Freitag, 27. Juli 2012

... über "Shades of Grey - Geheimes Verlangen" von E. L. James [ungekürztes Hörbuch]

Lektüre ab 18!
E. L. James

Wenn die innere Göttin durch die rosarote Brille therapieren will

Zum Inhalt:
Anastasia Steele, zarte 21, Studentin kurz vor dem Uniabschluss, tut ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Kate Kavanagh einen Gefallen. Letztere ist Redakteurin bei der Unizeit und so verschnupft, dass sie das lang geplante, nicht mehr aufschiebbare Interview mit dem schwer fassbaren, schwerreichen Unternehmer Christian Grey nicht wahrnehmen kann. Damit der Unizeitung nicht ein wertvoller Artikel verloren geht, fasst sich Ana(stasia) ein Herz und macht sich völlig unvorbereitet auf den Weg zum Imperium des Christian Grey. Aufgeregt und tolpatschig schafft sie es vorbei an seinen unzähligen blondgelockten Assistentinnen und fällt dem Interviewziel dann prompt vor die Füße. Siehe da, Christian Grey, ist gar nicht, wie Ana erwartet hätte, ein grauer Wolf, sondern ein "atemberaubender" junger Mann mit kupfernem Haar und grauen Augen, der sie glatt noch mal aus den Latschen kippen würde, wenn sie nicht schon den Kniefall vor ihm hingelegt hätte. Sie hangelt sich durch das Interview und lässt dabei nicht wenige Fettnäpfchen aus. Christian Grey aber ist die Ruhe selbst und findet Gefallen an der jungen Frau, die ein wirres Gemisch von orientierungslosem Häschen und schlagfertigem Girlie präsentiert. Ein wenig beschämt und mit seltsamem Klopfen in Regionen weit unter dem Herzen kehrt Ana nach Portland zurück. Dort schlägt kurze Zeit später auch Christian auf, der zur Abschlusszeremonie geladen ist, aber erst einmal im Baumarkt vorbeischneit, in dem Ana neben dem Studium jobbt und ihm sehr beflissentlich, in der Annahme, er wolle renovieren, Klebeband und Co. verkauft. Wie es sich so ergibt, stimmt der sonst eher wenig öffentliche Christian Grey einen Fototermin zur Bebilderung des Interviews bei, wonach Ana prompt von ihm zu einem Teechen eingeladen und kurz darauf vor einem unheilvollen Zusammenstoß mit einem Fahrrad bewahrt wird. Und auch wenn Christian ihr einschärft, er sei nichts für sie, ist Ana längst Hals über Kopf verschossen und ruft ihn während ihrer Abschlussparty sturzbetrunken an. Es dauert nicht lange, bis er heldenhaft herbeigeeilt kommt, um die berauschte Ana aus den Armen eines betütelten Freundes zu befreien und ihr noch heldenhafter das Haar zurückzuhalten, als sie sich die Margaritas durch den Kopf gehen lässt. Die durchzechte Partynacht bringt sie ganz züchtig in Christians Hotelbett und ihn zu dem Entschluss, dass er das Wagnis mit ihr eingehen will. Zu verführerisch ist ihre linkisch-unschuldige und gleichzeitig entwaffnend freche Art. Beim ersten Besuch im Greyschen Domizil erwarten Ana eine Verschwiegenheitsvereinbarung, eine Kammer der Qualen und kurz darauf Hard Limits und Soft Limits. Was Christian von Ana will, ist mitnichten die romantische Beziehung, die sie sich in ihren Träumen ausmalt, sondern eine Dom-/Sub-Beziehung mit ordentlichem Vertrag. Christian Grey macht keine Liebe, Christian Grey f***t. Tja, und als der potente/patente (man suche es sich aus) 27-Jährige Ana seine sexuellen Vorstellungen unterbreitet, platzt sie mit der Überraschung heraus, dass sie noch Jungfrau ist. Da kommt selbst der leidgeprüfte Christian kurz ins Straucheln, behebt den störenden Umstand aber noch in selber Nacht und sorgt dafür, dass Ana künftig auch ja nicht genug bekommen kann. Aber Ana will mehr sein als eine Sub, und um Christians Herz zu gewinnen, ist sie bereit, die Kammer der Qualen zu betreten ...

