Samstag, 12. Mai 2012

... über "Die Geliebte des Meisterspions" von Joanna Bourne

Joanna Bourne

Regency Romance mit authentisch wirkendem historischem Flair und cleveren Protagonisten, die schließlich doch der Liebeskrankheit erliegen

Zum Inhalt:
Annique Villiers ist eine wahre Meisterspionin. Schon früh von ihrer Maman in das Metier eingeführt, ist kein Land Europas vor der Findigkeit der Französin sicher. Nicht umsonst wird sie "die Füchsin" genannt. Eines Tages erhält sie von Vauban die sogenannten Albion-Pläne. Damit übergibt er ihr nicht nur Napoleons Plan, in England einzufallen, sondern auch Verrat an Frankreich, denn sie soll diese Pläne nach England bringen. Ihre Loyalität zu Frankreich, ganz gleich, ob sie mit Napoleons Regentschaft einverstanden ist oder nicht, gerät ins Wanken, aber bevor sie eine Entscheidung treffen kann, ob sie die Pläne lieber für sich behält oder tatsächlich nach England bringt, wird sie von Napoleons brutalem Schergen Leblanc geschnappt, der sie am Sitz der französischen Geheimpolizei einkerkert und foltert. Sie weiß aber sehr wohl, dass sie dem blutrünstigen Leblanc nicht lange standhalten wird, und sinnt daher nach baldmöglicher Flucht. Mit List gelingt es ihr schließlich, Leblancs Handlanger außer Gefecht zu setzen und sich zu befreien. Die beiden anderen Gefangenen, Engländer, nimmt sie gleich mit. Kaum entkommen, werden sie schon vom nächsten Engländer in Empfang genommen, und Annique muss feststellen, dass sie quasi vom Regen in die Traufe gekommen ist. Natürlich ist ihr bewusst, dass sie es mit Spionen zu tun hat, ihr Mitflüchtling Robert Grey ist aber Englands Spionagechef höchstpersönlich und hat es auf Annique und genau das abgesehen, das Leblanc bereits aus ihr herausfoltern wollte: die Albion-Pläne. Allerdings ist Grey wesentlich subtiler. Auf der Flucht nach England lernt Grey Annique, die durch die Folgen eines Säbelhiebes vor fünf Monaten erblindete, als Frau mit vielen Gesichtern und Talenten kennen, die sich nicht so leicht unterbuttern lässt. Von Beschützerinstinkt und Leidenschaft gleichermaßen befallen, will er sie nicht mehr aus seinen Fingern und Augen lassen. Leblanc und seine Häscher sind ihnen jedoch dicht auf den Fersen. Zu dicht. Die Gruppe muss sich trennen, und bald ist Annique allein auf dem Weg nach England. Zwei Verfolger hat sie nun: Leblanc und Grey. Und beide sind auf ihre Weise gefährlich ... 


Meine Meinung: 
Nachdem Egmont Lyx bereits mit Romantic Thrill das Lager von Paranormals und Fantasy verlassen und das Angebot erweitert hat, folgt nun neu Romantic History für FreundInnen von Liebesgeschichten, die nicht im Hier und Jetzt spielen. 
Der Umschlag zu Joanna Bournes "Die Geliebte des Meisterspions" wirkt erst einmal gar nicht so "historisch", nur der Titel in Handschriftoptik verleiht etwas Altertümliches. Ingesamt erscheint mir die Gestaltung, auch wenn man auf die Ranken und Swirls durchaus hätte verzichten dürfen, recht stimmig. Zum einen trägt die Protagonistin berufs- und umständebedingt keine eleganten Gewänder aus dem frühen 19. Jh. und macht generell einen recht taff-modernen Eindruck. Zum anderen ist so ein Cover entstanden, dass man nicht, wie es bei Liebesromanen nicht selten der Fall ist, peinlich berührt in die zweite Regalreihe verbannen muss. 
Mit "Die Geliebte des Meisterspions" macht mir Joanna Bourne deutlich, dass ich bisher wohl die falschen Historicals gelesen habe. Diese lese ich nämlich eher verhalten begeistert, vor allem, weil die weiblichen Parts immer wieder zu verhuschten Männerbrustwärmern mutieren. 

Annique als Spionin kann von vornherein nicht in dieses Schema passen. Schon als sie ein ganz junges Mädchen war, hat sie gelernt, durch List und Tücke voranzukommen, zu kämpfen und zu kokettieren. 

