Donnerstag, 9. August 2012

Sympathischer Rotschopf treffsicher auf großer Leinwand

Wenn man schon einmal Gelegenheit hat, nur in die Straßenbahn hüpfen zu müssen, um entspannt ein Lichtspieltheater zu erreichen, bietet es sich an, diese ordentlich beim Schopfe zu packen. Das haben Sohnemann und ich in dieser Woche getan und sofort einen Kinomarathon absolviert. 


Los ging es im Rahmen eines Family Events direkt mit Pixars aktueller Rotschopfanimation „Merida - Legende der Highlands“, einer detailverliebt computeranimierten Produktion ab 6 Jahren, die - und das ist ja schon nichts neues mehr - "normal" oder in 3D genossen werden darf. Wir entschieden uns aus Timing-Gründen - und weil Mutters Gleichgewichtssinn mit 3D auf Kriegsfuß steht - für die Standardvariante.
Standard ist „Merida“ aber nicht unbedingt, auch wenn ich mich, wie schon bei den jüngsten Disney-Animationsproduktionen, gefragt habe, welche Zielgruppe hier anvisiert wird.
6-Jährige bestimmt nicht und 6-jährige Rosaträumchenliebhaberinnen erst recht nicht, ganz gleich wie konventionell man hier auch Familienkino zusammengestrickt hat.
Pixar führt uns mit seiner ersten weiblichen Hauptfigur Merida und seinem insgesamt dreizehnten, aber ersten märchenhaften Spielfilm in die schottischen Highlands und damit in eine legendäre Landschaft, die dunkler als bisher daherkommt und deutlich macht, dass Pixars Rotschopf nichts mit schmusigen Disney-Prinzessinnen zu tun hat, auch wenn man firmentechnisch unter einem Dach sitzt.
Kleine Mädchen zu enttäuschen, nimmt man bereitwillig in Kauf.

Wachstumsschmerzen vor mittelalterlich düsterer Kulisse 

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Merida ist zwar eine Prinzessin, aber vom klassischen Prinzessinnendasein hält sie wenig.
Von Kind an erzählt ihr die Mutter, der stolz-perfekte Inbegriff einer Bilderbuchkönigin, geschickt mit Nadel und Faden und politisch weise die starke Frau hinter dem klischeehaft breiten, kämpferischen König, die alten Legenden, die der Heranwachsenden ziemlich zum Hals heraushängen.
Glücklicherweise muss Prinzessin nicht dauerhaft den Hofknicks proben, sondern hat auch mal einen freien Tag.
Dann reitet das Mädchen mit der ungebändigten Lockenpracht, die aus der kaum noch von der Realität zu unterscheidenden animierten Kulisse heraussticht wie ein Waldbrand, in wilder Hatz durch Wald und Flur, klettert auf Felsen und übt sich im Bogenschießen.
Der Vater findet's toll.
Immerhin hat er einst dem gefährlichen, legendären Bären Mor’du die Stirn geboten und im Kampf "nur" ein Bein, nicht aber Ansehen und Kampfgeist verloren.
Er strotzt vor Kampfwillen und ist sich sicher, dass er ihn eines Tages besiegen wird.
Diese engstirnige Entschlossenheit hat unweigerlich auf die Tochter abgefärbt und lässt die Mutter in ihren Erziehungsbemühungen mehr als einmal verzweifelt aufstöhnen.
Die drei Nachzügler-Jungen, ebenso wild rotschöpfig, gehen in der Zwischenzeit über Tisch und Bänke und amüsieren den Zuschauer mit typischen, aber auflockernden Streichen.
Bald aber ist es vorbei mit Meridas Freiheit, denn die Clanoberhäupter sind geladen, ihre Erstgeborenen vorzustellen, die um Meridas Gunst buhlen sollen. 

Konventionen über Kinderköpfe hinweg, damit sich bloß die Legenden nicht wiederholen 

Um den Zusammenhalt der Clans zu gewährleisten und das Land vor Zerfall und Krieg zu schützen (immerhin lehren die Legenden, dass dies schon einmal geschehen war), soll der Wildfang verlobt werden.
Wie zu erwarten, ist Merida damit überhaupt nicht einverstanden, denn, nach eigenen Aussagen, ist sie noch nicht soweit, und wie zu erwarten, sind die drei Eheanwärter der Clans MacGuffin, Macintosh und Dingwall alles andere als helle oder ansehnlich.
Gar nicht dumm, versucht Merida, den Spieß umzudrehen, und entscheidet, die Bewerber sollen sich im Bogenschießen messen.
Da darin natürlich niemand besser ist als sie selbst, hält sie kurzerhand - als Erstgeborene des vierten Clans des Landes - um ihre eigene Hand an, um ihre Freiheit zu behalten. Selbstverständlich trifft ihr Pfeil ins Schwarze, aber auf niemandes Bewunderung und ganz besonders auf den Zorn der Königin. 
Aufgewühlt und enttäuscht reitet Merida nach einem handfesten Streit davon und landet zunächst in hohem Bogen in einem Steinkreis und anschließend, geführt von Irrlichtern, in der Hüte einer Hexe, die ihr einen Zauber verkauft. 

