Sonntag, 13. Mai 2012

... über "Meeresflüstern" von Patricia Schröder


Mysteriös, jugendlich romantisch, eigenwillig

Zum Inhalt:
Elodie Saller ist siebzehn Jahre alt, als sie ihren Vater bei einem Unfall verliert. Dieses tragische Ereignis erweist sich als so einschneidend, dass das Mädchen nicht mehr zurecht kommt, sodass ihre Mutter ihr schließlich eine halbjährige Auszeit vorschlägt. Die mittlere Reife hat sie hinter sich, die elfte Klasse noch mal von vorne zu starten, kann sie sich immer noch überlegen. Also willigt Elodie ein und verlässt Lübeck, um zu ihrer Großtante Grace auf die Kanalinsel Guernsey zu reisen. Ein heikles Reiseziel, denn Elodie hat seit jeher panische Angst vor Wasser - sie nennt es "Wasserallergie", weil ein seltsames Kribbeln in ihren Beinen entsteht - und sie kann auch nur sehr leidlich schwimmen, doch aufgrund der Entfernung erhofft sie sich einen Tapetenwechsel und die Chance, über ihren schweren Verlust hinwegzukommen. Allerdings geht es bereits auf der Hinreise etwas mysteriös zu, denn sie hat einen eigenartigen Traum vom Wasser und von einem atemberaubend schönen Jungen. Außerdem begegnet sie dem beinahe väterlich hilfreichen Javen Spinx, der mit seinem ungewöhnlichen Aussehen merkwürdig und faszinierend zugleich wirkt. Auf der Insel ist er bekannt wie ein bunter Hund, trotzdem scheint niemand Genaueres über ihn zu wissen, und auch Großtante Grace rückt immer nur mit spärlichen Informationen heraus. Da Guernsey recht beschaulich ist, findet Elodie flott Anschluss zu Ruby und ihrer Clique, und es dauert auch gar nicht lange, bis sie mit ihnen sogar einen Ausflug zur Nachbarinsel Sark unternimmt. Mit von der Partie ist Cyril, ebenso ein seltsamer Typ wie Javen. Elodies Eingewöhnungsphase bleibt nicht lange ungetrübt, denn einmal wird sie von einer vermeintlich Irren mit eigenartigen Prophezeiungen überschüttet, dann wiederum meint sie, ihren Traumjungen im Meer zu sehen, und zu allem Überfluss wird auch noch ein totes Mädchen gefunden. Bald weiß Elodie, dass ihre Angst vor dem Meer nicht unbegründet ist, denn es birgt Geheimnisse, die auch Elodie betreffen.

