Samstag, 11. August 2012

... über "Jasmyn" von Alex Bell

Alex Bell 

Eine magisch-spannende Suche nach einer verlorenen Liebe 

TB-Ausgabe

Zum Inhalt: 
Liam ist tot. Liam, Jasmyns Freund, Geliebter und Ehemann, starb von einer Minute zur nächsten an einem rupturierten Aneurysma. Zurück lässt er Jasmyn unglücklich, verzweifelt und allein. Als die junge Geigenlehrerin Liam zu Grabe trägt, erscheint nicht nur sein älterer Bruder Ben, mit dem er eine höchst gespannte Bruderbeziehung hatte und der Jasmyn nicht sonderlich freundlich begegnet, sondern es fallen auch fünf schwarze Schwäne tot vom Himmel. Beide Ereignisse erschüttern Jasmyn einigermaßen. Doch nicht genug. Ein ihr fremder Mann, der sich als Jaxon Thorpe vorstellt, sucht sie in ihrem Haus auf, stürmt es regelrecht, sucht nach Liam und etwas, das er ihr nicht verraten will. Als Jasmyn sich später verstört an Ben wenden will, um mehr über diesen Mann zu erfahren, schlägt ihr vonseiten ihrer Schwiegerfamilie nur Verachtung entgegen. Sie fühlt sich mutterseelenallein, fürchtet sich im eigenen Haus und stellt zu allem Überfluss fest, dass mit ihren Hochzeitsfotos etwas nicht stimmt. Dort, wo sie lächeln sollte, sich sicher ist, dass sie am glücklichsten Tag ihres Lebens nichts anderes getan hat, als zu lächeln, ist ihr Gesicht zu einer unnatürlich grinsenden Fratze mutiert. Um abzuschalten, fährt sie auf das Gestüt ihrer Großeltern. Doch auch da begegnet sie einem weiteren Fremden, der sich als Stallbursche ausgibt, aber niemandem bekannt ist. Erst eine Reise nach Kalifornien zu ihrer Freundin Laura und hin und wieder das Spiel auf ihrer ständigen Begleiterin, einer Violectra, helfen Jasmyn kurz wieder auf die Beine. Dennoch ist ihr ihre Andersartigkeit präsenter als je zuvor. Mit Liam hat Jasmyn, die ein Albino ist und mit ihrer bleichen, fast durchschimmernden Haut und dem weißen Haar aussieht wie ein Wesen aus einer anderen Welt, ihren Halt und ihr Selbstvertrauen verloren. Und die merkwürdigen Ereignisse wollen sie nicht loslassen. Auch Ben reist nach Kalifornien, denn auch er sucht nach etwas, das Liam verborgen haben soll, und als dann aus dem Nichts schwarze Rosen und Knochen auftauchen, die unter Jasmyns Berührung zu Staub verfallen, beginnt sich die junge Britin zu fragen, wie gut sie ihren Mann, der Bücher über allerlei Mystisches und Übernatürliches schrieb, wirklich kannte. Um mehr zu erfahren, schließt sie sich Ben bei seiner Suche an, und es beginnt eine Reise, die nach Neuschwanstein, Paris bis hinauf nach Schweden in ein Eishotel führt und Jasmyn märchenhaft-magische Welten entdecken lässt, die dunkel und gefährlich sind und eine überraschende, traurige Wahrheit offenbaren. 
HC-Ausgabe


Meine Meinung: 