Daher wirkt es zunächst etwas befremdlich, dass sie gleich zu Beginn in einem Kerker sitzt. In "Die Geliebte des Meisterspions" wird man nämlich mitten in die Handlung hineingeworfen und der Protagonistin ist bereits etwas Wesentliches widerfahren, das für die gesamte Geschichte von Bedeutung ist. Dieser befremdliche Eindruck relativiert sich rasch, als man erfährt, dass Annique bereits seit Monaten blind und es eigentlich erstaunlich ist, wie weit sie sich allein durchgeschlagen hat. 
Mitleid kommt aber gar nicht erst auf. Einmal, weil die junge Frau handelt, anstatt zu jammern, und sich aus ihrer misslichen Lage befreit. Zum anderen, weil sie sich überraschend sicher bewegt und die Autorin jede Bewegung, jeden Schritt glaubhaft darzustellen weiß und den Leser über das Visuelle hinaus sehen lässt. Als Annique dann von der Gefangenschaft bei Leblanc in die Gefangenschaft Greys gerät, versucht sie erneut die Flucht. Sie wagt sogar den Versuch, Grey das Licht auszublasen, der sich nicht zurückhält, sich gegen eine Frau zu wehren, auch wenn es ihm nicht gefällt. Im Gegensatz zum brutalen Leblanc ist Grey ein Gentlemanspion, ein aufmerksamer Beobachter, der weiß, wann er eine Fassade zum Einsturz bringen kann. Dass Annique zu Beginn des Buches nicht sehen kann, erweist sich nahezu als plottechnischer Glücksgriff, da Grey somit nicht zu ihrem visuellen Schmachtobjekt verkommen kann. Sie und der Leser müssen sich auf andere Sinne verlassen und den männlichen Held kennenlernen, ohne ein optisches Bild von ihm zu haben. Außerdem versteht es die Autorin gut, zunächst Sympathien für den Meisterspion aufzubauen, ihm später aber, ebenfalls in Verbindung mit Anniques Sehfähigkeit, erneut einen zweifelhaften Stempel aufzudrücken, der die Lesersympathie wieder ins Wanken bringt.
Wer langsam entstehende Romanzen bevorzugt, ist mit "Die Geliebte des Meisterspions" nicht fehlberaten. Die Autorin verwendet gut zwei Drittel ihres Romans, um ihre Charaktere flüchten zu lassen, und zwar mit allen zeitgemäßen Widrigkeiten. Da müssen unbequeme Kutschfahrten absolviert werden, Annique entfernt Adrian, dem weiteren Gefangenen Leblancs, eine Kugel, bevor sie, Seiten später, in die Rolle einer deutschen Ehefrau schlümpfen muss, um Grenzposten zu täuschen. Die Protagonisten werden ordentlich schmutzig und durchnässt. Blutergüsse und die eine oder andere Wunde gehören dazu. Zu allem Überfluss wird Annique von Grey und seinen Begleitern auch noch mit Opium vollgepumpt, damit sie nicht doch wieder auf die Idee kommt, sich aus dem Staub machen zu wollen. So bleibt in der von Spionage, Verfolgung und Schmieden von Alternativplänen etc. geprägten Geschichte zunächst kaum Raum für leidenschaftliche Begegnungen, wohl aber für das Knüpfen erster romantischer Bande und eine Reihe von Wortgefechten, die dazu beitragen, dass der Leser hofft, die Charaktere mögen einander hoffentlich recht zeitnah in die Arme sinken. Ungeduldige Romanzenleser werden das vermutlich als weniger ansprechend empfinden. 
Den geduldigen Romanzenfreund erwartet schließlich eine sinnliche Badewannenszene, die trotz ihrer Länge als recht schicklich bezeichnet werden darf, womit "Die Geliebte des Meisterspions" nicht in die Ü18-Ecke rutscht und sich einem größeren Leserkreis öffnet. Einerseits ist es bedauerlich, dass die Autorin wieder einmal die viel bemühte Jungfrau ins sinnliche Rennen schickt, andererseits wird Annique damit noch etwas sympathischer, weil sie eben trotz aller Widrigkeiten ihres Berufs zwar den Augenaufschlag einer Kurtisane zum Besten gab, aber den letzten Trumpf nie ausspielen musste. Leidenschaftliche Begegnungen werden im gesamten Roman - es ist nun mal ein Liebesroman - immer wieder thematisiert, sei es als Wunschdenken oder tatsächliches Geschehen - was vor allem den Lesern, die den historischen Plot der Romanze vorziehen, nicht gefallen dürfte. Allerdings werden sie im weiteren Verlauf nicht bis zum Ende ausgewalzt, sondern es wird durchaus abgeblendet und durch die Blume erzählt; eben schicklich. 
Darüber hinaus verwickelt die Autorin ihre Charaktere in zahlreiche Dialoge, die mich auch mal zum Schmunzeln brachten, während andere Leser sie als lästige Füller empfinden könnten. 
Die Übersetzung kommt dabei weder übertrieben antiquiert noch sprachlich ausgelutscht daher, sodass "Die Geliebte des Meisterspions" durchweg angenehm zu lesen ist. 
Ich jedenfalls habe durch Joanna Bournes Auftaktroman zu ihrer Spymaster-Reihe endlich wieder Lust auf Historicals. 


Fazit: 
Lesenswerte historische Romanze um zwei schlagfertige Charaktere, die mit Liebe zum historischen Detail, gut dosierten Wendungen und ungekünsteltem Erzählstil besticht, dennoch einen Hauch mehr Spannung und Romantik fürs Herz hätte vertragen können.


Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen






  • Broschiert: 464 Seiten
  • Verlag: Lyx (Mai 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Firouzeh Akhavan-Zandjani
  • ISBN-10: 380258676X
  • ISBN-13: 978-3802586767
  • Originaltitel: The Spymaster's Lady
  • Neupreis: 9,99 €

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