Donnerstag, 31. Mai 2012

... über "Gefährliches Spiel" von Lisa Marie Rice

Lektüre ab 18!
Lisa Marie Rice

Erotische Aneinanderreihung, die Thrill und Romantik weitestgehend erstickt


Zum Inhalt: 

Eine Undercover-Mission führt Special Agent Nick Ireland in einem eiskalten November nach Parker's Ridge, Vermont. Sein Ziel ist Wassily Worontzoff, der ehemalige Insasse eines sowjetischen Gulags, der sich hinter der Fassade eines angesehenen Schriftsteller versteckt, in Wirklichkeit aber die Fäden einer internationalen Verbrecherorganisation in seinen Händen hält. Im beschaulichen Parker's Ridge fällt er nicht auf, und dass er mit der örtlichen Bibliothekarin Charity Prewitt befreundet ist, dürfte ebenfalls eher zu seinen Gunsten ausfallen. Charity hätte sich eigentlich ein anderes Leben gewünscht, aber nach dem College kehrte sie aus Verantwortungsbewusstsein in die Kleinstadt zurück, um sich um ihren Onkel Franklin und ihre demente Tante Vera zu kümmern. Sie führt ein unspektakuläres Leben, in dem nur die Freundschaft zu dem Schriftsteller eine Abwechslung darstellt. Allerdings hat sie keine Ahnung, dass sie Wassilys Geliebten Katya, die im Gulag ermordert wurde, fast bis aufs Haar gleicht und er ganz eigene Pläne mit ihr hat. Ihre Verbindung mit Wassily kommt Nick gerade recht, sodass er sich als Geschäftsmann Nicholas Ames in Charitys Bibliothek einschleicht. Nur kurze Zeit später lässt sie ihn in ihr Haus und auch in ihr Herz. Und plötzlich ist der taffe Agent, den man nicht umsonst "Iceman" nennt, gar nicht mehr so eisig, sondern bereit, Charity um jeden Preis zu schützen, selbst wenn er sie dazu zu seiner Ehefrau und ... Witwe machen muss.