"Jasmyn" ist das zweite Buch der britischen Autorin Alex Bell, allerdings bislang das einzige ihrer vier Bücher, das in Deutschland erschienen ist. Erfreulicherweise handelt es sich um einen Einzelroman, sodass man nicht fürchten muss, wieder eine Reihe verfolgen zu müssen.
Obwohl dieser Urban-Fantasy-Roman bereits Anfang 2011 bei Rowohlt Polaris in gebundener Ausgabe erschienen ist, war er mir bislang nicht aufgefallen. Erst im Buchladen lief mir die kürzlich erschienene Taschenbuchausgabe über den Weg und dank Cover und Kurzbeschreibung auch gleich mit zur Kasse. Nach der Lektüre muss ich allerdings sagen, dass der Umschlag der gebundenen Ausgabe, der ohne Gesicht auskommt, wesentlich stimmiger ist und das Urban-Fantasy-Thema besser widerspiegelt als das Taschenbuch. Da die Protagonistin Jasmyn, wie sich beim Lesen nach und nach erschließt, ein Albino ist und aussieht wie eine Schneeprinzessin, passt hier das Frauengesicht überhaupt nicht, zumal in der Geschichte auch keine weiteren Frauen vorkommen, die eine wesentliche Rolle spielen und sich als repräsentatives Covergesicht eignen würden. Die einzelne schwarze Feder auf einem Untergrund, von dem ich nicht sagen kann, ob er eher Haut oder die Oberfläche eines Knochens darstellen will/soll, ist hingegen gut gewählt und steht gewissermaßen für das Alleinsein der Protagonistin.
Diese hat es aber auch wirklich nicht einfach. Als Mensch mit Albinismus war sie immer eine Außenseiterin, fühlte sich stets unwohl in ihrer Haut, bekam von Kindheit an zu spüren, dass sie anders war. Nur Liam war damals bereit, mit ihr zu spielen. Er wurde ihr Freund, ihr Halt und schließlich ihr Ehemann. Kaum ein Jahr waren sie verheiratet, bevor er plötzlich starb und Jasmyn in ein tiefes Loch stürzte. Genau da beginnt der Roman der 1986 geborenen Autorin. Traurig, düster und voller Schmerz. Die Bestürzung und Verwirrung der Protagonistin und Ich-Erzählerin ist präsent und greifbar. Man taucht ein in Jasmyns Trauer, meint ihr letztes Geigenspiel für Liam selbst zu hören, und man verspürt gewisse Angst, in einen Strudel von Herzschmerz gezogen zu werden. Aber Alex Bell gelingt es, die besonderen Ereignisse, wie das Herabfallen der toten schwarzen Schwäne, Jaxon Thorpes Eindringen in Jasmyns Privatsphäre, Bens unerklärliche Feindseligkeit und Geheimniskrämerei oder die Erinnerung an eine weit zurückliegende Begegnung mit einem Feenwesen, so geschickt einzuarbeiten, dass bald Neugier und Spannung den Grundtenor der Trauer überdecken und das Buch nicht in Weinerlichkeit versinkt. So sehr man mit Jasmyn mitfühlt, so skeptisch wird man auch gegenüber Ben, der immer neue Geschichten zum Besten zu geben scheint, aber Jasmyn keinen reinen Wein einschenkt. 
Wenn man mit den beiden aufbricht, um nach dem zunächst Unbekannten zu suchen, das Liam, wie sich zeigen soll, nicht rechtmäßig an sich gebracht und bewusst gut verborgen hat, ist man mittendrin. Auf sehr anschauliche Weise führte mich die britische Autorin zu deutschen Sehenswürdigkeiten, die ich bislang nicht kenne. Durch ihre Hauptfigur erschließt sie, ohne zu schulmeistern, geschichtliche Fakten um Ludwig II und entspinnt aus Mythen eine märchenhafte Geschichte um dessen Lieblingstier: den Schwan. So begegnen wir rund um Neuschwanstein nicht etwa einer Neufassung von Schwanensee, sondern Schwanrittern, Feenpferden und dem Mythos des Schwanengesangs. 
Dabei wird Jasmyn ihrem Schwager Ben gegenüber immer misstrauischer, bis sie sich schließlich von ihm löst und ihren eigenen Schlussfolgerungen nach Paris folgt. In einem Entwicklungssprung, der, bedenkt man, dass die Abreise von Kalifornien gerade einmal eine Woche zurückliegt, etwas überstürzt wirkt, gelingt es ihr, über ihren Schatten zu springen und Nachforschungen anzustellen, die sie nachts auf Friedhöfe und in die berühmten Pariser Katakomben führen. Dort findet sie, wonach alle suchen, doch was mit diesem Fund verbunden ist, ist eine ziemliche Überraschung und wirft das Gefühlsleben der Protagonistin ziemlich über den Haufen. 
Bedauerlicherweise hat die Autorin das ungleiche Brüderpaar Liam und Ben durch Jasmyns Augen bislang in einem recht nuancenlosen Licht erscheinen lassen. Während alle Welt Jasmyn zu überzeugen versucht, dass ihr Liam nicht der makellose liebende Ehemann war, für den sie ihn hielt, hält sie (und mit ihr auch der Leser) an ihm fest. Ben hingegen bleibt der Mysteriöse, der Lügner gar, der, dem man nicht trauen will. 
Als die Protagonisten nach dem Pariser Fund in ein schwedisches Eishotel flüchten, bleibt der Autorin auf dem Rest ihres nur 398 Seiten starken Romans kaum noch Zeit, um den Leser mit der veränderten Lage auszusöhnen. Dafür legt sie einen dramatischen schwarzmagischen Endspurt hin, der nicht ohne Verluste auskommt und ziemlich atemlos macht.
Die deutsche Übersetzung von Alexandra Hinrichsen reflektiert eine relativ junge Sprache, die neben der recht dichten Erzählung zahlreicher Ereignisse auf kleinem Raum dazu beiträgt, dass sich der Roman recht flott lesen lässt. Ab und an will dies stilistisch nicht ganz zu der eher versonnenen, grüblerischen Ich-Erzählerin passen, und erweckt stellenweise den Eindruck, es handele sich eher um einen Jugendroman, was "Jasmyn" aber aufgrund des Erwachsenenalters der Protagonisten (siebenundzwanzig, wenn ich mich recht erinnere) nicht ist.  
Daneben leidet die Figurenzeichnung leicht unter der Vielfalt der Schauplätze und der touristischen Entdeckerleidenschaft der Autorin. Im Nachhinein erscheint so Jasmyns Reise nach Los Angeles vergleichsweise überflüssig, und auch Jasmyns Geigenspiel ist von wesentlich geringerer Bedeutung, als man zunächst annehmen möchte. Zudem wird der verstorbene Ehemann Liam in dieser Geschichte, in der niemand das ist, was er zunächst zu sein scheint, recht wenig beleuchtet bzw. bleibt stark zurück, sodass man nicht wirklich weiß, mit wem man es zu tun hat, obwohl man es, auch wenn der Charakter körperlich gar nicht mehr anwesend ist, gerne wissen möchte.
Trotz allem aber bietet "Jasmyn" unterhaltsame Leseaugenblicke, die überraschend flott vergehen, und macht Lust auf mehr von Alex Bell. 

