Dienstag, 5. Juni 2012

... über "Ash" von Malinda Lo

Malinda Lo

Nette Märchenadaptation für zwischendurch

Zum Inhalt:
Aisling - Ash - verbringt eine behütete Kindheit in liebendem Umfeld. Bis ihre Mutter stirbt. Ihr bleiben Erinnerungen, Bücher und Geschichten über die Feen in den umliegenden Wäldern. Eines Tages bricht ihr Vater, ein Kaufmann, wieder zu einer Reise auf. Die Haushälterin ist für eine Zeit ihre einzige Familie. Doch dann erreicht sie ein Brief des Vaters, in dem er ankündigt, dass er mit einer neuen Frau nebst zwei Töchtern zurückkehren werde. Ana ist in Ashs Alter, Clara etwas jünger, doch anfangen können sie genauso wenig mit Ash wie die neue Stiefmutter Lady Isobel. Ash ist genauso einsam wie zuvor. Als wäre die Situation nicht schon verzwickt genug, erkrankt Ashs Vater plötzlich, bis sämtliche Bemühungen der angesehenen Kräuterhexe des Dorfes von Lady Isobel unterbunden werden und sie die gesamte Familie in ihr eigenes Anwesen am Stadtrand umsiedelt. Dort verstirbt der Vater schließlich, und die kleine Ash ist nun der lieblosen Stieffamilie ausgeliefert. Denn eines Tages erhält die Stiefmutter Post und behauptet, Ashs Vater habe Schulden gehabt, für die sie als seine Witwe aufkommen müsse. Ashs altes Heim wird abgestoßen und ihr so nicht nur der Boden unter den Füßen weggerissen, sondern sie muss nun diese Schulden auch noch abarbeiten und lebt in ihrer eigenen Familie buchstäblich als Sklavin. Nur ab und an gelingt es ihr, sich zum Grab ihrer Mutter zu flüchten, wo sie dem Feenmann Sidhean begegnet, der sie für kurze Zeit aus ihrem tristen Alltag herauszaubert und verflucht ist, sie zu lieben. Schließlich erreichen Ash und ihre Stiefschwester Ana das heiratsfähige Alter. Lady Isobel wird ganz geschäftig, Ana an den Mann zu bringen. Da bereitet man sich auf Bälle vor, während Ash weiterhin das Dienstmädchen spielen darf. Freude empfindet sie nur, wenn die königliche Jagdgesellschaft unter der Führung von Jägerin Kaisa durch die Stadt reitet, denn Kaisa behandelt sie vollkommen vorurteilsfrei. Und so gewinnt auch Ash langsam Interesse an den royalen Veranstaltungen, bei denen der Prinz auf Brautschau geht, aber um sich unerkannt dort bewegen zu können, lässt sie sich auf einen Handel mit Sidhean ein, der sie um alles bringen könnte, was ihr wirklich lieb und teuer ist. 

