Freitag, 27. April 2012

... über "Dark Queen: Schwarze Seele, schneeweißes Herz" von Kimberly Derting

Kimberly Derting

Nette, verhalten dystopische Lektüre für zwischendurch

Zum Inhalt:
Vor langer Zeit bekriegten sich die herrschenden Klassen Ludanias, bis es schließlich einer gelang, das Reich zu unterjochen. So wurde die Bevölkerung in Klassen aufgeteilt, die unter sich bleiben sollen. Jeder bleibt in der Klasse, in die er hineingeboren wurde. Keiner kann frei wählen, was oder wer er sein möchte. Auffälliges, Abweichendes ist unerwünscht und muss gemeldet werden. Die Todesstrafe droht jedem, der nicht passt. Jeder ist registriert und muss ständig einen Pass bei sich tragen, der überall in Stadt und Land eingelesen wird, sodass die am Ende ihres Lebens stehende, aber nicht minder grausame Königin Sabara immer weiß, wer sich wann wo aufhält. Jede Klasse hat genau definierte Aufgabenbereiche und auch eine eigene Sprache. Die Sprachen der jeweils anderen Klassen dürfen weder gesprochen noch verstanden werden. Zur allgemeinen Verständigung wurde die Universalsprache Englaise eingeführt. Die 17-jährige Charlaina Hart, genannt Charlie, wurde in die Kaufmannsklasse hineingeboren, ist aber anders. Obwohl sie nur Parshon, ihre Klassensprache, und Englaise verstehen dürfte, verfügt sie über die Begabung, alle Sprachen zu entschlüsseln, und zwar nicht nur in Sprache und Schrift, sondern auch visuell und taktil. Seit frühester Kindheit haben ihr ihre Eltern eingeschärft, ihr besonderes Talent nie zu zeigen, denn dies würde ihre Tod bedeuten. Charlie ist allerdings auch ein Mensch mit gesundem Gerechtigkeitssinn, sodass sie sich durchaus in heikle Situationen bringt. Als Angehörige der kaufmännischen Klasse hat Charlaina gesellschaftlich eine vergleichsweise gute Stellung, beispielsweise darf sie die Schule besuchen. Das Thema Schule bereitet der Familie in Bezug auf Charlies Schwester, das vierjährige Nesthäkchen Angelina, Sorgen, denn die Kleine spricht kein Wort. Vom im Land herrschenden Kontrollzwang und den Rebellenaufständen, die das Reich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen erschüttern, einmal abgesehen, führen Charlie und ihre Freunde Brooklyn und Aron ein recht normales Teenagerleben. Dazu gehört auch, dass man abends in Clubs geht, die eigentlich verboten sind und nie länger als eine Woche existieren, sich dabei älter macht, als man ist, um Einlass gewährt und an der Bar auch einen alkoholischen Drink zu bekommen. Eines Tages lernt sie bei einem solchen Ausflug in diese Welt außerhalb des Alltäglichen, einer Welt der Gesuchten und Ausgestoßenen, den Jungen Max kennen, bei dem es ihr schwer fällt, ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Sie kann ihn keiner Herkunft zuordnen und schon gar nicht nachvollziehen, was er nur an ihr findet und ausgerechnet ihr schwört, sie zu beschützen. Bald schon bricht ein neuer Aufstand aus, bei dem Charlie mit ihrer Schwester Angelina fliehen muss und der alles, was sie bisher über sich und ihre Familie zu wissen geglaubt hat, auf den Kopf stellt ...


