Mittwoch, 2. Mai 2012

Schmökern mit Sohnemann #13

Immer wieder kommt die Frage: "Welches war das erste Buch, das du selbst gelesen hast?"
In den vergangenen Jahren habe ich immer gemutmaßt, war aber, genauso wie meine Mutter, absolut nicht sicher.
Seit letzter Woche weiß ich es aber genau, denn das erste Buch, das mein Sohn nun selbst lesen muss, ist genau jenes Buch, das ich als mein allererstes Buch wähnte: Es handelt sich um Elizabeth Shaws Der kleine Angsthase
Beachtlich, wie lange sich der 1963 im Kinderbuchverlag erschienene Klassiker als Schullektüre hält, denn zwischen unseren jeweiligen Schulstarts liegen ca. neunundzwanzig Jahre. Gerne als Ostklassiker bezeichnet (und - vielleicht bin ich auch zu empfindlich - mit (n)ostalgischem Stempel versehen), ist dieses Kinderbuch allerdings recht zeitlos, wenn man einmal von dem Namen des Babyhasen (Ulli dürfte heute kein Hochhausname mehr sein) und der Mutmedaille absieht. 
Wie schon mehrfach erwähnt, soll meine Kategorie "Schmökern mit Sohnemann" keinesfalls mit pädagogischer Weisheit um sich werfen. Ich tue hier lediglich meine Meinung als Vorlesemutter kund. Es gibt nicht wenige Bücher, die ich als Kind toll fand, mein Sohn aber kategorisch ablehnt. Daneben existiert aber auch Lesestoff, vor allem in Form bunter Zeitschriften, den zu kaufen ich mich weigere. Auch schaue ich, dass die Lektüre altersmäßig halbwegs passt; so haben wir auch schon Bücher erst einmal beiseite gelegt. Schließlich haben Bücher keine Beine und können nicht weglaufen. 
"Der kleine Angsthase" ist aber tatsächlich ein Buch, das meinem Sohn, auch wenn er es schon länger kennt, gefällt. Interessanterweise unter anderem, weil es einen pädagogischen Zeigefinger auch in Richtung Eltern hebt. 
Der titelgebende kleine Angsthase ist, wie so oft in Kinderbüchern, ein Hase, der ein Kind, vermutlich im Vorschulalter bzw. frühen Grundschulalter, personifiziert. Er lebt bei seiner "lieben Oma" - was wahrscheinlich einem gewissen Märchenflair geschuldet ist, da die Geschichte auch mit "es war einmal" beginnt. Diese Oma ist natürlich um des kleinen Hasen Wohl besorgt und schärft ihm ein, er möge überall aufpassen. Daraus resultiert, dass der kleine Hase vor allem Möglichen Angst hat. Vor Hunden, weil die beißen, vor der Dunkelheit, weil es da Räuber und Gespenster gibt, vor Wasser, weil man darin ertrinken kann, und vor großen Jungen, weil die einem wehtun. Das Ende vom Lied ist, dass der kleine - namenlose - Hase von den anderen Kindern als "Angsthase" ausgelacht wird. Natürlich ist er deswegen unglücklich, aber selbst das Zureden des guten Onkel Heinrich nützt nichts. Lieber spielt der Angsthase mit dem kleinen Ulli, denn mit ihm kann ihm ja nichts passieren. Eines "schlimmen Tages" aber kommt der Fuchs in den Ort geschlichen. Alle Hasen flitzen davon, verstecken sich in ihren Häusern. Der Angsthase und der kleine Ulli kommen aber nicht hinterher, weil das kleine Häschen im gelben Strampler natürlich nicht so schnell laufen kann. Und schon hat der Fuchs den Ulli am Schlafittchen, womit sich dem Angsthasen Gelegenheit bietet, über sich hinaus zu wachsen ... 
