Dienstag, 10. Juli 2012

... über "Vision: Das Zeichen der Liebenden" von Ana Alonso und Javier Pelegrin

Ana Alonso und Javier Pelegrin

Relativ gesichtslose Urban Fantasy für Jugendliche, die aber ordentliches Fortsetzungspotenzial bietet


Zum Inhalt: 
Der 16-jährige Alex auf den ersten Blick ein normaler Teenager, auf den zweiten ein unentschlossener junger Mensch, der schon früh seinen Vater durch ein Gewaltverbrechen verloren hat, sich um seine Mutter und seine kleine Schwester Sorgen macht, aber nicht so recht weiß, wohin er gehört. Er hat seinen kleinen Freundeskreis und ist in seine Mitschülerin Jana verliebt. Wie so ziemlich jeder andere Junge an der Schule auch, aber Jana zählt zu jenen Mädchen, die jeden haben könnten, aber nicht wollen. Eines Tages folgt er ihr nach einer Party und bekommt, weil es in ihrer Wohngegend keine Fahrmöglichkeit mehr gibt, um noch nach Hause zu gelangen, Gelegenheit, in ihrem Haus zu übernachten. Aber anstatt Jana, wie erhofft, näherzukommen, verlässt sie bald das Haus, um noch einen Kunden zu treffen. Die geheimnisvolle und wunderschöne Jana entwirft nämlich ganz besondere - magische - Tattoos, die ihr jüngerer (!) Bruder kunstfertig mit dem letzten Schliff versieht und auf die Haut bringt. Alex sieht sich somit in jener Nacht Janas Bruder David überlassen, der ihm allerlei Geheimnisvolles auftischt und ihn schlussendlich bezirzt, sich ein Tattoo stechen zu lassen. Ratzfatz ist eines von Janas Motiven gefunden. Nachdem David fertig ist, schärft er Alex ein, er dürfte Jana so lange nicht berühren, bis das Tattoo verheilt ist. Auch wenn Alex sich noch kurz vorher vom Magiegerede einlullen ließ, glaubt er nicht an den Quatsch, wird aber rasch eines Besseren belehrt. Denn, als er Jana am nächsten Tag tatsächlich berührt, will sich seine neue Tatöwierung wie Feuer in seine Haut fressen. Nicht lang darauf folgt ein Kuss, der Alex buchstäblich aus den Latschen kippen lässt und ins Krankenhaus befördert. Langsam wird Alex klar, dass all dies keine Frage des Verheilens einer Tätowierung ist und an Magie wohl doch etwas dran sein muss. So sehr er Jana auch liebt und so sehr das Tattoo sie beide zusammenzuschweißen scheint, bald muss er erfahren, welche Gefahr ihnen droht und dass er im großen Ganzen der Welt, die er bisher kannte, eine vollkommen andere Rolle spielt. Herkunft, Freundschaften und sogar das Menschsein werden auf den Kopf gestellt, und plötzlich ist er mittendrin in Magie und uralten Prophezeiungen und hat einen unerwarteten Weg vor sich. 

