Sonntag, 6. Mai 2012

... über "Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt" von Andrea Schacht

Andrea Schacht

Ein dystopisches Europa, in dem die Flucht vor der Gegenwart zur Suche nach der Vergangenheit wird

Zum Inhalt:
2125 ist die Welt - wieder einmal oder immer noch - gespalten. Eine große Pandemie vor über hundert Jahren hat unzählige Menschen dahingerafft und zahllose Männer zeugungsunfähig gemacht. Da sich die Frauen in dieser Krisenzeit als widerstandsfähiger erwiesen als das vermeintlich starke Geschlecht, übernahmen sie bald in allen Lebenslagen das Zepter. Alle wichtigen Positionen und Berufe werden von Frauen besetzt. So ist NuYu, New Europe, in dem die Hauptfigur Kyria lebt, ein Matriarchat. Nicht nur das; New Europe ist auch ein Kontrollstaat, in dem jeder mit einem Id ausgestattet ist, das ständig Überwachungsdaten über Personalien, Aufenthaltsort, Gesundheitszustand, Bankguthaben, Berechtigungen etc. sendet. Als Tochter einer hohen Politikerin zählt Kyria zu den Electi. Es geht ihr gut, und sie ist von Annehmlichkeiten verwöhnt. Aber Kyria ist auch eine Gendefekte. Seit ihrer Kindheit ist ihr bewusst, dass die damit verbundene, unbenannte Krankheit jederzeit ausbrechen und sie töten kann. An Schwindel und Übelkeit leidet Kyria bereits seit einigen Jahren und ist sich sicher, dass der Tod an jeder Biegung lauert. So führt ein Hornissenstich auf der Feier zu ihrem achtzehnten Geburtstag das Mädchen auf direktem Wege wieder einmal ins Heilungshaus. Dort begegnet sie einem Jungen, der auf der Straße zusammengeschlagen wurde, im Krankenhaus nun aber links liegen gelassen und nicht behandelt wird. Offenbar gehört er zur Subcultura, den Ausgestoßenen, und hat kein Id. Dank ihrer Stellung gelingt es Kyria, die Ärzte zu überreden, sich um den Jungen zu kümmern. Wenig später belauscht sie ihre Duenna Bonnie, die einer Priesterin offenbart, Kyria habe nur noch drei Wochen zu leben. Gerade, als sie sich in Selbstmitleid zurückziehen will, tritt der Junge wieder auf den Plan. Er nennt sich selbst Reb, wie Rebell, und genauso benimmt er sich auch. Für ihn ist Kyria die Elitezicke, und es ist ihm völlig schnurz, wer sie ist und woher sie kommt. Mit seiner aufsässigen Art bringt er sie auf die Idee, NuYu zu verlassen, ohne Erlaubnis ihrer hochrangigen Mutter. Kyria möchte gern ihre Freundin Hazel wiedersehen, deren Tod man ihr vorgegaukelt hatte, die aber in einem Reservat, einem Landstrich, der sich New Europe nicht anschließen will, lebt. Reb und Kyria nutzen die allgemeine Verwirrung nach einem kurzfristigen Datenausfall, um La Capitale zu verlassen. Ihr Weg führt sie zunächst in die U-Bahn-Schächte, die Kyria unbekannte Welt der Subcultura, und schließlich mit falscher Identität mit einer Reisegruppe über Colonia nach Brest und weiter bis zu Hazel. Mit jedem Schritt, den sich Kyria von der ihr bekannten Welt entfernt, erfährt sie nicht nur mehr über Reb und ihren längst verstorbenen Vater, sondern auch über sich, und die Neuigkeiten sind keineswegs nur positiv. Denn Kyria flieht nicht einfach in die vermeintliche ländliche Idylle. Nein, ihr folgt auch eine Masernepidemie, sodass sie bald als Urheber in Verdacht gerät ...

