Donnerstag, 26. Juli 2012

... über "Rotkäppchen muss weinen" von Beate Teresa Hanika

Beate Teresa Hanika 

Bedrückend leise und realistisch aufwühlend


Zum Inhalt: 
Es sind Osterferien, Malvina ist noch dreizehn Jahre alt, der vierzehnte Geburtstag steht kurz bevor. Ihre beste Freundin Lizzy ist mit ihrer Mutter in den Skiurlaub verreist, sodass Malvina Ferien allein bevorstehen. Ihr Bruder Paul kommt vom Studium gerade mal am Wochenende für ein Gastspiel nach Hause, die ältere Schwester, noch keine achtzehn, scheint mit dem Spiegel und ihrem iPod verwachsen, während Malvinas Mutter tagein, tagaus von Migräne gequält das Bett hütet oder mit Tigerbalsam bewaffnet durch die Wohnung schleicht und der Vater frustriert den Rasenmäher durch den Garten schiebt, um die Eigenheimidylle aufrecht zu erhalten. Anstatt jeden Tag die Seele baumeln zu lassen, muss Malvina ihren Opa in seinem Wohnblock besuchen. Das muss sie immer. Denn der ist einsam, weil die Oma noch nicht allzu lange tot ist. Unwillig radelt sie also zu ihm, im Korb Tupperdosen mit Essen und Wein für den schöngeistigen Opa. Nur hat sie dieses Mal nicht wie sonst nach dem Klavierunterricht, nach dem sie seit eh und je zu den Großeltern gehen muss, Lizzy an ihrer Seite, Blutsschwester Lizzy, die immer sagt, was sie denkt und Malvina den Rücken stärkt. In diesen Ferien muss Malvina sich, weil es sich so gehört, um den Opa kümmern, der nicht nur einsam ist, sondern zu allem Überfluss auch noch gestürzt ist. In seiner Wohnung, die nach altem Mann riecht und in der der Opa die Lieblingsenkelin schon seit Jahren viel zu lieb hat ... 

Meine Meinung: 
Beate Teresa Hanikas preisgekrönter Jugendroman erschien bereits 2009 bei Fischer Schatzinsel. Aufmerksam darauf wurde ich darauf erst vor kurzem, als die Autorin auf Facebook einen Link zu einer russischen Besprechung postete. Aufgrund dieser feindseligen (ein anderes Attribut will mir gerade nicht einfallen) Rezension habe ich mir das Buch gekauft. Normalerweise beeinflussen mich Rezensionen wenig bis gar nicht in meinem Kaufverhalten, können aber durchaus zu dem einen oder anderen wertvollen Fund führen. Und im Falle von "Rotkäppchen muss weinen" wollte ich unbedingt wissen, wie die Rezensentin denn zu ihrem vernichtenden Urteil gekommen sein mag, das sogar so weit geht, dass sie mit der Bemerkung schließt, die Autorin solle den Mund halten, wenn sie nichts zu sagen habe. 
"Rotkäppchen muss weinen" ist nicht etwa, wie der Titel unfreiwillig glauben macht, ein Märchen, sondern die ernste Geschichte eines Mädchens, das in einer Familie gefangen ist, in der das Wichtigste zu sein scheint, sich an Konventionen zu halten und immer den guten Schein zu wahren, einer Familie, in der jeder so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er nicht wahrnimmt, was in der eigenen Familie vor sich geht. Es ist eine Geschichte von familiärem Kindesmissbrauch, den keiner sehen will.
Aus der Ich-Perspektive lässt Beate Teresa Hanika auf nur 223 Seiten ihre Protagonistin Malvina die Ereignisse der Osterferien erzählen und flicht Vergangenes mit ein. Ein Ausschnitt aus Malvinas Leben, der deshalb von Bedeutung ist, weil er von einer Verkettung ungünstiger Umstände geprägt ist, die dazu führen, dass die Protagonistin erkennt, welches Unrecht ihr widerfahren ist und widerfährt, und den Mund aufmacht. Dabei erzählt die Autorin so leise, subtil und dicht, dass man einerseits versucht ist, das Buch wegzulegen, weil man den Schmerz nicht ertragen will, andererseits aber weiterlesen muss. Malvina spricht die Sprache einer nachdenklichen Dreizehnjährigen, schildert normale Erlebnisse, die der jugendliche Leser gut nachvollziehen kann, zieht sich wiederum in sich zurück, wenn es um den eigentlichen Missbrauch geht, schildert, was sie empfindet, wie sie empfindet und so, wie sie es sich gerade erklären kann. Zum Teil treffen Aussagen, durch Kommata getrennt, in einem Satz aufeinander, obwohl sie eigenständigen Satzcharakter hätten. Damit wird Malvinas Gefühlschaos noch deutlicher. Wörtliche Rede ist im Text vorhanden, aber nicht durch die üblichen Anführungsstriche gekennzeichnet, wodurch der Text zusätzlich an Dichte gewinnt.