Meine Meinung: 
2010 im inzwischen nicht mehr existenten PAN-Verlag erschienen, ist Malinda Los "Ash" nicht mehr ganz taufrisch, aber ich habe bislang einen Bogen darum gemacht, weil ich keine Lust auf Aschenputtelgeschichten hatte, obwohl ich dieses Märchen sehr mag. 
Zunächst war ich recht überrascht, dass "Ash" mit seinen 270 Seiten und hübsch handlicher Taschenbuchformat in Festeinband ein richtig kleines Büchlein ist. Irgendwie hatte ich ein größeres Buch erwartet. Nun ja ...
Sein Umschlag, der vom englischen Original übernommen wurde, passt gut, denn das abgebildete Mädchen widerspiegelt gut die Einsamkeit der Protagonistin. Mehr Kontrast und eine dunklere Umgebung hätten ihm jedoch recht gut getan. Das in bei näherer Betrachtung etwas eigentümlicher Pose liegende Mädchen würde so, wie im Original, etwas besser zur Geltung kommen.
Meiner Meinung nach ist "Ash" nette, märchenhafte Jugendfantasy, die stilistisch sicher gut zur Zielgruppe der 12-15-Jährigen passt, ich empfand den Roman aber nicht als derart spektakulär, dass man nun in einen Sturm der Begeisterung oder Entrüstung ausbrechen müsste, dafür hat er zu viele Ecken und Kanten und ist auch nicht atemberaubend gewagt.
Die wenigen Seiten des Romans überspannen einen großen Zeitraum beginnend mit dem Tod von Ashs Mutter über die Neuverheiratung des Vaters, als das Mädchen zwölf Jahre alt war, bis zu ihrem Ausbrechen aus der Stieffamilie. 
Ash ist ein kluges, eher introvertiertes Mädchen, liebt Bücher und wurde von ihrer Mutter liebevoll mit Fantasie und Glauben ausgestattet. Dass diese Grundlage durch den Tod gleich beider Elternteile wegbricht, ist sehr ernüchternd dargestellt, und man empfindet unweigerlich Mitleid mit dem Mädchen.
Allerdings erzählt Malinda Lo ihre Zeitverläufe auktorial so schnell, dass gerade noch der lange Winter einkehrte, auf der nächsten Seite aber schon wieder vorbei ist, sodass die emotionale Leidensfähigkeit der Protagonistin wie auch des Lesers nicht über Gebühr strapaziert wird. Das ist zwar einerseits ganz gut, weil man so nicht im Sumpfe triefenden Mitleids den Blick für die Geschichte verliert, andererseits aber galoppiert man durch Ashs Verluste, Faszination, Freundschaft und Liebe, dass man mit der Geschichte schon "durch" ist, bevor man sich emotional an sie binden kann.
"Ash" ist ganz offensichtlich eine Adaptation des bekannten Märchens "Aschenputtel". 
Vieles ist unverkennbar, nicht nur die Stiefmutter und die beiden Stiefschwestern, Ashs Degradierung zum Dienstmädchen, sondern auch die königlichen Bälle, zu denen sich Ash mit Sidheans zauberhafter Hilfe schleicht, wo sie sogar unerkannt mit dem Prinzen tanzt. Es gibt das Grab der Mutter, aber keine Tauben, dafür eben Sidhean, der die gute Fee mimt.
Eingebettet ist das Ganze in eine recht undefinierbare fiktive Zeit mit historischem Touch, in der man auf Pferden reitet, auf dem Dorf die Kräuterhexe ruft, einen König hat, Gewänder trägt und Maskenbälle veranstaltet, und in eine Umgebung, in der die Feen den Geschichten der Mutter quasi entsteigen und Gestalt annehmen. 
Allerdings sind diese Feen keine auf Lichtungen herumtanzenden Wesen, sondern Feenmänner, die ihre Geliebten aus dem Menschenvolk entführen. Sie können sie die Menschen in ihre Dimension entrücken und haben deren Leben und Tod scheinbar in der Hand. Obwohl Ash sich erhofft, sie könnten ihr ihre Mutter zurückgeben, bleibt dieser Wunsch unerfüllt. Dennoch findet sie in Sidhean einen Freund, auch wenn sie seine Liebe, die ohnehin nur ein Fluch zu sein scheint, nicht erwidern kann. 
Leider lässt sich Ash vielfach zu stark von externen Einflüssen leiten. Ab und an gibt sie Widerworte, fügt sich aber weitestgehend in ihr Schicksal. Ihr Weglaufen ist nur halbherzig, denn sie kehrt immer wieder in ihre Leidenswelt zurück, obwohl sie dort lange Zeit keine Bindungen aufbaut. Sympathien deuten Freundschaften an, aber im Grunde ist Ash immer allein. Erst am Ende - und nach dem kurzen Text, scheint das schon fast überhastet - hat sie quasi eine Erleuchtung und erfasst die Bedeutung des Buches ihrer Mutter, die offensichtlich ebenfalls eine Kräuterhexe war. Woher ihre besondere Verbindung mit dem Feenvolk, durch die sie in Traumwelten zu wandeln scheint, nur im nächsten Augenblick unbeschadet im eigenen Bett aufzuwachen, wird angerissen, um kurz darauf im Nichts zu verpuffen. 
