Donnerstag, 24. Mai 2012

... über "Riskante Nähe" von Michelle Raven

Michelle Raven

Zwei Romanzen in spannender, unterhaltsamer Verpackung

Zum Inhalt:
Dr. Karen Lombard arbeitet als Waffenexpertin im Pentagon. Kein besonders sicherer Job, denn eines Tages wird sie entführt, sodass Clint Hunters SEAL-Team zu ihrer Rettung aufbrechen muss. Mitten in der Regenzeit müssen die harten Kerle der Spezialeinheit die junge Frau im costa-ricanischen Regenwald aus den Händen ihrer Entführer befreien. Dass bei der vergleichsweise unkomplizierten Mission jedoch ein Teammitglied ums Leben kommt, können weder Captain Hunter noch Karen überwinden. Während Karen jedoch zu ihrem Job im unterirdischen Bereich des Pentagon zurückkehrt, quittiert Clint den Dienst, zieht zurück auf die Ranch seiner Eltern in Montana und widmet sich der Viehzucht. Vergessen kann er die Frau, die ihn auf seltsame Weise angesprochen hat, aber seit Jahren verheiratet ist, jedoch nicht.
Vier Jahre später ist Karen Lombard noch immer im Dienst der US-Regierung tätig, aber keineswegs sicher. Erst hat sie einen Autounfall, dann, kaum erholt, findet sie sich von einer Sekunde zur nächsten auf U-Bahn-Gleisen wieder. Noch einmal davongekommen, findet sie bald heraus, dass ihre Unfälle kein Zufall waren und wer ihr nach dem Leben trachtet. Sie ist sich sicher, dass ihr nur ein Mensch helfen kann: Clint Hunter. Nicht wissend, dass er längst nicht mehr bei den SEALs ist, flieht sie zunächst nach San Diego zum Hauptquartier der Spezialeinheit, wo sie von Matt Colter, Clints ehemaligem Teammitglied bei der Befreiungsaktion in Costa Rica, aufgeklärt wird. Nachdem er sich Karens heikles Problem angehört hat, schickt er sie umgehend weiter nach Montana, wo sie Clint in Erklärungsnot bringt. Seine Familie hat nämlich keine Ahnung, welchem brisanten Beruf er zehn Jahre lang nachgegangen ist. 
So ist auch seine Schwester Shannon nicht im Bilde. Die erfolgreiche Schriftstellerin verfasst Romantic-Suspense-Romane, und ihr Lieblingssujet sind die Navy SEALs. Als Clint herausfindet, dass sie über ihre Homepage Kontakt zu einem echten SEAL sucht, der ihr bei der Recherche für ihre Romane behilflich sein kann, befürchtet er, dass sie an einen Betrüger gerät. Kurzerhand hetzt er seinen alten Freund Matt Colter auf, sich an sie zu wenden und sie bei ihren Recherchen zu unterstützen. Natürlich, ohne seine wahre Identität preiszugeben. Das tut Matt auch, und zwischen beiden entspinnt sich ein lockerer E-Mail-Kontakt, den beide schließlich nicht mehr missen möchten. Als die verzweifelte Karen am Stützpunkt in San Diego auftaucht, nutzt Matt die Gelegenheit, um, bevor er zum nächsten Einsatz aufbricht, ebenfalls zur Hunter-Ranch in Montana zu reisen. Getarnt als Versicherungsvertreter kommt er dort bald Shannon näher. 
Aber Karen kann sich in Clints Großfamilie und in der Nähe von gleich zwei professionellen Beschützern nur kurz sicher fühlen. Längst hat ihr Ehemann das FBI über ihr Verschwinden in Kenntnis gesetzt, sodass sie nun, immerhin ist sie in ihrer brisanten Tätigkeit Geheimnisträgerin der Vereinigten Staaten,  die Behörden am Hals hat. Und nicht nur die, denn auch eine gefährliche Terrororganisation will ihrer habhaft werden ... 