Meine Meinung:
Hilfe! 
Ein Hype! 
Bitte zieh an mir vorüber! 
Das waren wohl meine ersten Gedanken. 
Aber eigentlich lese ich doch gerne Erotik. 
Was nun? 
Erst einmal standhaft bleiben ... 
Das hielt nicht lange, aber leider hatten mich zu dem Zeitpunkt, als ich mich zur Entlastung des Bücherregals für das Hörbuch entschied, die vielen Nebenwirkungen der allgemeinen (positiven wie negativen) Hysterie bereits ereilt. 
"Shades of Grey" ist eines jener Bücher, über die man schon viel zu viel weiß (zu wissen glaubt), bevor man überhaupt nur eine Zeile gelesen hat. Plötzlich widmen sich "seriöse" Medien, denen das Erotik-Genre in der Regel am ernsthaften Kuli vorbeigeht, in nach Sommerloch schreienden Artikeln einem Roman, der, so liest man, ursprünglich Twilight-Fanfiction war. Von Porno liest man da, von Liebesgeschichte mit sexueller Würze dort, jeder hat plötzlich eine Meinung zu etwas, worüber sonst keiner spricht. 
Da steht man da, als Leser/Hörer, der ganz gerne mal seine Buchmeinung online kundgibt, und bibbert irgendwie schon vor dem Aufschlagen des Buches/Drücken des Abspielknopfes, dass man schon gar nicht mehr in der Lage ist, unbeleckt eine Meinung zu entwickeln. Man fürchtet sich fast, begeistert zu sein, aber auch, ein Buch, salopp gesagt, doof zu finden, denn dann droht der Vorwurf, man fände es "extra doof". 
Ich lese gern Erotik, und ich bin fürchterlich kritisch mit erotischer Literatur, aber ich fürchte mich auch nicht vor Klischees und ausgenuddelten Bildern, Hollywood-Herzschmerz kann mich sehr wohl zum Schmelzen bringen, während mich die Erotik, die mit "Shades of Grey" nun angeblich salonfähig gemacht wird (muss sie das überhaupt?), beim Lesen eher zurückhaltend in Begeisterung versetzt. Was will ich mehr? Die Liebesgeschichte mit sexueller Würze - ob mit oder ohne die Peitsche schwingenden Milliardär - scheint doch genau das Richtige für mich zu sein, wünsche ich mir doch immer erotische Lektüre, die nicht nur um der Erotik willen funktionieren will.
Und so drückte ich denn auf "Play" und ließ die Sprecherin Merete Brettschneider einen Roman vorlesen, der mich zu nachfolgenden ausufernden Gedanken veranlasst.

