Donnerstag, 26. April 2012

... über "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" von Ali Shaw

Ali Shaw

Atmosphärisch, beklemmend-ehrlich und unendlich tragisch

Zum Inhalt:
Midas Crook ist ein verschlossener junger Mann, der seinen Lebensunterhalt im Blumenladen seines Freundes verdient. Einzelgängerisch und dauernd auf der Flucht vor der Welt und sich selbst durchstreift er seinen verschlafenen Landstrich, den er noch nie verlassen hat, und widmet sich seiner einzigen Liebe, der Fotografie. Durch die Linse hält er den Zauber des Lichtes fest. Auf einem seiner Streifzüge begegnet er der jungen Ida Maclaird, deren trauriger Ausdruck ihn fasziniert und in ihm ein ganz leises Gefühl weckt, das ihn eher erschreckt. Ihre Füße stecken in klobigen Stiefeln, und nach einem kurzen Geplänkel stakst sie von dannen. Es dauert nicht lange, bis Midas erfährt, weshalb Ida nach einem Besuch im vergangenen Sommer erneut nach St. Hauda's Land zurückgekehrt ist. Sie hat das Gefühl, ihr Geheimnis ist bei Midas gut aufgehoben und sie kann ihm vertrauen. Seit dem letzten Sommer geschieht mit Ida etwas Unerklärliches: Ihre Füße verwandeln sich immer mehr zu Glas. Von milchigem Weiß, bis sie schließlich durchsichtig werden. Idas Hoffnung liegt in einem Mann namens Henry Fuwa, dem sie damals schon begegnet war und der merkwürdige Ochsenmotten (geflügelte Rinder) züchtet. Nur ist dieser nicht so einfach aufzufinden. Obwohl Ida trotz ihrer körperlich bedingten Langsamkeit buchstäblich wie ein Wirbelsturm in Midas' eigenbrötlerisches Dasein hineinpoltert, ist er bereit, ihr zu helfen. Er begibt sich auf die Suche und macht den verschrobenen Japaner in dessen verstecktem Haus im Moor ausfindig. Die Nachricht des unglücklichen Insektenforschers, der vor langer Zeit einmal Midas' Mutter liebte, ist ernüchternd. Fuwa kann weder Hoffnung machen noch weiterhelfen. Sein Moor birgt den traurigen Beweis, dass Ida längst kein Einzelfall ist. Während Midas und Ida dennoch weiter nach einer Möglichkeit suchen, das Glas aufzuhalten, scheint aber der seltsame Archipel, dessen Gewässer vom Leuchten toter Quallen zauberhaft erhellt wird, Idas Krankheit nur noch zu beschleunigen. Die Zeit bis zum nächsten Winter rast nur so dahin und ist eigentlich viel zu kurz, um die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und die Liebe zuzulassen. 

Meine Meinung: 

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass einige Leser angesichts des U4-Textes und der Kurzbeschreibung mit anderen Erwartungen an die Lektüre herangehen. Natürlich ist Ida mit ihren gläsernen Füßen nicht nur titelgebend, sondern auch Hauptcharakter, aber "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" handelt im Wesentlichen von Midas, setzt sich mit seiner Gefühlswelt und seiner Vergangenheit auseinander, sodass im Rahmen der Perspektivenwechsel, in denen der auktoriale Erzähler Ida folgt, weniger Raum für Ida bleibt. Es geht in erster Linie um einen jungen Mann Anfang Zwanzig, der seit dem Selbstmord seines gleichnamigen Vaters einen Stempel weghat und sich dank der Begegnung mit Ida und den Gefühlen für diese tragische Figur ändert, um letztendlich aus seinen Verhaltensmustern auszubrechen und über seinen Schatten zu springen. 