Meine Meinung: 
Nach Vertraute Gefahr widmet Michelle Raven den zweiten Band ihrer Reihe um die Hunter-Familie Clint Hunter und seiner Schwester Shannon. Clint hatte als SEAL im Ruhestand bereits in Vertraute Gefahr in Aktion treten dürfen. 
Nach einer kurzen Einführung, die vier Jahre in die Vergangenheit zurückführt und anschaulich die Entführung und Befreiung Karen Lombards schildert, ist die eigentliche Handlung von Riskante Nähe nach den Ereignissen des ersten Bandes angelegt. 
Mit Karen Lombard kreiert Michelle Raven wieder einen Charakter, der einiges durchmachen muss. Zudem bekommen wir es mit einer äußerlich normalen Frau zu tun, die weder superschön noch superschlank, aber ungemein sympathisch ist. Wie sie es so lange mit diesem Emotionskrüppel von Ehemann ausgehalten hat, ist mir zwar ein Rätsel, aber so spielt wohl das Leben. Paul Lombard ist so ziemlich der unsympathischste Charakter, der mir seit langem untergekommen ist, und zwar auf eine Weise, dass man überhaupt nicht das Bedürfnis empfindet, ihn zu bedauern, dass seine Ehefrau ein Auge auf einen anderen wirft oder dass er für sein nicht zu billigendes Verhalten eine erschreckend endgültige Quittung bekommt. Auch wenn Karen in einer lieblosen Ehe lebt, quasi schon stoisch die Launen ihres Mannes erträgt und ihrer wichtigen Tätigkeit nachgeht, ist sie nicht auf den Kopf gefallen und heult sich schon bei ihrer Entführung nicht aus Selbstmitleid die Augen aus dem Kopf. Sie wehrt sich und beißt, solange es geht, die Zähne zusammen. Wenn ihre Dämme brechen, ist das in jedem Moment nachvollziehbar. Als sie am Grab des auf ihrer Rettungsmission ums Leben gekommenen Mannes steht und Clint in ihr tränengeschwollenes Gesicht schaut, muss man schlucken. Aber diese Frau hat auch einen ungebrochenen Lebenswillen, sodass sie bei ihrer Flucht aus Washington, auf der Suche nach Clint, ziemlich clever vorgeht und somit ihr Auffinden gut hinauszögert. Im weiteren Verlauf wird sie von der Autorin nicht geschont, und man ist als Leser ehrlich froh, dass man es mit einem Liebesroman zu tun hat und die Protagonistin irgendwann verdientermaßen in die Arme des Helden sinken darf. 
Dieser Held, Clint, ist auf den ersten Blick ein gutaussehender harter Kerl. Aber wie es sich für einen Liebesroman gehört, hat unser Kerl einen weichen Kern und Gefühle, die er nicht allzugern nach außen trägt. Gemeinsam mit Karen wartet man bei jedem Zucken seiner Mundwinkel auf ein echtes Lächeln. Seine Hilfsbereitschaft, die fremde Frau, die einmal nichts als ein Auftrag war, ihn aber seit vier Jahren nicht loslässt, mit allen Mitteln zu beschützen, nimmt man ihm immer ab. Auch die Tatsache, dass außer Clints Vater, sein Bruder Shane nebst Freundin Autumn ("Vertraute Gefahr") niemand von Clints militärischer Vergangenheit weiß, ist sehr wohl nachvollziehbar, und das daraus entstehende Konfliktpotenzial wird von der Autorin gut genutzt.
Besonders gut gefiel mir schon in "Vertraute Gefahr", dass Michelle Raven Beziehungen langsam aufbaut und nichts überstürzt, somit den Umständen Rechnung trägt. Auf diese Weise dürfen sich ihre füreinander bestimmten Charaktere zwar attraktiv finden und kleine Augenblicke der Intimität leisten, aber im Gegensatz zu anderen Romanen desselben Genres fallen sie nicht unpassend übereinander her, während ihnen die Kugeln um die Ohren pfeifen. Natürlich dürfen sie zu gegebener Zeit dem Hormonansturm erliegen, aber Michelle Raven versteht es ausgezeichnet, den Romance-Part ihrer Geschichten auf den Suspense-Handlungsstrang abzustimmen, sodass dem Leser bis dahin die Zeit nicht lang wird und auch Leser, die sich im Genre Romantic Thrill/Suspense spannende Unterhaltung ohne ein Übermaß an Romance und ohne zu viele erotische Begegnungen wünschen, sehr wohl auf ihre Kosten kommen. Die Autorin entwickelt Szenarien, die glaubhaft und unterhaltsam zugleich sind. 
Während der Handlungsstrang um Karen Lombard und Clint Hunter deutlich den Rahmen von "Riskante Nähe" bildet, da das Buch mit diesen Protagonisten beginnt und endet, wagt sie den Versuch, gleich noch eine Romanze im selben Plot unterzubringen. 