Langsamer, dennoch sogerzeugender Einstieg mit amüsantem Kennenlernen

Zu Beginn war ich (ich habe meine innere Göttin zu stoischer Neutralität niedergeknüppelt und war also die Objektivität in Person) angetan, ja beinahe begeistert, und, "offen gestanden", habe ich mich ganz offen gefragt, was denn nur all die spöttelnden Kritiker haben. Mit durchschnittlichen Protagonistinnen habe ich gar kein Problem. Sie repräsentieren nun mal das, wie ein großer Teil der Leserinnen sich wahrscheinlich sieht. Auch habe ich kein Problem mit beziehungslosen jungen Damen Anfang zwanzig. Bedenkt man, dass Anas Mutter inzwischen bei Ehemann Nr. 4 angelangt ist, ist es durchaus vorstellbar, dass Ana, die zudem auch noch einige Jahre bei ihrem Stiefvater anstatt bei der Mutter lebte, sich schlichtweg auf andere Lebensaspekte konzentrierte, als unbedingt sexuelle und beziehungstechnische Erfahrung zu sammeln. Auch wenn die literarische Jungfrau im Nicht-mehr-Teenie-Alter ebenso verstaubt wie ausgenuddelt ist, wird es sie im echten Leben noch geben, und damit auch Leser, die mit ihrem ersten Mal mitfiebern wollen. Weniger nachvollziehbar empfand ich es jedoch, dass in einer Geschichte, die 2011 spielt, einer Zeit, in der Student um die Elektronik gar nicht mehr herumkommt, weil Aufgaben online abrufbar sind, Vorlesungen online gehalten werden, etc., ein komplettes Studium ohne E-Mail-Adresse und Computer (nicht mal ein preiswertes Desktop-Modell) hinter sich gebracht hat. Nun ja, wir sind ja noch am Anfang ... der mich wirklich ausgezeichnet unterhielt. Was vermutlich daran lag, dass man halbwegs Vorwissen zu diesem Roman eingetrichtert bekommen hat. Deshalb erscheint die Baumarktszene, in der Christian Grey allerlei fesseltaugliches Material erwirbt, in einem unfreiwillig komischen Licht. Der Leser weiß hier unter Umständen mehr als die unbedarfte Ana, sodass einem durchaus ein Schmunzeln über die Lippen huscht. Komisch angelegt ist "Shades of Grey" sicherlich nicht, aber trotzdem konnte ich ein Lachen nicht verkneifen, als Ana beinahe vom Fahrrad umgerissen wird und sound and safe in den gestählten Armen des CEO von Grey Enterprises Holdings Inc. (was tun die eigentlich?) landet, der ihr zunächst lodernd in die Äuglein schaut und sie dann todernst vor sich warnt. Sehr unterhaltsam fand ich auch Ana, die sich plangemäß zur Abschlussparty betrinkt und sich dann vor dem seltsam beherrschten Grey (wieso sehe ich ihn trotzdem immer als Mitvierziger?) auf megapeinliche Weise zum Ei macht. Wem ist nicht schon mal was Peinliches passiert? 
Selbst den immerwährenden Zwiespalt von Anas "Unterbewusstsein" (dem kleinen weißen Engelchen, das immer ganz brav sein will) und ihrer "(winzig kleinen) inneren Göttin" (dem kleinen roten Teufelchen auf der anderen Schulter, das müpft, was das Zeug hält) empfand ich da noch als liebenswertes Markenzeichen. Ihr ebenso ständiges "Wow, ist der Mann schön" konnte ich geflissentlich überhören, weil er in vieler Hinsicht für mich kein Charakter zum Niedersinken ist. Dessen hochsensible Libido, die auf Stewartsches Lippenknabbern mit Hitzewallungen reagiert, war trotz offensichtlicher Übertriebenheit anfänglich noch gut zu ertragen, was insbesondere dem leicht amüsierten Vortrag der Sprecherin zu verdanken ist.

Wenn Romantiksehnsucht auf Vertragsbeziehung prallt

Als Grey Ana mit zu sich nach Hause nimmt, um ihr seine Absichten darzulegen, sollte es dann (und ich habe keine Ahnung, wie viele Hörstunden da bereits vergangen waren, weil ich mich so gut unterhalten fühlte) erst richtig interessant werden. 
Und war es zunächst auch. 
Ich gebe zu, ich bin trotz der erotischen Literatur in meinem Bücherregal nicht wirklich mit dem Thema BDSM vertraut. In nur wenigen der Bücher, die ich bisher gelesen habe, wurde dies thematisiert, und schon gar nicht derart detailliert, mit administrativem/juristischem Drumherum. 
Wenn Merete Brettschneider nun anfängt, die Limit-Listen besagten Vertrages mit vielen Fragezeichen in der Stimme vorzutragen, möchte man mit Ana gemeinsam erbleichen und erröten und sich denken: "Na das kann ja heiter werden!". 
So heiter wird es dann aber leider nicht. 

Entschärftes Popcorn-Kino meets dröges Lehrbuchfilmchen mit gähnendem Hang zum Detail