Meine Meinung: 
Dieses Jahr bin ich offenbar sehr anfällig gegenüber den Verführungskünsten der Buchumschläge, und zwar so sehr, dass ich Bücher kaufe, die nicht 100% in mein Beuteschema passen. Die Anschaffung von Vision: Das Zeichen der Liebenden fällt in erster Linie in die Kategorie "Coverkauf", die Beschreibung konnte mich nur mäßig locken, weil sie wieder einmal mit einer Liebesgeschichte daherkommt, auf die ich aktuell kaum Lust habe. Reizvoll aber war, dass Vision: Das Zeichen der Liebenden aus der Feder eines Autorenpaares stammt und einmal nicht aus dem angelsächsischen Raum herübergeflutet ist. 
Eigentlich macht es das Autorenpaar Alonso/Pelegrin gar nicht so falsch.
Der Protagonist, der zum Dreh- und Angelpunkt im Weltgeschehen wird, ist ausnahmsweise männlich, sodass hier strikt die ausgelutschte Konstellation Durchschnittsmädchen-trifft-Wunderjungen vermieden wird und die Lektüre nicht zwangsläufig der LeserIN vorbehalten ist. Die Liebesgeschichte wirkt eher zweitrangig und scheint ein Zugeständnis für jene Leser zu sein, die Urban Fantasy ohne Romanze nur mit der Kneifzange anfassen würden. Zudem wird eine Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, und nicht zuletzt entstammt die Idee magischer Tattoos interessanten Legenden und bietet damit durchaus Potenzial für spannende Lektüre. 
Um dem Leser ihre Geschichte näher zu bringen, gehen die Autoren, die in ihrer spanischen Heimat alles andere als unbeschriebene Blätter sind, recht strukturiert vor, gliedern ihren Trilogieauftaktband in vier etwa gleichlange Teile, mit denen sie sich Stück für Stück von Alex' schnöder Realität hin in eine urban-fantastische Welt von uralten Clans und ihrer Magie bewegen.
Für die große Aufgabe ausgewählt haben sie allerdings einen ziemlich blassen Protagonisten. Alex scheint zwar wie ein typischer 16-Jähriger, ein bisschen unreif und unentschlossen, konnte sich bei mir aber bis zum Schluss nicht als Sympathieträger durchsetzen. Bedenkt man, dass er Halbwaise und, und das klingt durchaus immer wieder an, dadurch einigermaßen traumatisiert ist, erscheint es unglaubwürdig, was er sich doch alles einreden lässt und sich sein Glaubensmäntelchen flott mit dem Wind dreht. Besonders im ersten Teil des für 14- bis 17-Jährige ausgelegten Jugendbuches wird Alex buchstäblich mit Erklärungen und Vermutungen beballert, die von heute auf morgen vollkommen anders klingen. Er aber glaubt sie alle, hinterfragt nicht, sondern hinterlässt ein Gefühl von "Ach, na ja, dann ist's halt jetzt so". Leider muss ich sagen, dass mir Alex mehr als die Hälfte des Buches eher auf den Wecker fiel, als dass ich in seine Gefühlswelt hineingleiten konnte, sodass ich über seine Entwicklung in den letzten Abschnitten des Romans einigermaßen überrascht war. 
Was ihn an Jana nun so wahnsinnig faszinierte, wollte mir ebenfalls nicht einleuchten. Auch in Vision: Das Zeichen der Liebenden kommt die Liebe wieder sehr absolut und definitiv daher, wobei Alex in Bezug auf Jana vermutlich kaum mehr als eine rosarote Brille vor den Augen hat.
Die viel gerühmte Jana konnte ebenfalls nicht bei mir punkten. Man mag ihr vielleicht noch als Bonus anerkennen, dass sie im Grunde ein magisches Wesen ist, aber es nervte ich unendlich, wie sie und diverse Nebencharakter den guten Alex eigentlich nur hinhielten. Mit Mutmaßungen, Halbwahrheiten, endlosen Erklärungsversuchen, die immer wieder zu nicht nachvollziehen Seitenwechseln führen, sodass ich insbesondere die Liebesgeschichte als Alibi empfand.
Im gesamten Prozedere erschient mir Alex' Freund Erik, auch als sich herausstellte, dass auch er nicht ist, was man vermutet hätte, als am glaubwürdigsten, und auch wenn ich den Autoren den abschließenden Umgang mit ihm emotional sehr verübele, erscheint mir der Handlungsstrang um Erik schlüssig und konsequent. 
Zudem sind mir die - im Grunde noch schutzbefohlenen - Jugendlichen im Roman wieder einmal viel zu sehr sich selbst überlassen, und manchmal frage ich mich, ob es überhaupt ein fantastisches Jugendbuch gibt, in dem sich die Protagonisten einmal in intaktem Familienrahmen befinden.
Vor der potenziell spannenden Idee, die Welten eröffnet, in denen alles möglich werden kann, vermisste ich jedoch ein gewisses Flair. Jene Atmosphäre, die einen zu Schauplätzen entführt, einen mitten ins Geschehen reißt. 
Vision: Das Zeichen der Liebenden vermittelt den Eindruck, von vornherein für den internationalen Markt geschrieben zu sein. Ich verlange natürlich nicht, dass sich ein Autor im eigenen Land bewegt und immer nur vor der eigenen Haustür schreibt. Allerdings erhoffe ich mir von einem Buch, in dem Schauplätze mit spanischen Namen versehen sind, ein gewisses Lokalkolorit. Und genau da passen Universaljugendliche mit Universalnamen, wie Alex, Jana, Erik, David, Laura usw., nicht so recht hinein. Gut, auch hier kann man sich wieder herausreden, dass die beschriebenen Clans vermutlich nicht ländergebunden sind, aber den Protagonisten haftet eine gewisse Austauschbarkeit an, die dem Roman quasi das Gesicht nimmt. 
Sprachlich ist Vision: Das Zeichen der Liebenden keine Herausforderung. Die Übersetzung widerspiegelt eine wenig anspruchsvolle Sprache und wirkt nicht gezwungen bemüht, eine jugendliche Lockerheit imitieren zu müssen. Eigentlich ließe sich der Roman recht flott lesen. Eigentlich ... Der Roman lebt im Wesentlichen von Dialogen und Erklärungen, aber gerade diese nehmen oft so überhand, dass man das Buch frustriert weglegen möchte, weil sich einfach nichts vorwärts bewegt. Die wenigen Lichtblicke, die vor Emotion und Fantasie zu schwingen scheinen, gehen allerdings nahezu unter.
Hätte das Autorenpaar nicht im letzten Teil noch einmal richtig Gas gegeben und seinen Auftaktband nicht mit einem regelrechten Knall beendet, hätte ich die Lektüre als Ausrutscher und nicht verfolgenswert betrachtet. 
Lobenswert zu erwähnen ist außerdem das Glossar am Ende des Buches, in dem die wichtigsten Begriffe und die Strukturen der fantastischen Clans erläutert werden.
Die Fortsetzung Illusion. Das Zeichen der Nacht ist bereits erschienen, Band 3 Emotion: Das Zeichen der Auserwählten folgt im August. 
Dennoch empfinde ich nicht das dringende Bedürfnis, sofort weiterzulesen. 

Fazit: 
Auftakt einer Urban-Fantasy-Trilogie für jugendliche Leser mit potenziell magischer Grundidee, die unter holpriger, streckenweise langatmiger Umsetzung mit Charakteren, die interessant sein wollen, aber sich wenig interessant machen, leidet, aber verfolgenswerte Grundsteine für Fortsetzungen legt. 
Während Romanzenfans durchaus enttäuscht zurückbleiben könnten, dürften aber urban-fantasy-affine Leser den Lektüreversuch nicht zwangsläufig bereuen.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen






  • Gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen): 464 Seiten
  • Verlag: Arena (Juni 2011)
  • Sprache: Deutsch (übersetzt von Ilse Layer)
  • ISBN-10: 3401066552
  • ISBN-13: 978-3401066554
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 15,6 x 5,2 cm 
  • Neupreis:  17,99 €
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