Die königliche Jägerin soll im Grund klassische Geschlechterrollen durchbrechen. Während einerseits Ashs Stiefmutter und ihre Töchter verbissen nach der traditionellen reichen Heirat streben, Ana mit ihren fünfzehn Jahren unbedingt unter die Haube gebracht werden muss, bietet die Jägergesellschaft einen herben Gegensatz. Die Jäger des Königs sind Frauen, Amazonen beinahe, die das Wild hetzen, erlegen und aufbrechen, ohne mit der zarten Ladywimper zu zucken. Kaisa aber zeigt Raison und Emotion, sie weiß, dass jedes Leben ein Ende hat, weigert sich aber mehr zu jagen als nötig. Für Ash verkörpert sie vermutlich dasselbe wie Sidhean, eine Verbundenheit zur Natur, aber mit einer Erdung im Hier und Jetzt. Tatsächlich bietet sie Ash eine solide Freundschaftsbasis, denn sie begegnet dem Mädchen nie herablassend, sondern ebenbürtig und wertschätzend. Dass sich daraus eine Liebesgeschichte entspinnt, ist ein nettes, aber keinesfalls abwegiges oder achso gewagtes i-Tüpfelchen. Die Akzeptanz der sich anbahnenden Beziehung ist erstaunlich gut. Jeder scheint in dieser fiktiven Welt Beziehungen jenseits des spießigen Bildes zu tolerieren. Dass sich die Frauen darum reißen, die Geliebte der Jägerin zu werden, wird erwähnt, ist aber frei von jeglichem Konfliktpotential. Warum das so ist, erfährt der Leser nicht. Ganz offensichtlich will die Autorin in ihrer Märchenadaptation keine Kritik üben, sondern sich darauf beschränken, dass Liebe Liebe ist. 
Dennoch hätte der Verlag Klappentext und Kurzbeschreibung nicht derart verklausulieren müssen, sodass Heerscharen von Lesern mit falschen Erwartungen an die Lektüre herangehen.
Daneben spielen Geschichten in der Geschichte eine tragende Rolle, sodass sich die Charaktere bei jeder Gelegenheit ihre Lieblingsgeschichten oder Geschichten, die gerade passen, erzählen. Dies trägt einerseits zu einer fantasievollen Charakterisierung der Protagonisten und ihres Denkens und Fühlens bei, stört aber den Lesefluss enorm. Auf den wenigen Seiten passiert kaum Weltbewegendes, wenn man vom Tod der Bezugspersonen einmal absieht, und wenn nun auch noch dieser oder jener Protagonist ein weiteres "Märchen" zum Besten gibt, hat man rasch das Gefühl, sich in einem wilden Mythologiemix zu befinden, bei dem man nicht so recht weiß, ob er nun plotwichtig ist oder nicht. Es mag durchaus sein, dass sich hier und da Andeutungen verstecken, aber nach einer Weile habe ich die geflissentlich überlesen, weil diesen Geschichten in der Geschichte ein Touch von Bedeutungslosigkeit anhaftete, der zum Querlesen animierte. 
Auch hatte ich gelegentlich das Gefühl, dass manche Ansätze ins Leere verliefen. So bin ich mir nicht sicher, ob Ashs Vater tatsächlich in Finanznöten war und die Stiefmutter ihre Abneigung gegen den unliebsamen zusätzlichen Mitesser auf diese Weise einfach nur auslebte. Ihr Charakter scheint mir dafür ausreichend eindimensional grundperfide zu sein. Andererseits ist es durchaus möglich, dass sie Ashs Vater geldgierig um die Ecke gebracht hat, um dann aus allen Wolken zu fallen und Ash für die Finanznöte bluten zu lassen. Dann wieder war ich irritiert, dass Ash bei ihrer "Flucht" durch den Wald am Grab ihrer Mutter herauskam, obwohl man den Eindruck hatte, ihr altes Dorf sei weit von ihrem neuen Wohnort entfernt. Dann wieder entwickelt die Autorin eine vorsichtige Annäherung zur jüngeren Stiefschwester, um auch sie im nächsten Moment wieder verpuffen zu lassen. Fast hat man den Eindruck, Ash müsse sich von jeglicher noch so kleiner Bindung lösen, um ihr wahres Zuhause zu finden. 
Verpackt ist Malinda Los Geschichte in einer verhältnismäßig schlichten Sprache, die in Umgebungsbeschreibungen zu bildhafter Form aufläuft und in der Übersetzung von Karin Dufner angenehm unkompliziert zu lesen ist. 

Fazit: 
Etwas wackeliges Debüt, das mit Märchen und Mythen spielt, nicht immer ein Ziel erkennen lässt und Erwartungen an tiefgründige Charaktere kaum befriedigt, aber mit ungewöhnlicher Verarbeitung des Aschenputtelthemas und unspießiger Romanze brilliert und sprachlich die jugendliche Zielgruppe ansprechen dürfte. 

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen











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