Zunächst entjungfert Christian Ana (nach eigenen Angaben war es sein erster Blümchensex, worin er sich ja in bester Gesellschaft befindet), und die Gute wird natürlich sofort vom allerersten Orgasmus ihres Lebens überspült (oder explodiert sie? na ja, jedenfalls ließen sich die tausend kleinen Stücke, in die sie zerfallen war, ziemlich schnell wieder zusammensetzen) und ist fortan eine Meisterin der Intimitäten. 
Unerschrockene sexuelle Begegnungen folgen, wann immer die beiden aufeinander treffen, und zwar jede Szene von A-Z ausgewalzt, vom Knistern der Kondompackung bis zum Ende. Abgeblendet wird nie (und ja, ich habe schon erotische Romane gelesen, die ohne den letzten Erguss auskamen), und sprachlich gewinnt man den Eindruck, die Autorin habe selbst noch nie einen erotischen Roman gelesen, auch wenn sie ab und an mit sehr typischem Vokabular aufwartet. Glücklicherweise erspart sie uns eine schockierend schmutzige Wortwahl, sodass es in "Shades of Grey" trotz der Thematik fernab des sogenannten Blümchensex verbal eher dezent und - so relativ entschärft - massentauglich zugeht. 
Von Sinnlichkeit, die das Thema nicht a priori ausschließt, kann trotzdem kaum die Rede sein.
Haarklein aber schildert die Ich-Erzählerin Ana, wie der vor unermüdlicher Manneskraft strotzende Wunderhengst Christian sie nach Strich und Faden zur nächsten Explosion bringt und dabei ganz in Vergessenheit gerät, dass sie ja eigentlich noch einen Vertrag unterschreiben sollte. 
Mit großen Augen recherchiert sie befehlsgemäß (erst mal auf Wikipedia), um sich richtig schlau zu machen, was sie erwartet. Ganz so ernst scheint sie aber Christians Dom-Rolle nicht zu nehmen, denn ihre innere Göttin, die völlig auf Christian abfährt, gewinnt ziemlich oft die Oberhand und lässt Ana immer wieder aufmüpfige Kommentare abgeben, sodass es verwunderlich ist, dass sie sich nicht mehr Bestrafungen einhandelt (aber Halt, stimmt ja, sie hat ja den Vertrag noch nicht unterschrieben). Zugute halten muss man der Autorin allerdings, dass sie keine sexuelle Spielart wiederholt, aber bei einem 600-Seiten-Wälzer (welche Erotika haben eigentlich sonst noch diesen Umfang?) bzw. siebzehneinhalb Hörstunden können einem sogar Sexszenen zu viel werden. 

Kommunikationsprobleme im Kommunikationszeitalter lassen sich wegv****n

Vor allem, wenn die "Beziehung" der beiden Hauptfiguren derart problematisch ist, dass sie nur im Rausch der Lust miteinander funktionieren, ansonsten aber E-Mails brauchen, um halbwegs miteinander kommunizieren zu können. 
Interessanterweise ein Problem, das nicht einmal so abwegig ist und von Ana sogar recht scharfsinnig erfasst wird. 
Überhaupt ist Ana längst nicht so linkisch und tollpatschig, wie ihr Einstieg glauben machen will (und hier verschärft sich einmal mehr der Eindruck, dass "Shades of Grey" vom Pförtner mit Dollarzeichen in den Augen heimlich am Lektorat vorbeigetragen wurde). 
Ihrem schlauen Unterbewusstsein verdankt sie die Einsicht, dass hinter Christians dominanter Neigung, seinem Wunsch, sie bestrafen zu wollen, mehr stecken muss, was im Verlauf der langwierigen Handlung immer deutlicher wird. Gleichzeitig moralisiert das scharfsinnige Unterbewusstsein aber auch mit dem Holzhammer, denn wenn hier unter strikter Limit-Beachtung soft (und für den nach Skandal hechelnden Leser enttäuschend züchtig) SM praktiziert wird, so geschieht das in Anas Bewusstsein, dass diese sexuelle Spielart keinesfalls "normal" ist, sondern einfach nur zu Christians abgefuckter Natur, seinen 50 Schattierungen des Abgefucktseins, gehört, wovon sie ihn mit der großen Liebe kurieren will. (Achtung: Hollywoodtauglichkeit erster Klasse! Kein Wunder, dass das als Mommy Porn verschriene "Shades of Grey" im als prüde verschrienen Amerika funktioniert). Anas Sehnsucht nach Stabilität und echter Nähe ist so unverkennbar, dass man unweigerlich auf den großen Knall wartet. Die winzig kleine innere Göttin aber ist orgasmisch rosarot umspült, sodass das Unterbewusstsein kaum den Finger aus dem postkoitalen Scherbenhaufen zum Einwand erheben kann. 

