Sonntag, 29. April 2012

... über "Die Eiserne See. Wilde Sehnsucht" von Meljean Brook

Meljean Brook

Ideenreich, steamy, abenteuerlich, erfreulich unschmachtig

Zum Inhalt:
Zweihundert Jahre litt England unter der Herrschaft der mongolischen Horde. Über Zucker und Tee wurden in den Organismus der Menschen winzigkleine, nicht einmal unter dem Mikroskop ausmachbare Apparate, sogenannte Bugs bzw. Naniten, eingeschleust, die der Horde halfen, die Bevölkerung zu kontrollieren. Ein netter kleiner Nebeneffekt besteht darin, dass sie die Selbstheilungskräfte fördern. Der Horde aber dienten sie, um die Gefühle der Menschen zu unterdrücken oder aber sie in wahren Orgien in Extase zu entrücken, um Nachwuchs für die Horde zu erzeugen. Ein Produkt einer solchen Orgie ist auch Inspektorin Mina Wentworth. Sie ist eine kluge junge Frau, Kriminaldetektivin und Gerichtsmedizinerin in einem, aber durch ihre halbmongolische Abstammung (ihre Mutter bei einer der Orgien vergewaltigt worden) muss sie sich jeden Tag aufs Neue beweisen und ist Spott und Hass der Mitmenschen ausgesetzt. Die Bezeichnung "Hure" muss sie sich tagtäglich nicht nur einmal anhören. Auch öffnen sich ihr bei der Arbeit nicht von selbst die Türen, weshalb Konstabler Newberry immer an ihrer Seite sein muss. Eines Tages wird sie von einer Veranstaltung fortgerufen, weil auf dem Anwesen des Herzogs von Anglesey eine Leiche gefunden. Der als "der Eiserne Herzog" bekannte Mann ist buchstäblich Englands Volksheld, denn der einstige Pirat, der bürgerlich Rhys Trahaearn  heißt, befreite das Land vor neun Jahren von der Herrschaft der Horde, indem er deren Turm, sozusagen die Funkzentrale, die die Signale an die Bugs sandte, zerstörte. Auf seinem Anwesen liegt nun die Leiche eines Mannes, der offenbar aus einem Luftschiff abgeworfen wurde und nicht nur einen künstlichen Arm, sondern auch ein künstlichen Gehirn vorzuweisen hat. Rhys zeigt sich von den polizeilichen Ermittlungen wenig begeistert und würde die Sache am liebsten in gewohnter Manier selbst in die Hand nehmen. So hat Mina recht schnell den Ex-Piraten, der überhaupt keinen Hehl daraus macht, wie sehr er sich von ihr angezogen fühlt, an der Backe. Bald schon sind beide einer Verschwörung auf der Spur, die weitaus dramatischer ist als der schnöde Mordfall, mit dem alles begann. Trahaearns ehemaliges Schiff, die Terror, wird vermisst, und zu allem Überfluss steht dort Minas Bruder im Dienst. Auf der Luftschifffahrt über den Kanal und das europäische Festland, auf der Suche nach der Terror, kann Mina Rhys nicht länger aus dem Weg gehen, aber nicht nur hat die Mission oberste Priorität, sondern Mina weiß auch, dass aufgrund ihrer mongolischen Abstammung die leidenschaftliche Luftschifffahrt bei ihrer Rückkehr nach England keine Zukunft haben kann ... 

Meine Meinung: 

Meljean Brooks Die Eiserne See. Wilde Sehnsucht ist eine Steampunk Romance, und man darf sich vom sehr grafischen Cover der deutschen Ausgabe nicht irreführen lassen. Der Romance-Factor bildet zwar den roten Faden, ist aber weniger ausgeprägt als in Werken anderer Autoren. Dennoch kann die abgebildete männliche Gestalt, die hier besser zum Originaltitel The Iron Duke (der Eiserne Herzog) als zum deutschen Titel passt, den einen oder anderen Leser irreführen. Der deutsche Untertitel "Wilde Sehnsucht" ist in der blauen Schrift auch nicht sofort zu erkennen, was ebenfalls ein wenig fehlleiten kann. Wirklich "sehnsüchtig" geht es in Brooks Roman allerdings nicht zu, wild - in vielerlei Hinsicht - hingegen schon. Ansonsten ist das aktuell beliebte Genre des Steampunks mit dem Uhrwerk im Hintergrund durchaus nicht schlecht eingefangen. 

