Sonntag, 27. Mai 2012

... über "Gestohlene Rache" von Elisabeth Naughton

Elisabeth Naughton

Verzwickte, mitreißende Schatzsuche mit Liebesfund

Zum Inhalt:
Die 38-jährige Archäologin Dr. Lisa Maxwell lässt sich in ihrem Metier nichts vormachen. Selbst vor den engsten Höhlen schreckt sie nicht zurück, denn seit Jahren sucht sie unermüdlich drei antike Statuen, die zusammen ein bedeutendes Relief ergeben. Sie ist überglücklich, als sie auf Jamaika eine der Figuren aufspürt. Um in Athen ihre Echtheit prüfen zu lassen, nimmt sie sie mit, als sie in Mailand einen Vortrag halten muss. Dabei läuft sie dem attraktiven Rafe Sullivan über den Weg, der sich als Rafe Garcia vorstellt und sie aus den Fängen nerviger Bewunderer befreit. Bei einem gemeinsamen Essen wickelt er sie um den Finger, sodass sie ihn übermütig auf ihr Zimmer einlädt. Obwohl die kleine Rothaarige so gar nicht seinem Blond-vollbusig-Beuteschema entspricht, ist der geheimnisvolle Mann mit dem gefakten mexikanischen Akzent nicht abgeneigt. Aber was tut man nicht alles, um zu bekommen, was man will? Das, was Rafe will, liegt nur sekundär vor ihm im Bett, sondern primär in Lisas Hotelsafe. Lisa erliegt voll und ganz Rafes gefälschtem Charme und kurz darauf dem Schlafmittel in ihrem Wein, sodass aus dem One-Night-Stand nichts wird, Rafe ihr aber seelenruhig die Statue klauen kann. Am nächsten Morgen brummt Lisa nicht nur der Schädel, sondern sie ist auch stinksauer. Mangels Artefakt kann sie nun nicht nach Athen weiterreisen. Welch ein Glück, dass ihr Zwillingsbruder Shane Polizist ist und Rafe in Nullkommanichts ausfindig macht. Der guckt nicht schlecht, als Lisa plötzlich vor ihm steht und ihre Statue zurück will. Rafe aber hat ganz eigene Pläne. Eins führt zum anderen, und Schatzsucherin und Dieb verbünden sich, um die nächste Statue zu finden. Dazu muss Lisa jedoch das Forschungsmaterial ihres vor Jahren tödlich verunglückten Doktorvaters, mit dem sie mehr als nur eine berufliche Beziehung hatte, sichten und schmerzhafte Erinnerungen in Kauf nehmen. Besonders viel Zeit hat sie allerdings weder dafür noch für das Herzklopfen, das sie in Rafes Nähe empfindet, denn schon bald stehen sie unter Beschuss, und während sie gleichzeitig das Weite und das antike Kunstwerk suchen, häufen sich hinter ihnen die Todesfälle, denn noch jemand will das wertvolle Artefakt ... und Rache. 