Mit dickem Portemonnaie zum Traummann, Unterbutterung inklusive

Christian Grey erdrückt Anastasia, wo er kann. Da sind teure Geschenke, die sie nicht will, aber nimmt. Er bestellt die beste Gynäkologin der Stadt zu einem Hausbesuch, nur damit Ana ein ordentliches Verhütungsmittel bekommt (ja, kann denn die Arme nicht mal selber zum Arzt gehen?). Er stattet sie mit Laptop und Blackberry aus, damit auch für das Product Placement gesorgt ist. Dann will sie ihre Mutter in Georgia besuchen, um den Kopf frei zu kriegen. Was macht er? Upgradet sie in die 1. Klasse und steht am nächsten Tag selber auf der Matte. Er, der keine Beziehung will, sich nur schwer zu einem "Mehr" durchringen kann und Ana einen Vertrag vor die Nase setzt, der sie nur am Wochenende an ihn bindet, erstickt die junge Frau mit seiner Omnipräsenz. Die Szenen, die nach Beziehungsaktivitäten aussehen, sind geprägt von einer Zurschaustellung des Wunderkerls Christian, damit Ana gar nicht anders kann, als ihn grenzenlos anzuhimmeln. Christian ist einerseits so aalglatt und abgehoben, andererseits aber so (Wiederholungsgefahr) "abgefuckt", dass man sich jede Menge Graustufen für ihn wünscht, um ihm Sympathien entgegen bringen zu können. 

Dass dieser Trilogieauftakt nach all dem verzwickten Hin und Her zwischen Reitgerte, Flogger, Versohlen, berührungslosem F****n (angefasst werden darf nämlich nur Ana) und echter Verliebtheit keine Lösung bieten kann, ist erfreulicherweise logisch und lässt den Leser, der bis zum Ende durchgehalten hat, mit einem "Was nun?" zurück. Und im Sog des Hypes gefangen, werde ich wohl das nächste Hörbuchabenteuer in Angriff nehmen. 

 Klischees und Wiederholung  - schattierungslos strapaziös

"Shades of Grey - Geheimes Verlangen" (Himmelherr, wer erfindet nur immer diese dämlichen Untertitel?) strotzt vor Klischees, die sich ertragen lassen, aber auch vor Wiederholungen, die von einer liebenswerten Macke im Laufe der Zeit zu nervtötenden Störungen geraten (das reicht von Anas ständigem Erröten, über ihr dauermahnendes Unterbewusstsein, ihre notgeile innere Göttin, ihr Unterlippeknabbern, ihr rosarotes Wow-Geschmachte bis hin zu Christians E-Mails, die er in stoischer Dominanz mit Christian Grey, CEO, Grey Enterprises Holdings Inc. unterzeichnet) und nicht zuletzt auch detaillierten Beschreibungen nicht nur von Locations, sondern auch von sämtlichen sexuellen Begegnungen, sodass man sich wünschte, weniger wäre mehr gewesen.  Zusätzlich wäre der anfänglich leichte Humor auch im weiteren Verlauf nicht verkehrt gewesen und hätte Anas unleugbare Dramatik keineswegs untergraben.
Dies sind Faktoren, die dafür gesorgt hätten, dass die Papierversion vorübergehend (gern bis zum Abebben des Hypes nach der Verfilmung im Jahr 2015 oder so) im Regal verschwunden wäre. 