Auch mir wurde Die Eiserne See: Wilde Sehnsucht als Leseexemplar zur Verfügung gestellt, allerdings hat man mir kein Glossar beigelegt, was dazu führte, dass ich diesen Auftaktband zu Meljean Brooks Eiserne-See-Reihe einen geschlagenen Monat lang anlas, wieder weg legte, von vorne begann ... bis ich dann irgendwann mitbekam, dass es auf der Verlagsseite ein Glossar in PDF-Format zum Download gibt. Es ist zwar nicht umfangreich, hilft aber, die vielen Termini, die die Autorin in ihrem fiktiven England mit viktorianischem Flair erfindet, zu verstehen. Ich hoffe, dass das Glossar in Folgeauflagen sowie in den weiteren Bänden der Reihe direkt enthalten sein wird, denn man kann trotz virtuellen Zeitalters nicht voraussetzen, dass sich jeder Leser hinsetzt und freiwillig das Internet durchforstet. 
In der Tat erschafft die Autorin eine komplexe Welt, in der vieles möglich ist. Sogenannte Schmiede sind in der Lage künstliche Gliedmaßen und Organe zu erschaffen, die von realen nicht zu unterscheiden sind und dank der Bugs nicht abgestoßen werden, sondern sogar noch besser funktionieren. So hat die Mutter der Protagonistin künstliche Augen, mit denen sie nicht nur gestochen scharf sieht, sondern auch Gefühlsregungen und Temperaturen wahrnehmen kann, quasi als menschlicher Lügendetektor einsetzbar wäre. Licht wird mit Gaslampen gespendet, man fährt mit Eisenbahnen und Dampfmaschinen, und an den Häfen liegen nicht nur echte Schiffe, die mit allerlei Maschinerie bestückt sind, sondern auch Luftschiffe vor Anker. 
Da Mina jeden Tag Anfeindungen die Stirn bieten muss, ist sie eine Frau mit erstaunlichem Willen. Sie verfügt über bewundernswerte Kraft und verkommt selbst in den (vor allem intimen) Augenblicken, in denen sie von Angst zerfressen ist, nicht zum jammernden Weibchen, das sich schutzsuchend an eine starke Männerbrust werfen muss. Als Inspektorin ist sie tough, schmerzlos und bereit, jeden, der es wert ist, das Leben zu retten. Während ihre Mutter, die absurderweise kleine Apparate herstellt, die dem Intimleben der Frau sehr dienlich sind, aber vehement für die Heimholung der Frau in Ehehafen und Küche plädiert, tritt Mina für die freie Entscheidung ein. Es ist nicht ihr vornehmliches Ziel, zu heiraten und Kinder zu haben, sondern sie plädiert dafür, dass Frauen, jetzt, da der Willen der Menschen endlich nicht mehr fremdgesteuert ist, frei entscheiden sollen, ob sie einem Beruf nachgehen, heiraten oder gar eine Ehe verlassen wollen. Sie weiß sehr wohl, was sie will, und was sie insbesondere nicht will, ist, von seiner Hoheit, dem Eisernen Herzog, überrumpelt zu werden. 
Rhys Trahaearn ist zum einen ein körperliches Phänomen, denn er kam mit eisernen Knochen auf die Welt und ist ebenfalls Träger von Naniten, die bei ihm aber anders wirken. Zum anderen ist er ein ganz typischer Pirat und gewöhnt, sich zu nehmen, was er will. Das Rumsitzen im aus Dankbarkeit verliehenen Adelsstand schmeichelt zwar, ist aber auch ziemlich langweilig, weshalb der Mordfall und die anschließende Reise auf der Suche nach seinem ehemaligen Schiff eine sehr willkommene Abwechslung sind. Auch Mina will er sich nehmen, beißt aber über drei Viertel des Buches auf Granit, und es dauert eine ganze Weile, bis er merkt, dass er sie nicht will, weil er sie schlichtweg haben muss, sondern dass er sie um ihrer selbst willen will. 