"Der kleine Angsthase" ist eine ganz typische Mutmachgeschichte, die sich aus der Not eines schwachen Dritten ergibt. Sie zeigt, dass es wichtig ist, zu helfen, und erteilt den Erwachsenen eigentlich auch eine Lehre, denn alle im Buch beschriebenen Großen haben sich flugs in ihre Häuser verkrochen, während Angsthase und Ulli auf sich gestellt waren. Gleichzeitig wird dem Kind vermittelt, dass wahre gute Taten belohnt werden, und den Erwachsenen, dass man solche guten Taten eben honorieren muss. Zudem fällt die Belohnung in Form einer Medaille wunderbar bescheiden aus (was allerdings recht zeit- und landestypisch ist, denn in der DDR gab es ja für so ziemlich jede Vorzeigeleistung einen Anstecker oder eine Medaille oder eine Urkunde). Zusätzlich sind die üblichen Themenbereiche Vorteile (große Jungs sind sowieso alle Böse), Gehässigkeit ("Angsthase, Angsthase!"), Sprücheklopfen, ohne Lösungswege aufzuzeigen ("Du musst deine Angst überwinden!"), aber auch Aufmerksamkeit gegenüber Kleineren (mit Kleineren kann man auch spielen, selbst wenn man kein Angsthase ist), Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit mit im Lehrpaket. 
Hat man Kinder, bekommt der Spruch "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste" eine völlig neue Dimension, und ich gebe ehrlich zu, dass auch ich ab und an dazu neige, überfürsorglich zu sein und mein Kind vor allen möglichen Gefahren bewahren zu wollen. Nun gut, "Der kleine Angsthase" entstand zu einer Zeit, in der meine Mutter sich noch in Ausbildung zur Erzieherin befand und in der man nach ihren Angaben Kinder wesentlich unbeschwerter unbeaufsichtigt ziehen lassen konnte als heute, aber ständig am Rockzipfel hängend lassen sich nun mal keine eigenen Muterfahrungen machen. Mich persönlich stößt an Mutmachgeschichten oft das bedingungslose Herausstellen des Muthabenmüssens. Raum für "auch mal Angst haben dürfen" gibt es selten, so auch hier, in "Der kleine Angsthase", nicht. Allerdings hat das Buch auch nur 16 Seiten, die jeweils mit fünf bis sechs Zeilen beschrieben sind, in denen man nun wirklich nicht noch irgendwelche hobbypsychologischen Auswalzungen vornehmen kann. 
Für Erstleser ist dieses Buch thematisch heutzutage vielleicht schon wieder viel zu langweilig (niedliches Häschen im Clinch mit dem fiesen Fuchs stinkt vermutlich gegen irgendwelche telegenen Superhelden mächtig an). Sprachlich hingegen ist es durchaus passend. 
Es dominieren einfache Sätze. Ich habe nicht gezählt, aber ich meine, es gibt nicht mehr als 4 zusammengesetzte Sätze. Dadurch ist die Lektüre recht unkompliziert. In der Fibel gibt es nämlich wesentlich mehr zusammengesetze Sätze. Aus dem Unterricht ist wörtliche Rede inzwischen auch bekannt. Allerdings erfolgt diese fast immer in Verbindung mit dem Verb "sagen". Das bemängele ich grundsätzlich und oft an Kinderbüchern, denn an Verb-Armut leiden wir im Deutschen wahrlich nicht. Bei aller Einfachheit von Kinderbüchern finde ich doch, dass auch Erstleserlektüre Synonyme anbieten darf und auch sollte.
In unserer Ausgabe von "Der kleine Angsthase" muss ich bemängeln, dass keine Seitenzahlen vorliegen. Hätten die Kinder in der Schule vorlesen müssen (wobei jedes Kind eine andere Ausgabe hatte, die sich allerdings vom Seitenaufbau nicht unterschieden), wäre das eine wilde Abzählerei geworden. Glücklicherweise musste lediglich ein vierseitiger Leseplan ausgefüllt und ausgemalt werden. 

Alles in allem ist "Der kleine Angsthase" eines jener Kinderbücher, das mich als Erwachsene daran erinnert, dass ich auch einmal ein Kind war, und das trotz der Jahre, die es schon auf dem Buckel hat, keineswegs als heute untaugliches Ostprodukt abgestempelt werden muss.

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