Meine Meinung: 
Gefährliches Spiel ist der zweite Band von Lisa Marie Rices Dangerous-Reihe, kann aber vollkommen unabhängig vom Auftaktband Gefährlicher Fremder gelesen werden. Handlungsort und Protagonisten sind unterschiedlich, und Gemeinsamkeiten liegen höchstens im militärischen Hintergrund der männlichen Helden.
Wie beim Vorgänger deutet die äußere Gestaltung wieder darauf hin, dass es zwischen den Buchdeckeln eher sinnlich als gefährlich zugehen dürfte, und dieser erste Eindruck ist gar nicht falsch. 
Hatte ich Gefährlicher Fremder trotz Schwächen noch als unterhaltsam empfunden, konnte Gefährliches Spiel mich nicht überzeugen. Von Anfang an hatte ich mit diesem Roman meine Schwierigkeiten und störte mich an vielem, obwohl ich normalerweise gut über Klischees oder Logikmacken hinwegsehen kann, sofern ich mich gut unterhalten fühle.
Auch hier folgt der Leser primär der männlichen Sichtweise, denn Hauptfigur ist nun mal Nick, während Charity meistenteils als sein schmückendes Beiwerk herüberkommt. Ihre Gefühle und Eindrücke standen zwar in wichtigen Momenten im Mittelpunkt und ermöglichten mir als LeserIN, mich in sie hineinzufühlen, aber insgesamt kam sie mir einfach zu kurz. Sie bleibt recht blass und ihre Tränen ebenso unglaubwürdig wie ihr plötzlicher Wagemut zum Ende des Romans. Das wäre zu verschmerzen gewesen, wenn mir Nick nicht dreihundert Seiten lang unsympathisch gewesen wäre. 
Das erste Bild, das der Leser von ihm gewinnt, ist das eines gefühlsneutralen Profis, der so auf seinen Auftrag fixiert ist, dass er dafür auch mit allem ins Bett steigen würde. Er hatte für mich so gar nichts von einem Anschmachthelden, auch wenn Lisa Marie Rice ihm Herkunft und Vergangenheit verpasste, die ihm durchaus Tortured-hero-Potenzial mitgeben. Natürlich sind ihre Charaktere wieder sehr attraktiv und ansprechend, aber mir war Nick viel zu lange buchstäblich triebgesteuert, als dass ich bereit gewesen wäre, wahre Gefühle zu erkennen und seine Handlungen, so gut sie auch gemeint waren, abzunicken. Während Nick von der ersten Minute an ernsthaft in Betracht zieht, Charity zu verführen, erinnert er sich seitenweise an einen vergangenen Auftrag, bei dem er zu harten Sexspielen quasi gezwungen war, die über seine eigene Schmerzgrenze hinausgingen. So gewinnt man den Eindruck, Charity käme gerade recht, um ihn von seiner Negativerfahrung zu kurieren. 
Von poliertem Business-Man-Image und durchtrainierter Erscheinung angezogen, schleppt Charity Nick, der sie wohlweislich zuvor ein paar Tage lang in ihrer Bibliothek umgarnt hat, gleich nach dem ersten "Date" ab. 
Wie in Gefährlicher Fremder folgt eine nicht enden wollende Liebesszene, die zwar das Herz des passionierten Erotiklesers höher schlagen lässt, aber den "gefährlichen" Handlungsstrang um den fiesen wie wahnsinnigen Worontzoff viel zu lange ausknipst. Auch hier dürfen die beiden Turteltäubchen ihre lange erotische Durststrecke ausgiebig wettmachen, leider aber ebenfalls mit hormonverschleiertem Blick. Denn wie in "Gefährlicher Fremder" winkt Charity in einer Situation den Safer-Sex-Bedarf mit dem Argument ab, es seien ohnehin nicht die empfängniskritischen Tage. Dass sie trotz aller stürmischen Anziehung Nick aber nicht kennt und auch ein Anzugträger nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten gefeit ist, scheint die Autorin völlig zu ignorieren. Sicherlich soll diese Art von Roman nicht belehren oder aufklären, aber trotzdem halte ich bei allem unterhaltsamem Hormonsamba etwas mehr Weitblick für zeitgemäß. Nach diesen beiden Bänden gebe ich beinahe die Hoffnung auf, dass eine von Lisa Marie Prices Protagonistinnen, die sich sehr bereitwillig verführen lassen, einmal geistesgegenwärtig einen Gespielen von der Bettkante stößt. Anderen Autorinnen gelingt das ja auch ... 
Zwischendrin lässt sie kurz Charitys Onkel und Tante in Erscheinung treten, mit dem ganz offensichtlichen Hintergrund, dass ein Alibi benötigt wird, um Charity dazu zu bringen, sich in Nick zu verlieben. So errettet er denn die verwirrte Tante Vera des nachts im Schneegestöber, und während er mantellos, die über Achtzigjährige schützend im Arm, durch die Schneewehen watet und sie sicher nach Hause bringt, fliegt Charitys Herz im vollends zu. Meins leider nicht, was wohl daran lag, dass ich relativ früh das Interesse an der Geschichte verlor. 
Nachdem gut zweihundert Seiten auf diese Weise verschwendet wurden, hatte ich, als der Bösewicht der Stunde endlich wieder ins Spiel kommt, schon beinahe vergessen, warum der nun eigentlich so gefährlich war. Dabei war er noch am Anfang recht ausgiebig vorgestellt worden. Und zwar mit so ziemlich allen russischen Klischees. 
Perfide Charaktere lassen sich sicherlich in allen Kulturkreisen finden, und nachdem die Literatur über lange Zeit in Thrillern etc. vom Kalten Krieg geprägt war, bin ich es viele Jahre nach der "Wende" ziemlich leid, dass die dunklen Seiten von Unrechtsstaaten derartig verwurstet werden. Dabei ist Wassily ein Charakter, der buchstäblich zum Hobbypsychologisieren einlädt und dessen Seele im Gulag gebrochen wurde, wie auch Charity folgerichtig erkennen muss. Leider ist er nicht halb so bösartig, wie ich es mir für den Thrillfaktor gewünscht hätte, sondern kommt trotz seiner Verbrechen, die ihm schlau und subtil mächtig viel Kohle in die Taschen spühlen, eher verbittert und geisteskrank herüber, womit man am Ende sogar beinahe Mitleid empfinden möchte. Schade nur, dass der Russe (und dann auch noch der typische arabische Terrorist) trotzdem schwarz bleibt und der Amerikaner wieder als der gute weiße Ritter den Sieg davonträgt. 
Weiterhin stört mich, wie häufig bei aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammenden Romanen, die Mischmaschtranskription der russischen Namen. Das ist zwar absolut subjektiv, da ich beruflich beinahe täglich mit Transliteration und Transkription zu tun habe, aber manchmal wünschte ich mir, man würde im Deutschen eine Transkription wählen, an die das deutsche Auge gewöhnt ist bzw. die man ordentlich nachsprechen kann, anstatt das Englische einfach zu übernehmen. Seit wann spricht man im Russischen Wodka "vuodkya" aus? 
Von dieser subjektiven Kleinigkeit einmal abgesehen, gelingt es Lisa Marie Rice in Gefährliches Spiel, das im Original passender Dangerous Secrets heißt, weil weniger Spielchen gespielt als vielmehr Geheimnisse verborgen werden, leider nicht, eine lesenswerte Atmosphäre zu entwickeln. Gerade mit der angenehmen, zum Teil romantischen Atmosphäre hatte sie in Gefährlicher Fremder viel Boden gutmachen und große Sympathie für die Protagonisten entwickeln können. In diesem zweiten Teil nun beschränkt sie sich weitestgehend auf Interaktion und Gedanken ihrer Protagonisten, die bedauerlicherweise sprachlich mitunter abrutschen. 
Versöhnt wird der Liebesromanfreund mit einem recht typischen und vorhersehbaren Happy End, das einen erleichtert das Buch zuklappen lässt. 
Alles in allem hoffe ich, dass Gefährliches Spiel nur ein Ausrutscher ist, wie es flott gestrickte zweite Bände manchmal leider sind, werde aber um Band 3, Gefährliche Wahrheit, noch eine Weile einen Bogen machen. 

Fazit: 
Romantic Thrill, der mit routiniert erzählter, recht expliziter Erotik überzeugt, aber vor Klischees strotzt und realistische Romantik und mitreißende Spannung absolut vermissen lässt. 

Gesamteindruck: 
leider nur 2 von 5 Weißdornzweigen
  



  • Broschiert: 376 Seiten
  • Verlag: Lyx; Auflage: 1 (7. Juli 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Birthe Lilienthal
  • ISBN-10: 3802584007
  • ISBN-13: 978-3802584008
  • Originaltitel: Dangerous Secrets
  • Größe und/oder Gewicht: 17,8 x 12,4 x 3,2 cm 
  • Neupreis: 9,99 €

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