente Anita Loos mit Anfang zwanzig ihr Geld mit Drehbüchern, die sie an die Biograph Company verkaufte, unter anderem für deren Produktion "The New York Hat" aus dem Jahr 1912 mit Mary Pickford und Lillian Gish, mit denen Loos eine langjährige Freundschaft verbinden sollte. 

Beruflich produktiv und erfolgreich - privat ladylike verschwiegen

Loos schreibt, sie habe keine Kopien ihrer Skripte behalten, könne aber anhand der Scheckabrechnungen nachvollziehen, dass sie zwischen 1912 und 1915 einhundertfünf Skripte eingereicht habe, von denen lediglich vier abgeleht wurden. Nicht alle wurden zu Filmen, aber D. W. Griffith, einer der späteren Gründer der United Artists, soll Gefallen an Loos' Arbeit gehabt und ihre Skripte, die sehr häufig aus wahren Erlebnissen bzw. Beobachtungen entstanden, "gern gelesen" haben. Umso mehr muss er überrascht gewesen sein, als sich der Autor, der seine Skripte als A. Loos einreichte, als etwas zu klein geratene junge Frau herausstellte, die zum Meeting in Hollywood auch noch in Begleitung ihrer Mutter erschien. Überhaupt hatte Mutter Minnie in allem ein Wörtchen mitzureden und redete Anita zunächst die Arbeit für Hollywood wieder aus. Ergebnis war Anitas Flucht in eine überstürzte Ehe, die ebenso überstürzt wieder zuende war, aber erst nach vier Jahren geschieden wurde, damit sie den um Einiges älteren John Emerson, mit dem sie bereits ein erfolgreiches Autorenduo bildete, heiraten konnte.
Von solcherlei privaten Begebenheiten berichtet Anita Loos allerdings nur zurückhaltend. 
Sie weiß zwar mit Augenzwinkern und kleinen Seitenhieben von ihrer Familie zu erzählen, hält sich aber sehr damenhaft zurück, wenn es um ihr eigenes Privatleben geht. 
Nur ab und an fließen kleine Bemerkungen ein, die vermuten lassen, sie wolle im Nachhinein manche private Entscheidung überdenken. Einen besonders glücklichen Eindruck vermittelt sie jedoch weder von ihrer Ehe noch von ihrer Kooperation mit Emerson.

Stummfilmstars und -sternchen

Anstatt Privates zu enthüllen, ist "A Girl Like I" eine wahre Fundgrube von Anekdoten aus der Stummfilmzeit, die recht ladylike keinen Gossip-Beigeschmack entfalten. 
Während Anita Loos fleißig die typischen Einakter der frühen Filmjahre skriptete und hin und wieder auch für die Zwischentitel verantwortlich zeichnete, lernte sie Douglas Fairbanks (für den sie möglichst viele Bewegungsszenen schreiben sollte, damit er nicht schauspielern musste), Mae Marsh, Fay Tincher, Mabel Normand, Wallace Reid, Mary Pickford, Lillian Gish und viele weitere bekannte Persönlichkeiten, die die Filmindustrie nachhaltig geprägt haben, kennen. In der zweiten Dekade des 20. Jh.s. stand die Autorin bisweilen in ihrer Bekanntheit den Kollegen vor der Kamera in nichts nach.


Arbeiten auf Hochtouren - Erfolg mit einer "professional lady"