Meine Meinung: 
Patricia Schröders paranormal-fantastisches Jugendbuch ist zunächst ein atemberaubender Blickfang. Der Schutzumschlag macht optisch und haptisch etwas her. Das Meersalz auf den Lippen des Mädchens ist fühlbar, ebenso der Titelschriftzug. Fast schon geheimnisvoll funkelt der Einband und lässt ein träumerisches und sehnsuchtsvolles Gefühl entstehen, was die eigentliche Geschichte nicht so recht aufrechtzuerhalten weiß. 
Obwohl ich regelrecht sehnsüchtig nach Geschichten über das Meer heische, wurden Elodie und ich nicht so recht warm. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Lesezielalter um zweiundzwanzig Jahre überschreite, vielleicht aber auch daran, dass "Meeresflüstern" der Auftakt zu einer Trilogie ist und mit all seinen Geheimnissen gerade einmal an der Oberfläche schabt, es ihm trotzdem nur bedingt gelingt, den Bann des Meeres und damit den Wunsch aufzubauen, tief in die Geschichte einzutauchen.
Eigentlich ist die Protagonistin Elodie ein nicht untypischer Teenager, sie hat eine beste Freundin, küsst an einem Party-Abend vor der Abreise gleich drei Jungen und weiß nicht, ob sie sich mit einem davon, Frederik, enger einlassen will, jetzt, da sie erst einmal ein halbes Jahr weg sein wird. Und sie hat ein sehr nachvollziehbares Trauma. Auch wenn sie als Ich-Erzählerin nicht in übermäßiges Jammern verfällt und der Leser keine Gelegenheit bekommt, in Mitleidstränen auszubrechen, wird durchaus deutlich, dass sie sich von einem Tag zum nächsten hangelt. Auch ihr Umfeld weiß im Grunde nicht, wie es angemessen reagieren soll. Die in Deutschland zurückbleibende Freundin Sina zeigt sich zwar verständnisvoll, überspielt die eigene Unsicherheit aber mit hochwichtigen Problemen, wie, ob sie nun ein Foto auf Facebook posten soll oder nicht. Elodies Mutter Rafaela wird häufig in Hörensagen bemüht und kommt vergleichsweise selten zu Wort, sodass man als Leser misstrauisch wird, was diese wohl zu verbergen hat, wenn sie ihre Tochter schon ausgerechnet nach Guernsey schickt, obwohl sie selbst die Insel schon seit Jahren nicht mehr betreten hat. Großtante Grace wiederum ist mit Alltäglichkeiten bemüht, Elodie wieder aufzupeppeln. Beispielsweise erleben wir sie und Elodie häufig in Szenen, in denen sie miteinander essen oder Mahlzeiten zubereiten. 
So lernt Elodie auch über Grace ihre neue Inselfreundin Ruby kennen, die ebenfalls ihr Päckchen zu tragen hat. Mit Ruby kommt allerdings ein ganzes Anhängsel von Freunden, unter anderem Ashton, der am Tourette-Syndrom leidet. Dass sich im eher ländlichen Ambiente der Insel größere Cliquen von Jugendlichen bilden, ist nicht abwegig, verwirrte mich aber zusätzlich. Unabhängig von Genre oder Altersklasse war ich schon immer eine Leserin, die mit zu vielen Charakteren einfach nicht klar kommt. Ich kann mir Personennamen schlecht merken und bleibe nur schwerlich bei der Stange, wenn viele Personen aufeinander treffen bzw. nur erwähnt werden, ohne mit dem Hauptcharakter in Kontakt zu kommen.
Meeresflüstern beginnt mit einem Prolog aus auktorialer Sicht und wechselt dann in die Ich-Perspektive Elodies, mitsamt ihren Facebook-Chats und SMS-Nachrichten (die sich in serifenloser Schrift vom übrigen Text abheben). Dazwischen kehrt die Autorin aber immer wieder zu kursiven Einschüben zurück, in denen sie den auktorialen Erzähler Personen folgen lässt, die nicht menschlich sind und auch nichts Gutes im Schilde führen. Diese Passagen sind allesamt ziemlich mysteriös und in Verbindung mit den vielen Nebenfiguren hatte ich so meine Schwierigkeiten, den Faden nicht zu verlieren. 
Stilistisch lässt sich Meeresflüstern unkompliziert lesen. Elodie erzählt ihre Erlebnisse schnörkellos in einem Ton, der jugendlichen Lesern gefallen dürfte. Leider gelang es mir nicht, mich in die Protagonistin hineinzufühlen. Ich vermisste über die gesamte Lektüre hinweg den erwarteten oder erhofften Sog des Meeres, die geheimnisvolle Magie, die Elodie natürlich unweigerlich empfindet, weil sie trotz ihrer Phobie nicht aufhören kann, aufs Meer zu starren. Distanziert beobachtete ich das Geschehen, ohne wirklich einzutauchen.
Zu Beginn konnte ich nicht ergründen, wohin Meeresflüstern möchte. Erwartete mich die übliche Geschichte eines Mädchens mit ungekannten Fähigkeiten und ungekannter, vielleicht dunkler Vergangenheit? Las ich gar einen Jugendthriller? Sollte Meeresflüstern doch eine paranormale Romanze sein? Erfreulicherweise ist Meeresflüstern sogar alles, beinahe eine Art paranormale Romantic Suspense für Jugendliche, und damit wird dieser Trilogieauftakt zu etwas nicht Alltäglichem.
Leider verfolgte mich buchstäblich das Gefühl, etwas überlesen zu haben. Das ist nicht einmal unwahrscheinlich, denn insbesondere die Passagen der Cliquenvorstellung und das Rätselraten der Jugendlichen, mit wem die Tote vor ihrem Dahinscheiden denn nun Sex hatte, empfand ich als uninteressant und wenig fesselnd. Überhaupt störte mich die Tatsache, dass die Meerwesen, über deren Art (Nix(e) oder nicht?) lange Unklarheit herrscht, offenbar nur von der bösen Absicht beseelt sind, ein Schäferstündchen mit Menschendamen zu erleben, das für letztere leider böse endet. Das ist nun wirklich platt.
Mich an der Nase herumzuführen, ist der Autorin hingegen ausgezeichnet gelungen. Ich rätselte genauso wie Elodie, wer der Junge ihrer Träume ist und war - dank den oben erwähnten mysteriösen Kursivszenen - genauso lange auf dem Holzweg. Leider ist das Love Interest namens Gordian, der in der Kurzbeschreibung des Buches zwar werbeträchtig angepriesen wird, aber erst spät in der Geschichte anhimmlungswürdig gottgleich in silbernem Lendenschurz den Fluten entsteigt, wieder einmal einfach zu schön und glatt, um wahr zu sein. Mit seiner glatten, schimmernden Haut und dem soghaften Blick wirft er das Gefühlsleben der Protagonistin so über den Haufen, dass sie in ihrer Sorge um sein Wohl doch tatsächlich die Trauer um ihren Vater vergisst. Die Begegnungen zwischen Elodie und Gordian, den sie verniedlichend Gordy nennt, verströmen kitschige Romantik, die mein Herz im Lesealter wahrscheinlich zum Sprint veranlasst hätte. Als erwachsene Leserin empfinde ich jedoch zu viel Holzhammerzusammenführung und zu wenig realistisches Gefühl, denn es ist wieder mal die große Liebe - aus heiterem Himmel, entstiegen bei Vollmond aus den sanften, schwarzen Wellen des Kanals.