Malvina ist das jüngste Kind in einer Familie, die sich zwar redlich bemüht, ihr eine vorschriftsmäßige Bildung und Erziehung angedeihen zu lassen, in der sie aber trotzdem nur "so mitläuft". Kein Wunder, dass sie das Gefühl hat, gegen Wände zu laufen, wenn sie sich einmal zusammennimmt und sich, zunächst nur uneindeutig, äußert. Paul, das älteste Kind, ist, über zwanzigjährig, aus dem Haus, studiert, kommt am Wochenende mal kurz nach Hause und hat eigentlich keinen Sinn für die Sorgen der kleinen Schwester. Als Malvina ihm anvertraut, sie wolle den Opa nicht versorgen, weil er sie küsst, tätschelt er ihr quasi das kindliche Köpfchen und tut alles damit ab, dass dies "das Alter" sei.  Ihre Schwester, die auffällig geschminkte "Schleiereule" Anne, lebt in eigenen Sphären, joggt Parade für die Jungs in der Nachbarschaft und ist mehr um die Haltbarkeit ihres Kajals besorgt als um die Belange ihrer kleinen Schwester. Dennoch hat Anne etwas an sich, das den Leser hoffen lässt. So gar kein Hoffnungsfünkchen bieten traurigerweise die Eltern. So schlecht es Malvinas Mutter auch geht, so sehr ruht sie sich auch in guten Augenblicken auf ihrem Kranksein aus, überlässt alles dem Vater, der sich wiederum darüber aufregt, aber jedes Einschreiten, jeden Erziehungsversuch der Mutter gleich wieder zunichte macht, indem er sich beschwert, er müsse ohnehin alles selbst machen und brauche ihre Hilfe nun auch nicht mehr. Anstatt zuzuhören und zu sehen, hält er Malvina Vorträge über Herzensbildung und dass es sich gehört, sich um die ältere Generation zu kümmern. Oma Hilde, die nach jahrelangem Kampf gegen den Krebs im Vorjahr verstorben war, hätte im Grunde die typische Oma sein können. Eine Oma in Kittelschürze, an die man sich anlehnen kann, und das war sie auf gewisse Weise auch, bis sich zeigt, dass sie Malvina dem herrischen Opa, der sein Temperament und seinen Weingenuss keineswegs so im Griff hat, wie er behauptet, quasi zum Fraß vorgeworfen hat. Selbst an ihrem Todestag gibt sie dem Kind auf, es solle den Opa nicht im Stich lassen und Stillschweigen bewahren. Malvina befindet sich in einer ausweglosen familiären Situation, in der sich leider nicht nur Jugendliche, sondern auch Eltern wiedererkennen können. Eine Situation, die lt. besagter Rezension, zu negativ ist, zu schwerwiegend, als dass sie Stoff für Jugendliche wäre. Zugegeben, auch ich finde, dass die Altersempfehlung des Verlages mit 12 Jahren etwas niedrig angesetzt ist.
Um Malvina aber nicht vollends in dieser "Life's a bitch"-Situation versinken zu lassen, stellt die Autorin dem Mädchen eine beste Freundin an die Seite, die definitiv zur jugendlichen Kompontente des Romans beiträgt. Lizzy ist die Freundin, die aufmüpfig ist, mit ihrer Art bei Malvinas Eltern aneckt, aber Malvina aus der Reserve lockt und sich zum sprichwörtlichen Pferdestehlen eignet. Weil Lizzy im Urlaub ist, radelt Malvina so oft es geht, um der kotzenden, unpässlichen Mutter, dem mürrischen Vater und Beauty Queen Anne zu entkommen, zu einer alten, verlassenen Villa in der Neubausiedlung, deren Abriss unmittelbar bevorsteht. Dort haben sich Lizzy und Malvina schon im letzten Sommer die Zeit vertrieben, sich zu Blutsschwestern ernannt und sich über die doofen Jungs lustig gemacht. Einem davon, Lizzy nennt ihn "Klatsche", hat Malvina im Zuge alberner Kabbeleien die Nase gebrochen. In diesen Osterferien trifft sie ihn wieder, aber er ist nicht sauer auf sie, sondern entwickelt sich zu einer Art