Da hat doch glatt jemand die Verkaufsdaten ins Buch geklebt :-)
Für damalige Verhältnisse verdiente Loos ausgesprochen gut (nach ihren aus den 1960ern stammenden Angaben war ein Dollar in ihrer ersten aktiven Hollywood-Zeit zwischen 1912 und 1919 das Fünffache wert) und konnte mit ihrem späteren Ehemann John Emerson ausgedehnte Reisen unternehmen, unter anderem nach Europa, wo sie Gertrude Stein und deren Lebensgefährtin Alice B. Toklas kennenlernte.
Das Ehepaar gönnte sich eine Pause und weniger Arbeit. Anita Loos lernte im Übrigen nie Maschineschreiben, was sie mit ihrer kindlichen Körpergröße begründet, aufgrund derer sie eine Schreibmaschine nicht bedienen konnte. Sämtliche Manuskripte schrieb sie mit der Hand, was angesichts der kaum zu zählenden Fülle ihrer Arbeit schon sehr früh nicht ohne gesundheitliche Folgen blieb.
Da zudem Emersons Hypochondrie, aber auch seine laxe Grundeinstellung zur Ehe Kräfte und schließlich auch Ressourcen aufzehrte (beginnend mit Loos' Vaters hatten offenbar einige Männer in ihrem Leben ein Händchen dafür, ihr verdientes Geld durchzubringen, genauso wie sie ein Händchen hatte, sich für den falschen Mann zu entscheiden), musste schnell wieder mit voller Kraft gearbeitet werden.
Mitte der 1920er entstand zunächst aus Jux und Dollerei, um einen Freund zu amüsieren, die Geschichte um Lorelei Lee, die schließlich doch den Weg auf Papier und Zelluloid fand und sämtliche Finanzsorgen beseitigt haben dürfte.
Und genau dort endet "A Girl Like I".
Obwohl Anita Loos durchaus Begegnungen schildert, die nach 1925 stattfanden, geschieht das augenscheinlich nur, um Personen "abzuschließen", insbesondere jene, die schon vor Erscheinen dieses Buches verstorben waren.

Autobiographisches Fragment, aber lesenswerte Erinnerung an die Anfänge des Films und erfolgreiche Frauen auch hinter den Kulissen
 
Gänzlich fehlen die MGM-Jahre in den 1930ern, die unter anderem zahlreiche Filme mit Jean Harlow hervorbrachten, ebenso die Entstehung des Musicals und Films zu "Gentlemen Prefer Blondes". Inzwischen habe ich aber recherchiert, dass zumindest die MGM-Jahre in "Kiss Hollywood Good-By" (1974) thematisiert werden, sodass ich wohl nicht allzulange einen Bogen um dieses Buch machen werde.
Auch hätte ich mir mehr Einblicke in die Autorentätigkeit erhofft, immerhin zählte Loos zu den meistbeschäftigten Autoren der Filmbranche. Wenig erzählt sie von der Ideenfindung oder vergeblichen Vorstellung von Manuskripten. Man gewinnt rasch den Eindruck, Loos habe schlichtweg alles verkaufen können, was sie zu Papier brachte. Sie räumt aber ein, dass sich die Arbeit an den typischen Stummfilmeinaktern gänzlich anders gestaltete und nach einem halben Jahrhundert mit ihren beschwingt-leichten Plots wahrscheinlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen wäre und nur ein Bruchteil ihrer Szenarien wirklich zeitlos sind. Auch die Theaterarbeit, der sie sich in späteren Jahren widmete, kommt in "A Girl Like I" zu kurz.
Fortsetzung folgt ...
So kurzweilig sich "A Girl Like I" auch liest und so sehr es sich als Zeugnis dafür eignet, dass Frau in der ersten Hälfte des 20. Jh.s. in der Filmbranche nicht ausschließlich auf der Leinwand verträumt die Augen rollte, sondern hinter den Kulissen den Herren der Schöpfung sehr wohl den Rang ablaufen konnte, so ist diese Autobiographie doch nur ein Fragment.
Ein Fragment, das sich in "Altstars"-Autobiographien zwischen 1959 und 1970 (z. B. Bette Davis, Joan Crawford, Lillian Gish, Helen Hayes, Fred Astaire) einreiht und den Leser etwas unbefriedigt mit der Frage nach "mehr" zurücklässt.
Angesichts des Alters der Autorin - immerhin war sie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits 78 Jahre alt - ist "A Girl Like I" gewissermaßen auch ein Wagnis, und man kann beinahe froh sein, dass Anita Loos 93 Jahre alt wurde und noch etwas Zeit zum Weitererzählen hatte.
Trotzdem empfehlenswert für all jene, die sich für frühe Filmgeschichte interessieren und kurzweilige Lektüre langatmigen Historienabhandlungen vorziehen.

The New York Hat:


Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...