Meine Meinung: 
Ich arbeite derzeit intensiv am SuB-Abbau und war überrascht, dieses Buch darauf zu finden, weil ich mich nicht erinnern konnte, es gekauft zu haben. Warum ich es gekauft habe, konnte ich dann aber rasch nachvollziehen: Die Kurzbeschreibung, die einen Eindruck von weiblichem Indiana Jones vermittelt, sprach und spricht mich an. 
Bereits die äußere Verpackung von Gestohlene Rache ist recht stimmig. Das umschlungene Paar in der oberen Hälfte lässt keinen Zweifel am Genre des Liebesromans, während die Kapitelle, die durch die leicht transparente Dame hindurchschimmern, und auch das Kunstobjekt im Hintergrund der unteren Hälfte auf den Archäologenplott hindeuten. Die zwei schattenhaften Gestalten, die wie in einem Museum davor zu flanieren scheinen, konnte ich mir zwar lange nur als Lückenfüller, um das Bild nicht zu nackt wirken zu lassen, erklären, meine sie aber im Nachhinein doch anders deuten zu können.  
Mit Gestohlene Rache legt Elisabeth Naughton den Auftakt zu ihrer Stolen-Trilogie vor. Dieses Buch ist prima in sich geschlossen und lässt keine Fragen offen, die eventuell in Folgebänden geklärt werden müssten. Allerdings werden Charaktere eingeführt, die sehr wohl eigenes Geschichtenpotenzial mitbringen, ohne jedoch den Anschein zu erwecken, sie seien allein für diesen Zweck geschaffen worden.
Die Autorin versteht es, ihre Geschichte flott und mit vielen Wendungen zu erzählen, die für manche/n Leser/in eventuell etwas vorhersehbar sind. Auch ich erahnte Einiges, genoss es aber sehr, wie ich zur Bestätigung geführt wurde. Dass ich zwischendurch das Gefühl hatte, etwas nicht richtig mitbekommen zu haben, störte mich bei diesem Buch überhaupt nicht, weil ich mich einfach gut unterhalten fühlte. 
Zudem gefiel mir die Protagonistin Lisa Maxwell sehr. Sie ist in einem identifikationsfähigem Alter, kein junger Hüpfer mehr und eine gestandene Frau - mit Vergangenheit, aus der sie das für sie Beste gemacht hat. Was sie tut, hat Hand und Fuß, und ihre Besessenheit, die Statuen zu finden, ist absolut nachvollziehbar. In Sachen Liebe ist Lisa Maxwell allerdings ein gebranntes Kind, sodass es nur zu verständlich ist, dass sie Rafe zunächst nicht mit dem Herzen verfällt, sondern erst einmal weibliche Bedürfnisse auslebt. 
Der gute Rafe Sullivan hingegen hatte Mühe, sich in mein Leserherz einzuschleichen. Zum einen spielt er fast bis zum Schluss nicht mit offenen Karten und lässt Lisa, auch als (oder weil?) er längst mehr für sie empfindet als körperliche Anziehung, über die Statuen im Unklaren. Zum anderen hat er für meine Begriffe einen leicht aufgesetzten puerto-ricanischen Touch, fast so, als müsse er auf Teufel komm raus den Latin Lover mimen, was ich ihm nicht immer abkaufe. Ihm entfleucht der eine oder andere spanische Satz (die Autorin bedankt sich in ihrer Danksagung brav für die Hilfe mit dem puerto-ricanischen Spanisch), den man verstehen kann, aber nicht muss, und er betitelt Lisa mir einen Tick zu oft mit "querida". Wer Flüche und Kraftausdrücke nicht mag, dürfte mit Rafe seine Schwierigkeiten haben, denn in Gestohlene Rache wird nicht gerade vornehm parliert, wenn auch nicht übertrieben mit Argot herumgeworfen. Rafe ist schlichtweg nicht auf den Mund gefallen und ziemlich gerade heraus, was ihn wiederum authentisch macht und für amüsante Momente sorgt. 
Kleine Charakterschwächen kann man aber gut verschmerzen, denn Elisabeth Naughton ist recht clever und stattet ihre beiden Protagonisten mit höchstsympathischen Familienanschluss aus. So lernt Rafe - notgedrungen, da sie sich ja zur Zusammenarbeit entschlossen haben - recht früh Lisas große Familie, einschließlich aller Nichten und Neffen, und damit auch Lisa auf neue Weise kennen. Kurz darauf begleitet Lisa Rafe zu seiner schwerkranken Mutter ins Krankenhaus, wo der Mann, von dem man bislang das Bild eines gefühlsneutralen Betrügers hatte, in völlig neues Licht taucht. Ab da ist es einfach nur noch unmöglich, Rafe nicht mit Lisas Augen zu sehen und beide voneinander zu trennen. Als Lisa endlich bereit ist, Rafe von ihrer Vergangenheit zu erzählen, die er natürlich bereits erahnt, aber gentlemanlike nicht zur Sprache gebracht hat, war es um mich geschehen. Da wurden mir die drei heißbegehrten Statuen schon beinahe egal. 
Elisabeth Naughton sorgt allerdings für eine gute Balance zwischen Schmacht und Spannung. So lässt sie auf ihre Einleitung, in der Lisa durch eine jamaikanische Höhle robbt und Statue Nr. 1 findet, zwar recht bald die erste heiße Begegnung zwischen ihr und Rafe folgen, führt sie aber nicht zu Ende, sodass den Charakteren für die nächste Hälfe des Buches noch genügend Sehnsucht bleibt. Intime Begegnungen werden sinnlich dargestellt, aber nicht zu sehr ausgewalzt, um den Crime-Plot nicht aus den Augen zu verlieren. Und der ist für einen Liebesroman doch recht verwickelt, dem Krimifan aber vielleicht zu unausgegoren. Jedenfalls wird in der Kunstszene mächtig geschmuggelt und intrigiert, Dämonen der Vergangenheit heraufbeschworen und vor Hinterhalten nicht zurückgeschreckt.
Die Bösewichte von Elisabeth Naughtons Gestohlene Rache verwirrten mich ganz schön. Sie gestaltet ihre Nebenfiguren nämlich allesamt so, dass alle und niemanden in Verdacht hat. Meint man zunächst, Kunst und Wissenschaft selbst brächten die Archäologin unnötig in Gefahr, hat man fünf Seiten später beinahe ein Familienmitglied in Verdacht. So ist man tatsächlich über jeden widerlegten Verdacht und jede bestätigte Sympathie froh. 
Die Auflösung erklärt schließlich auch den Titel des Romans, erscheint im Nachhinein aber recht schlicht. 
Dennoch ist es Elisabeth Naughton gelungen, einen stimmigen Auftakt abzuliefern und auch ohne langatmige Erklärungen keine Fragen offen zu lassen. 
Den Folgeband Gestohlene Liebe, der wie auch der Trilogieabschluss Gestohlenes Vertrauen bereits erschienen ist, werde ich auf jeden Fall zu gegebener Zeit lesen.

Fazit: 
Stellenweise abenteuerliche Lektüre um eine für Dieb und Wissenschaftlerin lebensveränderte Schatzsuche, die für einen Liebesroman einen erstaunlich hohen Body Count aufweist und nicht immer logisch ist, aber mit guter Ausgewogenheit von Romantik, Crime und Spannung und nettem Unterhaltungsfaktor besticht. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 

  


  • Broschiert: 431 Seiten
  • Verlag: Lyx (8. November 2010)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Nele Quegwer
  • ISBN-10: 3802583264
  • ISBN-13: 978-3802583261
  • Originaltitel: Stolen Fury
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 12,4 x 4 cm 
  • Neupreis: 9,95 €
  • Als Taschenbuch -> kaufen.
  • Als Kindle-E-Book -> kaufen.







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