männlichen Lizzy. Malvina schreckt zunächst vor ihm zurück, fühlt sich aber bald auf ihre Weise bei ihm wohl, reagiert sogar eifersüchtig, als er einmal mit Anne spricht, und ist kurz davor, sich ihm anzuvertrauen. Denn Klatsche hat längst gemerkt, dass mit dem Opa was nicht stimmt, und er ist sogar der Erste, der erkennt, dass hinter Malvinas plötzlichem Umkippen etwas anderes stecken muss als eine ausgelassene Mahlzeit. Dass sich das Mädchen in panischem Selbstschutz quasi selbst ausknipst und in Opas Wohnung in Ohnmacht fällt, tut der Vater lediglich mit der Sorge ab, Malvina könnte die Migräneanfälligkeit ihrer Mutter geerbt haben. Nicht nur Klatsche, sondern auch Lizzy kommt der Opa spanisch vor. Sie wundert sich, dass sie Malvina nach dem Klavierunterricht (selbst als Lizzy diesen schon gar nicht mehr besucht) zu ihren Großeltern begleiten muss.
Dennoch ist es eine Erwachsene, die die Situation zumindest erahnt, aber erst einschreitet, als der Opa aus dem Geschehen genommen wird. Die kinderreiche Bitschek, die polnische Nachbarin, die der Opa nicht leiden kann, versucht auf ihre Weise, mit einer Geschichte, die Wahrheit aus Malvina herauszubekommen.
Man müsse dem jugendlichen Leser aufzeigen, dass es einen Ausweg gibt, heißt es weiter. Darf man sie mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit zurücklassen? 
Genau das tut "Rotkäppchen muss weinen" nicht. Es gibt kein Friede, Freude, Eierkuchen. Die familiären und behördlichen Nachwehen lesen wir genauso wenig wie Malvinas Traumaverarbeitung. All dies ist angedeutet und dem gesunden Menschenverstand überlassen. Doch dies mit Auswegslosigkeit gleichzusetzen, halte ich doch für übertrieben. Auch nimmt Beate Teresa Hanika den Leser nicht maßregelnd an der Hand, um ihn brav zu einem Ausweg zu führen. Vielmehr entschlüsselt sie, ohne in heiklen Szenen zu explizit zu werden, durch Malvinas Augen deren Erinnerungsfetzen, die sie als blinde Flecken in ihrem Fotoalbum bezeichnet. Nach und nach setzt, weil gerade diese Ferienwochen so problematisch sind, ein bedrückendes Bild zusammen und hilft bei der Selbsterkenntnis, sodass Malvina schlussendlich Frau Bitscheks Rat, den Mund aufzumachen, befolgt, ohne dass das noch explizit im Roman stattfinden muss. Wir haben als Leser aus emotionaler Sicht bereits genug gelesen von Malvinas Leid, sodass all die Endkonsequenz, die Folgen, die sich die ausländische Rezensentin in einem Jugendbuch wünscht, gänzlich unnötig sind, mehr noch, sogar dem Buch die beabsichtigte Intensität, den Nachhall, das Nachdenken nehmen würden. 
"Rotkäppchen muss weinen" ist meiner Meinung nach ein Buch, das vielleicht nicht jedem Leser stilistisch zusagt, aber keinen Leser kaltlassen wird. 
Ein Buch, das jede Auszeichnung verdient hat.

Fazit:
"Rotkäppchen muss weinen" ist ein Buch, das etwas zu sagen hat, auf einfühlsame Weise für ein ebenso heikles wie wichtiges Thema sensibilisiert, und das werden sowohl jugendliche Leser ab 14 als auch Erwachsene erfassen. Ein Buch, dem man zuhören muss und vor dessen Thema man nicht die Augen verschließen darf.

Gesamteindruck: 

5 von 5 Weißdornzweigen







  • Taschenbuch: 224 Seiten
  • Verlag: Fischer Schatzinsel; Auflage: 3 (23. Februar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596808588
  • ISBN-13: 978-3596808588
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 1,8 cm 
Erhältlich als Taschenbuch, HardcoverKindle-E-Book und Hörbuch

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