Fazit: 
Urban Fantasy mit bezauberndem europäischem Setting, die unter anderem deutsche Märchenmythen mit zeitloser Habgier, Bruderhass, Rache und einer Liebe verbindet, die alles verknüpft, ohne zu dominieren. 
Eine in sich geschlossene Geschichte, die trotz kleiner Figurenschwächen, touristischer Detailverliebtheit und manch ungeklärter Frage auf jeden Fall lesenswert ist und mit ihrem winterlichem Ambiente sommerlich erfrischenden und spannenden Unterhaltungswert bietet.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen 




  • Taschenbuch: 398 Seiten
  • Verlag: rororo (2. Juli 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Alexandra Hinrichsen
  • ISBN-10: 3499255014
  • ISBN-13: 978-3499255014
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 3 cm 
  • Neupreis (TB): 9,99 €

Erhältlich als
-> gebundene Ausgabe
-> Taschenbuch
-> Kindle E-Book



Kommentare:

Soleil hat gesagt…

Ich habe das Buch vor etwa anderthalb Jahren gelesen und musste gerade noch mal meine Rezi lesen, um mich an alles zu erinnern. :)
Für mich waren es leider nur 3/5, nicht zuletzt weil offene Fragen übrig geblieben sind und sich das Geschehen doch recht in die Länge zog. Ein wenig Tiefgang habe ich ebenfalls vermisst.
Allerdings dachte ich, als ich gesehen habe, dass es als TB noch einmal erscheint, dass es als TB ruhig gelesen werden kann. Als HC würde ich es keinem empfehlen. (Preis)

Sinje hat gesagt…

Hattest du es auf deinem Blog besprochen? Beim Lesen hatte ich nämlich das Gefühl, dass ich das Buch doch irgendwoher "kenne".
Ich denke, "Jasmyn" ist ein recht unauffälliges Buch, das vom Verlag zudem auch noch ziemlich unauffällig (wenn auch passend) gestaltet wurde. Ein Buch, das einem nicht unbedingt für die Ewigkeit im Gedächtnis bleibt, mich aber für den Moment ganz gut unterhalten hat. Hätte ich die knapp 15 € für das HC ausgegeben, hätte ich mich unter Umständen auch geärgert. Stimmt, es bleiben Fragen offen und man erwartet hinter so manchem Ansatz mehr, als dann dahinter steckt. Überwogen haben für mich aber die Idee und das beinahe heimatliche Flair (hey, wenn deutsche Autoren ihre Geschichten in Amerika spielen lassen müssen, ist es doch toll, wenn eine Britin mal nach Deutschland reist :-)) und ein leichtes magisches Kribbeln. Dass das Geschehen ein bissel künstlich in die Länge gezogen ist, ist mir aufgefallen, aber irgendwie war ich dann doch so schnell durch, dass ich ganz überrascht war. Nix für die Ewigkeit, aber erfreulicherweise mal KEINE Reihe und ganz nett für Zwischendurch. Da runde ich bereitwillig von 3,5 auf 4 auf :)

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