Das klappt im Grunde ganz gut. Zum einen, weil die Geschichte um Shannon und Clints Buddy Matt der Hauptromanze ein wenig die beklemmende Dramatik nimmt. Man muss bedenken, dass sich Karen und Clint über weite Strecken des Romans inmitten der Wildnis von West Yellowstone auf der Flucht vor skrupellosen Verbrechern befinden. Durch Shannons und Matts eigene Differenzen verliert das Durchschlagen durch Flüsse und Gebüsch an Gehetztheit, sodass der Leser zum Durchatmen kommt. Zum anderen bringen Shannon und Matt das eine oder andere Schmunzeln mit. 
Shannon Hunter schreibt nämlich genau das, was von vielen belächelt wird: Romantic Suspense. Und sie hat sich das typische Thema gewählt: die SEALs. Obwohl sie im Roman nicht ganz so viel Screentime bekommt wie ihr Bruder, wird sie trotzdem geschickt eingeflochten. Beispielsweise liest Karen auf ihrer Reise nach Montana eines ihrer Bücher. Wir lernen sie zunächst als Autorin kennen, sehen sie oft am Computer, wo sie persönlich Kontakt zu ihren Lesern pflegt oder in wahren Schreibflashs versinkt. Ihr E-Mail-Verkehr mit Matt, der sich als M. vorstellt, dann zu Marc wird, beginnt mit einer gesunden Portion Skepsis, wechselt aber bald zum Flirt, geht sogar so weit, dass sie sich ernsthaft um ihn sorgt, als sie erfährt, dass er zu einem Einsatz aufbrechen muss. 
Daher  erschien es mir auch zunächst befremdlich, dass Shannon sich vergleichsweise schnell in den "echten" Matt verguckt und ihren E-Mail-Marc quasi vergisst. Allerdings erkennt sie aufgrund der kritischen Situation, in der sich ihr Bruder und Karen befinden, dass sie sich genau das wünscht: einen Mann, der alles für sie geben würde.
Durch Matts Anwesenheit auf der Ranch lernt der Leser eine andere Seite der Hunter-Schwester und des krisenerprobten vermeintlichen Haudegens kennen. Shannon ist nicht nur eine erfolgreiche, sympathische Schriftstellerin, sondern auch ein echtes Mädchen von der Ranch. Sie kann mit Pferden umgehen und schreckt nicht verschüchtert zusammen, als es schließlich brenzlig wird. Mit Pferden weiß sie sogar den unerschrockenen Matt zu zähmen, denn der gestählte junge Mann, den trotz unzähliger Narben zu Lande, zu Wasser und in der Luft kaum etwas aus der Bahn werfen kann, hat das Glück dieser Erde bislang nicht auf einem Pferderücken gefunden. Deshalb sind seine Reiterfahrungen recht amüsant zu lesen. 
Die Romanze zwischen Shannon und Matt gestaltet sich somit auf den ersten Blick unbeschwerter, zum Teil prickelnder. Auf dem zweiten Blick aber wird auch sie überschattet. Wegen des Versteckspiels, das Clint anzettelte, um seine berufliche Identität zu verbergen und damit seine Familie zu schützen, weiß Shannon natürlich nicht, wer Matt ist. Dementsprechend ungläubig und enttäuscht ist sie, als sie die Wahrheit erfährt, aber auch dies wirkt nicht konstruiert, sodass man nicht den Eindruck gewinnt, Widrigkeiten seien nur eingesponnen, um das notwendige Happy End um ein paar Seiten hinauszuschieben. 
Überhaupt gelingt es Michelle Raven, ihre 454 Seiten nicht nur mit den Erlebnissen ihrer Protagonisten, sondern auch, wie bereits Vertraute Gefahr, mit einer authentischen Landschaftskulisse sowie allgemeinen Infos zur SEAL-Spezialeinheit (am Ende des Buches gibt es auch ein kleines Glossar) zu füllen, ohne dass auch nur ein Satz überflüssig wirkt. 
Ich freue mich schon auf den nächsten Band Gefährliche Vergangenheit, der zwar bereits erschienen ist, ich ihn mir aber noch besorgen muss. 

Fazit: 
Spannend erzählter, in sich geschlossener Romantic-Thrill-Roman mit ausgewogener Mischung von Romance, Suspense und traumhafter Landschaftskulisse, in dem gleich zwei Liebesgeschichten verarbeitet werden, die bedauerlicherweise keine gleichwertige Beachtung finden, einander aber gut tun. 


Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 




  • Broschiert: 454 Seiten
  • Verlag: Lyx; Auflage: 1 (7. Juli 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3802583728
  • ISBN-13: 978-3802583728
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 12,6 x 4 cm
  • Neupreis: 9,99 €

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