Im Gegensatz zu anderen Romanzen stellt Meljean Brook die Annäherung zwischen Mina und Rhys zunächst nicht in den Vordergrund. Ihr Zusammensein fügt sich über den Kriminalfall und die damit verbundenen Ermittlungen zunächst in eine Reihe von Abenteuern ein, beispielsweise bei einer Begegnung mit Zombies (wenngleich ich Zombies trotz ihrer einleuchtenden Existenz in einer Steampunk-Romanze ziemlich deplatziert finde). Die Autorin stellt an verschiedensten Schauplätzen bei verschiedenen Anlässen zahlreiche Nebenfiguren vor. Mit von der Partie sind Frauencharaktere, die den Männern in nichts nachstehen. Allerdings wird damit die Lektüre nicht gerade einfacher. Nicht nur Begriffe, die man nur als Segel- bzw. Bootskundiger gleich beim ersten Lesen versteht, sondern auch die Handlungsstränge machen Die Eiserne See: Wilde Sehnsucht komplex, sodass man sich nicht scheuen sollte, zurückzublättern und Passagen ein zweites Mal zu lesen.
Romance-Freunde, die gern erotische Begegnungen lesen, kommen erst im letzten Teil des Buches auf Kosten. Meljean Brook nimmt bei Intimitäten kein Blatt vor den Mund, wobei ihre Szenen zwar heiß sind, "steamy" allerdings eher die spannende, dynamische Gesamthandlung beschreibt. Leider gibt es eine Szene, bei der nicht auszuschließen ist, dass sie für einige Leserinnen das gesamte Buch zunichte macht. Darstellungen sexueller Handlungen, zu denen einer der Beteiligten nicht einwilligt, bzw. die trotz ausdrücklicher Weigerung einseitig fortgesetzt werden, sind immer kontrovers, und ich habe auf diese Passage sehr empfindlich reagiert, halte sie sogar nicht einmal für plotnotwendig. Das hätte anders gelöst werden können. Zugute halten kann man der Autorin allerdings, dass sie Rhys nicht nur umgehend mit einer Opiumspritze ausknockt, sondern ihm auch ordentlich ins Gewissen redet und er nicht nur vorgibt, seine Fehlverhalten zu verstehen. Zudem hat mich die Wortwahl im Deutschen gestört, wann immer es um den zuvor stattgefunden bzw. beabsichtigten Liebesakt ging. Dass Rhys in seiner rauhen Art keine Wattebällchen-Wortwahl an den Tag legt, ist zwar klar, aber angesichts des viktorianischen Settings erschien mir die erotische Sprache etwas zu modern.
Auch wenn es zwischenzeitlich so aussieht, als könnte die Paarung Rhys/Mina zwar Leidenschaft, aber keine Liebesbasis finden, erhört die Autorin glücklicherweise den Wunsch des Romance-Lesers.
Insgesamt betrachtet hat Meljean Brook mit Die Eiserne See: Wilde Sehnsucht einen ideenreichen, aber leider leicht überfrachteten Reihenauftakt vorgelegt, der zeigt, dass Steampunk Romance spannend und anregend sein kann, ohne in schmachtenden Kitsch abzugleiten. Die Fortsetzung Die Eiserne See. Flammendes Herz, die für Mai 2012 angekündigt ist, werde ich gern lesen.


Fazit:
Bunt technologisierter, recht umfangreicher und komplexer Reihenauftakt mit Liebesgeschichte um Charaktere, die einander gewachsen sind, gepaart mit bildhaften Abenteuern und einer Prise unverblümter Erotik. Für LeserInnen, die um schmalzige Romantik einen Bogen machen und eher Spaß an Leseexperimenten haben. 



Gesamteindruck
4 von 5 Weißdornzweigen








  • Broschiert: 480 Seiten
  • Verlag: Lyx; Auflage: 1 (4. November 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Beate Bauer
  • ISBN-10: 3802586069
  • ISBN-13: 978-3802586064
  • Originaltitel: The Iron Duke
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 12,6 x 4,2 cm 
  • Neupreis: 9,99 €

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