Mutter-Tochter-Konflikt mit und ohne Bärenfell 

Ändern soll sich nämlich die Königin, die Tochter verstehen und schlussendlich von ihrem Verheiratungsvorhaben abkommen. 
Dumm nur, dass die als Holzschnitzerin getarnte Hexe vergisst, Merida den Beipackzettel mitzugeben, denn die Königin verändert sich sehr wohl. 
Nur nicht so, wie Merida erwartet ...  und es beginnt eine rasante Jagd gegen Zeit und Vergangenheit.

Sympathisch, treffsicher, ohne Überraschungen

Was rasant daherkommt, ist erfreulicherweise kein knallbuntes Bonbonkino, sondern besticht mit farblich gedecktem Ambiente, in dem die Hauptfigur optisch zum Knaller wird, und mit technischer Aufbereitung, die insbesondere die Umgebung und Kleidung detailliert und real wirken lässt. 
Die Story konzentriert sich auf die Sorgen einer Heranwachsenden, die dem modernen Mädchen trotz des Mittelalterplots nicht fremd sein dürften. 
Sympathisch sind dabei interessanterweise sowohl das widerstrebende Mädchen als auch die gutmeinende Mutter.
Während kontinuierlich die Mutter-Tochter-Beziehung vom spielerischen Miteinander im Kindesalter zur Vorbereitung aufs Königindasein beleuchtet wird und unverkennbar im Mittelpunkt steht, kommen die männlichen Charaktere zu kurz und durchweg schlecht weg. 
Die Bandbreite reicht da von putzig über rachebesessen und angeberisch bis hin zu einfältig, ach was, auf die drei heiratsfähigen Clansprösslinge, von denen einer nicht mal zu verstehen ist, passen durchaus Attribute wie grenzdebil. 
Breit grinsen möchte man, vor sich hin gackern, aber irgendwie traut man sich nicht, drauflos zu lachen. 
War man aus anderen Pixar-Produktionen noch subtilen Witz und offenes Lachen gewöhnt, so wirkt so mancher Gag in Meridas Welt leicht deplatziert, wie beispielsweise die Hexenkesselszene, die eigentlich ziemlich pfiffig eine Telefonhotline nachahmt, wobei der Witz beim kindlichen Zuschauer von vornherein verpuffen muss. 
Unvorhersehbares gibt es, so tiefgründig man auch sein will, kaum. Dass nicht nur Meridas Mutter vom Zauber nascht, ist genauso sicher wie die Ergründung der wahren Geschichte um den grausigen Bären. Und die besonders aufmüpfigen, mit feuriger Haarpracht gesegneten Minigeschwistermonster warten mit ihren Streichen immer genau dann auf, wenn man sie braucht und sogar erwartet. Zu gut getimete Auflockerung, die nicht immer ankommen will, wenn man (vornehmlich vielleicht der erwachsene Zuschauer) bereits in tiefsinniges Grübeln versinkt.
Merida, vertont mit frisch-frechem Klang von Nora Tschirner, kämpft nämlich nicht nur gegen den konventionellen Willen ihrer Mutter, sondern letztendlich auch um ihre Mutter -und macht damit dem Originaltitel „Brave“ alle Ehre - während im Hintergrund das Land noch immer vom riesigen Bären Mor'du bedroht wird, der tragischerweise ebenfalls das Resultat eines faulen Zaubers war. Ein Kampf, dem ordentlich Dramatik anhaftet, über die weder wilder Haarpracht noch ungelenke, unförmige Clanoberhäupter im Schottenrock hinwegtäuschen können. 
So kommt es insbesondere im Finish zu schnell geschnittenen Szenen, die man sehr wohl als gruselig bezeichnen kann und so manchen kleinen Kinobesucher unter den Sitz rutschen lassen können.  

Alles in allem aber ist Merida - Legende der Highlands technisch großartiges All-Age-Animationskino, das mit düsterem Touch für Selbstbestimmung, Familienzusammenhalt und Mut eintritt, aber mit frechem Esprit gerade noch mal die Kurve kriegt und hundert Minuten lang gut unterhält.
Prinzessinnen-Glitter- und Liebes-Verbandelungs-Erwartungen und die Angst vor großen schwarzen Bären mit langen Zähnen und Klauen bitte verbuddeln, ab ins Kino und den Irrlichtern der schottischen Highlands folgen!
Sehenswert auch der klassische Pixar-Vorfilm "La Luna", der ohne Worte beinahe mehr Zauber versprüht als der Hauptfilm. 

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