Meine Meinung
:
Schon seit Logan's Run bin ich kein Fan dystopischer Geschichten und ich stehe dem aktuellen Boom recht skeptisch gegenüber, weshalb ich bisher einen Bogen vor allem um die besonders gehypten Werke mache. Dark Queen reizte mich aufgrund des Sprachenthemas. Schlussendlich verlockte mich dann doch das Cover, das zwar wieder einmal von einem skeptisch in die Ferne blickenden Mädchengesicht geziert wird und im ersten Moment eher zum Titel als zum Inhalt zu passen scheint. Denn Dark Queen ist trotz des dystopischen Settings in einer unterjochten Welt und Szenen in Clubs bzw. einer unterirdischen Stadt visuell nicht so dunkel gezeichnet, wie man es erwarten würde. Erst auf den letzten Seiten des Romans entsteht sehr wohl eine Verbindung zu dem dunklen Hintergrund und der hell herausschimmernden Mädchenhaut.
Dark Queen ist außerdem mein erstes Buch von Kimberly Derting, sodass ich keinen Vergleich zu ihren anderen Werken habe. 
Die Idee, die Gesellschaftsschichten eines Reiches über ein Sprachverbot in Schach zu halten, ist nicht uninteressant, hat aber - Gott lob - in der realen Vergangenheit schon nicht funktioniert. 
Über Jahrhunderte hinweg, in denen es den Menschen in Ludania verboten ist, außerhalb des Geschäftsverkehrs Umgang miteinander zu pflegen, ist die Fähigkeit, den anderen zu verstehen, schlichtweg ausgestorben. Im öffentlichen Kontakt muss die Universalsprache angewendet werden. 
Dass man rebellische Verbrüderungen so nicht verhindern kann, dürfte klar sein. 
Und genau da hakt auch Kimberly Dertings Idee. Sie selbst lässt Charaktere sich bewusst für die Universalsprache entscheiden, um sich von ihrer Klasse zu distanzieren, und im Grunde wäre Charlies besondere Fähigkeit uninteressant und nicht zwingend notwendig, würde sie ihr nicht auch erlauben, nicht nur das zu verstehen, das nicht für jedermans Ohren bestimmt ist, sondern auch beispielsweise die wahre Botschaft von Bildern oder Mustern zu entschlüsseln. Ich fühlte mich von dieser Fähigkeit eine Weile an der Nase herumgeführt, weil ich mir etwas erhoffte, das über eine Vermittlerrolle hinausging, sodass ich letztendlich enttäuscht war, dass sich diese Gabe als besonderes Herkunftsmitbringsel und Identifikationsmerkmal erwies. 
Obwohl die Autorin ihre Geschichte in einer durchaus technologisierten Welt mit digitalen Grenzkontrollen und Co. ansiedelt, hatte ich beim Lesen immer eine Art Schwarzmarktsetting von Fantasy-/Paranormal-TV-Serien vor Augen. Einfache, praktische Kleidung, auf der man Schmutz nicht gleich sieht, verlassene U-Bahn-Schächte, die Straßen voller Menschen, die von außerhalb kommen, weil sie sich in der Stadt Nahrung, Wasser und Medikamente erhoffen. Das störte aber nicht weiter, weil die Autorin ohnehin auf eine zu detaillierte Umgebungsbeschreibungen verzichtet. 
Hauptcharakter Charlie wird als sympathischer Mensch dargestellt, dem viel an seinen Mitmenschen gelegen ist. So sorgt sie sich anfänglich sehr um ihre Freundin Brooklyn, die Halbwaise ist und, wenn vor ihrem 18. Geburtstag ihrem Vater noch etwas geschehen würde, automatisch in die Klasse der Dienstboten herabgestuft werden würde. Auch Aron, der ihr ab und an etwas aus dem Laden seines Vaters zusteckt, ist ihr wichtig. 
Die engste Beziehung aber hat sie zweifellos zu ihrer kleinen Schwester Angelina, die sie umsorgt und beschützt. Weil das Mädchen noch nie ein Wort gesprochen hat, sind ihre Unterhaltungen stumm, geprägt von Mimik und Gestik. Diese Beziehung dominiert den gesamten Roman und ist meines Erachtens sogar intensiver dargestellt als die unvermeidliche Romanze. 
Max, der auf so geheimnisvolle Weise in Charlies Leben tritt und eine Sprache spricht, die sie zwar versteht, aber nicht zuordnen kann, will mir als Love Interest nicht so recht einleuchten. Für meine Begriffe ist er kein Schmachtcharakter, dem die junge Leserin im Zielgruppenalter von 12 bis 15 Jahren hinterhersabbern müsste, sondern er wirkt oft zu verschlossen und nicht ehrlich genug, als dass man es ihm abnehmen möchte, dass ihm Charlies Schutz am Herzen liegt. Nach 362 Seiten habe ich noch immer kein Bild von ihm vor Augen. Fast möchte ich mutmaßen, dass hier wieder einmal die typische Vorherbestimmung und etwas königlich vererbte Magie im Spiel waren. Dass die Annäherungsszenen zwischen den beiden Charakteren angenehm und mit unverkennbarem Prickeln beschrieben sind, lässt sich allerdings nicht bestreiten.
Während der Grundhandlungsstrang um Charlaina sehr schnell vorhersehbar wird, gibt es eher im Bereich der Nebenfiguren kleinere Überraschungen, die dafür sorgen, dass die Lektüre unterhaltsam bleibt. 
Wie im Jugendbuch nicht unüblich bedient sich die Autorin der Ich-Perspektive, um Charlies Erlebnisse und Empfindungen zu schildern. Unterbrochen wird Charlies Erzählung jedoch immer wieder durch Passagen in auktorialer Erzählweise, die Max, dem Rebellen Xander bzw. Königin Sabara über die Schulter schauen. Dass diese jedoch jeweils mit der Überschrift "Max", "Xander", "Die Königin" eingeleitet wurden, hat mich doch ziemlich gestört, und ich bin überzeugt, dass dies auch anders hätte gelöst werden können, denn prinzipiell war ich von diesem Perspektivwechsel recht angetan, weil er half, aus der eindimensionalen Ich-Sicht auszubrechen und zu zeigen, was Charlie nicht sehen oder miterleben konnte. 
Dem anvisierten Lesealter angemessen, zeichnet sich Dark Queen durch einen wenig anspruchsvollen Stil aus, der auf ausschweifende Beschreibungen verzichtet und eher handlungsorientiert ist. Lediglich am Anfang sind gewisse Längen festzustellen, weil die Autorin ihre Protagonistin schon fast alles Wichtige über sich erzählen lässt. 
Die letzten Seiten bieten ausreichend Spannung und Geheimnisvolles, um die Fortsetzung schmackhaft zu machen, auf die wir aber bis 2013 warten müssen.

Fazit: 
Kurzweilig zu lesende Geschichte mit interessanter Grundidee und vereinzelten magischen Elementen, die sich etwas gezwungen eines aktuell im Trend liegenden dystopischen Themas bedient, aber mit ihrer aufkeimenden Romanze jugendlichen Leserinnen durchaus gefallen dürfte.  

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen 




  • Gebundene Ausgabe: 362 Seiten (mit Schutzumschlag, kein Leseband)
  • Verlag: Ink; Auflage: 1 (8. März 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Tanja Ohlsen
  • ISBN-10: 3863960173
  • ISBN-13: 978-3863960179
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
  • Originaltitel: The Pledge
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 15,6 x 3,4 cm 
  • Neupreis: 17,99 €

Kommentare:

dreamer hat gesagt…

ich bin auf jeden fall deiner meinung :) schöne rezi ...ich bin ja schon gespannt wie die fortsetzung sein wird ;)

LG july

Sinje hat gesagt…

Liebe July,
danke fürs Vorbeischauen :)
So langsam nimmt meine Reihenfortsetzungsliste überhand. Händeringend warte ich nun nicht gerade, aber interessiert bin ich durchaus.
LG
Sinje

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