Audioumsetzung, die selbst Unzulänglichkeiten unterhaltsam präsentiert

Das bei Der Hörverlag ungekürzt erschienene Hörbuch hingegen bietet meines Erachtens deutlichen Mehrwert für ein nur durchschnittliches Buch. 
Überrascht hat mich im Übrigen, dass dieses Hörbuch keine Alterskennzeichnung hat. Während beispielsweise Lara Adrians Midnight-Breed-Reihe bei audible den deutlichen Hinweis enthält, dass diese Hörbücher nicht für Hörer unter 18 Jahren geeignet sind, gibt es bei "Shades of Grey" diesen Hinweis nicht, obwohl die betreffenden Szenen hier teilweise deutlich expliziter sind (blutige Gewalt natürlich fehlt, aber immerhin wird hier erniedrigt und geschlagen). Ich frage mich daher, welche Kriterien hier zugrunde gelegt werden.
Wer sich hier nun einen zusammengestöhnten Fetzen erhofft, ist fehl am Platz, denn Merete Brettschneider, die auch die beiden Folgeteile der Trilogie einliest, macht ihre Sache nicht nur gut, sondern meistert die schauspielerische Aufgabe professionell mit Bravour. 
Mit ihrer jugendlichen Stimme passt sie ausgezeichnet zum Charakter der jungen Anastasia Steele, hinterlässt aber keinen kindlichen Eindruck, und es gelingt ihr wunderbar, die Facetten von Anas Empfindungen angemessen zu interpretieren, ohne dass ein gelegentliches "Ah!" oder "Oh!" ins Lächerliche abgleitet. Wo im Dialog geflüstert wird, senkt sich auch die Stimme der Sprecherin, selbst Christian weiß sie mitunter bedrohlich zu interpretieren. Ohne hundert Jahre unterdrückte Schauspielkunst zu zelebrieren, wird ein Augenzwinkern ebenso hörbar wie Unsicherheit und Verzweiflung. Merete Brettschneider gelingt es, selbst die zu Augenrollen veranlassenden Passagen hörbar zu machen.
Allein der Sprecherin ist es zu verdanken, dass diese Geschichte voller Stolpersteine zu einem unterhaltsamen Hörerlebnis wird. 

Fazit: 
Problem-, klischee- und wiederholungsgeladene Liebesgeschichte, die dem blumigen Cover angemessen weitaus weniger skandalös und softer als angepriesen daherkommt und den passionierten Leser "echter" erotischer Literatur wohl eher in die Flucht schlagen dürfte. 
Als Hörbuch aber empfehlenswert. 

Gesamteindruck Story
2 von 5 Weißdornzweigen

Hörbuchumsetzung 
5 von 5 Weißdornzweigen

Gesamteindruck 
3 von 5 Weißdornzweigen



Kommentare:

Nikola Hotel hat gesagt…

Liebe Sinje,

das trifft so ziemlich genau das, was ich auch empfunden habe!
Ok, ich hatte keine Hörbuchfassung, deshalb etwas weniger positive Empfindungen. Aber auch mich hat der Anfang sofort gefesselt. Was mir aber später fehlte, war definitiv Humor und einfach eine Handlung. Die Sexszenen haben mich später nur mehr angeödet. Nach der Hälfte habe ich die Seiten nur noch grob überflogen und mich dann über das Ende geärgert.
Ganz erstaunlich, dass diese Fanfiktion, nach der Vorabveröffentlichung als Fortsetzungsroman, noch einen Verlag gefunden hat. Gar nicht erstaunlich, dass es in den USA so erfolgreich wurde. Achtung Vorurteil: Die Amis scheinen labile Frauencharaktere zu lieben. Und Geldsäcke. Ohne Limo, Privatjet etc. kommt wohl weniger Romantik auf.;)

Liebe Grüße
Nikola

Sinje hat gesagt…

Liebe Nikola,
ich fürchte fast, dass sie ohne Peitsche vorm Altar einreiten werden, denn das ist doch genau diese Gähn-Moral, die man dem Amerikaner nachsagt.
Erst Twilight mit seinem Kein-Sex-vor-der-Ehe, dann Shades of Grey mit seinem "alles außer Blümchensex kann nicht normal sein".
Irgendwie bin ich beschämender Weise doch so angefixt, dass ich wissen will, welches Schwarz (außer Mrs. Robinson) in dem Typen steckt, um ihn zumindest so gefühlsdiffus und kommunikationsproblematisch zu machen.
Prestige ist doch auch was, was ganz groß geschrieben wird. Man schaue doch nur auf die teuren Abschlussballkleidchen und überteuerten Hochzeiten (gut, die gibt's bei uns ja auch). Sowas wird natürlich mit dem Greyschen Erste-Klasse-Ticket bedient.
Aber trotzdem Hut ab vor der Frau, dass sie drei solche Wälzer zusammenbekommen hat.

LG
Sinje

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