Gut gefallen hat mir hingegen, dass die Autorin die Umweltproblematik nicht unter den Teppich kehrte und außerdem immer wieder kleine Andeutungen einflocht, die mich zu Vermutungen veranlassen und dafür sorgen, dass ich die Fortsetzung trotz meiner Schwierigkeiten mit dem Auftaktband lesen möchte, schon allein, um zu erfahren, ob ich mit meinen Vermutungen richtig liege.

Fazit: 
Ohne nennenswerte Längen, etwas eigenwillig erzählter Trilogieauftakt über die Geheimnisse des Meeres, in dem thrillertaugliche Spannungselemente mit alten Legenden und anheimelnder jugendlicher Romanze verknüpft, lose Fäden aber nicht zuende gesponnen werden und die paranormalen Meereswesen vielschichtiger hätten sein dürfen. Ein Jugendbuch, das genau auf seine Zielgruppe zugeschnitten ist und dort sicherlich begeisterte Leser finden wird. 


Gesamteindruck (aufgerundet, da ich keine halben Weißdornzweige vergebe und die gute Zielgruppentauglichkeit ins Gewicht fallen  muss): 
4 von 5 Weißdornzweigen

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten (mit Schutzumschlag und Lesebändchen)
  • Verlag: Coppenrath, Münster; Auflage: 1., Aufl. (Januar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3649603195
  • ISBN-13: 978-3649603191
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
  • Größe und/oder Gewicht: 21,4 x 15,2 x 4 cm 
  • Neupreis: 16,95 €

Kommentare:

Nikola Hotel hat gesagt…

Liebe Sinje,

danke für diese ausführliche Rezension! Das Cover hat mich auch sofort angesprochen. Wahnsinn, wie aufwendig die heute gestaltet werden. Das kostet.
Trotzdem bin ich etwas abgeschreckt. Was aber nur an der Tatsache liegt, dass es sich um ein richtiges Jugendbuch handelt. Cliquengedöns, Facebook-Chats etc. muss ich nicht unbedingt haben. Was ich aber gerade sehr spannend finde, ist die Vorstellung des Bösen. So ganz weg von Arielle oder dem 'Mann aus dem Meer' von früher. Das klingt fesselnd.

Liebe Grüße
Nikola

Sinje hat gesagt…

Liebe Nikola,
ja, es ist eines jener Cover, bei denen man den Schutzumschlag um nichts in der Welt verlieren oder beschädigen möchte.
Mir geht es eben ähnlich mit Jugendbüchern, und ich habe auch noch keines gefunden, bei dem mich dieses Cliquenblabla, Simsen und Co. nicht massiv gestört hätte. Hier war das mit Facebook zwar recht authentisch gemacht, aber mich nervt es. Dass die Männer aus dem Meer böse sind, stört mich gar nicht. Der Hintergrund ist vermutlich "Meer rächt sich am Menschen". Dass sie hier aber offenbar nur auf Sex mit Menschenweibchen aus waren und deren Ableben in Kauf nahmen, fand ich doch arg flach und einseitig.
Na ja, mal sehen, ob ich daran denke, die Fortsetzung zu kaufen ;-)

Liebe Grüße
Sinje

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