Der 1982 geborene britische Autor Ali Shaw präsentiert in "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" quasi durchweg tragische Charaktere, die den Leser nach einem Fünkchen Glück lechzen lassen. So wundervoll sein Schauplatz St. Hauda's Land auch ist, mit all den zauberhaften, bildlichen Landschaftsbeschreibungen, so unglücklich sind seine Bewohner. Niemand scheint sein Leben mit der Person zu verbringen, die er wirklich liebt. Da sind Krankheit und Einsamkeit. Kleine Mädchen müssen ohne Mutter aufwachsen. Das Leben auf St. Hauda's Land ist vergleichsweise ereignislos, und doch zieht es die wenigsten weg von dort. So entsteht eine bedrückende Grundatmosphäre, die nicht jedem Leser liegen wird. 
Vor dieser bedrückenden Atmosphäre sind auch Midas und Ida lange Zeit keine Lichtpunkte, und so dauert es auch ca. einhundertfünfzig Seiten, bis, zwar nichts Einschneidendes passiert, aber man zum ersten Mal erschrocken den Atem anhält. Von da an liest sich der Rest der 398 am Schnitt so hübsch silbrig verzierten Seiten in einem Rutsch weg. 
Obwohl das Übersetzerinnenteam Sandra Knuffinke und Jessika Komina Ali Shaws detailreichen, zum Teil poetischen Erzählstil, der vor allem im deskriptiven Part und weniger in Dialogen glänzt, sehr liebevoll in Deutsche transportieren, ist es mir schwergefallen, eine Beziehung zu den Charakteren aufzubauen. Und das, obwohl ich schwierige Charaktere liebe. Vermutlich sorgte aber die einengende, beängstigende Grundstimmung dafür, dass ich mich innerlich weigerte, den Personen näherzukommen, aus Furcht, ich könnte sie nur fünf Seiten später für immer verlieren. 
Hauptcharakter Midas ist meines Erachtens recht realistisch dargestellt. Er ist ein junger Mann, dessen Vater vermeintlich aus heiterem Himmel Selbstmord beging und dessen Mutter wegen unglücklicher Liebe stets von einer erdrückend unglücklichen Aura umgeben war, sodass dem Heranwachsen eines lebensfrohen, glücklich-fröhlichen Mannes quasi der Wind aus den Segeln genommen wurde. In Rückblenden, die zwischen die aktuellen Geschehnisse geschoben werden und, nicht nur aufgrund der Namensgleichheit von Vater und Sohn, nicht immer einfach zu lesen sind, tritt Midas' psychisches Gepäck zutage. Im Grunde scheint Ida, die immer ein bisschen zu viel plappert und trotz der Schmerzen, die sie aufgrund ihrer körperlichen Veränderung unweigerlich erleidet, nicht ins Jammern verfällt, sein seelisch angemessener, aber erzählerisch wenig gläserner, sondern eher blasser Konterpart zu sein. Während Midas ihr nicht gleich reinen Wein einschenkt, was er bei dem schrulligen Fuwa gesehen und erfahren hat, ist sie geradeheraus ehrlich. Zum Teil analysiert sie Midas, dann wieder redet sie ihm vor die Zähne. Sie will ohne Umschweife wissen, woran sie bei ihm ist. Sie kann es sich nicht leisten, zuzulassen, dass Midas seinem Verhaltensmuster folgt, Schwierigkeiten aus dem Weg geht oder vor ihnen davonläuft. Sie zeigt ihm, dass er über Jahre hinweg durch eine Linse gesehen hat, wie durch einen Schutz, um nichts berühren zu müssen und Berührung von sich fern zu halten. Und je mehr Schritte Midas nach vorn tut, nicht nur auf Ida zu, sondern auch aus sich heraus, umso mehr wird ihr Körper zu Glas. 
Nebenfiguren übernehmen helfende und ermittlerische Aufgaben, helfen dem auktorialen Erzähler, den Leser Dinge sehen zu lassen, die den beiden Hauptcharakteren unbekannt waren. Auch diese Nebenfiguren erhalten ihre Rückblenden, woraus sich zwar eine hohe Informationsdichte, aber auch einige Längen ergeben. Insbesondere das erste Drittel des Buches erfordert nicht nur Geduld, sondern auch Konzentration. Lange Sätze, zum Teil mit Klammereinschüben, sind nicht selten. Manchmal fragt man sich, ob bestimmte Informationen oder Elemente, wie diese dubiosen Ochsenmotten (die - Achtung, Klammereinschub - mir so gar nicht ans Herz wachsen wollten), überhaupt erforderlich sind. Überraschenderweise bleibt das, was der Leser erfährt, manchmal Geheimnis dieser Nebenfiguren (und des Lesers), sodass sich hin und wieder die Was-wäre-wenn-Frage stellt. Was wäre, wenn Midas wüsste ... 
Ali Shaw aber befriedigt den Drang, seinen Protagonisten alles zu erklären, nicht. Genausowenig gibt er sich einem romantischen Trend hin, sondern nimmt sich die Freiheit, seine tragische Geschichte konsequent ehrlich auszuleben, und wagt es, den Leser zwiegespalten mit einem Funken Glauben daran, dass das Leben immer weitergeht, aber auch mit gebrochenem Herzen zurückzulassen. 

Fazit: 
Ruhige, atmosphärisch-poetisch erzählte Geschichte voller Bilder über das Leben, Verluste und die Liebe, die immer wieder gegen die beklemmende Grundstimmung des Romans ankämpfen müssen. Eine Geschichte, die trotz aller Tragik auf erfrischende Weise gegen den allgegenwärtigen Romanzenstrom schwimmt und sich in keine Schublade pressen lässt.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen
 




  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten (mit Schutzumschlag und Leseband)
  • Verlag: Script5 (9. Januar 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina
  • ISBN-10: 3839001315
  • ISBN-13: 978-3839001318
  • Größe und/oder Gewicht: 22 x 15,6 x 4 cm
  • Neupreis: 19,95 €

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