Meine Meinung: 
Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt hebt sich rein äußerlich bereits angenehm  von der Masse ab, da bei der Umschlaggestaltung einmal auf das allgegenwärtige, aber mittlerweile recht nervige rehäugige Mädchengesicht verzichtet, dafür aber auf mehr Stimmung gesetzt wurde. Die in der Ferne erkennbaren Häuser widerspiegeln gut den Kontrast der von Andrea Schacht erdachten Reservate, die in krassem Gegensatz zu dem futuristisch anmutenden New Europe stehen. In den Reservaten gibt es keine Überwachung, aber auch nur schlechte medizinische Versorgung, und man gewinnt den Eindruck, diese sind gegenüber NuYu stark unterentwickelt, aber dafür umso menschlicher. Die leicht neblige, farblich triste Kulisse passt gut zu der Bedrohung der Reservate, denn bei aller Idylle sind diese vor gezielten Angriffen mit Viren nicht gefeit. Diese Bedrohung durch manipulierte Viren, in diesem Fall handelt es sich, wie gesagt, um eine Masernepidemie, wird in Andrea Schachts dystopischem Jugendroman sehr real. Der sonnige Lichtschein ist kaum zu erkennen, verleiht dem Umschlag aber eine positive Note ebenso wie die fallenden Blütenblätter, die ich mir allerdings nur als Bindeglied zur Liebesgeschichte erklären kann. 
Eine typische Liebesgeschichte ist Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt allerdings nicht, wenn man sich verträumtes Schmachten erhofft. Auf erfrischende Weise haben Andrea Schachts Charaktere nämlich ganz andere Sorgen, als sich pausenlos liebeskrank hinterherzuhecheln. Kyria geht davon aus, nicht mehr lange zu leben, und sehnt sich nach Freiheit. Sie will nicht ständig von ihrer Duenna (eine Art Gouvernante), die nicht viel älter ist als sie selbst und die sie bislang für ihre Freundin hielt, betütelt und mit Benimmregeln für die junge Dame von hohem Stande gefüttert werden. Sie will nicht für alles die Erlaubnis ihrer Mutter einholen. Sie will keine der zwölf Novizinnen werden, die jährlich im Tempel der Matronae aufgenommen werden, und dort sozusagen das Gnadenbrot erhalten. Dafür aber will sie ans Meer, den Strand sehen und bei Hazel sein. Dass sie dafür alle Annehmlichkeiten, wie Sauberkeit, sanitäre Versorgung usw., die NuYu bietet, aufgibt, kann ihr herzlich egal sein, denn sie hat ja nichts zu verlieren. An Rebs forsche Art gewöhnt sie sich nach und nach, und es gelingt ihr auch, etwas in ihn hineinzusehen und so zu erkennen, dass sie ihm, der ihr schließlich fremd ist, im Grunde vertrauen kann. Das anfängliche Angekeife zwischen beiden wird bald zu alltäglicher Kabbelei. Dass sie ineinander verliebt sind, würde aber keiner von beiden freiwillig zugeben. 
Reb ist ein perfekter Charakter für all jene Leserinnen, die die Nase voll haben von galanten Schönlingen, die das zarte hilfsbedürftige Weibchen mit Kusshand über die Schwelle heben. Nicht Reb. Er fordert Kyria in vielerlei Hinsicht heraus und lässt sie entdecken, was in ihr steckt. Von der gut frisierten Elitezicke, die es gewöhnt ist, dass die Männer, die in dieser Gesellschaft niedriger gestellt sind, dafür sorgen, dass sich Frau nicht die Hände schmutzig machen muss, verwandelt sie sich zu einer taffen jungen Frau, die sich nichts mehr einreden lässt und sich, wenn nötig, auch zu verteidigen weiß. Und weil es in Andrea Schachts Geschichte um Kyria und Reb nicht klischeehaft romantisch zugeht, sei ihr an dieser Stelle von Herzen für die gelungene misslungene Liebesszene gedankt, auf die ich in der Gegenwartsliteratur gefühlte zehn Jahre warten musste.
Andrea Schacht entwickelt in ihrer Dystopie nicht nur ein vertraut wirkendes europäisches Setting - wir bewegen uns in Deutschland und Frankreich - sondern auch ein Endzeitflair, das gar nicht mal so abwegig daherkommt. Die Macht der Pharmakonzerne ist besorgniserregend, und auch Masern sind keineswegs als schnöde Kinderkrankheit zu unterschätzen. 
Große Probleme bereiteten mir beim Lesen anfänglich die Funktionen der Figuren und die politischen Strukturen dieser fiktiven Welt. Der Geschichte ist zwar eine Auflistung der beteiligten Personen vorangestellt, eine Erklärung der Funktions- bzw. Ämterbezeichnungen fehlt jedoch. Diese sind zwar nicht übermäßig zahlreich und die Erschließung im Laufe der Lektüre möglich, dennoch wäre Anfangsverwirrung vermeidbar gewesen.
Neben dem europäischen Schauplatz hat mir besonders gut gefallen, dass Andrea Schacht mit ihrem lockeren Erzählstil nicht nur der Jugendsprache gerecht wird, sondern auch einen deutschen Ton trifft. Ich ertappe mich häufig dabei, dass ich in Romanen zurückblättere, um zu sehen, wer für die Übersetzung verantwortlich zeichnet. Interessanterweise passiert mir das vermehrt auch mit Büchern deutscher AutorInnen, die sich hinter einem englischen Pseudonym verstecken. Es gibt tatsächlich original deutschsprachige Bücher, die sich wie eine Übersetzung lesen. Andrea Schachts Roman klingt an keiner Stelle so. Zwar bissen sich für meine Begriffe vor allem im ersten Drittel des Romans ab und an die Erzählstimme der achtzehnjährigen Ich-Erzählerin mit ihrer Stimme in Dialogen, was sich aber im weiteren Verlauf des Romans verlor. Dialoge leben von sich selbst und benötigen kein "fragen" oder "sagen". Kabbeleien sind kurzweilig, witzig, aber nie nervig. Gespräche mit Erwachsenen hingegen verdeutlichen Kyrias Reife und Erziehung. Der gefällige Schreibstil sorgt dafür, dass "Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt" in einem Rutsch durchgelesen werden kann, selbst wenn der Roman an sich keine atemberaubende Spannung versprüht.
Im Gegensatz zu den Hauptfiguren fiel es mir recht schwer, mir ein Bild von den zahlreichen Nebenfiguren zu machen, und ich muss sagen, dass ich den meisten von ihnen, ganz gleich, ob gut oder böse, verhältnismäßig indifferent gegenüberstehe. Da der Roman mit einem fiesen Cliffhanger endet und die Geschichte keineswegs in sich geschlossen ist, erhoffe ich mir in Fortsetzungen tiefere Einblicke in die handlungswichtigen Nebenfiguren. 
Es bleibt zu hoffen, dass die Wartezeit bis dahin nicht zu lang ausfällt.

Fazit: 
Rasch wegzuschmökernde Dystopie für jugendliche Leser, die mit heimischem Setting, realistischen Zukunftsvisionen und zielgruppengerechtem, flottem Stil überzeugt, aber für einen offensichtlichen Reihenauftakt mit etwas viel Personal aufwartet und neben Romanzen- auch ein paar Spannungsmomente verschenkt.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen



  • Gebundene Ausgabe: 381 Seiten (mit Schutzumschlag)
  • Verlag: Ink; Auflage: 1 (9. Februar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3863960165
  • ISBN-13: 978-3863960162
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
  • Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 16 x 4 cm 
  • Neupreis: 17,99 €

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